Kurz nachdem Ines Marquet die Event-Location White Space Hamburg gründete, kam Corona und Veranstaltungen wurden abgesagt. Nun arbeitet sie im Impfzentrum Hamburg und findet hier in unsteten Zeiten den nötigen Halt.

Titelbild: Anna Nguyen

Es ist für einen schönen Frühlingstag verhältnismäßig ruhig in der Karolinenstraße. Normalerweise schlendern hier zahlreiche Passant:innen an den kleinen Geschäften vorbei, aber die Stadt scheint noch im Winterschlaf zu sein. Die letzten Monate der Corona-Pandemie waren lang und hart. Geht man ein paar Schritte weiter, ändert sich das Bild. Hier liegt der Mitarbeiter:inneneingang des Impfzentrums Hamburg. Menschen, die grüne FFP2-Masken und weiße Kapuzenjacken tragen, laufen zielgerichtet in das gläserne Gebäude der Hamburger Messehallen, um ihre Schicht zu beginnen – oder sie treten hinaus in den Feierabend. So auch die 33-jährige Ines Marquet.

„Ich hatte noch nie einen cooleren Job“, sagt Ines, als sie wenig später zu Hause auf ihrem Sofa sitzt. Es klingt ein bisschen wie ein Geständnis. Wie viele von ihren rund 3.800 Kolleg:innen ist sie über Umwege an ihre neue Tätigkeit gekommen. Man könnte sogar sagen, durch unglückliche Umstände. Vor zwei Jahren eröffnete sie das White Space Hamburg, eine Mietlocation in der Bernstorffstraße, die für Pop-Up-Stores, PR-Events, Workshops und private Anlässe genutzt werden konnte. In dem ehemaligen Fahrradladen wollte sie einen Ort erschaffen, der Leute mit denselben Interessen zusammenbringt. Vor allem kleine Labels und Künstler:innen sollten die Chance bekommen ihre Produkte und Werke auszustellen. Ines wollte sich darum kümmern, dass es ihren Gästen gut geht. Vom Coronavirus sprach damals noch niemand.

„Eine Sache, die in Hamburg fehlte“

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von white space (@whitespacehamburg)

Das erste Jahr lief gut: Der Terminkalender sei voll und die Resonanz durchweg positiv gewesen. Auch wenn die Location noch kein Geld abwarf, stellte sie ihren Raum auch für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung. Die Redaktion eines Flüchtlingsmagazins bekam etwa die Schlüssel, um dort zu arbeiten. Als das White Space dann seinen ersten Geburtstag feiern sollte, kam der erste Corona-Lockdown.

„Ich hatte gerade erst meinen Job in der Gastronomie gekündigt, der im ersten Jahr der Selbstständigkeit meine Fixkosten gedeckt hat“, so Ines. Im Lockdown musste sie alle Buchungen für ihren Veranstaltungsraum absagen oder auf ungewisse Zeit verschieben. Die ersten Monate konnte sie sich durch Coronahilfen und Aufträge als Fotografin über Wasser halten. Ihre Eventlocation vermietete sie an ein Start-up unter, schließlich mussten der Gründungskredit und die monatlichen Fixkosten weiterhin abbezahlt werden.

Ines Marquet fotografiert frontal Richtung Kamera.
Ines beim Fotografieren | Foto: Anna Nguyen

Spricht Ines Marquet von dieser Zeit, klingt ihre Stimme tiefer als gewöhnlich. Man könnte sagen, dass sie in dieser Zeit auf Autopilot umschaltete. Sie sprintete von einem Job zum anderen, hatte kaum freie Tage und ihre Unsicherheit wuchs parallel mit den Corona-Infektionszahlen.

Im Dezember wurde ihr schließlich ein Stellenangebot weitergeleitet, in dem es heißt: „Wir suchen Unterstützung“. Der Arbeitgeber: das Impfzentrum Hamburg. Sie bewarb sich ohne zu zögern. „Endlich kann ich etwas machen, was das Ganze vorantreibt und einen Sinn hat“, dachte sie. „Ich wollte dazu beitragen, dass die Pandemie aufhört“, so Marquet. Als sie eine Zusage erhielt, ging es ihr sofort besser. Sie lächelt bei dem Gedanken daran.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Hoffnung in der Krise

Das Impfzentrum Hamburg wird von drei Arbeitgebern betrieben: die Agentur Online Marketing Rockstars (OMR), die das Organisationsteam stellt, die Sozialbehörde und die Kassenärztliche Vereinigung. Ines arbeitet im Venue Management, das als Schnittstelle zwischen den drei Arbeitgebern dient. Zu Beginn bestand ihre Aufgabe darin, Menschen der Prioritätsgruppe Eins, vor allem älteren Personen, gut zuzureden und Ängste zu nehmen. Aktuell koordniert sie organisatorische Fragen aller Art. Zum Beispiel wohin ein:e Besucher:in des Impfzentrums muss, wenn er:sie wichtige Unterlagen zur Impfung vergessen hat.

Ines richtet sich vom Sofa auf, schenkt sich ein Glas Wasser ein, nimmt einen Schluck und erzählt, wie viel Hoffnung ihr die Arbeit gibt. Weil innerhalb des Teams eine riesige Solidarität herrsche. Viele ihrer Kolleg:innen sind auch aus der Kulturbranche und haben vor Corona beispielsweise als Schauspieler:innen, Eventmanager:innen oder Musicaldarsteller:innen gearbeitet. Sie alle teilen dasselbe Schicksal und für alle ist es gerade eine Chance, Kosten zu decken und etwas Gutes zu tun. Natürlich gibt es auch negative Erlebnisse. Aber gerade in diesen Situationen, wenn zum Beispiel eine Person doch keine Impfung bekommt, weil sie noch nicht impfberechtigt ist, versucht Ines die Leute abzuholen, indem sie ihnen zuhört und ihnen das Gefühl gibt, gehört zu werden.

Ich kann zwar nichts tun. Ich kann die Impfordnung nicht ändern, aber ich kann ihnen das Gefühl geben, dass sie Recht haben. Dass die Situation gerade scheiße ist und bestätigen, dass wir alle müde sind.

Wenn das Impfzentrum geschlossen wird, wird auch das White Space geschlossen sein. Ines hat beschlossen, dieses Kapitel ihres Lebens zu schließen. Zu groß ist die Unsicherheit in Gegenwart und Zukunft. Was jedoch sicher ist: Sie möchte weiterhin mit Menschen arbeiten und ihnen helfen.

Vorheriger ArtikelLena im Kampf gegen sexuelle Belästigung
Nächster ArtikelBloggen und Beten – ein Pastor denkt um
Keramik, Textilien bemalen, Blumen trocknen oder Kerzen drehen: Irgendetwas Schöpferisches muss Anna Nguyen, Jahrgang 1993, immer zu tun haben. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr lebte sie in Köthen, Sachsen-Anhalt, die ersten fünf Jahre in einem Asylbewerberheim. Mit ihren Eltern verkaufte sie auf der Straße Blumen und Zigaretten. Als Teenagerin lebte sie im Allgäu, kann aber trotzdem nicht Skifahren. Sie studierte in Würzburg und Neu-Ulm, machte einen Bachelor in Informationsmanagement und Unternehmenskommunikation. Nach einem Praxissemester bei einem hiesigen Social-Media-Startup wollte sie dauerhaft nach Hamburg. Bei „Mit Vergnügen“ arbeitete sie als Redakteurin – zwischenzeitlich schrieb sie auch eine Kolumne über die Unterschiede zwischen Süd- und Norddeutschland. Besonders viel Ärger gab es, wenn es darin um Aldi Nord und Aldi Süd ging.