WOHIN MIT DEM MÜLL?

Luise Reichenbach & Carlotta Schaffner

31. Januar 2020

Die Menge an Verpackungsmüll der Hamburger*innen nimmt nicht ab. Ist es wirklich so schwer, weniger wegzuschmeißen? Warum sind kompostierbare Bio-Plastiktüten ziemlicher Quatsch und was passiert mit dem Müll, der täglich in den Tonnen landet? Die FINK.HAMBURG Redakteurinnen Carlotta und Luise haben eine Woche lang ihren Müll gesammelt und untersucht, wie nachhaltig sie und die Stadt mit ihrem Müll umgehen.


Der Kassenbon im Supermarkt, das Wattestäbchen im Badezimmer und die Alufolie um den Döner am Abend: Müll sammelt sich schneller an, als man denkt. 2018 fielen in Hamburger Haushalten 704.717 Tonnen Abfall an. Das ist zwar weniger als im Jahr zuvor, jedoch bleiben die Zahlen für Plastikmüll weiterhin hoch. Dabei sind Themen zur Müllvermeidung wie Containern oder Upcycling, Apps wie Too Good to Go oder Aktionen wie Oclean zeitgemäßer als je zuvor.

Warum landet nach wie vor so viel Abfall in unserem Leben? Ein Blick auf die eigenen Gewohnheiten, Gespräche mit der Stadtreinigung Hamburg und ein Besuch bei der Müllverwertungsanlage Billbrook sollen eine Antwort auf diese Frage geben.

Von heute auf morgen keinen Plastikmüll mehr zu produzieren, ist fast unmöglich. Realistisch ist jedoch, den Müll zu reduzieren und da beginnt man am besten bei sich selbst. Wie viel Müll kommt zum Beispiel innerhalb einer Woche zusammen, was passiert mit dem Müll und wie lässt sich dieser vermeiden?

Das Experiment der FINK.HAMBURG-Redaktion

Eine Woche den eigenen Müll aufbewahren. Sieben Tage lang mit leeren Tupperdosen zum Supermarkt gehen, Obst statt verpackte Schokoriegel essen und zum Abschminken Wattepads aus Stoff benutzen. Das sind einige der Ansätze, die sich die Redakteur*innen vornehmen.

Außerdem wandert jedes Stück Plastik und Verpackungsmüll in ein 25 Zentimeter hohes Vorratsglas Bioabfall, Papier oder Altglas sind davon ausgenommen. Nach sieben Tagen folgt die Bilanz: Woher kommt der Müll? Welchen Müll nehmen wir in Kauf? Über welche Verpackungen denken wir nicht genug nach und warum zum Teufel muss Schokolade immer dreifach verpackt sein?

Das Fazit

Müll soweit das Auge reicht
Das Glas füllt sich schneller mit Abfall, als man denkt. Der Einwegrasierer, die Kaugummipackung und die leere Verpackung vom Badreiniger: Das sind alles Dinge, die im Alltag schnell mal verbraucht werden. Nach sieben Tagen sind beide Gläser bis zum Rand gefüllt.

Life in plastic, it's fantastic!
Viele Lebensmittel sind in Plastik verpackt. Beschichtete Getränkekartons, Plastikverschlüsse oder einzeln verpackte Schokobons: nur selten verzichten Lebensmittelhersteller bei Verpackungen auf Kunststoff. Das gilt vor allem für Süßigkeiten, deren Inhalt noch einmal einzeln verpackt ist. Eine umweltfreundlichere Wahl ist der Griff zum Obst statt zur Schokolade oder der Gang zum Wochenmarkt statt zum Discounter. Das ist übrigens auch besser für die Gesundheit.

Wasser, Seife, Plastik
Auch im Badezimmer gibt es massenhaft Plastik. Bei Pflege- oder Hygieneartikeln scheint immer irgendetwas leer zu sein. Die Bodylotion, das Deo, die Kontaktlinsenflüssigkeit oder die Verpackung vom Toilettenpapier. Mittlerweile gibt es viele umweltfreundliche Alternativen für das Badezimmer: zum Beispiel Zahnpasta-Tabletten oder Haarseife am Stück in Unverpacktläden.

Faul sein macht Müll
Wenn es im Supermarkt nur abgepackte Äpfel gibt, fehlt oft die Lust noch zu einem anderen Laden zu gehen. Wenn es heute Abend unbedingt Apfelkuchen geben soll, dann wird nicht gewartet, bis die Zutaten am Wochenende auf dem Markt gekauft werden können. Auch wenn die Dinge in Plastik verpackt sind, werden sie trotzdem sofort gekauft.

Schritt für Schritt
Wenn man sich seinen Müll bewusst macht, kann man ihn relativ leicht einschränken. Das funktioniert nicht nur durch Verzicht, sondern auch durch bewussten Konsum. Brotdosen statt Alufolie, Waschlappen statt Wattepads und mit dem Stoffbeutel zum Wochenmarkt: Mit ein bisschen Umdenken und ein wenig Planung landet weniger im Abfall.

Milchkartons und Süßigkeiten auf der einen Seite, Nudelpackungen und Einwegrasierer auf der anderen. Auf diese Dinge zu verzichten, fiel den Redakteurinnen jeweils schwer.

Selbst wenn man es schafft, seinen Müll auf ein 1,5 Liter Glas zu reduzieren, sollte dieser im besten Fall in das Wertstoffsystem zurückgeführt werden. Abfall ist nicht wertlos, nur weil er nicht mehr gebraucht wird. Zu einem wichtigen Rohstoff wird der Müll dann, wenn die verwertbaren Abfälle in den Kreislauf zurückgeführt werden. Voraussetzung dafür ist die richtige Mülltrennung.

Mit der 2011 in Kraft getretenen Hamburgischen Wertstoffverordnung sind alle Haushalte dazu verpflichtet, eine Bio- und eine Papiertonne zu nutzen. Eine Befreiung dieser Verordnung ist nur durch nachweisbaren Platzmangel möglich, oder wenn der Bioabfall selbst kompostiert wird.

Das Vier-Tonnen-System der Stadtreinigung Hamburg soll eine umweltgerechte Müll- und Wertstofftrennung ermöglichen. Es besteht aus einer schwarzen Restmülltonne, der blauen Papiertonne, der grünen Biotonne und der gelben Wertstofftonne oder den Gelben Säcken. Die Stadtreinigung Hamburg klärt auf, welcher Müll in welche Tonne gehört.

Mustergültige Umsetzung des Vier-Tonnen-Systems.

Blau, grün, gelb und grau

Gelber Sack/Wertstoffe: Die gelbe Wertstofftonne dient dem Recycling von Verpackungen, Metallen und Kunststoffen. Getränkekartons, Kunststoffverpackungen, Konservendosen, Tuben, Aluminiumfolie und Metallgegenstände wie Töpfe und Werkzeuge können in der Wertstofftonne entsorgt werden. Textilien, Elektrogeräte und Batterien gehören nicht in den Gelben Sack.
Biomüll: Bioabfälle machen den größten Anteil des Hausmülls aus. Reste von Obst und Gemüse, Speisereste, Eierschalen, Gartenabfällen, kleinere Mengen von Küchenpapier oder Papierservietten, Teebeutel und Kaffeesatz wandern in die Biotonne. Windeln, Hygieneartikel, Staubsaugerbeutel oder Katzenstreu gehören nicht in die Biotonne.
Papier: Zeitungen, Pappen, Prospekte, Kataloge, Briefe, Geschenkpapier und Bücher gehören in die Altpapiertonne. Getränke- und Milchkartons, Tapeten und Hygienepapier gehören nicht in die blaue Tonne. Auch Kassenbons sollen nicht ins Altpapier. Sie sind meist auf Bisphenol A-haltigem Papier, sogenanntem Thermopapier, gedruckt.
Restmüll: Nicht vermeidbarer Restmüll wird verbrannt und Rohstoffe können nicht mehr zurückgewonnen werden. Staubsaugerbeutel, Hygieneartikel, Gummiteile oder Leder gehören in die Restmülltonne. Elektrogeräte, Batterien, Leuchtmittel, Farbreste und Lösemittel dürfen nicht in den Restmüll, sondern müssen auf Recyclinghöfen oder an Sammelstellen im Einzelhandel entsorgt werden.
Zu der Fahrzeugflotte der Stadtreinigung Hamburg gehören der Econic Typ 2630 L mit rotierendem Sammelbehälter und ein Pritschenfahrzeug von Mercedes-Benz.

Von der Tonne in das Feuer

Täglich sammeln die Wägen der Stadtreinigung in Hamburg Müll ein. Dieser wird noch am selben Tag zu der entsprechenden Verwertungsanlage gebracht. Um 14 Uhr kehren die geleerten Einsatzfahrzeuge zur Zentrale am Bullerdeich zurück.

In den Verwertungsanlagen wird der Müll gescannt und automatisch sortiert. Aus Papier, Biomüll, Verpackungs- und Wertstoffmüll werden neue Produkte wie Biogas, Dünger, Plastikgranulat oder Rohre gewonnen. Was nicht eindeutig der jeweiligen Rohstoffart zugeordnet werden kann, wandert in den Restmüll und wird in der Müllverwertungsanlage verbrannt.

Ein Blick in den Müllbunker

In der Verwertungsanlage in der Borsigstraße kommen täglich über 1000 Tonnen Restmüll an. In der Kipphalle laden die Müllwägen ihre Fracht ab. Über einen Schacht fällt der Abfall in den Müllbunker. "Eine Fläche so groß, dass dutzende Paare auf ihr Walzer tanzen könnten", so Gunter Hauzinski bei einer Führung über das Gelände. Von der Krankanzel hat man den besten Blick in den Müllbunker. Von hier steuert der Kranführer den Greifer, der den Müll in den Ofenschacht hebt. Der Müll landet auf einem Schürrost, wo er bei 1000 Grad verbrannt wird.

Nicht nur Feuer, sondern teuer!

Beim Verbrennen entstehen Wärmeenergie und Schlacke. Jedoch verbrennt nicht alles im Ofen: Übrig bleibt vor allem Metall, das mit Hilfe von Magneten aus der Schlacke rausgeholt wird. Das, was am Ende der Verbrennung übrig bleibt, wird gespült und gesiebt. Giftige Rückstände werden entfernt und fern von Grundwasser vergraben. Die gereinigte Schlacke wird über ein Fließband in einer Lagerhalle aufgehäuft. Im Straßen- und Wegebau findet das graue Granulat seine Verwendung.

Das Verbrennen von Müll ist nicht nur ein aufwendiger Prozess, es gehen auch viele Wertstoffe verloren. Papier, Glas und Kunststoff machen aktuell rund 70 Prozent des Restmülls aus. Würden diese Wertstoffe ordnungsmäßig getrennt werden, würden sie deutlich besser verwertet werden können. Trennen ist zudem günstiger: Im Gegensatz zu der Altpapier- und der Wertstofftonne kostet die Abholung des Restmülls nämlich Gebühren, die an der Menge der Tonnen gemessen werden.

"Eigentlich gehört tatsächlich nur noch wenig in den Restmüll. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir fast nur noch Windeln ein", sagt Kay Goetze, Pressesprecher der Stadtreinigung Hamburg. Bei ihm Zuhause fällt so gut wie gar kein Restmüll mehr an, sagt er. Aber woran liegt es dann, dass die Hamburger*innen im Jahr 2018 trotzdem 243 Kilo Restmüll pro Kopf produzieren?

Kay Goetze auf dem Parkplatz der Müllwägen am Bullerdeich.

Bioplastik ist für die (Gelbe) Tonne!

Bei dem doch recht komplexen Systemen kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Goetze erklärt das gerne am Beispiel des Joghurtbechers. Damit alle Wertstoffe des Bechers auch richtig gescannt und einsortiert werden können, muss zum Beispiel die Papiermanschette und der Aluminiumdeckel abgetrennt werden. Häufig landen Verpackungen noch im Ganzen im Müll. Reste an den Becherwänden stören übrigens nicht, solange sie nicht überwiegen.

Während die Hamburger*innen in den vergangenen Jahren immer weniger Müll produzieren, bleibt die Menge an Plastik- und Wertstoffmüll gleich. Der Trend zu einem nachhaltigen Leben und gesetzliche Verbote bilden sich noch nicht in der Statistik ab. "Es ist einfach immer noch sehr viel verpackt. Unternehmen achten erst jetzt vermehrt darauf, weniger Verpackung zu verwenden oder komplett verpackungsfrei zu verkaufen. Bis sich das auch in den Zahlen widerspiegelt, dauert es noch ein paar Jahre, trotz viel Bewegung und Aufmerksamkeit um das Thema", so Goetze.

Plastik sorgt auch im Biomüll für Probleme. Dünne Plastikmülltüten, die meistens im Haus zum Sammeln benutzt werden, landen in der Biotonne. Beim Sortieren werden sie vom Scanner nur schwer erkannt und sorgen für einen Mikropastikanteil im Biomüll. Kompostierbares Plastik macht da keinen Unterschied. "Leider irren viele bei kompostierbaren Bio-Plastiktüten. Sie zersetzen sich zwar, aber das dauert ewig", sagt Goetze. "Wir empfehlen daher Papiertüten für den Biomüll. Die bekommt man auch kostenlos beim Recyclinghof."

Fehlende Alternativen für die Biomülltonne

In Hamburg haben nicht alle Haushalte die wichtigen Tonnen aufgestellt. Grund dafür sind unter anderem Ausnahmebedingungen wie Platzmangel, was besonders bei Altbau-Wohnblöcken vorkommt. Die Wertstofftonne lässt sich dann durch Gelbe Säcke ersetzen und Papiersammeldepots gibt es in Hamburg reichlich. Aber was ist mit dem Biomüll? Für den gibt es, sofern keine Tonne vorhanden ist, wenig Alternativen. Zum Recyclinghof ist es schließlich doch meistens zu weit. So landet der Biomüll oft in die Restmülltonne. Dazu sagt Goetze: "Dann wird es immerhin noch der thermischen Verwertung zugeführt und Energie erzeugt."

Bis 2025 sollen alle Hamburger Haushalte, auf die nicht die Ausnahmebedingungen zutreffen, das Vier-Tonnen-System anwenden. Wenn es keinen Platz mehr für Mülltonnen gibt, wird sowohl nachträglich, als auch bei neuen Bauplänen in die Tiefe gebaut. "Um nicht oberirdisch den Platz für Container und Mülltonnen aufzugeben, setzen wir uns bei Neubauten häufig für unterflurige Systeme ein. Die haben oberirdisch nur noch Einwurfklappen", so Goetze. "Der Beitrag, den jeder leisten kann, ist sich aufzuklären und den Aufwand zu betreiben seinen Müll in die verschiedenen Tonnen zu trennen."

Luise und Carlotta in der Krankanzel. Mit Helm und Schutzvisier selbstverständlich.
Foto: Gunter Hauzinski.

Fotos: Melanie Weimann, Luise Reichenbach, Carlotta Schaffner

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