Stadttauben haben es schwer: Viele Menschen können sie nicht leiden, einige vertreiben sie sogar. Insbesondere kranke Tauben stoßen auf starke Ablehnung. Ein Verein kümmert sich in Hamburg um die Tiere – auch um die kranken. Ein Besuch im Handicap-Schlag in Steilshoop.
Text und Fotos von Elena Feickert und Julia Wieczorek
„Es sind liebenswerte Tiere, wie andere Tiere auch“, sagt Martina Born. Sie steht im Garten des Behindertentaubenschlags Steilshoop, Casa Grimaud, hinter einem kleinen, dunkelgrünen Holzschuppen. An die Rückseite des Schuppens grenzt ein großer Käfig. An der linken Wand sind drei umzäunte Holzvorsprünge angebracht, die wie Balkone wirken. Auf dem Grundstück stehen Bäume und auf dem Boden bilden dunkle Steinplatten einen Weg. Tauben landen auf dem Boden, gehen ein paar Schritte, heben wieder ab und lassen sich auf dem Plastik-Welldach des Taubenschlags nieder.
Dieser Beitrag ist im Rahmen des Bachelorseminars “Digitale Kommunikation” an der HAW Hamburg entstanden und wurde ausgewählt, um auf FINK.HAMBURG veröffentlicht zu werden.
„Das sind Besucher,” sagt Martina Born. Die eigentlichen Bewohner des Taubenschlags in Steilshoop dürfen den Schlag nicht verlassen. Sie haben Behinderungen, mit denen sie in der Stadt nicht überleben könnten. Deshalb der Außenkäfig und die kleinen, umzäunten Balkone – frische Luft für die Patienten.
Situation der Stadttauben verbessern
Martina Born ist Ehrenamtliche beim Hamburger Stadttauben e.V. Den Verein gibt es seit 2013. „Das erste Projekt war, den Taubenschlag im Hauptbahnhof anzulegen. Und da hat Maria Hanika, unsere Vereinsgründerin, ganz tolle Arbeit geleistet“, sagt Born. Seither arbeiten die Ehrenamtlichen daran, die Situation der Stadttauben zu verbessern.
„Es ist nicht die Schuld der Tauben, dass sie so viele sind und so viele Häufchen machen.“
Stadttauben stammen von Tauben ab, die vom Menschen als Nutztiere gehalten wurden. Sie brüten ungefähr sechsmal im Jahr. Diesen Brutzwang hat der Mensch ihnen angezüchtet. Eigentlich essen Tauben Körner. Gibt es diese nicht, müssen sie in der Stadt nach Speiseresten suchen. Doch Pommes, Brot und Chips reichen nicht aus und schaden der Verdauung.
In den Taubenschlägen des Vereins gibt es ausreichend und artgerechtes Futter. Körner, Getrockneter Mais, manchmal Sonnenblumenkerne. Außerdem tauschen die Ehrenamtlichen dort Taubeneier gegen Attrappen. „So wachsen weniger Tauben auf, die dann ums Überleben kämpfen müssen“, so Born.
Neben dem ersten Taubenschlag am Hauptbahnhof, unterhält der Verein drei weitere. Einen in Norderstedt, einen in Mümmelmannsberg und den Behindertentaubeschlag hier, in Steilshoop.
Gefährliches Stadtleben
Das Leben in der Stadt ist gefährlich. Die wenigsten Behinderungen der Tauben sind angeboren. Bei manchen heilen Flügelbrüche nicht richtig. Andere haben durch Krähenangriffe oder Infektionen ein Auge verloren. Oft entstehen Beeinträchtigungen durch Haare und Fäden, die sich um die Krallen der Stadttauben wickeln.
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Die Taube Pirata wurde 2019 stark geschwächt mit einer Augenentzündung aufgefunden. Die Entzündung erschwerte ihr das Sehen und damit die Futtersuche, sodass andere Stadttauben ihr oft zuvorkamen. Da keine Heilungschancen bestanden, musste ihr Auge entfernt werden. Mittlerweile lebt Pirata im Handicap-Schlag – geschützt und geborgen und stets mit genügend Essen versorgt, verbringt sie gerne und viel Zeit mit brüten.
“Auch sehr häufig bei Tauben ist eine Nervenkrankheit, die sich durch Infektionen entwickelt. Die Nervenkrankheit heißt PMV, Paramyxovirose“, so Born. Für infizierte Tauben gibt es einen separaten Raum, denn PMV ist in den ersten Wochen nach der Infektion ansteckend und besonders für Küken gefährlich. Nach einer Infektion kommt es zu bleibenden neurologischen Schäden. Manche Tauben mit PMV halten dauerhaft den Kopf schief, andere laufen rückwärts.
Ein sicheres Zuhause für kranke Tauben
Neben dem Käfig an der Rückseite des Schuppens führt eine Treppe in den Taubenschlag. Hinter einer Holztür, die mit Kraft aufgezogen werden muss, liegt ein enger Flur. Es riecht nach Tier. An den Wänden hängen Poster, Bilder, Banner und Zeitungsartikel; immer geht es um Tauben.
Vergrößern
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Feickert / Wieczorek
An der linken Seite sind drei Türen, Martina Born öffnet die mittlere. In dem kleinen Raum sind viele Holzvorsprünge an den Wänden, auf denen Tauben sitzen. Eine Luke zu einem der kleinen Außenkäfige ist geöffnet. Licht fällt in den Schlag. Durch weitere Öffnungen an den Seiten können die Tauben sich zwischen den Räumen bewegen. Martina Born streut Körner in eine Futterschale auf dem Boden.
Die Tiere beginnen in der Schale zu picken. Manche fliegen vom Boden auf einen der Holzvorsprünge und wieder zurück. Andere sitzen auf einem der roten Töpfe, die als Brutplatz dienen, und schauen zu.
Tauben in privater Pflege
Die Tauben auf dem Lebenshof Casa Grimaud haben das Glück, dass Passant*innen sie gefunden und dem Verein gemeldet haben. Daraufhin wurden sie von Mitarbeitenden privat gepflegt und anschließend hier hergebracht.
Martina Born hatte Fussel bei sich in Pflege. Er hatte eine so schwere PMV-Infektion, dass er nicht mehr selbst fressen konnte. „Den habe ich sehr, sehr lange gefüttert.“ Ein Jahr lang hatte sie die Taube bei sich zu Hause. Dort hat er „geübt und geübt. Jetzt konnte er in den Schlag, weil er selbst fressen kann.“ Daher läge Fussel ihr besonders am Herzen, sagt Born. „Eigentlich sind es immer individuelle Geschichten, die entstehen, wenn man viel Zeit mit einem Tier verbringt.”
Mittlerweile können keine neuen Tauben mehr einziehen, die Kapazitäten sind ausgeschöpft. Trotzdem setzen sich die Ehrenamtlichen des Vereins der Hamburger Stadttauben auch weiterhin für die Tauben ein, auch für ihren Ruf.
“Sie sind alle sehr unterschiedlich und sie liegen mir auf unterschiedliche Weise am Herzen.”
„Tauben sind liebenswerte Tiere. Sie sind den Menschen sehr nahe – im guten Sinne“, findet Born. Das wollen Martina und die anderen Ehrenamtlichen des Vereins der Gesellschaft vermitteln. Es gebe keinen Grund, Tauben abzulehnen. Wir Menschen seien selbst für die hohe Anzahl an Tauben verantwortlich – durch Zucht seien die Tauben immer zahmer gemacht worden und hätten sich in den Städten angesiedelt. Dass Tauben dreckige Tiere seien und Krankheiten auf Menschen übertragen können, seien Vorurteile und längst widerlegt.
Die Arbeit mit den behinderten Tauben erfüllt Martina Born. Ebenso wie einige andere Ehrenamtliche nimmt auch sie immer mal wieder Tauben mit zu sich nach Hause. Vor allem solche, die gerade besondere Aufmerksamkeit und Pflege benötigen. Dort kann sie sich noch besser um sie kümmern und sie aufpäppeln.