Das Nordische Modell soll die Situation von Sexarbeiter*innen verbessern. Doch im Hamburger Stadtteil St. Georg sieht man, welche Auswirkungen es in Deutschland haben könnte: Das Gesetz schadet denjenigen, die es schützen soll. Ein Kommentar von Sophie Quaas
Die Kund*innen sexueller Dienstleistungen sollen bestraft werden, nicht die Sexarbeiter*innen selbst. So funktioniert das Nordische Modell, das man auch Sexkaufverbot nennt. Es gilt bereits in Ländern wie Schweden (seit 1999), Norwegen (seit 2009) und Frankreich (seit 2016). Auch in Deutschland wird es immer wieder diskutiert. Die Idee klingt simpel: Um Ausbeutung und Gewalt in der Prostitution einzudämmen, müssen die Nachfragenden bestraft werden. Aber schützt es die Sexarbeiter*innen wirklich besser?
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion will das Nordische Modell. Die Abgeordneten sehen das Prostitutionsgesetz von 2002 als gescheitert. Auch das Prostitutionsschutzgesetz von 2017 ginge nicht weit genug. Nachdem die Bundesregierung das Prostituiertenschutzgesetz im vergangenen Jahr prüfte, könnte das Sexkaufverbot nun wieder Thema werden.
Prostitution ist seit der Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 in Deutschland nicht mehr sittenwidrig. Die Bundesregierung verabschiedete im Jahr 2017 das Prostituiertenschutzgesetz. Das Gesetz soll „die Situation von Frauen und Männern, die in der Prostitution tätig sind, verbessern und sie vor Menschenhandel, Ausbeutung und Zwang schützen“, heißt es aus dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Bundesregierung veröffentlichte im Juni 2025 einen Evaluationsbericht des Prostituiertenschutzgesetzes. Der zeigt: Die behördliche Umsetzung des Gesetzes funktioniert grundsätzlich, es sind aber erhebliche Reformen notwendig.
„Prostitution kann nicht freiwillig sein”
„Mitten in unserer Gesellschaft besteht ein Sklavinnenmarkt, der an Grausamkeit nicht mehr zu überbieten ist”, schrieb die Streetworkerin Sabine Constabel in einer Stellungnahme für den Bundestag. Für ihre Arbeit, Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution zu unterstützen, gewann sie 2025 den Heldinnen-Award. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), die ihr den Preis überreichte, bekannte sich in ihrer Rede deutlich für das Nordische Modell. Prostitution, so Klöckner in einem Interview, könne nicht freiwillig sein.
Klöckner und weitere Akteur*innen setzen in ihrer Argumentation oft Menschenhandel und Zwangsprostitution mit Prostitution gleich. Ich finde es wichtig, die Begriffe klar zu trennen. In Deutschland ist freiwillige Sexarbeit erlaubt. Menschenhandel und Zwangsprostitution sind dagegen strengstens verboten. Auch Freier, die wissentlich Menschenhandel oder Zwangsprostitution ausnutzen, machen sich strafbar. Ausbeutung und Gewalt in der Prostitution kann und sollte bereits heute bestraft werden. Ein Sexkaufverbot ist dafür nicht notwendig.
Aus dem Blick, nicht aus der Welt
Das Nordische Modell wird die Anzahl an Sexarbeiter*innen nicht reduzieren. Die schwedische Regierung veröffentlichte 2015 eine Studie, wonach die Zahl an Sexarbeiter*innen und Kund*innen in den letzten 20 Jahren relativ konstant geblieben ist. In Hamburg sind etwa 1.000 Sexarbeiter*innen offiziell gemeldet. Fachverbände wie der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus: Zwei Drittel der Sexarbeiter*innen arbeiten schätzungsweise illegal. Oft haben sie keine Arbeitserlaubnis oder Meldeadresse, was für die amtliche Anmeldung notwendig ist. Das sind häufig die Sexarbeiter*innen, die aus der Sexarbeit aussteigen wollen, es aber nicht können, weil ihnen die notwendigen Voraussetzungen fehlen. Menschen, die in einer finanziellen Abhängigkeit sind und ausgenutzt werden. Frauen, die von Loverboys manipuliert werden und schlimme Gewalt erleben. Verbessern würde ihre Situation das Nordische Modell nicht. Sie arbeiten bereits jetzt verdeckt. Dort greift das Nordische Modell nicht, sie werden weiterhin illegal arbeiten.
Bei der Loverboy-Methode spielen Männer Frauen die große Liebe vor, um sie sexuell und finanziell auszubeuten. Von dieser Form des Menschenhandels sind oft Minderjährige betroffen.
Sexarbeit wird weniger sichtbar werden. Nach der schwedischen Studie ist die Straßenprostitution zurückgegangen, aber Internetangebote, z.B. Escortservices, haben sich mehr als verdoppelt. Das Nordische Modell würde nicht zur Eindämmung von Prostitution führen, sondern sie nur weniger sichtbar machen.
Kontaktverbot in St. Georg: Stadt zieht negative Bilanz
In St. Georg gibt es bereits Regelungen, die mit dem Nordischen Modell vergleichbar sind. Vor rund zwanzig Jahren war St. Georg, ein Stadtteil nahe dem Hauptbahnhof, bekannt für sein Rotlicht-Milieu, eine offene Drogenszene und Obdachlosigkeit. Heute führt die Polizei in dem Viertel regelmäßig Kontrollen durch, der Hansaplatz wird videoüberwacht und Sexarbeit stark reguliert. Seit 2012 gilt in St. Georg ein Kontaktverbot: Kund*innen machen sich strafbar, wenn sie Sexarbeiter*innen im öffentlichen Raum ansprechen. Zudem gilt seit 1980 eine Sperrgebietsverordnung. Demnach ist es in St. Georg verboten, als Sexarbeiter*in seine Dienstleistung öffentlich anzubieten.
Der Hamburger Senat führte das Kontaktverbot ein, zur „Eindämmung der negativen Auswirkungen der Straßenprostitution, insbesondere den Schutz Unbeteiligter vor aufdringlichem Ansprechen und Belästigungen, die Reduzierung des Lärms für die Anwohner des Stadtteils […], aber auch die Reduzierung von Straftaten […] im Zusammenhang mit der Prostitution.”
Der Evaluationsbericht der Stadt Hamburg zeigt: Die Zahl der Sexarbeiter*innen ist seit der Einführung des Kontaktverbots nicht signifikant gesunken. Aber ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert. Die Einnahmen gingen zurück, weil Kund*innen das gesetzliche Risiko ausnutzen, um Preise zu drücken. Die Kontaktaufnahmen müssen schneller und versteckter ablaufen. Damit bleibt Sexarbeiter*innen kaum Zeit, um potenzielle Gefahren einzuschätzen. Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen berichten außerdem, dass Sexarbeiter*innen stärker stigmatisiert werden.
Zudem zeigt der Bericht, dass die Gewalt gegenüber Sexarbeiter*innen zugenommen hat. Eine Ursache ist, dass Sexarbeiter*innen ihre Arbeit in ungeschützte Räume, zum Beispiel in Hotels oder abgelegene Wohnungen verlegen. Durch das Nordische Modell fallen schützende Infrastrukturen weg, wie das Personal in Prostitutionsstätten oder Notfallknöpfe auf den Zimmern.
Soziale Ausgrenzung durch das Nordische Modell
Das versteckte Arbeiten erschwert es Sozialarbeiter*innen, Kontakt zu Sexarbeiter*innen aufzunehmen. Noch schwerer wird es, wenn staatliche Unterstützung gekürzt wird. In Frankreich wurden nach Einführung des Nordischen Modells viele Beratungsstellen für Sexarbeiter*innen abgeschafft. Die verbliebenen Angebote sind häufig nicht ergebnisoffen, sondern auf Ausstieg fokussiert.
In Ländern, in denen das Nordische Modell bereits gilt, wenden sich viele Sexarbeiter*innen aus Angst nicht mehr an die Polizei oder Beratungsstellen. Selbst dann nicht, wenn sie Gewalt erleben. Auch wenn keine Bußgelder drohen, ist die Gefahr von Stigmatisierung, Ausgrenzung und einem unfreiwilligen Outing zu groß.
Recht auf sexuelle Selbstbestimmung
Was oft ausgeblendet wird: Es gibt Frauen und Männer, die selbstbestimmt in der Sexarbeit arbeiten wollen. Eine von ihnen ist Undine de Rivière, sie arbeitet seit 30 Jahren als Sexarbeiterin. Nicht aus Chancenlosigkeit – sie hat ein Diplom in Physik –, sondern weil sie sich in dieser Arbeit selbst verwirklichen kann. Menschen wie Undine de Rivière haben ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und sollten nicht bevormundet werden.
Die Ursachen müssen bekämpft werden
Wer wirklich helfen will, muss an den Ursachen ansetzen: Sexarbeiter*innen brauchen sichere Aufenthalts- und Arbeitsmöglichkeiten, ausreichend finanzierte Beratungsstellen, Ausstiegsprogramme auch für Menschen ohne Sozialleistungsanspruch und einen niedrigschwelligen Zugang zu Gesundheitsversorgung.
Vor allem müssen weitere Sexarbeiter*innen, Verbände und Sozialarbeiter*innen Teil der öffentlichen Debatte sein und in die Gesetzgebung einbezogen werden. Gesetze, die über ihre Köpfe hinweg beschlossen werden, schützen nicht. Sie bevormunden und gefährden.
Sophie Quaas, 2000 in Meißen geboren, ist USA-Kennerin: Ob als AuPair in San Diego, beim Wandern durch den Grand Canyon oder als Couchsurferin in Alaska, Sophie ist durch und durch Abenteurerin – Zelten auf Festivals ausgenommen. Ihren Bachelor machte sie in Medienforschung in Dresden. Dort arbeitete sie in einer Agentur im Employer Branding sowie in der Unternehmenskommunikation für Sunfire, eines der größten Wasserstoff-Unternehmen Europas. Für die Eröffnung einer neuen Produktionsstätte interviewte Sophie 2023 die Wirtschaftsministerin von NRW, Mona Neubaur – selbstverständlich auf Englisch. Ihr Plan für die Zukunft: Weitere Interviews als Journalistin führen. Kürzel: soq


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