Fans glaubten, mit ihren Idolen via Whatsapp zu chatten, schrieben aber mutmaßlich mit Agentur-Mitarbeitenden. Der Fall Fanblast wurde zum Internet-Skandal. Sozialpsychologin Judith Balzukat erklärt, was das mit parasozialen Beziehungen zu tun hat.
Als Robin Blase, besser bekannt unter seinem YouTube-Handle „RobBubble”, am 13. Dezember 2025 sein Video veröffentlicht, löst er den vermutlich größten deutschen Influencer-Skandal des letzten Jahres aus. Sein Video wurde inzwischen über 1,8 Millionen Mal aufgerufen.
Im Mittelpunkt des Ganzen stehen das Hamburger Unternehmen Digital Blast GmbH und dessen Tool Fanblast, ehemals Streamblast. Die Creator*innen können hier persönliche Telefonnummern direkt an ihre Fans verkaufen, die ihnen dann privat auf Whatsapp schreiben können. Fanblast erhält dabei einen prozentualen Anteil der Umsätze.
Mutmaßlich manipulierte Chats
Nutzer*innen zahlten für vermeintlich persönliche Nähe zu ihren Stars. Das Problem: Die Recherchen von Robin Blase haben ergeben, dass Fans stattdessen mutmaßlich mit Mitarbeitenden einer Hamburger Agentur schrieben. Die Agentur Oasis Agency hat laut Blase Chatter*innen rekrutiert, welche mutmaßlich im Namen der Influencer*innen geschrieben haben sollen. Fans sollen so systematisch dazu gebracht worden sein, mehr Geld auszugeben, beispielsweise für exklusive Bilder oder Videos via Whatsapp. Oasis Agency bezeichnete sich laut Blase selbst als Inhouse-Agentur von Fanblast.
Um den Umsatz zu maximieren, seien Fans laut einem Whistleblower emotional erpresst und unter Druck gesetzt worden. Ein Bonus-System für die angestellten Chatter*innen habe Anreize geschaffen, möglichst viele und teure Produkte zu verkaufen. So hätten die Chatter*innen auf vorgefertigte Aufnahmen der Influencer*innen zurückgreifen können, um den Eindruck zu erwecken, dass die Fans mit den echten Stars kommunizieren würden. Außerdem verfüge das Tool über eine technische Lösung, um vorproduzierte Audioaufnahmen via Whatsapp als Sprachaufnahmen zu verschicken.
Inwiefern Fanblast selbst von den Praktiken der Agentur wusste, ist nicht abschließend geklärt. Blase zeigt in seinen Recherchen jedoch viele mutmaßliche Verbindungen zwischen den beiden Firmen auf. So wird im Video klar, dass sich die Oasis Agency und Fanblast zum Zeitpunkt der Recherche mutmaßlich ein Büro in Hamburg geteilt haben sollen.
Enge Beziehungen zu Influencer*innen
Einzelne Influencer*innen hatten über Fanblast zeitweise 13000 zahlende „Fans”, also Personen, mit denen sie über Chats in Kontakt sind. Doch was bewegt Menschen dazu, Geld auszugeben, um scheinbar mit Influencer*innen zu kommunizieren? Um diese Frage zu beantworten, hat FINK.HAMBURG ein schriftliches Interview mit Judith Balzukat geführt. Sie ist Sozialpsychologin und Co-Autorin des Buchs „Sozialpsychologie für Dummies”. „Ohne parasoziale Beziehungen wäre das Modell von Fanblast niemals aufgegangen”, sagt Balzukat. Laut der Sozialpsychologin entstehen parasoziale Beziehungen unter anderem zwischen Influencer*innen und ihrem Publikum. Im Vergleich zu klassischen sozialen Interaktionen sind parasoziale Beziehungen jedoch einseitig. Der Kontakt findet nur in eine Richtung statt. Während die Fans glauben, eine enge Bindung aufzubauen, ist dies umgekehrt nicht der Fall.
Der Mechanismus dahinter funktioniere laut Balzukat so: Wenn Menschen online Kontakt mit Influencer*innen haben, entwickeln die Konsument*innen eine Meinung zu der Person und deren Inhalten. Ist diese Meinung positiv, löst der Kontakt ebenso positive Gefühle aus. „Mit der Zeit verspüren die Follower ein Gefühl der Intimität mit dem Influencer, so als wäre dieser ein enger Freund”, sagt Balzukat. Gerade weil viele Follower*innen wissen, dass diese Beziehung nur einseitig ist, würden sie so auch das Bedürfnis entwickeln, ihre Loyalität zu zeigen. „Wie verlockend ist also das Angebot, mit dem Influencer scheinbar auf Augenhöhe zu interagieren? Das ist für die allermeisten Follower, die sich in einer parasozialen Beziehung befinden, eine reizvolle Möglichkeit”, sagt Balzukat.
Fanblast reagiert über Instagram
Auf die Vorwürfe von Blase hat Fanblast über ihren Instagram-Account mittlerweile mit mehreren Posts reagiert. Man wolle in Zukunft klar kennzeichnen, mit wem die Nutzer*innen wirklich interagierten. Außerdem wolle man von nun an Preisobergrenzen fest in das Tool einbauen. Den Chatter*innen soll verboten werden, Druck aufzubauen, um den Umsatz zu steigern.
FINK.HAMBURG hat bei Fanblast nachgefragt, wie diese Regelungen konkret umgesetzt werden sollen. Das Unternehmen teilt mit, man habe bereits vor Bekanntwerden der Vorwürfe an mehr Sicherheit und Transparenz gearbeitet. Fanblast sei sich bewusst, dass das eigene Konzept polarisiere. Man wolle die „Regeln entlang von EU-Recht optimieren und damit eine verlässliche Alternative zu Anbietern aus den USA” schaffen. Auf die konkreten Inhalte der Chats habe Fanblast jedoch keinen Einfluss und könne auch nicht in die Chats blicken. Seit vergangenem Jahr gebe es aber eine Beschwerdefunktion für Nutzer*innen.
Auf eine weitere Nachfrage hin gibt Fanblast zu: „Es ist richtig, dass wir in der Vergangenheit mit Agenturen zusammengearbeitet haben.” Agenturen also, die Chatter*innen für die vermeintlichen Influencer-Interaktionen zur Verfügung stellten. Fanblast verweist in seiner Antwort auf einen SPIEGEL-Artikel vom Dezember 2025, der das Thema bereits ausführlich aufgegriffen hatte. Darin wird Fanblast-Chef Patrick Stasek mit den Worten zitiert, die Kooperation mit einer Agentur im Jahr 2024 habe „eine eigene wirtschaftliche Motivation” entwickelt, „das passte nicht mehr zu unseren Zielen”. Die Kooperation, um die es in Blases Video geht, habe man „nach sechs Monaten beendet”.
Auf die aktuelle Anfrage hin ergänzt das Unternehmen, dass der Fokus von Fanblast kleine und mittelgroße Accounts aus verschiedensten Bereichen sind, wie beispielsweise Coaches, Sport oder Musik. „Preise und Angebote werden vom Creator festgelegt.”
Wie können Fans mit parasozialen Beziehungen umgehen?
Das Wissen über parasoziale Beziehungen ist Balzukat zufolge oft der erste Schritt, um sich vor negativen Folgen zu schützen. Wichtig für Follower*innen sei es, sich bewusst zu sein, dass Influencer*innen mit ihrer Arbeit einem Job nachgehen: „Genau wie der Fahrrad- oder Autoverkäufer möchten sie nicht der neue beste Freund werden, sondern Umsatz generieren.” Judith Balzukat drückt es hoffnungsvoll aus: „Wenn Sie dem Artikel bis zu dieser Stelle gefolgt sind, ist Ihnen bereits gut geholfen und Sie haben sich vermutlich bereits selbst hinterfragt.”







