Kinder lernen viel, wenn man ihnen Bücher vorliest. Anna Anet macht das ehrenamtlich. Auch wenn die Kinder süß sind, kann das Vorlesen für eine Kindergruppe anstrengend sein. Zum Beispiel, wenn Streit um ein Kuscheltier ausbricht.
Illustration: Jasmin Grabler
„Junge Menschen im Ehrenamt“ ist ein Format bei FINK.HAMBURG, in dem Menschen unter 30 von ihrem ehrenamtlichen Engagement berichten. Im Fokus steht dabei nicht nur das Ehrenamt selbst, sondern auch, wie sie ihr Ehrenamt in ihren meist schon gut gefüllten Alltag eingliedern, und warum sie sich diese Extra-Arbeit neben ihrem Job überhaupt machen.
In diesem Artikel erzählt Anna Anet, 28, von ihrem Ehrenamt.

Ich habe 2022 bei Lesewelt e.V. angefangen. Der Verein kooperiert mit verschiedenen Bücherhallen in Hamburg. Die Idee ist, dass einmal pro Woche Ehrenamtliche für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren vorlesen. Ich mache das zwei, manchmal drei Stunden im Monat, denn wir sind pro Standort ein Team aus mehreren Vorleser*innen. Sonst mache ich meinen Master in Sozialer Arbeit und arbeite nebenbei in der Drogenhilfe.
Meine Vorlesestunde läuft so ab: Die Kinder suchen sich Bücher aus. Diese Bücher liest man mit ihnen gemeinsam vor. Es ist wichtig, dass sie sich selbst Bücher aussuchen, damit sie Lust auf das Buch haben. Meistens stehen sie schon bereit und haben ein, zwei Bücher in der Hand, welche sie mehr oder weniger gezielt ausgesucht haben. Wenn die Bücher zum Vorlesen nicht so geeignet sind, dann vereinfache ich sie.
Von der Wissenschaft in die Praxis
Mein Interesse am Vorlesen hat angefangen, weil ich meine Bachelorarbeit über Lesewelt e.V. geschrieben habe und über das dialogische Vorlesen. Das ist ein Konzept von Wissenschaftler*innen um Grover Whitehurst. Er hat die These, dass es viel effizienter ist, wenn man mit Kindern im Dialog liest. Beim klassischen Vorlesen wird oft gar nicht die Verbindung gezogen von „Ah, dieser Text ist das, was sie gerade vorliest”. Und weil ich mich viel mit dem dialogischen Vorlesen befasst habe, frage ich bei den Kindern immer viel nach. Das klappt natürlich unterschiedlich gut.
Regelmäßiges Vorlesen stärkt nachweislich den Spracherwerb von schon kleinen Kindern (ab zwei Jahren). Zusätzlich sollen die Kinder leichter lernen können, offener für neue Themen sein sowie soziale Kompetenzen erlangen. Das dialogische Vorlesen geht noch weiter: Vorlesende stellen weiterführende Fragen zum Text, geben Raum, die Geschichte weiterzudenken und hören zu. So tauschen Kind und Vorleser*innen Rollen. Kinder werden angeregt, die vorgelesene Geschichte wirklich zu verstehen und auf ihre Erfahrungen zu beziehen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein, ihr Sprachverständnis, regt die Fantasie an und fördert die soziale Kompetenz. Erforscht hat dieses Konzept erstmals eine Forschungsgruppe um Whitehurst in den USA (1998).
Manche wollen auch nur ihr Buch vorgelesen haben und sind ziemlich stumm. Trotzdem frage ich am Anfang, was sie sehen, was für ein Tier zum Beispiel auf dem Cover ist und worum es gehen könnte. Oder ich mache Rückfragen: „Habt ihr auch schon mal im Wald nach Blättern gesucht?” Gut ist auch, wenn man mit seinem Finger immer den Worten folgt, die man gerade vorliest. Die Kinder können so übertragen, dass der geschriebene Text zum gesprochenen Wort wird.
Manchmal ist das Vorlesen für eine Gruppe ein bisschen schwierig, weil ganz kleine Kinder da sind, aber auch größere. Dann muss ich gucken, dass es für alle angemessen ist. Bei manchen Kindern ist auch nach 20 Minuten die Konzentration weg, dann gehen sie einfach. Andere kommen erst später dazu. Für Kinder ist das Vorlesen ganz niedrigschwellig, ohne Anmeldung.
Gruppendynamik ist das A und O beim Vorlesen
Ein besonders positiver Moment in meinem Ehrenamt entsteht für mich, wenn sich eine gute Gruppendynamik zwischen den Kindern entwickelt. Aber ich mag es, wenn ich das Gefühl habe, alle sind dabei, können mir folgen und beteiligen sich sogar. Die Kinder rufen dann rein oder erzählen: „Ja, bei mir ist das so und so.” Schön ist ein lebendiges Miteinander und eben nicht „Seid alle still und bleibt sitzen”.
Ehrlich gesagt ist es eine Herausforderung, wenn die Bücher nicht so dankbar zum Vorlesen sind. Manchmal finde ich die selber ein bisschen quatschig. Damit meine ich nicht quatschig im guten Sinne, also ein lustiges und verrücktes Kinderbuch, sondern wenn ich mir beim Lesen denke: „Häh, was sollen die Namen und was soll diese Geschichte. Die ist irgendwie trist.” Das Lesen fühlt sich dann einfach nicht so rund an. Schwierig ist es auch, wenn die Kinder sich nicht gut verstehen oder aktiv stören. Natürlich haben die Kinder immer einen Grund dafür, dass sie unruhig sind und stören. Aber es ist anstrengend, wenn dann ein Streit entsteht, zum Beispiel um ein Kuscheltier, das nicht geteilt wird. Aber am Ende ist das halt Kinderbetreuung.
Gelassenheit, Spontanität und Kreativität
Wer Vorlesen auch als Ehrenamt machen möchte, sollte am besten Freude am Umgang mit Kindern und eine gewisse Geduld oder Gelassenheit mitbringen. Es gibt einfach Kinder, die mehr reinrufen und sich nicht an das Konforme halten. Ich glaube, es ist gut, wenn man eben nicht nur vorliest, sondern sich in die Geschichte reindenken kann.
Den Zeitaufwand von einer Stunde finde ich sehr niedrigschwellig. Ich fahre immer nach Horn, die Fahrtzeit kommt natürlich dazu. Es gibt Bücherhallen, wo super viel Andrang ist. Dann kommen alle Ehrenamtlichen und teilen sich und die Kinder auf. Aber bei uns ist nicht so viel Bedarf. Deswegen sind wir meist alleine oder zu zweit. Immer am Monatsanfang machen wir einen Plan in unserer Chatgruppe. Dort kann man abstimmen, zu welchem Termin man Zeit hat. Das sollte dann schon verbindlich sein.
In der Bücherhalle sind die Mitarbeitenden immer supernett. Also sie bringen uns Kissen, wo wir und die Kinder sich draufsetzen können. Und dann gibt es eine Box mit Stempelkarten. Wenn ein Kind zehn Stempel hat, also zehnmal da war, bekommt es ein Buch geschenkt. Deshalb ist das Stempeln und das Stempelmotiv-Aussuchen immer ein Highlight.
Zur Übersicht listet die Stadt Hamburg mögliche Plätze für eine ehrenamtliche Arbeit hier auf: hamburg.de. Weitere Informationen zu den Tätigkeiten bei Lesewelt e.V., wo auch Anna Anet sich engagiert, gibt es auf der Website des Vereins.
Alles ist politisch. Auch die Frage, ob Bier schmeckt oder nicht. Zumindest wenn es nach Anny Norma Schmidt, Jahrgang 2001, geht. Sie bestellt lieber Sekt. Dafür erntet sie in ihrer Heimat Dithmarschen schiefe Blicke. Vielleicht fiel ihr daher der Abschied 2021 in Richtung Magdeburg leicht, um dort Journalismus zu studieren. Ist sie nicht baden oder joggen, sitzt Anny gerne im Café, entweder in ein Buch oder in eine Diskussion über Feminismus und Nachhaltigkeit vertieft. Anny hat schon diverse Praktika bei Lokalzeitungen hinter sich, weil sie es wichtig findet, im Gespräch zu bleiben - sogar über Bier. Kürzel: ans








