Journalistin Nicole Duarte
DIe kolumbianische Journalistin Nicole Duarte - Foto: Jasper Timm

Die kolumbianische Journalistin Nicole Duarte lebt und arbeitet in Hamburg. Im Gespräch mit FINK.HAMBURG ordnet sie die aktuellen Geschehnisse in Venezuela und Kolumbien ein und spricht über den Blick von Europa auf Lateinamerika. 

Nicole Duarte ist in Kolumbien geboren und aufgewachsen. Seit ihrem Studium in Bogotá beschäftigt sie sich mit Medien, Politik und Machtverhältnissen. Sie hat für die Deutsche Welle gearbeitet und schreibt heute als freie Journalistin, unter anderem für das Kohero-Magazin. Sie ist Beobachterin einer Region, die in den letzten Monaten, nicht zuletzt durch die Angriffe der USA in Venezuela, in den Fokus gerückt ist. Im Gespräch ordnet Duarte die politischen Entwicklungen in Venezuela und Kolumbien ein, spricht über internationale Einmischung, mediale Narrative und darüber, was Hoffnung gibt in Zeiten von Krise und Unsicherheit.

FINK.HAMBURG: Nicole Duarte, Sie leben und arbeiten heute in Hamburg. Wie sah Ihr Weg in den Journalismus aus?

Nicole Duarte: Mein Weg hat eigentlich in Kolumbien angefangen, aber ich habe alles abgebrochen, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich habe dann in Deutschland meinen Master in Journalistik und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Ich habe meine Karriere eigentlich erst hier richtig angefangen.

Nach Deutschland kamen Sie 2014. Was waren die Gründe dafür?

Das war nie ein langfristiger Plan. Ich wollte Kolumbien zunächst von außen betrachten. Gleichzeitig spielten wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen und meine Eltern entlasten. Dass ich geblieben bin, war weniger eine bewusste Entscheidung als ein Prozess.

Wie hat sich Ihr Blick auf Kolumbien aus der Distanz verändert?

Ich habe gemerkt, wie stark Kolumbien international stigmatisiert wird. Gleichzeitig ist internationale Berichterstattung wichtig, gerade bei Menschenrechtsfragen. Kritik von außen hat oft mehr Wirkung als von innen. Kolumbien ist eine Demokratie, deshalb ist eine differenzierte Einordnung entscheidend.

Kolumbiens Nachbarland Venezuela steht derzeit im Fokus. Wie ordnen Sie die Lage ein?

Seit 2013 leidet das Land unter einem autoritären Regime. Extreme Armut bedeutet dort: Menschen haben nichts zu essen. Hyperinflation und Perspektivlosigkeit haben eine der größten Migrationsbewegungen weltweit ausgelöst. Rund acht Millionen Menschen mussten das Land verlassen.

Welche Rolle spielen die USA in dieser Situation?

Die Einmischung der USA ist historisch nichts Neues, hat sich aber verschärft. Viele Venezolaner*innen sahen darin zunächst Hoffnung. Gleichzeitig war die Begründung problematisch. Wer die Drogenrouten kennt, weiß, dass Drogen nicht in kleinen Booten transportiert werden. Dass Caracas bombardiert und Maduro festgenommen wurde, hat international Entsetzen ausgelöst.

Bedeutet das Ende Maduros auch das Ende des Systems?

Nein. Maduro ist nur eine Figur. Das Militär hat viel mehr Macht. Solange zentrale Akteure wie der Verteidigungsminister oder der Innenminister im Amt sind, bleibt ein grundlegender Wandel fraglich. Die Geschichte der US-Interventionen in Lateinamerika ist keine gute.

Blicken wir nach Kolumbien: Wie ist die politische Lage dort?

2025 war ein hoch aufgeladenes Jahr. Gustavo Petro ist der erste linke Präsident in der Geschichte Kolumbiens. Das Land ist stark polarisiert. Die Opposition hat seine Regierung von Beginn an blockiert. Gleichzeitig hat Petro international klar Position bezogen, etwa gegen die US-Migrationspolitik oder den Krieg in Gaza.

Wie wirkt sich das Verhältnis zu den USA aus?

Petro wurde international unter Druck gesetzt, sein US-Visum wurde ihm zeitweise entzogen. Nach den Angriffen auf Venezuela gab es auch Drohungen gegen Kolumbien. Viele Menschen in Kolumbien hatten Angst. Petro ist jedoch demokratisch gewählt. Das ist ein großer Unterschied zu Venezuela. Nach einem Telefonat mit Donald Trump konnte er erklären, dass Kolumbien Rekorde bei der Beschlagnahmung von Kokain erreicht hat. Das hat die Lage vorerst beruhigt.

Wo liegen die zentralen Unterschiede zwischen Venezuela und Kolumbien?

Venezuela ist ein autoritäres Regime, Kolumbien ist eine Demokratie. Für Petro ist es extrem schwierig im Land Reformen durchzusetzen. Gleichzeitig gibt es eine starke mediale Polarisierung und eine sehr aggressive Berichterstattung gegen ihn.

Wie bewerten Sie die internationale Medienberichterstattung?

Medien wie die New York Times oder die BBC arbeiten häufiger mit Journalist*innen in den Ländern und liefern mehr Kontext. In Europa fehlen solche Perspektiven von vor Ort häufig und es werden Narrative von der US-Regierung oft unkritisch übernommen. Es wurden Dinge legitimiert, für die es keine Beweise gab. Lateinamerika wird überwiegend auf Drogen und Gefahr reduziert. Dieses Framing verfolgt uns seit Jahrzehnten.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

Man muss nicht nur über die Leute berichten, sondern mit ihnen.

Wie erleben Sie die Situation persönlich als Kolumbianerin in Deutschland?

Die Drohungen gegen Kolumbien haben bei mir ein starkes Gefühl von Ungerechtigkeit ausgelöst. Wir stehen immer im Fokus aber nur dann, wenn es spektakulär oder negativ ist. Insgesamt fehlt es mir an Diversität in den Medien. Blicke ich in mein Heimatland denke ich immer am Ende leidet die Zivilgesellschaft. Das ist einfach traurig, als Journalistin und als Kolumbianerin. Keine Regierung wird verhungern, sondern die Menschen vor Ort. Das ist beängstigend. Es hat mich viele Nächte gekostet.

Hendrik Heiermann, Jahrgang 1998, prokrastiniert nicht, er tut andere wichtige Dinge. Statt sich seiner Traumkarriere als Eisverkäufer im Sommer und Lokomotivführer im Winter zu widmen, hat er sich dem Journalismus verschrieben.
Hendrik ist in Plochingen bei Stuttgart aufgewachsen, er studierte Spanisch und Lateinamerikastudien in Hamburg. Während eines Praktikums in Mexiko in einer Migrant*innenherberge half er bei einer Geburt, später startete er in Kolumbien einen spanischsprachigen Podcast über Migration. Seit Sommer 2024 schreibt er für “kohero”, ein interkulturelles Hamburger Stadtmagazin. Den Artikel über Eiscreme schreibt er morgen. Ganz bestimmt. (Kürzel: hmh)

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