Es sind die Autorin Hannah Lesch und das Cover des Kinder-Buches
Hannah Lesch und ihre Co-Autorin wollen Kindern Mut machen, KI reflektiert zu nutzen. Foto; Lukas Whyte, Illustration: Ravensburger

Mit künstlicher Intelligenz kommen Kinder heute schon in ihrem Alltag in Berührung. FINK.HAMBURG spricht mit Hannah Lesch, Kinderbuchautorin, darüber, welche Chancen und Risiken damit einhergehen – und wie Schulen mit dieser Entwicklung Schritt halten können.

Das Buch “KI und Du” (für Kinder ab zehn Jahren, Ravensburger Verlag, 92 Seiten, 14,99 Euro) ist im September 2025 erschienen. Eine KI in Form eines Roboters führt gemeinsam mit zwei Kindern durch das Buch und erklärt, was künstliche Intelligenz kann und darf. Die Wissenschaftsjournalistin Hannah Lesch und die Informatikerin Dr. Diana Knodel sind die Autorinnen des Buches. Im Interview mit FINK.HAMBURG erzählt Hannah Lesch, die ebenfalls den Masterstudiengang Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg studiert hat, warum es wichtig ist, schon Kinder mit Künstlicher Intelligenz vertraut zu machen.

FINK.HAMBURG: Warum habt ihr euch für den Titel „KI und Du” entschieden? 

Hannah Lesch: Kinder personifizieren KI schnell, etwa wenn sie in einem Gegenstand auftritt. Beispiele hierfür sind, wie die Kinder mit dem Sprachassistenten Alexa interagieren oder mit Chatbots umgehen, die eine Stimme und ein Gesicht haben. Deshalb entstand die Idee, genau darüber zu sprechen. Es geht darum, eine Brücke zu bauen und zu sagen: Hier kannst du KI erkunden und ihr – also die KI und Du – seid euch ein Stück weit gleichgestellt, ebenbürtig und auf Augenhöhe. Das ist auch der Anspruch unseres Buches. 

Wie viel Wissen über Künstliche Intelligenz kann man bei Kindern voraussetzen?

Ich arbeite ja unter anderem auch für die “Sendung mit der Maus”, und das ist genau unsere Zielgruppe. Ich habe mich gefragt: Wo gehen die Kinder jetzt gerade hin? Sie sind entweder in der Grundschule oder auf einer weiterführenden Schule. Sie wissen alle, was ein Smartphone ist, das man mit dem Gesicht entsperren kann. Da ist KI beteiligt, darüber können wir auf jeden Fall sprechen.

Welche Fragen stellen sich Kinder denn bezogen auf KI?

Wir haben keine Kinderumfrage für dieses Buch gemacht. Ich kann nur aus meinem persönlichen Umfeld sagen, dass ich merke, die ganz großen Fragen sind: Woher weiß die das eigentlich? Wieso ist da so ein Kasten und der ist so schlau? Eine weitere Frage, die uns begegnet ist, lautet: Ist KI schlauer als wir? Und sollte uns das Angst machen? Was bedeutet das für uns? Ich glaube, da gibt es eine große Unsicherheit. Woher weiß ich denn, dass das kein Mensch ist? 

Das sind kluge Fragen. 

Ich denke, das ist für Kinder gerade total relevant, weil es plötzlich Dinge gibt, bei denen auch Erwachsene Fragezeichen in den Augen haben. Wir haben außerdem mit Christian Uhle gesprochen. Er ist Philosoph und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema KI und Freundschaft. Auch das ist etwas, das Kinder berührt und bewegt. Mit der KI kann man sich unterhalten, sie klingt fast wie ein Mensch, und je nachdem, welche Fragen man stellt, bekommt man sehr empathisch wirkende Antworten – auch wenn in diesem Kasten natürlich keine echte Empathie stecken kann.

Die dargestellten Daten stammen aus der aktuellen JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Für die Studie wurden bundesweit 1200 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren befragt. Die Erhebung erfolgte als repräsentative Befragung mittels Telefon- und Online-Interviews. Herausgeber der jährlich erscheinenden Studie sind die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK), die Medienanstalt Rheinland-Pfalz sowie der Südwestrundfunk (SWR).

Auf welche Herausforderungen seid ihr gestoßen? 

Das Buch ist in einer Zeit entstanden, in der KI erst so richtig Anlauf genommen hat. Wir haben Mitte 2024 angefangen zu schreiben. Da war ChatGPT überall und alle haben darüber gesprochen. Je weiter wir kamen, desto mehr hat sich der Diskurs verändert. Auf aktuelle Tools einzugehen, hat Vor- und Nachteile. Was damit möglich ist, wird in einem Jahr schon ganz anders sein als heute. Es war auf jeden Fall eine Herausforderung abzuschätzen, wie aktuell wir wirklich sein wollen und ab wann es zu schwer für die Kinder wird. 

Für welche Altersspanne habt ihr euch entschieden? 

Der Verlag empfiehlt das Buch ab zehn Jahren. Ich weiß aber auch, dass einige Bekannte es ihren Großeltern geschenkt haben. Gedacht war es aber für Kinder, die auf die weiterführende Schule gehen und entweder ein eigenes mobiles Endgerät haben oder zumindest mit den Eltern auf einem Tablet mitschauen können. Es gibt auch viele Mitmachübungen, die man sich anschauen kann, indem man einen QR-Code scannt. Das geht dann auch früher – ab sieben oder acht Jahren, wenn man das Buch begleitet liest. 

Wie ist Deine Einschätzung: Wie steht es um die aktuelle Medienkompetenz bei Kindern im Umgang mit KI ?

Die EU-Mitgliedstaaten haben am 21. Mai 2024 den AI-Act verabschiedet. Es ist das erste Mal weltweit, dass eine Regelung für künstliche Intelligenz festgelegt wurde. Die Mitgliedstaaten sind nun verpflichtet, die EU-Verordnung in ihrem eigenen Land geltend zu machen.

Ich denke, der EU-AI-Act bringt da jetzt viele in Zugzwang. Es muss Weiterbildung zum Thema geben, sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Kindern. Sie können miteinander und voneinander lernen. Das Spannende an diesem Thema ist, dass es eine riesige Chance sein kann. Ganz viele Schulen haben das schon verstanden. Deswegen ist es so wichtig, dass schon früh darüber gesprochen wird. Ich glaube, dass Kinder da total Lust drauf haben und viel lernen möchten. 

 Wird das Thema KI denn Kindern in Schulen ausreichend nähergebracht? 

Seit Corona hat sich schon viel verändert, aber da ist noch “Luft nach oben”. Technik ist einfach viel relevanter geworden und das nimmt jetzt durch KI-Anwendungen noch mal richtig Fahrt auf. Vor allem auch, weil jetzt Entscheidungen getroffen werden müssen: Welche Tools dürfen an Schulen genutzt werden? Wie gehen wir damit um? Wie ist das mit Hausaufgaben, mit Tests und Überprüfungen? Lehrer*innen merken zunehmend, dass Referate und Vorbereitungen vielleicht anders bewertet werden müssen. Es ist ja kaum nachprüfbar, ob Schüler*innen KI genutzt haben oder nicht.

Laut der JIM-Studie nutzen Kinder und Jugendliche Künstliche Intelligenz vor allem für die Schule, etwa für Hausaufgaben, zum Lernen, aber auch um sich allgemein zu informieren. Der Anteil derjenigen, die KI als Informationsquelle nutzen, stieg von 43 Prozent im Jahr 2024 auf 70 Prozent 2025.


Es gibt ja auch die Meinung, Kinder sollten die Finger von KI lassen. In eurem Buch gebt ihr aber zum Beispiel Tipps für gutes Prompting. Warum? 

Wir haben in Absprache mit unserer Lektorin darauf geachtet, dass das Buch kein Meinungsbuch wird. Wir wollten versuchen, ein Buch zu schreiben, das Fragen beantwortet. Zum Beispiel die Frage: Wie kann ich vernünftig mit KI reden? Oder: Wie bringt man KI dazu, das zu machen, was man möchte? Solche Fragen stellen sich Kinder auf jeden Fall.

Es gibt aber auch ein ganzes Kapitel zur Frage: Was darf KI – und was nicht? Da steckt wirklich viel Arbeit und Recherche drin, weil das richtig große Fragen sind, die auch uns Erwachsene fordern. Wo sollten Grenzen sein? Was sollte nicht erlaubt sein? Warum ist der Zugang zu KI so relevant? Wie wird das in Zukunft aussehen? All das, versuchen wir im Buch ohne Wertung zu beantworten. Wir sagen also nicht, was gut oder schlecht ist. Wir sehen das Buch als Werkzeug. Kinder sollten eine informierte Entscheidung treffen können, ob sie KI überhaupt nutzen wollen. Und sie sollen verstehen, worüber Erwachsene die ganze Zeit reden. 

Was wünscht du dir für die Zukunft? Wird es ein zweites Buch geben? 

Ich hätte total Lust, da noch weiter hinzuschauen, gerade weil KI das Leben von Kindern so stark verändert und weil natürlich auch ganz viel Gefahr darin steckt. Wir sprechen kurz darüber, wie Deepfakes funktionieren und was das für unsere Informationen und Nachrichten bedeutet. Das könnte man aber noch viel ausführlicher machen. Es gibt da viele Ebenen. Zum Beispiel die Einflussnahme auf Kinder durch Chatbots, in Online-Games und überall, wo Menschen mit nicht so guten Absichten KI einsetzen.

Das Buch selbst soll aber keine Angst machen, sondern Mut. Denn ich glaube, das ist das Einzige, was uns für die Zukunft wirklich hilft. Technologie wird bleiben. Kinder können sie nutzen, um daraus Stärke zu ziehen.

Hasset Tefera Alemu hasst Superlative. Skalen von eins bis zehn haben ihrer Meinung nach nur neun Skalenpunkte, und weil sie so viele Filme liebt, verrät sie ihren Lieblingsfilm nur ungern. Geboren 2001 in Stuttgart hat sie ihren Dialekt mittlerweile abgelegt. Grund dafür sind vermutlich die zehn Jahre ihrer Kindheit, die sie in Hessen verbrachte. Für das Studium der Publizistik und des Strafrechts zog Hasset nach Mainz. Beim Praktikum bei netzpolitik.org lernte sie zu erklären, was Open Source eigentlich bedeutet. In Hamburg hofft Hasset, endlich den einzig relevanten Superlativ zu finden: den besten Kaffee Deutschlands. Kürzel: hta

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