Junge Männer auf einem Fußballplatz. Sie posieren für das Mannschaftsfoto.
Mannschaftsfoto des FC St. Pauli aus dem Jahr 1916. Foto: Archiv FC St. Pauli-Museum

Der HSV und der FC St. Pauli prägen Hamburgs Fußballkultur. Neben dem Sport verbindet die Vereine jedoch auch ihre NS-Vergangenheit. Wie gehen der HSV und der FC St. Pauli heute mit diesem Kapitel der Vereinsgeschichte um?

„Das ist der letzte Stolperstein dieses Rundgangs“, sagt ein junger Mann und bleibt stehen. Es ist ein dunkler, kalter Tag Mitte November. Die Teilnehmenden des Rundgangs – darunter Fußballfans, Journalist*innen und Geschichtsinteressierte – rücken eng zusammen. Schulter an Schulter.  Zu einem Kreis um den Stolperstein. Mehrere Handylampen gehen an und lassen den Messingstein im Asphalt aufleuchten. Erst jetzt wird die Aufschrift lesbar: „Hier wohnte Fritz Harald Tachau, Jg. 1904. Gestapohaft. Deportiert. 1942, Auschwitz.“ 

Messingstein auf dem Bürgersteig. Blätter liegen auf dem Boden.
Stolperstein des HSV-Spielers Fritz Harald Tachau in Eimsbüttel. Foto: Paula Maria Coscia

Moritz Deitmar und Christian Büttner, die den Rundgang leiten, treten einen Schritt nach vorn. „Tachau war seit 1917 Mitglied im HSV und in den Sparten Leichtathletik und Hockey aktiv“, sagt Deitmar mit lauter Stimme. Im Hamburger Sportverein habe Tachau mehrere Auszeichnungen erhalten und sich über Jahre engagiert. Sechs Jahre lang habe er ehrenamtlich als Trainer gearbeitet. Doch 1930 endet Tachaus Vereinsgeschichte abrupt. Aufgrund von Diebstahlsvorwürfen habe er den HSV verlassen müssen, berichtet Deitmar. „1942 wurde Tachau nach Auschwitz deportiert, 1943 wurde er dort ermordet“, erzählt er. Danach sagt niemand etwas. 

Rundgänge des HSV und des FC St. Pauli

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage organisieren Initiativen, die sich um den Hamburger Sportverein (HSV) oder den FC St. Pauli gegründet haben, Rundgänge wie diesen, um die Vergangenheit der Vereine in der NS-Zeit aufzuarbeiten. Das FC St. Pauli-Museum und das Netzwerk Erinnerungsarbeit (Netz E) des HSV sind für die Erinnerungsarbeit der jeweiligen Vereine zuständig. Das Netz E ist ein Zusammenschluss von Fans und Mitarbeitenden des HSV, der 2016 gegründet wurde.

Mehrere Menschen stehen in einem Halbkreis in einem Park. Sie tragen Mäntel und Mützen. Ein Mann hält ein großes laminiertes Bild hoch. Die anderen Personen schauen auf das Bild in seiner Hand.
Moritz Deitmar und Christian Büttner leiten den HSV Rundgang. Foto: Paula Maria Coscia
Mehrere Menschen stehen um einen Stoplerstein auf einem Bürgersteig herum. Es sind nur ihre Beine zu sehen. Neben dem Stolperstein steht eine Grabkerze. Daneben liegt eine weiße Rose.
Während des Rundgangs halten sie bei Stoplpersteinen von Vereinsmitgliedern. Foto: Paula Maria Coscia

Sowohl den HSV als auch den FC St. Pauli gab es bereits in der NS-Zeit. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Jahre 1933 setzte eine schnelle und umfassende Gleichschaltung des Sports ein. Jugendspieler mussten beispielsweise Mitglied der Hitlerjugend sein und die Vereine wurden gezwungen sogenannte Einheitssatzungen annehmen, in denen das „Führerprinzip” galt. Es wurden diktatorische Vereinsstrukturen geschaffen, die sich an den Interessen Hitlers orientierten. Ein Großteil der bürgerlichen Vereine nahm diese Entwicklungen ohne zu zögern an, schreibt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in einem Katalog zum Thema. Weiter heißt es, dass ab 1938 jüdische Vereine von den Nationalsozialisten aufgelöst worden seien.

Aufarbeitung bis heute relevant

Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist bis heute relevant. Das zeigt ein aktueller Fall: der Umgang mit der Fan-Hymne „Das Herz von St. Pauli“. Wissenschaftliche Recherchen des FC St. Pauli-Museums ergaben, dass Liedtexter Josef Ollig für eine „republikfeindliche Hamburger Zeitung tätig war, die ab 1930 offen die NSDAP unterstützte”, heißt es im Gutachten. Und weiter: Ollig habe „sowohl vor dem Krieg als auch als Kriegsberichterstatter” das NS-System unterstützt. Die Konsequenz: Das Lied wird seit Februar 2025 nicht mehr im Stadion gespielt.

Das FC St. Pauli-Museum plant weitere Ausstellungen und Initiativen. Doch nicht allen gefällt die Aufarbeitungsarbeit, die das FC St. Pauli-Museum unternimmt. „Weil viele immer noch glauben, gerade in Deutschland, das könnte dem Ruf des Vereins schaden, wenn man das aufarbeitet”, sagt Radke. Dabei schade es laut ihm dem Ruf eines Vereins, wenn man sich dieser Aufarbeitung versperre. In der Satzung des FC St. Pauli stehe sogar, dass der Verein ein forschendes Museum hat. Das klingt jetzt wie eine Drohung, aber solange uns niemand auffällt, forschen wir weiter”, sagt Christopher Radke, Mitarbeiter des FC St. Pauli-Museums.

Späte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit 

Nach 1945 herrschte innerhalb der deutschen Gesellschaft großes Stillschweigen über den Nationalsozialismus. Erst 52 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich der FC St. Pauli mit seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus auseinandergesetzt, so Christopher Radke. 

Laut Patrick Gensing, Pressesprecher des FC St. Pauli, habe sich der Verein über viele Jahrzehnte als weitgehend unpolitisch verstanden. „Entsprechend wurde die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit lange Zeit offenbar nicht gesehen”, sagt Gensing. Umso wichtiger sei es, diesen Prozess nicht nur nachzuholen, sondern ihn als dauerhaft fortlaufend zu begreifen.

An einer schwarzen Wand hängen untereinander zwei kleine Bilder. Das obere Bild zeigt ein Verinshaus. Das untere Bild zeigt drei junge Fußballspieler, die den Hitlergruß machen.
Infotafel in der Ausstellung des St.Pauli Museums. Foto: Paula Maria Coscia

Der Autor René Martens machte die NSDAP-Mitgliedschaft des ehemaligen Vereinspräsidenten Wilhelm Koch öffentlich. Das Stadion des FC St. Pauli wurde 1970 noch zu seinen Ehren in „Wilhelm-Koch-Stadion” umbenannt. Nach der Veröffentlichung von Martens Buch beantragten Vereinsmitglieder 1997 eine Rückbenennung des Stadions. „Das führte zu großen Kämpfen im Verein“, sagt Christopher Radke. „Rückblickend zeigt sich jedoch, dass vermeintlich unumstößliche Gegebenheiten sich relativ schnell normalisieren können”, sagt Gensing vom FC St. Pauli. Das Stadion heißt seit dem 30. Oktober 1998 nun wieder Millerntor-Stadion.  

Beim HSV begann die aktive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst im Jahr 2007. Den Grundstein setzte die Eröffnung der Ausstellung „Die Raute unterm Hakenkreuz“, erzählt Büttner. Ein Beispiel über das gesellschaftliche Stillschweigen: der ehemalige HSV-Spieler und verurteilte NS-Verbrecher Otto Harder, der 1952 immer noch als Vereinsmitglied des HSV geschätzt wurde. Anlässlich seines Todes im Jahr 1956 wurde sein Sarg mit einer großen HSV-Fahne geschmückt, so Deitmar vom Netz E. 

Versäumnisse der Vergangenheit  

Der Beschluss aus dem Jahr 1933 zum „Ausschluss jüdischer Mitglieder” wurde vom HSV erst 2010 offiziell zurückgenommen, so Büttner. Cornelius Göbel, Direktor für Fans, Kultur und Nachhaltigkeit beim HSV, erklärt, dass insbesondere die Aufarbeitung der zivilen NS-Mittäterschaft erst Ende der 1990er Jahre begonnen habe, der HSV sei keine Ausnahme. 

Der Verein möchte „sich transparent und verantwortungsbewusst auch mit den Versäumnissen der Vergangenheit und den Aufgaben der Gegenwart und Zukunft beschäftigen”, so Göbel. Der HSV beschäftige heute mehrere Mitarbeitende im Fachgebiet Erinnerungsarbeit. “Der Kampf gegen Antisemitismus steht dabei im Zentrum der Bemühungen, wobei wir uns der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (kurz IHRA) verpflichtet sehen”, sagt Göbel. Diese beschreibt sich als “zwischenstaatliche Organisation, die sich ausschließlich mit den aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Holocaust und dem Völkermord an den Roma befasst”.

Wie Fußball Erinnerungskultur vermittelt  

„Fußball ist ein extrem gutes Mittel für die Vermittlung von Inhalten, weil die Leute sich eben für ihren Verein interessieren“, sagt Radke. Das FC St. Pauli-Museum am Millerntor sei laut Pressesprecher Gensing eigenständig organisiert, um unabhängig forschen und arbeiten zu können. „Gleichzeitig gibt es eine enge und sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit”, sagt er. Das Museum veranstaltet immer wieder Ausstellungen über die NS-Zeit und bietet die Rundgänge beispielsweise im Rahmen der Jüdischen Kulturtage an. „Wir versuchen auch immer wieder antirassistische, antifaschistische Bildungsarbeit zu leisten, indem wir die Vorträge kostenlos anbieten“, sagt Radke. Für 2026 sei eine Ausstellung über Täternetzwerke im FC St. Pauli nach 1945 geplant.

Ein Mann lächelt in die Kamera. Im Hintergrund eine rote Wand mit dem FC St. Pauli Totenkopf. Rechts davon eine Tür, die mit vielen Stickern beklebt ist.
Christopher Radke ist Mitarbeiter des FC St. Pauli-Museums. Foto: Katharina Schöndorfer

Die Arbeit des Netz E wurde 2022 mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird vom DFB seit dem Jahr 2005 an Institutionen, Einzelpersonen und Vereine für ihr Engagement gegen Diskriminierung und Antisemitismus vergeben. 

Der Preis ist benannt nach dem jüdischen Sportler Julius Hirsch, der vor dem ersten Weltkrieg Mitglied in der deutschen Nationalmannschaft war. 1943 wurde Julius Hirsch nach Auschwitz deportiert, so die Gedenkstätte Yad Vashem. 

Zwei Männer stehen vor einem Fußballplatz. Es liegt Schnee im Hintergrund.
Moritz Deitmar (links) und Christian Büttner (rechts) vom Netz E. Foto: Moritz Deitmar/Christian Büttner

Neben Moritz Deitmar engagiert sich auch Christian Büttner im Netz E. Büttner sieht in dem Engagement die Möglichkeit, auch Leute zu erreichen, „die sich nicht unbedingt in der gleichen Bubble bewegen”, sagt er. Auch Moritz Deitmar findet, dass man durch den Fußballkontext eine gute Möglichkeit hat „gesellschaftlich etwas zu bewirken”. Auch andere Fußballvereine – wie beispielsweise der FC Bayern München – arbeiten ihre NS-Vergangenheit durch verschiedene Ausstellungen und Projekte auf. Die Wanderausstellung „Der FC Bayern München im Nationalsozialismus. Opfer, Mitläufer, Täter“ porträtiert sieben ehemalige Biografien der Mitglieder des Vereins. 

„Max Kulig – ein jüdischer Sportler und Arzt aus St. Pauli.“

Entlang der grauen Betonwände des St. Pauli-Museums hängen große Tafeln.  Verwinkelte Gänge führen die Besucher*innen vorbei an Bildern und Texten, die das Vereinsleben und seine Geschichte während der NS-Zeit dokumentieren. Ein Schwarz-Weiß-Porträt sticht besonders hervor: ein junger Mann mit kurzen Haaren, hellen Augen, im Anzug und mit Krawatte. Sein Blick wirkt konzentriert und souverän.

Ein Portraitfoto von einem jungen Mann in schwarz-weiß. Darüber der Schriftzug Fußball. Flucht. Exil. Max Kulig – ein jüdischer Sportler und Arzt aus St. Pauli.
Sonderausstellung im FC St. Pauli-Museum über Max Kulig. Foto: Katharina Schöndorfer

Das FC St. Pauli-Museum rekonstruierte Max Kuligs Biografie mit Hilfe von Archivmaterial, Zeitungen, Briefen und privaten Aufzeichnungen. Das Ergebnis  wurde im Katalog “Fußball. Flucht. Exil. Max Kulig – ein jüdischer Sportler und Arzt aus St. Pauli” zusätzlich zu der Sonderausstellung im FC. St. Pauli Museum im Sommer 2023 veröffentlicht. Den Recherchen zufolge sei Max Kulig 1898 im Hamburger Stadtteil St. Pauli geboren. 

Schon als Jugendlicher sei er der Fußballabteilung des FC St. Pauli beigetreten. Später habe er Medizin studiert und als Arzt gearbeitet. Nach einem Wechsel zum Eimsbütteler TV habe er den Verein 1934 aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung verlassen müssen und habe sich der jüdischen Sportgruppe Schild angeschlossen, so die Ergebnisse der Recherchen.   

Am 4. Februar 1938 sei Kulig von der Gestapo festgenommen worden und für wenige Tage ins KZ-Fuhlsbüttel gebracht worden. 1941 sei er nach New York geflohen – und dort im Alter von 61 Jahren verstorben.

Stolperstein-Partnerschaften 

Zur Erinnerungsarbeit des FC St. Pauli-Museums gehören auch Stolperstein-Patenschaften: Sechs Stolpersteine erinnern seit 2024 an jüdische Sportler und ihre Familien. Vier Steine wurden für den Fußballer Selig Cahn und seine Familie in der Brüderstraße verlegt. Zwei weitere in der Simon-von-Utrecht-Straße für den Hamburger Sportpionier Arthur Mannheimer und seine Schwester Gertrud. Auch für ehemalige Sportler*innen des HSV wurden in Hamburg Stolpersteine verlegt. 

Erinnern heißt handeln 

Jedes Jahr zum Holocaustgedenktag, am 27. Januar, erinnern der HSV in Kooperation mit dem Netz E und der FC St. Pauli gemeinsam mit dem FC St. Pauli-Museum an die Schicksale der Opfer des NS-Regimes. Anlässlich des Gedenktages schreibt der FC St. Pauli: „Sie waren Sportler*innen, Funktionäre, Freunde – sie waren Menschen!” und auch der HSV äußert sich: „Denn ‘Nie wieder’ ist jetzt und Erinnern heißt handeln, damals wie heute.”

Paula Maria Coscia, Jahrgang 2000, kocht laut ihrer Freunde die beste Bolognese. Sellerie, Rotwein und (ihre italienischen) Wurzeln sind ihr Geheimnis. Passend zu ihrer Leidenschaft für Kulinarik berichtete sie als Videojournalistin für Sat 1 über die Torten einer familiengeführten Konditorei. Als sie 2019 in Hong Kong vor gewalttätigen Auseinandersetzungen fliehen musste, versteckte sie sich bei McDonalds. Dieses Erlebnis hat sie nicht davon abgeschreckt, die Welt weiter entdecken und darüber berichten zu wollen. Erst einmal geht sie nach Hamburg – nicht weit von ihrer Heimatstadt Kiel, wo sie Deutsch und Philosophie studierte. Kürzel: cos

Vorträge über jüdisches Leben, Podcast- und Fernsehauftritte in der “Tagesschau” sowie Shakehands mit Robert Habeck – Alltag für Rebecca Vaneeva, Jahrgang 2001. Ihre jüdischen Wurzeln spielen für Rebecca eine große Rolle, daher ist die gebürtige Hamburgerin auch Vorsitzende in einem jüdischen Studierendenverband. Wenn sie mal nicht ehrenamtlich unterwegs ist, liest Rebecca die Thesen von Pierre Bourdieu, singt die Songs ihres Lieblings-„Friends“-Charakters Phoebe oder backt ihre berühmten Hefe-Zöpfe. Nach einem Studium in Sozialökonomie und Erfahrungen vor der Kamera wagt Rebecca jetzt den Blick hinter die Kulissen des Journalismus – die perfekte Gelegenheit, um den Kontakt zu Robert Habeck aufzufrischen.
Kürzel: rev

Katharina Schöndorfer, Jahrgang 2000, servierte nach dem Abitur Bier und Brezn im Dirndl – in einem bayerischen Wirtshaus mitten in Melbourne. Als Kind überlegte Kathi als Astronautin zum Mond zu fliegen, bis sie merkte, dass Physik nicht ganz ihre Umlaufbahn ist. Heute will sie Journalistin werden. Sie studierte Journalistik, Strategische Kommunikation und Politikwissenschaft in Passau. Im Studium gelang Kathi ihr erster journalistischer Pitch an PULS zum Thema Nacktheit. Die BR-Redaktion kaufte ihr und ihrer Studienkollegin die Themenidee für die PULS Reportage “7 Tage nackt” ab. Nach ihrem Auslandssemester in Estland absolvierte sie Praktika beim BR und dem Münchner Radiosender Gong 96.3. Einen Podcast auf Estnisch? Parem mitte (Besser nicht). Kürzel: kat

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