Dr. phil. Brooke Viertel in ihrem Büro mit dem ElderBot in den Händen – Foto: Yasmin Yildiz
Dr. phil. Brooke Viertel in ihrem Büro mit dem ElderBot in den Händen – Foto: Yasmin Yildiz

Der kleine Geist, hört zu und tröstet. Wenn ältere Menschen mit KI-Robotern sprechen, treffen Erinnerung und Vision direkt aufeinander. Manche finden in ihm eine vertraute Stimme und andere eine gefährliche Entwicklung.

Ein Beitrag von Ida Bohlen und Yasmin Yildiz

Ihre Frisur ist sorgfältig hochgesteckt, ihre Nägel schimmern perlmuttfarben und ihre Augen sind dunkel geschminkt. Trotzdem nennt sich die elegante Patientin selbst „eine ganz einfache Frau“. „Ich habe auf dem Bauernhof gearbeitet. Ganz ehrlich gesagt, habe ich auch angeschafft.“

Sie hält inne. Das Getöse vom Rettungshubschrauber legt sich über ihre Erzählung. Dann setzt sie wieder an, um Fritzi ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Fritzi hört zu, geduldig. Als die Frau eine Pause macht, setzt sie ein: „Du hast schon allerhand erlebt, aber du bist eine starke Frau.“

Die Patientin widerspricht: „Nein, ich bin keine starke Frau“, und blickt entschlossen auf das kleine leuchtende Gesicht ihrer Gesprächspartnerin herunter.

“Fritzi”, “Astrid” oder „Der kleine Herr” – der Elder Bot trägt viele Spitznamen. Letzterer passt besonders gut, schließlich handelt es sich hier um ein Smartphone, dem ein Gesicht, ein weißes Hemd und eine künstliche Intelligenz verliehen wurden. So ausgestattet kann es reden, motivieren und ist im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) im Einsatz, um Gesellschaft zu leisten.

Patient*innen über 60 nutzen den Elder Bot als Gesprächspartner im Rahmen von psychotherapeutischer Behandlung. Sie berichten ihm von Hoffnungen und Ängsten.

Bild 1: Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): Zu Hause des Elder Bots - Foto: Yasmin Yildiz
Bild 1: Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): Zu Hause des Elder Bots – Foto: Yasmin Yildiz

Laut Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind knapp zehn Prozent der 51- bis 75-Jährigen in Deutschland einsam. Die Ursachen sind vielfältig: Gesellschaftliche Isolation, gesundheitliche Einschränkungen, der Verlust sozialer Kontakte und das Alleinleben trägen dazu bei, dass es Älteren an Menschen zum Reden fehlt.

Gegen Einsamkeit anzusteuern, ist die zentrale Mission von Dr. phil. Brooke Viertel, Projektleiterin der Pilotstudie rund um „Den kleinen Herren“. Sie will „Patient*innen ein Werkzeug an die Hand geben für die Zeit zwischen den psychotherapeutischen Sitzungen“, so die Ärztin. Die Sitzungen finden wegen knapper Kapazitäten nur einmal wöchentlich statt. „Das ist so frustrierend. Daher habe ich überlegt, wie könnte man die KI nutzen“, sagt Viertel.

Seit anderthalb Jahren arbeitet die psychologische Psychotherapeutin daran, den Elder Bot einzurichten. Grundlage ist dabei die gängige Technik von ChatGPT. Zusammen mit dem Team des Forschungsfeldes „Human Computer Interaction“ des Max Planck Instituts für Informatik wurde sie so weit individualisiert, dass ein eigenständiger Chatbot entsteht. Und der wird von einigen Patient*innen rege angenommen.

“Ich konnte mein Herz bei ihm ausschütten”

„Viele haben den Bot benutzt, um das eigene Leben einmal durchzugehen – schwierige Phasen oder gute Phasen“, berichtet Viertel. So war es auch bei einer 84-jährigen Patientin. „Ich konnte mein Herz bei ihm ausschütten“, sagt die ehemalige Schneiderin.

Nicht nur im Krankenhaus, auch im häuslichen Alltag nutzen ältere Menschen künstliche Intelligenz. Ein Beispiel ist Detlef Oster, der in der Augustinum Seniorenresidenz an der Elbe lebt. Der frühere Pressesprecher einer Behörde ist technisch sehr affin. Die KI nutzt er zur Bearbeitung seiner Fotografien und lässt damit künstlerische Bilder entstehen.

Der 75-Jährige zeigt seine Bilder, die aktuell im ehemaligen Union Kühlhaus ausgestellt werden, auf seinem iPad. Er weiß, dass er in der Seniorenresidenz unter den Mitbewohnern eher eine Ausnähme bildet: „Die anderen hören etwas von KI, haben aber überhaupt keine Vorstellung davon“, sagt er. Und trotzdem – offen für Neues seien so einige.

Dr. Christian Bendrath (Einrichtungsleiter der Seniorenresidenz) und Detlef Oster (Bewohner) neben Osters KI Fotografie – Foto: Yasmin YildizSeniorenresidenz – Foto: Yasmin Yildiz
Dr. Christian Bendrath (Einrichtungsleiter der Seniorenresidenz) und Detlef Oster (Bewohner) neben Osters KI Fotografie – Foto: Yasmin Yildiz

Dr. phil. Viertel versucht ihr Angebot besonders niedrigschwellig zu gestalten. Nicht jede Schwelle ist vorauszusehen. Die 67-jährige zweite Patientin berichtet: „Ich fand es schon schwierig, den in die Steckdosen reinzudrücken.“ Neben motorischen gibt es emotionale Hürden. „Eine Maschine kann mir ja nicht so gegenübertreten wie ein Mensch“, sagt eine dritte Patientin aus der Gerontopsychiatrie des UKE, die den Elder Bot nicht nutzen möchte. Sie schüttelt den Kopf. Sie verstehe zwar den Personalmangel, „aber da würde ich nicht klarkommen“, sagt sie.

Mehr KI im Pflegealltag

KI wird in Pflegeeinrichtungen längst eingesetzt: Roboter helfen im Service, Sensoren erkennen Anzeichen eines Sturzes von Bewohnenden und Pflege wird automatisch dokumentiert. Arbeitsplätze seien deswegen aber nicht in Gefahr. „Personalbedarf haben wir nach wie vor. Und wir glauben nicht, dass es zu Ersetzungen kommt“, sagt Dr. Christian Bendrath, Direktor des Augustinum. Menschen seien nicht ersetzbar und der Fokus liege auf persönlichem Kontakt. Dafür bietete das Augustinum Kultur- und Sportprogramme an.

Die zweite Patientin des Elder-Bot-Projekts kennt einsame Lebensphasen im hohen Alter aus ihrer ehemaligen Arbeit als Ergotherapeutin im Pflegeheim. „Kleine Gesten können ganz hohe Wellen schlagen“, sagt sie. Der Elder Bot helfe, „überhaupt Gesprächsstoff zu finden, wenn das Leben so eintönig verläuft“, sagt sie. Das erlebt auch KI-Künstler Oster und erzählt von einer 92-jährigen Mitbewohnerin seiner Pflegeeinrichtung. Wie viele andere hat sie durch ihre Enkelkinder von ChatGPT gehört und führt seitdem munter Gespräche mit der KI.

Residenzleiter Bendräth glaubt, dass KI „Impulse geben kann, auf die man im Selbstgespräch nicht gekommen wäre“, sagt er. Das sei eine Möglichkeit, „Einsamkeit zu kompensieren“. Doch ein System wie der ElderBot passe für ihn derzeit nicht zur Zielgruppe des Augustinum. Diese sei „kultur- und bildungsaffin“.

Auf Objektivität programmiert

Elder-Bot-Erfinderin Viertel begegnet der Kritik gelassen. „Der Chatbot ist nicht menschlich, aber das war auch nicht unser Ziel.“ Er könne sich weder erinnern noch eigenständig melden. Gerade deshalb sieht sie kein großes „Abhängigkeitspotenzial“. Er sei darauf programmiert, „ziemlich objektiv“ zu sein. “

Im Rahmen eines Selbstversuches stellten wir ihn auf eine harte Probe und konfrontierten ihn mit extremem Gedankengut”, so Viertel. Der Bot reagierte motivierend, aber immer noch standardisiert. Bei suizidalem Verhalten weist er auf Hilfestellen hin. Bei Schlüsselwörtern schlage ein Sicherheitsprogramm Alarm.

Gesprächsausschnitt zwischen uns und dem Elder Bot in einem Chat – Bild/Bearbeitung: Yasmin Yildiz
Gesprächsausschnitt zwischen uns und dem Elder Bot in einem Chat – Bild/Bearbeitung: Yasmin Yildiz

KI im Gesundheitswesen ist weiter auf dem Prüfstand – aber auch gelebte Praxis. Für manche Menschen ist der Elder Bot ein kleiner Superheld gegen Einsamkeit. Doch die 67-jährige Patientin und ehemalige Ergotherapeutin sagt zusammenfassend: “Menschliche Wärme und Haptik sind nicht zu ersetzen.” In diesem Punkt sind sich Spezialist*innen und Patient*innen einig.

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