Ein Supermarkt in Barmbek schickt kleine intelligente Einkaufswägen zu seinen Kunden nach Hause. Lieferbots sind im Ausland schon lange im Einsatz. Wie kommt das Konzept in Hamburg an? Was passiert bei einem Unfall? Wir haben die Lieferbots verfolgt und die Projektleitung gesprochen.
Text und Fotos von Lucie Stachowitz und Luisa Kruse
Die Klappe klickt. Dann setzt er sich in Bewegung. Es surrt leise, während er einige Male vor- und zurückmanövriert. Dann verlässt er seinen Parkplatz. Er ruckelt über den Gehweg – hält an, blinkt, schlägt links ein und rollt über den Asphalt. Abrupt hält er inne. Eine Frau kommt ihm entgegen. Als ihr Blick sich vom Handy löst, schnellen ihre Augenbrauen hoch, und sie springt auf den Rand eines Beetes. Langsam, das Gefährt mit ihren Augen fixierend, bewegt sie sich an ihm vorbei. Er wartet. Als die Bahn frei ist, fährt der kleine Roboter weiter – seinem Ziel entgegen.
Technik aus den USA, Lebensmittel aus Barmbek
Was an eine Szene aus einem Science-Fiction-Film erinnert, ist seit diesem Oktober Realität auf Hamburgs Straßen – und auf den Gehwegen. Hier rollen Lieferroboter mit einer Höchstgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde durch die Stadt. Ihre Mission: Lebensmittel ausliefern. Hinter diesem Projekt steckt die Supermarktkette Rewe, für die aktuell drei Lieferbots im Einsatz sind. Die Technik dazu stammt von der US-amerikanischen Technologiefirma Starship.
Das Projekt ist das erste dieser Art in Deutschland – eine Innovation. Warum sich gerade Hamburg dafür eignet, kann uns der Smart-City-Index verraten. Dieser wird von dem Branchenverein Bitkom herausgegeben und vergleicht, wie digital deutsche Großstädte aufgestellt sind. Die Hafenstadt befindet sich dabei seit Jahren auf dem zweiten Platz. Besonders in den Kategorien Mobilität und IT steht Hamburg an der Spitze innerhalb Deutschlands. Im internationalen Vergleich, ausgehend vom Global Innovation Index des Deutschen Patent- und Markenamtes, liegt Deutschland nicht mal mehr unter den ersten zehn.

Als Beispiel hierfür eignen sich die Lieferroboter. Was als Innovation für Deutschland gesehen wird, ist international gesehen längst keine Neuheit mehr: „In anderen Ländern gehört es schon vielmehr zum ganz normalen Stadtbild.“ so Dana Eisler. Sie ist Innovationsmanagerin bei Rewe und begleitet dieses Projekt.
Neben Hamburg rollen die Roboter des Herstellers beispielsweise in Teilen der USA, Finnland und England über die Straßen. Dabei liefern sie nicht nur Bestellungen an Privatpersonen aus, sondern helfen auch als Transportmittel auf großen Industriegeländen.
Platz im Bauch für eine Bierkiste
Zurück nach Hamburg: Einkaufende können über eine App ihre Bestellung aufgeben. Angeboten werden frische und haltbare Lebensmittel, sowie Alkohol und Produkte des täglichen Bedarfs. Im Anschluss übernehmen Mitarbeitende die Kommissionierung der Bestellung und verstauen den Einkauf in dem Transportfach des Roboters. Dessen Fassungsvermögen entspricht in etwa einer Bierkiste. Nachdem der Bot beladen ist, verriegelt die Klappe und er macht sich auf die Reise zu den Kund*innen.
Auf einer digitalen Karte findet sich der Lieferbot mithilfe von GPS in seiner Nachbarschaft zurecht. Diese beschränkt sich auf zwei Kilometer rund um seine Stammfiliale im Holsteinischen Kamp. Der Lieferbot fährt nahezu autonom, das heißt größtenteils ohne manuelle Steuerung. Er nutzt künstliche Intelligenz (KI), um sich Verkehrssituationen anzupassen.
Infobox: Autonomes Fahren
Autonom kommt aus dem altgriechischen und bedeutet selbstständig. Autonomes Fahren bedeutet, dass ein Gefährt sich ohne menschlichen Eingriff während der Fahrt fortbewegen kann. Künstliche Intelligenz macht dies möglich, indem sie Objekte und ihre Umgebung erkennt und mögliche Gefahrensituationen einschätzen und auf sie reagieren kann. Im Fall der Lieferroboter wird ein selbstlernendes KI-System genutzt. Das bedeutet, dass der Lieferroboter durch seine Fahrten und Begegnungen kontinuierlich dazulernt. Zusätzlich steht ihnen ein Fernkontrollzentrum zur Seite, dass den Bots dabei hilft unbekannte Situationen und Gegenstände einordnen zu können, einen Lösungsansatz zu entwickeln und dies im Anschluss zu verinnerlichen. Aus diesem Grund stuft die Polizei Hamburg die Lieferbots nicht als vollständig autonom ein, da dort noch eine manuelle Instanz hinter steht.
Vor der Einführung in Barmbek stand für den Bot begleitetes Fahren in Eimsbüttel an. Genau wie bei Fahranfängern unter 18, die nur mit Begleitpersonen hinter dem Steuer sitzen dürfen, lernte der Roboter unter Aufsicht seine Umgebung kennen. Nach Aussage des Herstellers sind die Roboter zu 99 Prozent autonom, da diese „mit jeder Reise dazu lernen”. Um vollständig autonom fahren zu können, müssten die Bots jede Situation mindestens einmal erlebt haben, um diese einordnen zu können.
Auf sechs Rädern zwischen Menschen und Verkehr bahnt sich der Lieferbot seinen Weg zu den Kund*innen. 12 Kameras und das selbstlernende KI-System ermöglichen ihm auf seine Umgebung und Hindernisse zu reagieren. „Was ist eine Straße? Was ist eine Überquerung? Was ist eine Person? Was ist ein Fahrrad? Das sind Elemente, die der Roboter durchaus selber erkennen und womit er auch umgehen kann”, so Dana Eisler.
Den Autos die Vorfahrt lassen
Der Roboter fährt defensiv, das heißt: Wenn Passant*innen seinen Weg kreuzen, hält er an und wartet. Überquert er eine Straße und es kommt doch ein Auto, nutzt er den sichersten Weg. Das kann bedeuten, dass er rückwärtsfährt und dem Auto die Vorfahrt lässt.

Wenn er in eine Situation gerät, für die er noch keinen Ausweg erlernt hat, meldet er sich bei dem Fernkontrollzentrum. „Das sind Mitarbeitende von Starship, die als Piloten im Hintergrund sitzen,” sagt Dana Eisler. Der Lieferbot funkt um Hilfe: „Hallo, ich kann meinen Weg nicht fahren. Was tun wir jetzt?” Die Pilot*innen greifen daraufhin ein und helfen dem Bot aus der Situation.
Während sich einige Passant*innen nach dem kleinen Roboter umdrehen, scheint dieser für andere bereits zur Nachbarschaft zu gehören. Dies entspricht dem Feedback, von dem Dana Eisler berichtet: „Wir haben viel Zuspruch von Familien, bei denen die Kinder ganz explizit fordern, dass die Roboter wiederkommen. Da kriegen wir ganz, ganz liebe E-Mails, in denen sich Eltern bedanken – ihre Kinder freuen sich jetzt immer, wenn die Roboter kommen und reden teilweise schon von ihren Robotern”.
Protest gegen Lieferbots in Chicago
Trotz der bislang positiven Rückmeldungen zu den Lieferbots in Hamburg: Im November berichtet CBS News von Anwohnenden aus Chicago, die gegen den Einsatz von Lieferrobotern protestieren. Die Petition „Gehwege sind für Menschen, nicht Lieferroboter” (übersetzt: “sidewalks are for humans, not delivery robots”) wurde nach eigener Auskunft mehr als 3000 Mal unterzeichnet. Ein Anliegen dieser Menschen ist ihre Sicherheit im Alltag. So soll ein junger Mann von der Fahne eines Lieferroboters am Auge verletzt worden sein, während dieser auf dem Gehweg unterwegs war.
In Hamburg hingegen seien Kollisionen der Polizei und dem Projektteam bisher nicht zugetragen worden. Auch Vandalismus und Diebstahl seien nicht vorgefallen. „Ich würde grundsätzlich sagen, dass es auch durchaus anstrengend sein könnte, zu versuchen, einen Roboter zu entwenden, die wiegen ungefähr 38 Kilo leer. Und das muss man erst mal wegbewegen“, sagt Dana Eisler und lacht.
Doch, dass dies nicht ganz unwahrscheinlich ist, zeigt ein Beispiel aus den USA. Hier versuchen zwei Personen einen Lieferroboter zu entführen und in einen Transporter zu verstauen. Der Roboter springt waghalsig von der Laderampe und flüchtet. Der gesamte Vorfall wird durch seine Kameras aufgezeichnet, im Anschluss ausgewertet und strafrechtlich verfolgt. Ob uns solche Konflikte in Zukunft erreichen werden, bleibt abzuwarten.
Mit leerem Bauch zurück in den Supermarkt
Der Lieferbot erreicht sein Ziel. Bei Ankunft erscheint ein Hinweis auf dem Handy der Kund*innen. Bis zu zehn Minuten wartet der Bot vor der Haustür. Über die App entriegeln die Kund*innen das Schloss und können ihren Einkauf entnehmen. Nachdem der Roboter den Einkauf erfolgreich ausgeliefert hat, verabschiedet er sich und sagt: „Vielen Dank und auf Wiedersehen.“
Mit einem leeren Transportfach rollt der Roboter wieder nach Hause. Vorbei an einem Hund, der den Bot mit seinen Augen fixiert, während dieser ruckelnd auf seinen Parkplatz fährt. Er manövriert ein paar Mal vor und zurück bis er seinen Stammplatz erreicht hat. Dann leuchten seine Lichter kurz auf – Mission erfüllt.






