Der in Hamburg lebende Mahbob ist vor zehn Jahren aus Syrien über das Mittelmeer nach Deutschland geflüchtet. Der damals 19-Jährige sah keine Zukunft für sich. Jetzt war Mahbob zum ersten Mal wieder in seiner Heimatstadt. Er hat FINK.HAMBURG von seinen Eindrücken erzählt.

Mahbob ist seit zehn Jahren in Deutschland. Er ist 29 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Töchter. Sein Abitur hat er in Syrien gemacht. In Deutschland hat Mahbob eine Ausbildung als Fachinformatiker gemacht und arbeitet inzwischen als Softwareentwickler. Nebenbei macht er ein Fernstudium im Digital Engineering.

FINK.HAMBURG: Warum bist du aus Syrien geflüchtet?

Mahbob Alhoussen: In Deir ez-Zor, der Stadt, in der ich gelebt habe, war Krieg. Die Stadt liegt im Osten des Landes an der Grenze zum Irak. Der IS war da. Ich bin noch sechs Monate lang dort geblieben, aber die Situation hat sich nicht verbessert. Dann habe ich mich dazu entschieden, Syrien zu verlassen. Ich war 19 und wollte weiter studieren. Meine Eltern wollten auch, dass ich das Land verlasse, weil der IS angefangen hatte, die jungen Leute zu zwingen, mit ihnen zu kämpfen. 

Der „Islamische Staat“ (IS) hat das Ziel, ein sogenanntes Kalifat aufzubauen. Unter einem Kalifat versteht man laut Bundeszentrale für politische Bildung eine Staatsform, bei der eine Person sowohl die weltliche als auch die geistliche Führung übernimmt und sich dabei vollständig auf den islamischen Glauben stützt. In seiner Hochphase war er vor allem in Syrien und im Irak aktiv. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen stuft den IS als terroristische Vereinigung ein. Alle führenden muslimischen Geistlichen sprechen sich gegen ein IS-Kalifat aus. Das Institute for the Study of War verzeichnete in Syrien zwischen dem 28. November und dem 9. Dezember 2025 sechs Anschläge, zu denen sich der IS bekannt hat.

Kannst du uns von deiner Flucht erzählen?

Ich bin mit meinen Cousins geflüchtet, wir waren zu viert. Wir haben über Bekannte einen Schleuser kontaktiert und sind nach Bodrum in die Türkei gefahren. Von dort sind wir illegal mit dem Schlauchboot nach Griechenland gefahren. Wir haben es insgesamt vier Mal versucht. Beim ersten Versuch ist das Boot kaputtgegangen. Im Boot saßen über 30 Menschen. Zum Glück waren wir nicht so weit entfernt und die Wellen haben uns zurück zum Strand gebracht. Gott sei Dank ist da keiner gestorben. Wir wussten, der Versuch ist lebensgefährlich. Aber da die Situation in unserer Heimat so schlimm war, haben wir uns entschieden, es nochmal zu versuchen.

Eine Karte auf der die Fluchtroute eingezeichnet ist, die Mahbob beschreibt.

Beim zweiten Versuch wurden wir von der türkischen Polizei erwischt. Wir haben trotzdem nicht aufgegeben. Der dritte Versuch hat auch nicht geklappt. Beim vierten Mal haben wir es über die griechische Grenze geschafft. Wir haben versucht, nach Albanien zu kommen. Das hat nicht geklappt. Dann sind wir über Mazedonien gegangen, auch mit einem Schleuser. Weiter ging es mit LKW bis an die serbische Grenze. Von Serbien sind wir zu Fuß über die ungarische Grenze gegangen. In Ungarn haben wir jemanden gefunden, der uns mit dem Auto über Österreich bis Passau gebracht hat. Von Passau sind wir nach Hamburg gekommen. Und hier haben wir uns gemeldet und wurden registriert.

Wie lange hat deine Flucht insgesamt gedauert und wann bist du in Hamburg angekommen?

35 Tage. Am 14. Mai 2015 war ich in Hamburg. 

Wie war es dann, Anschluss zu finden in Deutschland?

Am Anfang war es schwer. Wir waren meist nur im Flüchtlingslager in Harburg. Mein Plan war es zu studieren, deswegen habe ich selbst angefangen Deutsch zu lernen. Dann habe ich geguckt, wo es Aktionen gibt, um Leute zu treffen. Aber die ersten sechs Monate waren nicht einfach, weil ich keinen Aufenthaltstitel hatte. Man darf nicht arbeiten, keinen Sprachkurs besuchen, man darf nichts. Inzwischen habe ich die deutsche und syrische Staatsangehörigkeit. 

Was hat dir geholfen, Menschen kennenzulernen?

Die Arbeit. Als ich meine Ausbildung als Fachinformatiker angefangen habe und die Sprache richtig üben konnte. In meiner Firma gab es auch Betriebssport. Da habe ich mich angemeldet, um Leute kennenzulernen. Außerdem habe ich meine Frau kennengelernt. Sie ist Deutsche. Das hat mir auch geholfen, schneller Deutsch zu lernen. 

Machst du manchmal schlechte Erfahrungen hier in Deutschland? Begegnen die Menschen mit Vorurteilen?

Nicht wirklich.

Du warst vor kurzem in Syrien. Wie war das für dich?

Das war mein erster Besuch nach zehn Jahren. Es war ein komisches Gefühl. Ich habe nie damit gerechnet, dass ich jemals nach Syrien zurückkehre, weil die Situation in den letzten Jahren so schlimm war, dass man fast die Hoffnung verloren hat, dass sich was ändert. Aber ich war sehr glücklich, die Leute wieder zu sehen: alte Schulfreunde und meine Familie, die dort ist.

War es so, wie du es in Erinnerung hattest?

Die Infrastruktur war schlecht. Aber als ich zuletzt da war, also bevor ich geflüchtet bin, war der IS da, und da hatten die Leute keinen Strom, kein Trinkwasser, kein Internet. Es gab keine Arbeit. Jetzt nutzen die Menschen Solarstrom, sie leben fast autark. Denn es gibt zwar Strom von der Stadt, aber nur ein paar Stunden am Tag. Trinkwasser kaufen die Leute und zum Waschen benutzen sie Wasser vom Brunnen. Die Menschen versuchen, wieder etwas aufzubauen. 

Warum war es dir wichtig, jetzt nochmal nach Syrien zurückzukehren?

Ich wollte meine Familie besuchen und ich habe den Ort vermisst, an dem ich meine Kindheit verbracht habe.

In Deutschland wurde jetzt viel darüber gesprochen, dass sich die Situation in Syrien verändert hat. Wie nimmst du diese Debatte wahr? Wenn Politiker sagen, es gibt keinen Grund mehr, dass Syrer*innen in Asyl gewährt wird?

Ich kann verstehen, dass die Syrer zurückgehen sollen, um das Land aufzubauen. Die Syrer, die hier in Deutschland sind, haben sehr viel gelernt. Das können sie anwenden, um das Land wieder aufzubauen. Ich finde, die Leute, die sich hier nicht integrieren können oder sich nicht wohlfühlen, die könnten zurückgehen. Ich habe das Gefühl, Syrien ist sicherer als früher, da können die Leute sicher leben.

Gilt das für alle?

Es gibt auch Leute, die alles verloren haben. Sie haben kein Zuhause, da ist alles zerstört. Sie können nicht einfach ein Ticket kaufen und dann hinfliegen. Ich bin Muslim, Sunnit. Deswegen habe ich gesagt, dass es für mich sicher war, in Syrien. Andere Religionsgruppen fühlen sich vielleicht unsicher und haben das Land deswegen nicht besucht. Drusen oder Alawiten zum Beispiel. Ich kenne auch sehr viele Leute vor Ort. Wenn ich niemanden kennen würde, hätte ich das Land nicht besucht oder mich nicht getraut, weil man in den Medien doch vor allem schlechte Nachrichten sieht. Es gibt Syrer, die hier in Deutschland kriminell waren. Ich finde es richtig, wenn die deutsche Regierung sagt, wir schieben sie ab. Aber die Flüchtlinge, die die Sprache lernen und Arbeit suchen, die haben schon das Ziel, sich hier eine Zukunft aufzubauen.

Der Außenminister Johann Wadephul (CDU) ist nach Syrien gereist und hat danach gesagt, er glaubt nicht, dass Menschen dort würdig leben und zurückkehren können. Du sagst jetzt, eigentlich gibt es auch Orte, wo es doch wieder besser ist?

In vielen Orten war Krieg und es gibt Städte, die komplett zerstört sind. Das Zentrum meiner Heimatstadt ist zu 80 Prozent zerstört. Es ist schwer, das wieder aufzubauen. Da kann man nicht leben. Aber auf meiner Reise nach Syrien habe ich mich sicher gefühlt. Ich habe mich auch nur in sicheren Städten und Orten aufgehalten. 

Es ist jetzt ein Jahr vergangen, seit Baschar al Assad, der langjährige syrische Staatschef, gestürzt wurde. Wie blickst du auf dieses Jahr zurück?

Es hat sich sehr viel verbessert. Das habe ich auch selber nicht geglaubt. Es sind sehr viele zurückgekehrt, gerade aus der Türkei. Natürlich die Leute, die Häuser haben oder Wohnungen, die man leicht reparieren kann und nicht komplett neu aufbauen muss. Die Leute, die bei der Stadt Deir ez-Zor arbeiten, kriegen ihre Gehälter. Die Infrastruktur verbessert sich. Ich habe vor Ort gesehen, dass Deir ez-Zor daran arbeitet, Straßen zu reparieren. Es geht meiner Meinung nach in die richtige Richtung. 

Toni David wurde am letzten Tag des Jahres 1999 in Hannover geboren, ihre Eltern bildeten Clowns aus. Als Vegetarierin an einer Wursttheke zu arbeiten, war für Toni trotzdem kein Witz. Die Stadt „ohne Akzent“ verließ sie 2020 Richtung Hamburg für ihr Politikstudium. Würde sie einen Film produzieren, behandelte dieser die absurden Datingsituationen in einer Großstadt. Nischenthemen sind ihr wichtig: In einem Radioprojekt sprach Toni zum Beispiel über alternative Bestattungen. Nicht lachen kann sie über Mietwucher und Rassismus im Journalismus.

Kürzel: ton

Pauline Böwing, Jahrgang 2003, lässt sich nicht von Telepromptern aus der Ruhe bringen und war sogar trotz Bombendrohung live auf Sendung beim Bayerischen Rundfunk. Die gebürtige Stuttgarterin hat schon in fünf Städten gewohnt, spricht vier Sprachen und war aus Versehen Komparsin bei “Willi wills wissen”. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und im Nebenfach Jura in München, schrieb für die “Abendzeitung” und arbeitete beim ZDF. Ihr Auslandssemester hat sie in Leicester absolviert. Sport liebt sie, nur Fußball nicht. Trotzdem ist sie St. Pauli-Fan. Spitzname halt: Pauli. Kürzel: pau

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