Rotes Signal, rasches Handeln und rettender Einsatz. Wie KI im Schwimmbad Einsatzkräfte unterstützt, Menschen in Not identifiziert und vor dem Ertrinken bewahrt.
Von Sue-Charleen Petz und Marie-Luise Pohl
Oktober 2023. Seepferdchenkurs in Hamburg-Niendorf im Schwimmbad Bondenwald. Zehn Kinder lernen schwimmen. Sie plantschen, spielen und springen mit Schwimmnudeln in das tiefe Nichtschwimmerbecken. Ein Kind beginnt zu schluchzen. Doch während die Schwimmlehrerin das Kind beruhigt, geht ein anderes unbemerkt unter. Für dieses Kind kommt jede Hilfe zu spät. Die Schwimmlehrerin wurde im Herbst 2025 wegen der fahrlässigen Tötung rechtskräftig verurteilt, berichtet der NDR.
Ob Schwimmlehrer*innen, Erziehende oder Badeaufsichten – ein Moment der Ablenkung kann oft ausreichen, um einen Badeunfall in geschützten Wasserbereichen zu übersehen, sagt Michael Dietel, Pressesprecher des Bäderlands in Hamburg.
Dieser Beitrag ist im Rahmen des Bachelorseminars “Digitale Kommunikation” an der HAW Hamburg entstanden und wurde ausgewählt, um auf FINK.HAMBURG veröffentlicht zu werden.
Alarm im Billebad Bergedorf
Im Sommer 2018 wurden in Hamburg Rekordtemperaturen von 40,1 Grad Celsius erreicht, was viele Besucher in das erfrischende Wasser des Billebads Bergedorf trieb. Doch innerhalb von zwei Tagen mussten hier zwei Menschen aus dem Wasser gerettet und reanimiert werden. Die Vorfälle brachten das Bäderland zum Nachdenken. Ein Schutz, so selbstverständlich wie der eines Feuermelders im Zimmer, nur für das Schwimmbad, mithilfe einer künstlichen Intelligenz (KI). Seit Dezember 2024 läuft die Testphase des Ertrinkungserkennungssystems vom israelischen Unternehmen Lynxight im Billebad Bergedorf.

Florian Grojer, Partner bei Lynxight, erklärt uns aus seinem Büro in München, dass die KI als Hilfesystem für die Badeaufsicht dienen solle. Die KI arbeite mit Kameras über den Schwimmbecken und erkenne auffällige Bewegungsmuster von Menschen, die zu ertrinken drohen. Anschließend gebe sie der Badeaufsicht einen Hinweis über eine Smartwatch. Die KI merkt sich keine Gesichter. „Die erkennt aber: Da ist ein Mensch, der hat da den Kopf, da die Schultern, da die Füße, und die bewegen sich so, wie sie sich im Wasser bewegen sollten“, ergänzt Dietel vor Ort im Schwimmbad.
„Es geht im Zweifelsfall um Leben und Tod.” – Nathalie Hirschke
Nathalie Hirschke arbeitet als Badeaufsicht im Billebad Bergedorf und möchte uns den Alarm mithilfe eines Dummies vorführen. Die ehrenamtliche Sanitäterin hockt sich an den Beckenrand und lässt die Übungspuppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) mit Wasser volllaufen. Die orange Übungspuppe besteht aus einem Rumpf mit Kopf. Je nachdem, wie viel Wasser in der orangen Puppe ist, lässt sich ein unterschiedliches Gewicht der in Not geratenen Person simulieren, erklärt die 26-Jährige. Hirschke lässt die Puppe auf den Beckenboden sinken. Gespannt warten wir auf das Warnsignal der Smartwatch.
Wenn die KI nicht anschlägt
Aber die KI schlägt nicht Alarm. „Bei dem DLRG-Dummy ist es eine 50:50-Chance, ob die KI reagiert oder nicht.“, erklärt Florian Grojer auf Nachfrage, warum die KI keinen Alarm ausgelöst hat. Da dem Dummy Extremitäten wie Arme und Beine fehlen, identifiziere die KI die Puppe mal als Objekt und mal als Menschen. Das System sei bewusst so programmiert, dass es im Zweifel lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine mögliche Notsituation erkenne, so Grojer. Auch wenn Lynxight den Dummy nicht für diese Zwecke empfiehlt, wird sie dennoch für Demonstrationen vor Medienvertreter*innen oder für allgemeine Testabläufe verwendet.

Daraufhin bietet Hirschke an, sich selbst „in ihren Badeanzug zu schmeißen“, drückt Michael Dietel ihre Smartwatch in die Hand und taucht auf den Beckengrund. Wie ein Seestern breitet sie unter Wasser ihre Arme und Beine aus. Plötzlich erscheint ein roter Punkt auf dem Display der Smartwatch. Die KI hat die Notsituation erkannt. Auf dem Bildschirm sieht man eine Darstellung des Beckens, in welchem der rote Punkt die 26-Jährige repräsentiert. Ein anderer Rettungsschwimmer reagiert und klickt auf „Situation übernehmen“. Kurz darauf erscheint ein Bild auf dem Display. Nathalie Hirschke und die orange Puppe liegen zusammen auf dem Beckenboden. Ein lokaler Server speichert die Bilder für 15 Sekunden und löscht sie danach. Lediglich die Bewegungsmuster werden zum Training der KI genutzt. Sie lernt ausschließlich durch „Daumen hoch“- oder „Daumen runter“-Bewertungen der Rettungskräfte des Billebads Bergedorf dazu.
„Unkontrollierte KIs entwickeln sich schnell zu Rassisten.“ – Boris Tolg
Die KI ist ein Assoziativspeicher. Das heißt, sie lernt nur von den Informationen, die ihr vorgesetzt werden, so Boris Tolg, Professor für Informatik und Mathematik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Um einen ertrinkenden Menschen zu erkennen, muss man die KI mit einem breiten Datensatz trainieren. Trainiert die KI nur mit Daten weißer Menschen, kann es passieren, dass die KI schwarze Menschen nicht als Menschen erkennt und keinen Alarm auslöst. Die genutzte Software im Billebad Bergedorf setzt im Training der KI vor allem auf verschiedene Badebekleidung, unterschiedliche Körpergrößen und Beeinträchtigungen von Menschen, aber auch die Hautfarbe spielt eine wichtige Rolle, sagt Florian Grojer.
Zwischen Sicherheit und Sorge
Neben der Gefahr, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, rückt außerdem das Risiko in den Fokus, wie die KI mit sensiblen Daten umgeht. Insofern nur die Bewegungsmuster erkannt werden, ist der Gebrauch datenschutzkonform, betont Datenschutzexperte Tobias Mauß. Auf Nachfrage sind die Badegäste des Billebads Bergedorf beim Thema Datenschutz geteilter Meinung. Einige freuen sich über die zusätzliche Sicherheit, andere wiederum haben Angst, was mit ihren Daten passiert. Eine Antwort bleibt gleich: Die Befragten wussten nichts von der genutzten KI im Schwimmbad. Obwohl laut dem Pressesprecher von Bäderland neben der medialen Berichterstattung und Aufklärung auf der eigenen Website und dem Social Media auch Aufsteller vor Ort im Schwimmbad gewesen seien.
„Es ist ein zusätzlicher Boden, ein doppeltes Netz.“ – Michael Dietel
Im Billebad Bergedorf vibriert die Smartwatch immer noch in der Hand von Michael Dietel, als Hirschke mit der orangen Puppe zurück an die Wasseroberfläche aufsteigt. Sie wischt sich das Wasser aus dem Gesicht, schwimmt zurück an den Beckenrand und der rote Punkt auf der Smartwatch verschwindet.
Vielleicht hätte ein solcher Alarm an diesem einen Oktobertag im Jahr 2023 im Schwimmbad Bondenwald einen Unterschied machen können. Das KI-System kann das Unglück nicht rückgängig machen, aber womöglich verhindern, dass sich solche Szenen wiederholen. Die KI kann ununterbrochen überwachen und frühzeitig warnen. Dabei erscheint auf der Smartwatch der Badeaufsicht lieber einmal zu viel ein roter Punkt als einmal zu wenig.






