Cem, einer von den Affenfelsen

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Der Osdorfer Born ist eine Plattenbausiedlung im Westen Hamburgs. Ein trister Ort, nahezu losgelöst vom Rest der Stadt. Hier lebt der Rapper Cem. Mit seinen sechzehn Jahren wird er bald einen Plattenvertrag unterschreiben. Ein Spaziergang mit Gedanken über Ambitionen und Heimatgefühle.

Ein Text von Marie-Sophie Vorbrodt mit Fotografien von Signe Heldt

Mächtig ragen graue Hochhausreihen hinter noch kahlen Bäumen hervor. Es sieht aus, als seien einzelne Teile des großen Gebäudekorpus unterschiedlich schnell in die Höhe geschossen und hätten abrupt aufgehört zu wachsen. Ein Effekt, der ihre Monotonie unerwartet bricht und sie gleichzeitig zu unterstreichen scheint. Es erklärt, weshalb der Volksmund die Plattenbauten der Großsiedlung Osdorfer Born in Hamburgs Westen „Affenfelsen“ getauft hat.

 

Als der Osdorfer Born Ende der 1960er Jahre bezugsfertig wurde, galten die bis zu zwanzigstöckigen Häuser als höchste Wohngebäude Hamburgs und als Musterbeispiel des sozialen Wohnungsbaus dieser Jahre. Gut zehntausend Menschen zogen an den Born. Waren Plattenbauten damals noch begehrte Kuriositäten, fällt das Wort Ghetto heute häufig synonym. Eine Beurteilung, welche, gestützt durch Kriminalstatistiken, düstere Geschichten und den ersten persönlichen Eindruck, auch auf den Osdorfer Born zuzutreffen scheint.

Zwischen den Bäumen formieren sich am Nachmittag Grüppchen. Es sind alte Leute auf dem Weg zum Einkaufen dabei, spielende Kinder, Jugendliche, die zu ihren gewohnten Treffpunkten streifen, eine Gruppe junger Männer, die zwei Pitbulls kämpfen lässt. Ein Treiben, welches für Außenstehende skurril anmutet und für die Bewohner ein sich täglich wiederholender Ablauf zu seien scheint.

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Vor dem Hochhaus Achtern Born, dem größten der Plattenbauten, steht ein junger Mann namens Cem. Er wohnt hier, ist hier aufgewachsen. Langsam, wiegend läuft er durch den kalten Nieselregen. Sein Weg führt ihn in Richtung Born Center, das mit seinen Supermärkten und Drogerieketten den Mittelpunkt der Siedlung darstellt. Dort bleibt er stehen, wartet. Er ist hochgewachsen für seine sechzehn Jahre, trägt eine große Brille vor sich ruhelos umschauenden Augen und hat die Kappe einer HipHop-Marke tief ins Gesicht gezogen. Er wirkt selbstbewusst, wie er da aufrecht im Regen steht und bleibt nur kurz alleine. Die Gleichförmigkeit der Tage am Born scheint hier jeden mit jedem bekannt gemacht zu haben. Gleichaltrige begrüßen ihn, nicken ihm mindestens zu. Er schenkt ihnen nur kurz seine Aufmerksamkeit.

Cem ist Rapper. Seine Videos wurden auf Youtube von einer Viertelmillion Zuschauer angeklickt, er erzählt das stolz. Dennoch habe er die Aufnahmen gelöscht. „Das war keine 4K-Qualität und mein Manager macht da natürlich bisschen Faxen, er muss immer alles perfekt haben“. Durch Zufall habe dieser ihn vor gut eineinhalb Jahren am Osdorfer Born auf der Straße entdeckt. Cemo539, wie sich der junge Rapper nennt, winke nun ein Vertrag mit einem der großen Labels im deutschen HipHop. Eine prestigeträchtige Tür scheint sich für ihn zu öffnen.

„Da kommt mein Bruder Tony!“, ruft Cem, als er seinen Freund auf dem Fahrrad ankommen sieht, und lässt stehen, wer gerade bei ihm ist. Die beiden Jungs begrüßen sich: Handschlag, Umarmung, drei Küsschen auf die Wangen, genauso wie man es in der türkischen Heimat ihrer Eltern macht.

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Cem krempelt seine Hosen runter, um seine weißen Tennissocken vor den Pfützen zu schützen. Die beiden Jungen machen sich bereit für einen Spaziergang durch den Born, zu den Plätzen vergangener Tage und denen, wo man sich heute auf dem Weg zum Erwachsenwerden trifft. Sie liegen gerade einmal Steinwürfe voneinander entfernt. Cem nutzt die Anzahl der Bushaltestellen als Maßeinheit, um die Größe seines Viertels zu beschreiben. Drei Haltestellen gibt es in Osdorf, fußläufig voneinander entfernt – das ist eigentlich nicht groß, findet er.

Sie laufen zu dem Platz, wo sie als Kinder Fußball gespielt haben. An kalten Tagen wie diesen ist er wie leergefegt. Doch wenn Cem erzählt, wie sie die Sommer durchgezockt haben, nur unterbrochen von Trinkpausen an der Wasserpumpe, da spürt man, wie lebendig die Erinnerungen des Kindseins noch sind. Mit sechzehn liegt das noch nicht allzu lang zurück. Und doch, Cem ist kein Kind mehr. „Damals haben wir uns gestritten, welches Tor man bekommt, heute streitet man sich, wie viel Gramm man bekommt“. Gemeint sind Drogen. Aus seinen Worten hört man den Rapper sprechen – und auch den Jungen aus dem Ghetto.

Man könnte es vermuten, doch Cem macht keinen Gangsterrap, so sagt er. In den Texten von den wenigen Liedern, die man noch im Internet findet, mischen sich übersteuerte Stimmen, verzerrt durch Autotune, mit Jugendslang und türkischen Wörtern zu Texten über das Leben am Born. Songs, die Cem als Partymusik bezeichnet. Dabei rappt er nicht ausschließlich, sondern integriert melodische, gesungene Zeile in die Refrains. Mit Gesangsunterricht und einer Begeisterung fürs Beatboxen habe es angefangen – „damals“, vor gerade einmal zwei Jahren. Cem kommt es vor, als sei das ewig her. Der erste Track entstand bei einem Rapkurs im benachbarten Stadtteil Lurup.

Die ersten Texte seien aggressiv gewesen, heute kollidiere das mit der Lebenseinstellung, zu der er gekommen sei. „Hauptsache jeder ist gesund“, das ist Cems Mantra. Zwischen Kinderschaukel und Fußballtor sinniert er darüber, was wichtig in seinem Leben ist. Nach dem Realschulabschluss wolle er eine Ausbildung als Automobilkaufmann beginnen. Solange konzentriere er sich auf die Schule. „Schule ist Platz eins bei mir“, sagt er. Rappen wolle er nur nebenbei, aber mit vollem Einsatz.

 

Tony scheint ähnlich zu empfinden. Alle ihre Freunde würden das so sehen: Schule ist wichtig. Und doch, die Jungs wirken gespalten in dem, was sie von sich selbst verlangen und dem, was in der Gegend Gang und Gebe ist. Zwischendurch lässt ihr Jargon erahnen, dass nicht alles immer friedlich läuft. „Mach mein Para und dann raus hier, sofort!“, es ist der Ansporn, der über allen Vorhaben Cems steht und steht dafür, schnell Kohle zu verdienen, um den Ort zu verlassen. Viele Wege wurden ihm dazu vorgelebt.

Und doch, der Born sei Heimat. „Egal wie hässlich Osdorf ist, die Liebe ist natürlich immer da“. Cem schaut hoch zu den Affenfelsen, ein eingeübter Blick. Vielleicht erinnert ihn Tony gerade deswegen an den „Osdorf-Fluch“: „Wenn man hier aufwächst, wird dein Weg, auch wenn du wegziehst, dich immer nach Osdorf zurückführen“. So heißt es. Ja, viele der Älteren seien zurückgekommen oder immer noch da, gibt Cem zu. Für sich selbst aber hat er eine andere Prognose. „Scheiß auf den Fluch. Ich bin viel schlauer als der Flucht.“

Cem ist gespannt, wie es weitergeht und gesteht, dass er es sich viel einfacher vorgestellt habe, seiner neuen Rolle gerecht zu werden. „Die Leute kennen mich, aber ich kenn die nicht. Da habe ich gemerkt, dass das eigentlich voll schwer ist… Ich bin selber noch ein Kind, wenn man so drüber nachdenkt“. Im nächsten Moment überdeckt er seine aufkeimende Angst mit Dankbarkeit und Stolz. Er wisse, er habe viel Glück gehabt und „sonst bringt alles viel Spaß“. Es sind ambivalente Gedanken, die sich in ihm streiten, nicht minder reflektiert.

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Cem und Tony laufen weiter, vorbei an einem Kinderzirkus, der in der Tristesse bunt leuchtet. Beim Bürgerhaus, in dem eine Grundschule und ein Versammlungsraum untergebracht sind, bleiben sie stehen. Cems Stimme schlägt höher, als er seine Ecke dort erreicht, seinen angestammten Platz. „Wenn wer mich sucht, alle wissen eigentlich: Ich bin immer hier.“ Es ist eine kleine hölzerne Hütte mit einer Bank davor, darüber ein weit vorgelagertes Dach, das zum Freizeitpunkt für ihn und die anderen Jugendlichen wird. Ein geschützter Ort, der sie nicht nur vor Regen, sondern auch vor fremden Augen bewahrt. Dort treffen sie sich, reden und rauchen.

Sie mussten lernen, sich in den freien Stunden zu beschäftigen, Freizeitangebote sind kaum vorhanden, wenn man die Messlatte anderer Stadtteile ansetzt. Doch die Leute scheinen das wenige, was es am Born gibt, als ausreichend zu empfinden. „In Osdorf hat man alles, was man braucht“, findet Tony. Wie viele von hier fahren weder er noch Cem je rein in die Stadt und das, obwohl sie dem Born am liebsten sofort für immer den Rücken zukehren wollen. In ihren Teenagerjahren ist die Siedlung ihre ganze Welt. „Wir sind Borner“ – eine prägnante, eine starke Selbstidentifikation.

Auf dem Rückweg passieren die Jungs ein Plakat gegenüber dem Born Center. Es zeigt die Zahl 2027, in der Optik von S- und U-Bahn-Symbolen gestaltetet. Sie steht für das Datum, an dem Osdorf an das Netz angeschlossen sein soll. Das Plakat ist schon jetzt vergilbt und rissig, die verbleibenden zehn Jahre bis zur Fertigstellung des Bahnhofs wird es wohl nicht überstehen. Solange muss die Busanbindung reichen. Der Bau hätte wohl deutlich früher kommen müssen, um auch eine Anbindung in den Köpfen der Menschen zu vollziehen.

Cem und Tony verabschieden sich. Vielleicht sehen sie sich am nächsten Tag wieder, vielleicht am Treffpunkt vor der Hütte. Die Welt des Osdorfer Born ist ein immer gleichbleibender Mikrokosmos. Und dennoch ist das Leben für die Jugendlichen dort nicht zwangsläufig frei von Hoffnung. Sie sprechen ihren Slang, tragen die Kleidung ihrer HipHop-Idole, posieren wie Gangster und wollen doch keine sein. Sie sind zwischen Schule und Tagträumen auf der Suchen nach Wegen, den „Osdorf-Fluch“ zu brechen – und haben Angst auf halber Strecke aus dem Ghetto den Mut zu verlieren. Cems Augen blicken weiter ruhelos umher, als er Richtung Affenfelsen zurückläuft, dem Ort, der sein Zuhause ist. Sein Streben wird die Nachmittage am Born überdauern.

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Dieser Text ist in Kooperation mit der Fotografin Signe Heldt entstanden, die Cem und seine Freunde über einen längeren Zeitraum begleitet und ihr Leben am Osdorfer Born fotografisch dokumentiert hat.

Ihre Geschichte und Bilder sind in der siebten Ausgabe des nicht jetzt! Magazins erschienen.

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