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Wohnen im Alter: "Jetzt eben wieder eine WG"

Die meisten Menschen denken ungern übers Altwerden nach, und erst recht nicht über die Frage, wie und wo sie dann leben wollen. Dabei kann das richtig schön sein – das zeigen zwei sehr unterschiedliche Beispiele. 

Kaum jemand will sich vorstellen, wie er an Weihnachten einsam in einem Altenheim sitzt oder als Pflegefall auf seine Kinder angewiesen ist. Doch es gibt auch ganz andere, ansprechende Wohnkonzepte. Wir haben zwei sehr unterschiedliche Menschen im Ruhestandsalter in ihrem besonderen Zuhause besucht. Und sie gefragt: Wie lebt es sich im Alter in Hamburg?

Zuerst ein paar Fakten: 25 Prozent der Hamburger sind laut einem Bericht der Stadt Hamburg 60 Jahre und älter. Im Jahr 2030 soll deutschlandweit sogar mehr als jeder dritte Einwohner (36,8 Prozent) der Altersgruppe 60 Plus angehören. Doch in welchem Hamburger Stadtteil leben eigentlich die meisten „alten Menschen“? Und vor allem: wie wollen sie leben?

Alle Infos dazu im Video:

„Nicht jeder ist für eine Wg geeignet.“

Rollo Fuhrmann

Foto: Johanna Felde

Einer macht das besondere Wohnen schon seit vielen Jahren vor: Rollo Fuhrmann, 68 Jahre alt und Ex-Sportreporter bei Sky. Seit 1980 wohnt er in dem eleganten Eckhaus am Grindelhof. Seit einigen Jahren in einer Mehrgenerationen-WG – mit zwei deutlich jüngeren Frauen. „Für Golfen bist Du viel zu jung“, steht auf der goldenen Leinwand am Ende des langen Altbauflurs. Das Geschenk bekam Rollo Fuhrmann zu seinem 60. Geburtstag von Freunden. Das ist acht Jahre her. Sein Haus liegt in einer belebten Straße, direkt neben der Hamburger Uni. „Ich habe in der Wohnung die ersten sieben Jahre in einer WG gewohnt, dann sieben Jahre mit meiner Frau und meiner Tochter zusammen. Und jetzt eben wieder in einer WG.“

In der Viereinhalb-Zimmer Wohnung lebt der 68-Jährige aktuell mit Tini, 30 Jahre und Logopädin, und Luise, einer 27-jährigen Waldorflehrerin, zusammen. Diese Dreierkonstellation sei perfekt: „Eine ungerade Zahl ist besser als eine gerade. Denn sonst hast du Gleichstand und es bilden sich Gruppen. Zu dritt bist du gezwungen, dir Gedanken zu machen, wenn du der Unterlegene bist“, sagt er und lacht. Auch mit der Geschlechterkonstellation ist er mehr als zufrieden: „Zwei Frauen ein Mann – das ist perfekt. Frauen können manchmal etwas zickiger sein, aber sie sind irgendwie sozial verträglicher.

Das Videointerview mit Rollo Fuhrmann:

„Die WG wird für viele immer interessanter“

Rollo Fuhrmann weiß noch nicht, wie und in welcher Form er in den nächsten zehn oder 20 Jahren leben will. Vielleicht weiterhin in einer WG, vielleicht aber auch zusammen mit seiner Freundin. Die lebt aktuell in Bremen. In einer anderen Sache ist er sich aber sicher: Die WG als Wohnform wird für viele immer interessanter werden – auch im Alter. „Allein aus ökonomischen Gründen. Die Mieten werden ja immer teurer.“ Wenn man sich Rollo Fuhrmann heute so anschaut, kann man eines auf jeden Fall festhalten: Er genießt es, mit jüngeren Menschen zusammenzuwohnen – es hält ihn fit. Und: Für Golfen ist er wirklich viel zu jung.

„Wenn das für Künstler gebaut ist, findest du Gleichgesinnte.“

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Foto: Johanna Röhr

Wenn Jutta Müller, 86 Jahre alt, aus dem Fenster ihres gemütlichen Wohnzimmers blickt, schaut sie auf einen kleinen See. Drumherum stehen mächtige Buchen, die ohne ihre Blätter ziemlich trist wirken. Nicht aber in Jutta Müllers Augen. „Als Künstlerin nehme ich Dinge ganz anders wahr“, sagt sie. Wenn die Hobby-Malerin sich einen Baum anschaut, sieht sie nicht nur Grün und Braun, sondern viele verschiedene Farben.

Das Künstlerwohnheim der Poensgen-Stiftung wurde gerade noch gebaut, da beschloss sie schon, dass sie im Alter dort leben möchte: „Ich dachte damals: Wenn das für Künstler gebaut ist, findest du Gleichgesinnte. Das war sehr reizvoll für mich.“ Jutta Müller wohnte zudem ganz in der Nähe von Lohbrügge und besuchte direkt nach der Eröffnung des Künstlerwohnheims Anfang der 1990er Jahre Malkurse im Keller der Anlage. Dort lernte sie auch viele kreative Bewohner kennen: „Die haben mir alle empfohlen: Sieh zu, dass du hier eine Wohnung bekommst.“ Die ersten Mieter, die im Jahr 1992 ins Künstlerwohnheim einzogen, waren alle hauptberufliche Künstlerinnen und Künstler. Mittlerweile können auch Menschen ab 60  einziehen, die einen künstlerischen Hintergrund haben, aber nicht notwendigerweise Profis sind – so wie Jutta Müller.

Gemalt hat Jutta Müller eigentlich schon immer, am liebsten Aquarelle. Ihre Eltern führten ein Geschäft für Bürobedarf. Farben, Buntstiftkästen und Papier konnte sie deshalb einfach aus dem Laden mitnehmen. Später arbeitete sie dort als kaufmännische Angestellte: „Ich habe ja schon als Baby im Pappkarton hinterm Tresen gelegen“, sagt sie und lacht herzlich. Ihre positive Sicht aufs Leben ist ansteckend. Ob man sich an einem Ort wohlfühlt oder nicht, hängt ihrer Meinung nach stark von einem selber ab: „Jeder Mensch hat einen anderen Hintergrund, ein eigenes Zuhause gehabt.“ Deshalb nehme sie alle Menschen so, wie sie sind.

Ihr ganzer Freundeskreis habe sie für verrückt erklärt, als sie von ihren Wohnplänen erzählte. Ihre Freunde konnten nicht nachvollziehen, wie sie ihre wunderschöne Wohnung einfach aufgeben konnte. Aus Jutta Müllers Sicht haben aber viele falsche Vorstellungen und vermischen Wohnformen miteinander. Dabei gäbe es verschiedene Möglichkeiten altersgerecht zu leben. „Es muss nicht immer ein Pflegeheim sein. Das hier ist ja auch nur eine seniorengerechte Wohnung.“

Seit mittlerweile 13 Jahren lebt sie in zwei statt in viereinhalb Zimmern – und hat es nie bereut. Einmal täglich schaut der Pflegedienst nach ihr. „Nachdem mein Lebensgefährte verstorben ist, saß ich alleine in der Wohnküche unserer riesigen Wohnung.“ An diesem Punkt sei ihr bewusst geworden, dass sie sich endlich um etwas Neues kümmern müsse. Wichtig ist aus ihrer Sicht, dass man sich schon frühzeitig Gedanken darüber macht, wie man im Alter leben möchte. Nicht nur, weil man dann noch mehr Auswahlmöglichkeiten hat.

Jutta Müller redet über ihre frühe Wohnungsplanung:

Gegenüber sei neulich ein nettes Ehepaar eingezogen, die über 80 Jahre alt sind: „Das ist eigentlich schon zu spät. In dem Alter zieht man sich immer mehr zurück und bleibt unter sich. Wenn man jünger ist, hat man noch mehr Lust, sich in die Gemeinschaft einzufügen und mitzumachen, wenn gefeiert wird.“ Das bemerke sie mittlerweile auch an sich selbst. Früher habe sie viel gemalt und an Ausflügen teilgenommen: „Jetzt bin ich 86 und lege großen Wert auf meine feste Alltagsroutine.“ Aber auch gegen die Eintönigkeit hat sie einen Plan.

Jutta Müller erzählt von ihrem Alltag im Künstlerwohnheim:

Neben Kartenspielen kann man im Künstlerwohnheim auch in Werkräumen künstlerisch aktiv werden, in der großen Bibliothek lesen oder im Musikraum gemeinsam musizieren. Dass viele aus ihrer Generation trotzdem lieber in ihren Häusern oder Wohnungen bleiben möchten, kann sie dennoch gut nachvollziehen. „Viele Ältere, die im Krieg Kinder waren, haben damals alles verloren und sich danach stark auf Materielles konzentriert“, sagt sie. Sie kenne einige Familien, die lieber knapp gegessen haben, als auf neues Meißner Porzellan zu verzichten. Sich dann davon zu trennen, sei sehr schwierig. Trotzdem lohne es sich, sich zu verkleinern und umzuziehen. Was Jutta Müller am Künstlerwohnheim nämlich besonders schätzt und auf keinen Fall missen möchte, ist die Selbstständigkeit, die sie dank ihrer eigenen Wohnung hat.

Jutta Müller über ihre Selbstständigkeit:

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Foto: Johanna Röhr

Altersarmut kann jeden treffen

Um auch im Alter noch selbstbestimmt leben zu können, gibt es eine wichtige Grundvoraussetzung: Geld. Genau hier wird es für viele Deutsche kritisch. 2036 soll jeder fünfte 67-Jährige von Altersarmut bedroht sein, wie eine aktuelle Studie der Wirtschaftsforschungsinstitute DIW und ZEW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt. Armut im Alter ist deshalb so schwerwiegend, weil ältere Menschen weniger Möglichkeiten haben, ihre Situation aus eigener Kraft zu verändern. Dafür gebe es vor allem drei Gründe: Unterbrechungen des Berufslebens, wie etwa bei Müttern, prekäre Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor und sinkende Renten durch eine alternde Gesellschaft. Bei unserer Recherche haben wir beispielsweise mit einer Hamburger Rentnerin gesprochen, die gemeinsam mit ihrem Mann in einer Zweck-WG mit einer jungen Studentin wohnt – weil das Geld einfach nicht reicht und sie den Kredit für das Haus weiter abzahlen müssen. Glücklich sind sie mit ihrer Wohnsituation nicht.

Manche Projekte sind ihren potenziellen Bewohnern auch einen Schritt voraus: Jens Duve, ein ehemaliger Fußballspieler für den HSV und den FC St. Pauli, wollte im letzten Jahr seine Villa zu einer Senioren-WG umbauen. Das Projekt stockte allerdings. „Bisher konnten wir unsere ‚WG für Senioren in privater Atmosphäre‘ leider noch nicht umsetzen“, schreibt Duve per E-Mail. Er denkt, dass die aktuelle Generation der WG im Alter noch skeptisch gegenübersteht. „Ich denke aber, dass sich dies ändern wird, wenn die Wohnform bekannter wird und die Generation der 68er in die Jahre kommt.“

Bau von mehr als 5200 Wohnungen

Doch wäre die Stadt Hamburg auf eine mögliche Welle der Senioren-WG-Anfragen von genau dieser Generation überhaupt vorbereitet? Und wie nimmt die Stadt einen möglichen Wandel wahr? Die zuständige Behörde hält sich mit konkreten Aussagen bedeckt. „Menschen möchten auch im Alter so selbstbestimmt wie möglich leben. Zum Beispiel in der eigenen Wohnung beziehungsweise in vertrauter Umgebung“, sagt Rico Schmidt, Pressesprecher der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz (BGV). Dafür unterstütze die BGV vor allem die Entwicklung in den Hamburger Quartieren wie beispielsweise in Wilhelmsburg. Dort plant die Stadt ab 2020 mehr als 5200 Wohnungen für alt und jung zu bauen, wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet. Dabei gehe es in solchen Quartieren nicht nur um den Bau von Wohnungen, sondern gerade im Bezug auf Pflegebedürftige noch um etwas anderes, sagt Schmidt. „Zum Beispiel muss auch eine geeignete Infrastruktur und ein barrierefreier Wohnraum gegeben sein. Und natürlich auch professionelle Dienstleister.“

Mutig, selbstbestimmt und glücklich

Eine alternde Bevölkerung, zunehmend teurer Wohnraum und eine steigende Altersarmut: wer als junger Mensch in Richtung Zukunft blickt, bekommt ein mulmiges Gefühl. Doch Senioren wie Jutta Müller zeigen, dass man mit Mut, Selbstbestimmung und einer klaren Vorstellung auch im Alter glücklich leben kann.

„Ich bin ja nun schon ganz schön alt geworden. Ich hab‘ tolle Kinder und ich fühle mich eigentlich rundum wohl und bin glücklich und zufrieden“, sagt sie zum Abschied. Oder Rollo Fuhrmann, der jenseits von vermeintlichen Konventionen lebt und sehr zufrieden damit ist und das ganz ohne Zehnjahresplan. Allen WG-Kritikern, die Angst davor haben, zu wenig Zeit für sich zu haben, gibt er noch einen Tipp mit auf den Weg: „Du kannst immer allein sein, wenn du willst. Auch in einer WG. Es wird der Zeitpunkt kommen, da würdet ihr alle euer letztes Hemd dafür geben, nicht alleine zu sein.“

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