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Der Hamburger Andreas Möller erfindet den Webstuhl immer wieder neu und hat schon zahlreiche Designpreise gewonnen. Mit seinem Wissen reist er um die Welt. Besonders in Entwicklungsländern kann er etwas bewirken.

Sieht man seinen Webstuhl, denkt man eher an eine imposante Kirchenorgel, als an ein Gerät zur Produktion von Schals. Andreas Möllers tritt in die vielen verschiedenen Pedale, unter dem gut 140 Zentimeter breiten Konstrukt und Schäfte voller Fäden bewegen sich auf und ab. Er zieht an einer Kurbel und das Schiffchen saust samt Faden durch den Fadentunnel. Was sich kompliziert anhört, sieht auch kompliziert aus, ist es aber nicht, so der Künstler.

Andreas Möller ist Weber mit Herz und Seele, und das seit über 40 Jahren. In seiner Werkstadt in St. Pauli produziert und verkauft er seit 1992 Schals, Tücher und Decken. Mit seinem selbstgebauten Webstuhl hat er das Weben revolutioniert und in das alte Handwerk frischen Wind gebracht. Neben den Weberkursen die er in ganz Europa gibt, leistet er auch Entwicklungshilfe in Afrika. „Ich habe schon mit zwanzig Frauen in fünf Tagen zehn Webstühle bei 48 Grad Hitze gebaut“, sagt er lachend und streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht. Er wirkt zufrieden mit sich. Die kleinen Fältchen um die Augen und den Mund herum zeigen, dass er in seinem Leben schon viel gelacht hat.

„Ich habe schon mit zwanzig Frauen in fünf Tagen zehn Webstühle bei 48 Grad Hitze gebaut“

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Sein selbstgebauter Webstuhl, die „Flying 8“, hat viele Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Webstuhl. Er ist einfacher zu bedienen, deutlich leiser und günstig in der Herstellung. Andreas Möller hat ihn nur mit Dachlatten und Ziegelsteinen, Ausschussware aus dem Baumarkt, hergestellt. Pappteile statt Metall helfen, ihn so leise zu machen, Schrauben gibt es keine. Die Kosten für diesen Webstuhl liegen hier in Deutschland bei gerade mal 150-180 Euro. Die Idee, der Verwendung von günstigen Materialien, entstand aber nicht aus Geldmangel, sondern aus Erfindergeist. Ihm war es wichtig die „Fyling 8“ überall bauen zu können, auch da, wo es gar kein Werkzeug gibt.

Anderen zu helfen und sie weiterzubringen, ist das, was ihn antreibt. Gerade in Entwicklungsländern sichern heute Menschen mit Hilfe der „Flying 8“ ihre Existenz und die ihrer Familien. Sie sind in der Lage schnell, einfach und günstig besondere Webwaren herzustellen und zu verkaufen. So auch Esmael. Er war ein Schüler von Andreas Möller und hat mittlerweile seine eigene Werkstatt in Äthiopien. Die beiden wurden nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner, denn die von Esmael gewebten Handtücher verkauft Andreas Möller hier in seinem Laden in Hamburg.

Eigentlich fliegt er regelmäßig nach Afrika, doch ob er nächstes Jahr, wie geplant wieder seinen Geschäftspartner besuchen kann, ist noch offen. Die politische Lage in Äthiopien ist heikel. Gerade in der letzten Zeit kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen der Armee und der Bevölkerung. Das Land wird von einem autoritären Regime beherrscht. Hinzu kommt, dass es in Äthiopien viele verschiedene ethnische Gruppen gibt, zwischen denen es oft zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Gerade in dem Zusammenhang wurde der Regierung schon oft falsches und aggressives Vorgehen vorgeworfen: Laut Human Rights Watch hat die äthiopische Armee Zivilisten misshandelt, vergewaltigt, getötet und ihre Dörfer zerstört.

Anfang Oktober 2016 verhängte die äthiopische Regierung, nach zahlreichen Massendemonstrationen und teils gewaltsamen Protesten gegen die Regierung, den Ausnahmezustand. Bei seinen letzten Besuchen habe Andreas allerdings nicht viel davon mitbekommen. „Es spricht auch keiner drüber, weil jeder doch Angst hat“, sagt er. Gerade für seinen Partner Esmael ist es ein schwieriges Thema, denn er war dabei, als sein Freund auf einer Demonstration erschossen wurde. Er muss seine Familie versorgen, denn er ist der einzige von ihnen, der in der Lage ist Geld zu verdienen. Sein gesichertes Leben durch die eigene Weberwerkstatt will er auf keinen Fall riskieren.

„Es spricht auch keiner drüber, weil jeder doch Angst hat“

Andreas Möller und Esmael halten stätig Kontakt. „Mindestens alle zwei Wochen“, sagt er. Wenn er dann nichts von ihm höre, mache er sich schon Sorgen. „Dann rufe ich aber meine äthiopischen Freunde an und hoffe, dass die mir weiter helfen können“. Bisher ging es Esmael immer gut.

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Äthiopien ist nicht das einzige Entwicklungsland, in dem Andreas Möller den Menschen mit seiner Webkunst hilft. Zu seinen neuesten Projekten gehört Indien. Dieses Jahr war er zum ersten Mal dort, in Meghalaya. Das Projekt wird von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, geleitet und beschäftigt sich mit der Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Die Bauern dort können ihre bisherige Landwirtschaft nicht mehr so betreiben wie bisher, da sich das Klima zu stark verändert hat. Daher soll im Zuge dieses Projektes den Bauern das Züchten von Wildseidenraupen beigebracht werden.

Hier kommt Andreas Möller ins Spiel. Er soll den Bauern das Spinnen und Weben der Seide beibringen. Bisher waren die Webgeräte vor Ort maximal 120 Zentimeter breit, mit Andreas „Flying 8“ können Webstühle jetzt in einer Läge von 140 Zentimetern oder mehr gebaut werden. Das geht nicht nur günstig und schnell, sondern bringt auch eine größere Mustervielfalt. Da vor Ort viel Bambus zur Verfügung steht, entstand die Idee, die „Flying 8“ aus diesem Rohstoff zu bauen. Das ist nicht nur einfacher, sondern reduziert auch die Kosten. „Und es funktioniert super“, sagt der Hamburger Weber. 2017 fährt er wieder nach Indien.

Einen schöneren Beruf könnte Andreas Möller sich nicht vorstellen, erzählt er mit leuchtenden Augen und dreht eine kleine Fadenspule in seinen Fingern. Das Weben war schon immer seine Leidenschaft und er ist sehr froh, dass er aus seinem Hobby einen Beruf machen konnte. Seitdem er 14 Jahre alt ist, verdient er Geld mit dem Weben. Auch seine Eltern haben ihn in seinem Wunsch unterstützt und zu Weihnachten oder zum Geburtstag gab es einen Webstuhl, Wolle oder andere Web-Utensilien.

An sein erstes Web-Erlebnis erinnert er sich noch genau. 1978, er war zwölf Jahre alt und belegte einen Handwerkskurs in der Schule. Hier hatte er zum ersten Mal einen kleinen Webrahmen in der Hand und ihn packte sofort der Erfindergeist. Er fand die Kosntruktion viel zu klein und zu kindlich und überlegte sich, wie er es besser machen könnte. „Von diesem Moment beziehe ich eigentlich immer noch meine Energie, weil ich ja immer noch wissen will, wie es besser geht“, erzählt er und lächelt.

Seine Reise ist noch lange nicht zu Ende, sagt er und auch heute noch verändert er immer wieder etwas an seinem Webstuhl, sobald ihm etwas auffällt. Gezweifelt habe er nur ein Mal, in einem Jahr, in dem er kaum Geld verdient habe.“„In dem Jahr ging gar nichts mehr“, so Andreas Möller. Mittlerweile kann er darüber lachen. „Ich plante noch eine Ausstellung, und bestellte mein Material so, dass die Rechnungen dafür erst nach der Ausstellung kommen. Ich hatte echt kein Geld“, erzählt er und schmunzelt.

„Ich hatte echt kein Geld“

Sein Plan ging auf. Die Ausstellung lief sehr gut und er konnte seine Rechnungen seitdem immer begleichen. Mehr noch, von seinem Hobby leben. Seine selbstgemachten Schals verkauft er, je nach Arbeits- und Materialaufwand, für 70 bis 220 Euro. Auch seine Webkurse, die er in ganz Europa gibt, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Jahre, in denen er gezweifelt habe, seien lange vorbei. „Ich komme so ganz gut klar. In meinem Auf und Ab steckt System“, sagt er. Und neue Projekte ergeben sich immer.

Als nächstes würde Andreas gerne mit Flüchtlingen arbeiten. Einige hat er schon kennengelernt und zu sich in die Werkstatt eingeladen. Sie waren ganz begeistert, erzählt er und konnten es kaum abwarten selber zu weben. Er hofft auf Fördergelder, sodass er einen Kurs für Geflüchtete anbieten kann. Doch auch wenn er sich mal wieder in einem Ab befinden sollte, sagt er, ein Leben ohne Weben kann er sich nicht mehr vorstellen.