Victoria Adelmann spielt mit Bewohnern des Ledigenheims in der Rehhoffstraße Gesellschaftsspiele. Die 28-Jährige ist eine der Helferinnen im Wohnheim für alleinstehende Männer – und gab für ihr Ehrenamt sogar einen Job auf.

Victoria Adelmann ist in der Küche verschwunden und bereitet Tee und Kekse vor. Es ist Dienstagnachmittag im Ledigenheim in der Rehhoffstraße. Das generationsübergreifende Wohnheim ist auch für die 28-Jährige zu einer Art Zuhause geworden – auch wenn hier nur Männer wohnen dürfen. Sie trifft sich regelmäßig mit den Bewohnern, um Gesellschaftsspiele zu spielen. Victoria Adelmann engagiert sich gerne. „In einer sozialen Gesellschaft sollte man auch etwas zurückgeben,“ sagt sie.

Das Ledigenheim – Ein bedrohtes Zuhause

Das 1912 erbaute Ledigenheim in der Rehhoffstraße ist heute das letzte seiner Art in Hamburg. Im Laufe vieler Jahrzehnte lebten hier Seemänner, Hafenarbeiter und Monteure unter einem Dach – vielfach ein Leben lang. So entwickelte sich ein Mehrgenerationenprojekt im Herzen Hamburgs. Das Ledigenheim erfüllt als Männerwohnheim mit gemeinschaftlichem Wohnkonzept bis heute eine wichtige soziale Funktion.
Nachdem das Gebäude lange vom Abriss bedroht war, soll es 2018 umfassend saniert werden. Das Haus wurde jahrelang vernachlässigt – sowohl die bauliche Substanz, als auch die soziale Idee. Notwendige Instandhaltungsarbeiten wurden nicht vorgenommen und die angebotenen sozialen Dienstleistungen fast gänzlich abgeschafft.

Geschmückt wird selbst

Es ist der letzte Spielenachmittag in diesem Jahr. Der Gemeinschaftsraum ist weihnachtlich geschmückt. In der Mitte steht ein Tannenbaum. Das hölzerne Modell einer Hansekogge, das auf dem Tresen steht, schmückt silberne Schleifen. Um die Dekoration zu Weihnachten und Ostern kümmert sich Victoria Adelmann. Zur Weihnachtszeit steckt sie zusammen mit den Bewohnern Äste und Zweige zusammen, schmückt sie und hängt sie an einen Flaggenmast im Flur des Wohntraktes. „Es sieht sehr wild aus aber uns gefällt das“, sagt sie.

Wolfgang ist der erste Bewohner der heute im Gemeinschaftsraum eintrifft. Er mag die junge Frau. Wolfgang ist gesellig und freut sich über die Beschäftigung. Im Mehrgenerationenprojekt finden Menschen unterschiedlicher Lebensphasen, Lebenserfahrungen und Lebensrealitäten zusammen: Auszubildende und Studenten, Pendler und Monteure, Städtereisende und Pilger, Alleinstehende, Geringverdiener, Senioren und Wohnungslose leben hier. Viele sind Individualisten.

Victoria Adelmann hatte vor einiger Zeit ein eigenes Zimmer im Wohnbereich, stellte dort Sofas und eine Kaffeemaschine auf. Die Männer konnten vorbeikommen und „einfach mal schnacken“. Nach einem Brand im Ledigenheim wurde der Raum für die Bewohner gebraucht. Seither trifft sie sich mit einigen der Männer im Gemeinschaftsraum. „Spielen ist sehr niedrigschwellig und macht Spaß“, so die Initiatorin – und „Mensch ärgere dich nicht“ ist besonders beliebt.

Rausschmeißen ist Pflicht

Nachdem auch Sven eingetroffen ist, geht es los. Wolfgang spielt am liebsten mit den gelben Steinen. Wenig später entbrennt eine Diskussion über zu dünnen Tee. Es scheint, als würde Victoria diese nicht zum ersten Mal führen. Heute gibt es Kräutertee. Am besten schmeckt den Mitspielern allerdings die „Heiße Liebe“, ein Himbeertee mit Vanille. Sven stellt auf seinem Handy noch Reggae-Musik an, dann beginnt die erste Partie. „Rausschmeißen ist Pflicht!“, sagt Victoria Adelmann.

Ihre Familie und Freunde finden das Engagement von Victoria toll. Ab und zu kommen sie mit ins Wohnheim. Meistens kommt sie jedoch alleine. Auch, weil die Bewohner viel Aufmerksamkeit von ihr brauchen. „Manche der Männer, die hier wohnen, haben sehr viel Gesprächsbedarf,“ sagt die junge Frau.

Politik wird vermieden

Bei den Gesprächen geht es um das Leben und manchmal über Politik, aber das möchte Victoria vermieden. Die Jungs seien witzig und erzählen lustige Geschichten aus ihrer Vergangenheit, aber politische Diskussionen empfindet sie manchmal als unangenehm. „Ich mag die Männer und nehme sie wie sie sind, aber ich möchte mich nicht darüber unterhalten, ob die AfD in Deutschland eine wirkliche Alternative zu den anderen Parteien ist.“

Die junge Hamburgerin, die an der HAW Hamburg „Bekleidung – Technik und Management“ im Bachelor studiert hat, schaut sich gerade nach einem Job um. Am liebsten würde sie sich in einer NGO, Stiftung oder einem Unternehmen mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen. Gerade jobbt sie in einem Bistro um die Ecke. Eine 40-Stunden-Woche kann sie sich nur schwer vorstellen. Ihr Privatleben ist ihr zu wichtig. „Ich fände es außerdem schade, wenn die Spielegruppe nicht mehr existieren könnte,“ sagt Victoria Adelmann.

Aus diesem Grund ist sie ein Fan vom bedingungslosen Grundeinkommen: „Die Menschen könnten so vielseitiger und mit anderem Elan und anderer Muße an die Arbeit gehen.“ Außerdem sei es so leichter, ein Ehrenamt mit anderen Tätigkeiten zu verbinden. Als sie während der Bachelorarbeit vor der Wahl stand, ihr Ehrenamt oder einen Job aufzugeben, ging sie weiter ins Ledigenheim.

Der Nachmittag nimmt seinen Gang. Gerade wurde Victoria Adelmann wieder einmal von Wolfgang rausgeschmissen. Sven hat bereits ein Männchen im Haus. Die Gruppe spricht über die anstehenden Feiertage. Victoria Adelmann muss noch ein paar Einzelteile besorgen, um ihre Geschenke selbst zu basteln. Das findet sie persönlicher. Auch Sven erzählt von Weihnachtsgeschenken:

Könnte sich Victoria dieses Jahr etwas für das Ledigenheim zu Weihnachten wünschen, wäre es der sofortige Start der Sanierungsarbeiten am Haus. Damit die Bewohner unter besseren Zuständen leben. Das Haus wurde viele Jahre vernachlässigt und verwahrloste zusehends. Für 2018 steht nun die lang ersehnte Instandsetzung an.

Mittlerweile hat Sven drei Männchen im Haus. Das ging unglaublich schnell. Er gewinnt die erste Partie. Jetzt kommt Bewohner Ilkan dazu und möchte mitspielen. Ein „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel für sechs Personen wäre schön, dann könnten noch mehr Männer an den Nachmittagen teilnehmen. Aber Victora Adelmann hat so eine Edition noch nicht gebraucht gefunden und neu ist sie zu teuer. Sven räumt aber freiwillig seinen Platz.

Wir spielen noch eine verkürzte Runde. Um sechs Uhr ist der Spielenachmittag vorbei  – der letzte in diesem Jahr. 2018 geht es weiter.

Vorheriger ArtikelLambert: Fabelwesen am Flügel
Nächster Artikel23. Türchen: Weihnachtsbaum selberschlagen
Ines Timm, Jahrgang 1989, hat schon einmal mitten in einem Gewitter einen Mastbruch überstanden. Die begeisterte Seglerin stammt aus einer Seefahrerfamilie, sie liebt das Meer, würde aber nie eine Kreuzfahrt machen. Geboren ist sie in Brunsbüttel, nach dem Abitur absolvierte sie in Flensburg eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau. Danach studierte sie an der FH Flensburg BWL mit Schwerpunkt Marketing. Nach dem Bachelor arbeitete sie in unterschiedlichen Werbeagenturen, unter anderem bei Scholz & Friends, und betreute Kampagnen für namhafte Kunden wie Siemens oder das Bundesverkehrsministerium. Als ehrenamtliches Mitglied unterstützt sie mit ihrer Expertise in Öffentlichkeitsarbeit und Marketing den Kulturlotse Hamburg e.V.