Mehr als 81 Millionen Menschen sind in der BRD krankenversichert. Foto: Jens Kalaene/dpa
Mehr als 81 Millionen Menschen sind in der BRD krankenversichert. Foto: Jens Kalaene/dpa

Sind private Krankenkassen ein Auslaufmodell? Nach Hamburg könnten die Beamten anderer Länder ebenfalls in die gesetzliche Versicherung wechseln. Aber was waren bisher Gründe für die private Versicherung? Und ist es wirklich gut, sie abzuschaffen?

Hamburgs Beamte erhalten seit dem 16. Mai die Hälfte ihrer Krankenkassenbeiträge erstattet, wenn sie sich gesetzlich krankenversichern, wie das “Hamburger Abendblatt” berichtete. Damit übernimmt die Stadt Hamburg den Arbeitgeberanteil für seine Beamten und erleichtert diesen den Wechsel in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Vorher erhielten die Beamten nur Zuzahlungen, wenn sie sich privat versicherten. Sollte dieses Beispiel in anderen Bundesländern Schule machen, könnte das weitere Mitgliederverluste für die privaten Krankenversicherungen (PKV) bedeuten.

Wechseln Beamte von der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung?

Die stellvertretende Pressesprecherin des Spitzenverbandes der GKV, Ann Marini, sagt: „Offen für uns ist im Moment, ob weitere Bundesländer dem Beispiel folgen. Mehr als positives Interesse von einzelnen habe ich bislang nicht gehört. Eine deutliche Auswirkung bei den Mitgliederstrukturen von GKV und PKV hängt davon ab, wie viele Länder hier aktiv werden, ob der Bund ebenso solche Angebote unterbreitet und wie viele Beamten dann auch aktiv in die GKV gehen würden.“

Dazu sagt die Pressereferentin des Verbandes der Privaten Krankenversicherung e.V., Christina Beinke, sie seien überzeugt, dass sie angehende Beamten weiterhin mit ihren Leistungen und Services überzeugen können. 92 Prozent der Beamten seien zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer PKV und die GKV sei auch finanziell für Beamte nicht unbedingt die bessere Alternative.

Mehr Mitglieder in der GKV, sinkende Zahlen in der PKV

Von den 9 Millionen privat Versicherten sind laut “Abendblatt” etwa die Hälfte Beamte. Dazu sinkt der Anteil der privat Versicherten an allen Versicherten laut dem Datenportal Statista seit 2011 ohnehin stetig weiter ab. 2017 waren 130.000 Menschen weniger privat versichert als noch 2011 – während die Gesamtzahl der Versicherten von 78,6 auf 81 Millionen gestiegen ist. Ann Marini begründet dies so: „Die GKV hat in den letzten Jahren davon profitiert, dass verstärkt EU-Bürger nach Deutschland kamen, um hier zu arbeiten. Ebenso kamen verstärkt neue Mitglieder über positiv entschiedene Asylverfahren zu uns und auch aus der PKV.“

Christian Beinke sagt zur PKV: „Vielen vormals privatversicherten Selbstständigen bietet sich die Gelegenheit, in ein Angestelltenverhältnis zu wechseln. Sie werden so meist automatisch versicherungspflichtig in der GKV – ob sie wollen oder nicht.“ Das Gleiche gelte für Berufsanfänger, die vorher in einer PKV waren, denn nur Angestellte mit einem Jahreseinkommen von mehr als 59.400 Euro dürften sich in der PKV versichern.

Gründe für die PKV

Welche Gründe hatten Menschen bisher, in der PKV zu sein?

  1. Man wird bei niedergelassenen Ärzten in vielen Fällen bevorzugt behandelt, da diese von privat Versicherten mehr Geld als von gesetzlich Versicherten nehmen können und mit der bevorzugten Behandlung die privat Versicherten binden wollen. Das kann sich darin äußern, dass ein Termin vorgezogen wird oder man länger im Arztgespräch ist.
  2. Auch im Krankenhaus wird man bevorzugt behandelt. Man erhält ein Einzelbettzimmer mit einer besseren Essensauswahl und, wenn dies vertraglich vereinbart wurde, eine Chefarztbehandlung. Dieser rechnet die Behandlungszeit aber auch extra.
  3. Einmal vertraglich vereinbarte Leistungen werden nicht mehr verändert. Dagegen können die gesetzlichen Krankenkassen ihr Leistungsspektrum ändern, wenn der Bundesausschuss der staatlich finanzierten Gesundheitseinrichtungen das entscheidet.
  4. Junge, gesunde Menschen erhalten kostengünstigere Tarife, so dass gerade für diese Personengruppe eine privaten Krankenversicherung mitunter günstiger als eine gesetzliche sein kann. In der Gesetzlichen entscheidet nur das Einkommen über den zu zahlenden Beitrag. Mit zunehmendem Alter und schlechterer Gesundheit müssen privat Versicherte dann aber auch teilweise sehr viel mehr als in der GKV zahlen.

Solidarische Bürgerversicherung

Im Bundestagswahlkampf 2017 wurde von der SPD gefordert, eine „solidarische Bürgerversicherung“ einzuführen, um die Besserbehandlung der privat Versicherten abzuschaffen. Ann Marini sagt zur Position der GKV: „Bei der Frage nach einer Bürgerversicherung hat sich der GKV-Spitzenverband bisher zurückgehalten. Bei uns im Verwaltungsrat sitzen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter. Beide Seiten haben bei diesem Thema bekanntermaßen gegensätzliche Ziele. Wir haben bei diesem Thema bisher politisch gefordert, dass PKV-Probleme nicht auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung gelöst werde dürfen.“

Christina Beinke sagt zur Position der PKV: „Es ist zu begrüßen, dass die Koalitionsvereinbarung in der Gesundheitspolitik keine ideologisch motivierten Radikalreformen à la Einheitskasse vorsieht, sondern sich auf pragmatische Schritte zu konkreten Verbesserungen konzentriert. Ein Experiment Bürgerversicherung wäre für alle von Nachteil – schlecht für die medizinische Versorgung, Gift für die Wirtschaft, rücksichtslos gegenüber unseren Kindern und Enkeln. Die Verfechter kommen immer mit dem Thema Wartezeiten. Dabei sind diese bei uns im internationalen Vergleich geradezu rekordverdächtig kurz.“

Vor- und Nachteile

Lisa Nienhaus und Uwe Jean Heuser von „Zeit Online“ haben Vor- und Nachteile des Konzeptes der solidarischen Bürgerversicherung diskutiert. Nienhaus argumentiert, dass die privat Versicherten im Verhältnis zu ihren Mehrleistungen viel mehr Geld in die Finanzierung des Gesundheitswesens stecken. Damit würden sie die gesetzlich Versicherten querfinanzieren. Sollte die Bürgerversicherung eingeführt werden, solle sich die Besserbehandlung von Reicheren noch verstärken. Diese könnten dann jeweils einzeln teure Zusatzversicherungen abschließen. Dazu solle das Leistungsangebot für die ärmeren gesetzlich Versicherten schlechter werden, da die Querfinanzierung der privat Versicherten wegfiele.

Vorteile der solidarischen Bürgerversicherung seien laut Uwe Jean Heuser, dass die Spaltung der Bevölkerung in besser und schlechter behandelte Menschen beendet würde. Dazu würden die privat Versicherten ebenso anteilig in das Solidarsystem der GKV einzahlen und sich somit direkt an der Finanzierung des Gesundheitssystems beteiligen. Und schlussendlich würden viele Menschen, die schon in der PKV sind und sich die Beiträge nicht mehr leisten können, aus der PKV austreten können.

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