Im Imbiss-Restaurant von Monrovia werden Schweinekotelletts serviert. Foto: Doc & Film International
Im Imbiss-Restaurant von Monrovia werden Schweinekotelletts serviert. Foto: Doc & Film International

Wie leben Menschen auf dem Land in den USA? Regisseur Frederick Wisemann zeigt in seiner Dokumentation die hellen und die dunklen Seiten des Dorfes Monrovia in Indiana. Das ist rührend und verstörend zugleich.

Kilometerweite Äcker, dazwischen ein paar Häuser und quer hindurch asphaltierte Straßen: Das ist Monrovia im US-Staat Indiana – ein Dorf, das der Filmemacher Frederick Wisemann (zuletzt: „Ex Libris – The New York Public Library“) zum Mittelpunkt seiner neuen Dokumentation macht. Nur durch das Wiegen der jungen Pflanzentriebe im Wind und durch das ferne Brummen von Fahrzeugen erkennt man, dass man nicht auf ein Standbild schaut.

Frederick Wisemann war früher Anwalt, hat polnisch-russische Wurzeln und dreht seit über 50 Jahren Dokumentarfilme. Sein Markenzeichen: Er hält schonungslos auf alle Details drauf. Sein erster Film „Titicut Follies“ (1967), über die barbarischen Zustände in einem amerikanischen Krankenhaus für psychisch kranke Kriminelle, war bis 1991 verboten. Mit kompromissloser Bildsprache zeigt der inzwischen 88-jährige Wisemann in „Monrovia, Indiana“ den mittleren Osten der USA im Jahr 2018.

Von Freimaurern und giftigem Dünger

Hunderte Schweine werden durch enge Gänge in einen Truck mit stählernen Kästen getrieben. Sie quieken vor Panik. In der nächsten Szene zerteilen Arbeiter Schweinekoteletts mit kreischenden Schneidemaschinen. Schnitt: Eine Chemieanlage. Um sie herum stehen lange Aluminiumtanks voller Dünger. „Hochgiftig“ steht auf den Behältern. Als Nächstes sieht man Traktoren, die die Chemikalie über weite Äcker verteilen. Neue Szene: Die mehrheitlich aus Rentnern bestehende, christliche Freimaurerloge Nummer 654 ehrt in einem kleinen Saal ein Mitglied für 50 Jahre Treue. An der Wand hängen Bilder der Vorfahren. Die Linie reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Wisemann zeigt das US-amerikanische Landleben als extrem christlich, traditionell, republikanisch. Hier werden noch Männer nur von Männern und Frauen nur von Frauen frisiert. Die US-amerikanische Flagge ist allgegenwärtig und auf dem Dorffest fehlen Infostände der demokratischen, grünen oder sozialistischen Partei. Menschen mit afro- oder lateinamerikanischen Wurzeln scheinen hier nicht zu leben oder sind einfach nur nicht vertreten, wenn der Stadtrat über neuen Wohnraum und Feuerhydranten diskutiert.

Monrovia, ein Dorf wie viele andere

Aufgrund des tief in der Kehle gebildeten US-amerikanischen Akzents sind die Dialoge schwer zu verstehen. Dennoch bringen selbst kurze Konversationen eine Gefühlsbandbreite zum Ausdruck: Ein ergrauter Mittsiebziger erzählt in knappen Schilderungen zwei Freunden von seiner Krebstherapie. Anteilnehmende Zustimmungslaute werden ausgetauscht, dem Kranken gut zugeredet. Alles würde schon nicht so schlimm sein. Trotzdem entwischen den Freunden zutiefst verunsicherte Blicke. Ihr Vertrauen auf göttliche Fügung scheint zu wanken.

Den Alltag der Menschen zu begleiten, ist rührend und verstörend zugleich. Das Schulorchester spielt mit Mühe und Not vor den mäßig interessierten Eltern einige Pop-Hits. Ein bulliger Lehrer mit schütterem Haar, Ende 40, erklärt stolz seinen Schülern, dass es drei Basketball-Spieler aus Monrovia in die NBA geschafft hätten. Die Pfeiler der dörflichen Kultur scheinen darüber hinaus hauptsächlich aus Kirchenbesuchen, fettem Essen und Familientreffen zu bestehen. Die Dynamiken des Zusammenlebens werden durch die Aufnahmen verständlich, auch wenn es das nicht weniger leicht macht, sie zu beobachten.

Wisemann öffnet mit seinem Film ein Fenster in eine der ländlichen Regionen, die Donald Trump zum Präsidenten des Landes gemacht haben. In der die Menschen mehr Waffen besitzen, mehr Alkohol trinken und früher heiraten, als in der Stadt. Auf dem Dorffest werden Aufkleber mit Aufschriften wie “Mein Vater sagt, traue nichts, was fünf Tage blutet und nicht stirbt” verkauft. Im Dorfladen legen die Bewohner ganz selbstverständlich probeweise Gewehre an. Anschließend rasen sie mit tonnenschweren Mini-Trucks durch die Gegend. Da kann einem schon sehr mulmig werden.

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Eric Recke, Jahrgang 1987, nimmt jeden Morgen drei Gramm Vitamin C und ist überzeugt, dass er deshalb 120 Jahre alt werden wird. Als Sohn zweier DDR-Schwimmstars sah es zunächst so aus, als stehe auch ihm eine Karriere als Leistungssportler bevor, später wollte er sogar einmal Polizist werden. Am Ende studierte Eric dann aber Sozialpädagogik, bis heute schiebt er Schichtdienste in einer Betreuungseinrichtung für Jugendliche. Es gibt an der HAW Hamburg kaum ein studentisches Gremium, dem er noch nicht angehört hat. Die Studierendenzeitung „IMPULS“ hat er mitgegründet und ein Buch über die Geschichte der Olympischen Spiele geschrieben. Trotz seines anstrengenden Lebenswandels verzichtet Eric morgens auf Kaffee: das dauert ihm einfach zu lange. Kürzel: er