ByteFM war seiner Zeit schon oft voraus. Das Webradio war ein Start-up, bevor es Start-ups gab. Und es finanzierte sich durch Crowdfunding, bevor es Crowdfunding gab. Seit Januar 2022 sendet das Radio nun auf einer analogen UKW-Frequenz. Nostalgie oder der nächste Trend? Gründer Ruben Jonas Schnell im Interview.

Ein Beitrag von Elena Bock und Benedikt Scherm.

Drei Tage nach Silvester knallen im Feldstraßenbunker auf St. Pauli die Korken. Silvester verpennt? Mitnichten, denn beim Hamburger Webradio gibt es wirklich was zu feiern: Seit dem 3.1.2022 sendet das Radio nicht mehr nur im Internet, sondern auch ganz analog auf zwei UKW-Frequenzen: 91,7 und 104,0 MHz.

2008 gründete Ruben Jonas Schnell den Sender ByteFM, bis heute ist er Chefredakteur und Herz des Radios, das seine Redaktionsräume im historischen Bunker hat.

ByteFM legt den Fokus auf eine kritische Auseinandersetzung mit Musik verschiedener Genres. Der Sender verzichtet auf Werbung und finanziert sich durch einen Förderverein. Ein großer Teil des Teams arbeitet ehrenamtlich und aus Leidenschaft bei dem Sender. ByteFM wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grimme Online Award.
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FINK.HAMBURG: Warum hören Menschen immer noch Radio?

Ruben Jonas Schnell: Im Grunde ist es ja fast interessanter, warum man es nicht hört. Ich finde Radio nach wie vor das attraktivste Medium, weil ich alles nebenher machen kann und dabei Radio hören kann. Durch die Senderwahl kann ich eine inhaltliche Ausrichtung treffen und während ich meine Zwiebeln schneide, nehme ich die Inhalte auf, die mich interessieren. Und für mich kommt die Musik noch dazu, ich habe Musikradio immer geliebt, mich dort inspirieren lassen.

Das kann Spotify nicht?

So gut eine Spotify-Playlist auch auf mich abgestimmt ist, finde ich Radio viel attraktiver, weil ich das höre, was ich nicht gehört hätte und worauf ich nicht gekommen wäre. Ich finde den Überraschungsfaktor total toll. Und obwohl ich hin und wieder auch Podcasts höre, finde ich die Echtzeit von Radio nach wie vor attraktiv.

Da sitzt jetzt jemand, der fühlt das und lässt mich daran teilhaben. Und wenn er oder sie das gut macht, erlebt man was gemeinsam, egal ob Gespräch oder Musik. Und das kickt mich nach wie vor total.

Spotify ist super und so und auch für uns ein wichtiges Recherchemittel, aber diese komplette Verfügbarkeit von Musik ist auch eine Überforderung. Einfach einschalten und das Gefühl haben, der Sender ist gut und ich fühle mich ernstgenommen, das finde ich gut.

Radio schafft auch ein regionales Gemeinschaftsgefühl oder?

Regional muss gar nicht, Deutschlandfunk ist wie unser Webradio auch, überregional. Trotzdem kann ein Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Wie würdest du denn die Hamburger Radiolandschaft beschreiben und welche Rolle hat ByteFM darin?

Es gibt öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der ist toll, zumindest zum Teil. Ich habe ja lange für den Nachtclub bei NDR Info gearbeitet, aber der ist jetzt nur noch auf DAB+ zu hören bei NDR blue.

Außer ByteFM gibt es auf UKW in Hamburg keinen musikjournalistischen Sender. Keine Station, die Musik rund um die Uhr zum Thema macht. Wir haben unser Portfolio mit UKW noch etwas erweitert, es gibt z. B. eine neue Sendung, das Stadtmagazin, wo wir ausführliche Interviews mit Kulturschaffenden führen. Auch mit Menschen, die ausdrücklich jenseits von Musik agieren. Einen Sender, der Vergleichbares in ähnlichem Ausmaß anbietet, gibt es sonst nicht. Dazu senden wir auf UKW Kulturnachrichten siebenmal am Tag. Das gibt es so auch nicht. Ich glaube, dass die Nische, die wir damit für Hamburg anbieten, gar nicht mal so klein ist. Also wer sich für Musik und Kultur interessiert, kann bei uns ein neues Zuhause finden.

Der Hamburger Fokus kam aber auch erst durch die UKW-Frequenz oder?

Genau. Und wir versuchen auch, diesen Fokus im Webstream nicht so groß zu machen, damit die Hörer:innen in Kassel und Köln nicht das Gefühl haben, dass ByteFM jetzt ein Hamburger Sender ist. Also wir sind auf UKW ein Hamburger Sender, aber im Web senden wir für den gesamten deutschen Sprachraum. Das heißt, dass das Stadtmagazin und die Kulturnachrichten nur auf UKW laufen.

ByteFM gibt es nun schon eine ganze Weile. Magst du uns mal ins Jahr 2008 mitnehmen? Was war die Idee hinter dem Projekt?

Ich mache Radio seit ungefähr 25 Jahren, hatte aber das Gefühl, dass es in Deutschland keine Plattform gibt, auf der Musikjournalismus und liebevoll aufbereitete Musiksendungen den Großteil des Programms ausmachen.

Ich war der Überzeugung, dass es dafür ein großes Interesse gibt. Dann hab ich mit Freunden und Kollegen gesprochen und ihnen von der Idee erzählt, so einen Sender zu gründen, und fast alle sagten „Wow geil, wenn du das machst, bin ich dabei“. Totally low budget, alles haben wir umsonst gemacht und gerne unentgeltlich gearbeitet, weil es uns um die Verwirklichung eines Traums ging. Da wussten wir weder, wie viel Arbeit es sein würde, einen eigenen Sender professionell zu betreiben, noch, dass es uns so lange geben wird.

Nur die Finanzierung über Sponsoren hat nicht so gut geklappt, dafür haben wir dann den Förderverein gegründet und der hat inzwischen bald 8000 zahlende Mitglieder.

Das war ja quasi Crowdfunding, bevor es diesen Namen überhaupt gab.

Ja, schon irgendwie. Ich liebe auch dieses Finanzierungsmodell, weil es eine Wertschätzung ist, von den Leuten, die uns bezahlen, weil die sagen wir finden das gut und sind da gerne dabei. Auch macht uns der Verein „Freunde von ByteFM“ unabhängig von Marktentwicklungen, durch Corona brach der Markt für Privatsender zum Beispiel total ein. Und bei uns eigentlich das Gegenteil, die Leute haben gesagt „Ihr seid jetzt wichtiger denn je“. Wir sind im letzten Jahr mehr gewachsen als je zuvor. Inzwischen haben wir zehn fest angestellte Mitarbeiter:innen, hundert Moderator:innen, die das Programm gestalten, und ByteFM konnte immer professioneller werden. UKW ist jetzt ein Ritterschlag, der das Ding komplett macht.

Die ByteFM Redaktion feiert den UKW-Start.
Champagne Showers in der ByteFM-Redaktion. Am 3. Januar 2022 startete der Sender seine UKW-Frequenzen. Foto: ByteFM.

Ändert sich durch UKW jetzt etwas an der Finanzierungsform?

Die Leute fragen: „Sendet ihr jetzt Werbung?“. Nein, senden wir nicht. Was auf UKW jetzt aber möglich ist, sind sogenannte Sendungspatronate. Das hört sich dann so an: „Diese Sendung mit freundlicher Unterstützung von XY“.

Und diese Patronate sind nur auf UKW möglich. Wie wir glauben, ist das unseren Förderer-Mitgliedern zumutbar, weil die Einbindung total dezent ist.

Hat das Sendungspatronat Einfluss auf den Inhalt der Sendung?

Nein, so eben nicht, das ist auch genau das Wichtige. Wir haben inhaltliche Kooperationen, zum Beispiel mit dem Reeperbahn-Festival oder mit der Elbphilarmonie, wo wir wissen, dass die Partner für hochwertige Inhalte stehen. Trotzdem lassen wir uns nicht vorschreiben, wie wir berichten, vielmehr stimmt man sich gemeinsam ab. Die Patronate sind abgelöst davon, wir behalten die absolute redaktionelle Hoheit.

Nun wieder zum eigentlichen Anlass des Gesprächs, die UKW-Frequenz. Wann stand der Gedanke dazu das erste Mal im Raum?

Seit 2010 haben wir in einem dreistündigen Fenster auf der 91,7 bei 917XFM gesendet. Man war an ByteFM herangetreten als Partner für ein redaktionelles Musikradio. Das war gut und ich weiß aus unserem Verein, dass viele unserer Hörer*innen ByteFM durch das UKW-Fenster kennengelernt haben. Ein Experiment, bei dem ich gemerkt habe, dass erstaunlich viele Leute noch UKW hören.

Wie sah es im Team aus? Standen alle hinter der Idee oder gab es auch Leute, die ein reines Webradio bleiben wollten?

Gute Frage. Die hab ich mir tatsächlich auch gestellt. Und dann haben wir’s kommuniziert und alle fanden’s super. Verständlich, weil: Wenn ich mir schon die Arbeit mache, eine Sendung zu produzieren, will ich ja auch, dass sie gehört wird.

Fühlt es sich jetzt nach „richtig Radio machen“ an?

Auch vorher haben wir schon „richtiges Radio“ gemacht. Aber von vielen bekommen wir gespiegelt, dass sie es so wahrnehmen als wäre ByteFM jetzt ein „richtiger Sender“. Es war einfach der richtige Schritt, es bringt ByteFM nochmal nach vorne. Wir gehen demnächst auch in Berlin und Hamburg auf DAB+. ByteFM hat sich toll entwickelt und wir wollen jetzt einfach noch ein bisschen mehr.

War es denn technisch ein großer Aufwand?

Ja, war’s. Also es gibt einen Dienstleister, der nimmt das Signal an unserem Mischpult ab und bringt es via Kabel auf die Fernsehtürme. Dafür musste tatsächlich noch eine etwas anspruchsvollere Telefonleitung zu uns in den Bunker gelegt werden.

Zweigleisig zu senden, das war technisch aufwändiger als erwartet. Gott sei Dank kümmert sich darum unser großartiges Technikteam und es ist nicht mehr meine Baustelle… Unser erstes Mischpult habe ich noch selbst in den Bunker getragen. Angeschlossen allerdings auch damals schon jemand anderes.

Das Techniksetup im ByteFm-Studio,
Alles im Blick: Rubens Sendeplatz im ByteFM-Studio. Foto: ByteFM.

Gibt es zwischen den Sendern Konkurrenzdenken, wenn es um die Frequenzen geht?

Am Ende geht es meistens um Geld. Für einen klassischen, werbefinanzierten Sender mit Programm, Werbespots und Vermarktung ist UKW ein Modell, mit dem sich Geld verdienen lässt. Und das ist für viele der Grund, ein Programm überhaupt anzubieten. Und wenn diese Möglichkeit nicht mehr da ist, dann ist das doof.
Wir haben ByteFM nicht gestartet, um Geld zu verdienen, sondern um unsere Vision eines redaktionellen Musikradios umzusetzen.

Es gab auch Kritik, warum wir jetzt auf zwei Frequenzen senden und damit beiden Sendern, die vorher auf den Frequenzen gesendet haben, FluxFM und 917xfm, die Möglichkeit nehmen, ihr Programm auszustrahlen. Tatsächlich waren die beiden Frequenzen nicht einzeln zu bekommen, sondern im Paket ausgeschrieben. Dieses Paket hat eine entsprechend große Reichweite, von der wir jetzt natürlich profitieren.

Und auf welcher Basis entscheidet die Medienanstalt dann?

Der Medienanstalt ging es um programmliche Vielfalt. Aus den verschiedenen Sendern ein attraktives Angebot zu schaffen.

Für das Frequenz-Paket 91,7 und 104,0 MHz hatten sich mit uns noch fünf andere Parteien beworben. Nach einem Schlichtungsversuch: „Wollt ihr das nicht einfach alle zusammen machen?“ hat letztendlich jeder für seinen Antrag gekämpft. Aber das war nicht unangenehm, sondern professionelle Konkurrenz.

Was denkst du, wie hat ByteFM am Ende überzeugt?

Weil wir einfach total hinter dem Ding stehen, das wir machen. Das ist ein großer Vorteil.

„Ich liebe das, was wir da machen, ich halte das wirklich für wichtig. Und deswegen kann ich unseren Sender, unsere Idee auch mit Leidenschaft und hoffentlich glaubwürdig ‚verkaufen‘. Weil es meine Idee ist. Mein Traum eigentlich.“

Lässt sich nach den ersten Wochen UKW denn schon ein Fazit ziehen? Gab’s schon Rückmeldungen?

Ja klar. Die Wahrnehmung im Bekanntenkreis ist jetzt eine ganz andere. Gäste, die wir für das Stadtmagazin einladen, kommen gern. Kultursenator Dr. Carsten Brosda war bei uns, Christoph Lieben-Seuter, der Chef der Elbphilharmonie, Amelie Deuflhard von Kampnagel, Schauspieler:innen und Plattenladen-Besitzer:innen und viele andere. Die Wahrnehmung ist toll.

Gibt’s auch negative Begleiterscheinungen?

Was für mich wirklich im Moment irritierend ist: Im Webradio hat man einen direkten Blick auf die Entwicklung der Hörerzahlen. Ich sehe, wenn zwei sperrige Songs die Leute zum Abschalten bewegen oder ein Interview so spannend ist, dass Leute vermehrt zuschalten. Das alles lässt sich auf UKW nicht nachvollziehen. Man hat keinen direkten Zugriff darauf, wie viele Leute das Programm hören und fühlt sich damit – im Vergleich zum reinen Webradio – ein bisschen im Off.

Auch wieder der komplette Gegenschritt zu Big Data und Co. Wie denkt ihr weiter? So einen Platz hat man ja für…

… zehn Jahre mit Option auf zehn weitere. Dann wäre ich alt genug, dass ich mich entspannen kann. Also, wie gesagt: Auf DAB+ sind wir in Hamburg auch schon am Start. Aber auch UKW wird sicher nicht in den nächsten drei Jahren abgeschaltet.

Ich plane im Moment erst mal nur die nächsten Wochen. Ich will dieses Programm gut machen und den Start in Berlin auf DAB+ gut auf den Weg bringen, den Verein weiter stärken und damit die Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeiter:innen so bald wie möglich wirtschaftlich noch weiter verbessern.

Wie siehst du die Zukunft des Radios allgemein?

Ich glaube nicht, dass Radio ausstirbt. Ich glaube, dass dieses Echtzeitmoment wichtig ist. Auch wenn alle im Moment dem Podcast hinterherrennen. Podcasts sind klasse. Aber auch Live-Radio wird wichtig bleiben. Aber es braucht in Zukunft nicht mehr 100 Sender in Deutschland, die alle gleich klingen.

Was hörst du gerne, wenn du Radio hörst?

Außer ByteFM? Der Deutschlandfunk macht ein großartiges Programm – von den Nachrichten über Interviews und Features bis hin zu den Call-in-Sendungen mit Hörer:innen.

Aus alter Verbundenheit: Auch den Nachtclub finde ich nach wie vor toll. Die Sendungen laufen nur eben leider nicht mehr auf UKW und sind kaum noch auffindbar. Sehr schade, denn dort entstehen tolle Sendungen.

Außer den Podcasts, die wir mit ByteFM produzieren, für die Deichtorhallen, das Reeperbahn Festival und das Städel Museum in Frankfurt, höre ich einen Podcast häufig: This American Life. Das ist ein amerikanischer Podcast, der mein Herz erwärmt.

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Benedikt Scherm, Jahrgang 1998, hat eine Katze überfahren. Damals, in der 5. Klasse auf dem Fahrrad, in einer Gemeinde in der Nähe von Bayreuth. Zu Schaden kam dabei aber nur er selbst. Heute präsentiert Benedikt gemeinsam mit einem Freund seine Erfolge aus der Küche auf Instagram, und auch dabei gibt es gelegentlich Unfälle: Hin und wieder brennt etwas an. Musikalisch interessiert ihn eine ganze Menge, von Deutschrap bis Lo-Fi und Techno, aber beim Klavierspielen ist er nie besonders weit gekommen, und wenn er im Auto mitsingt, sagen ihm seine Freunde, dass er bitte still sein soll. Er arbeitete unter anderem für den Nordbayerischen Kurier, den Bayrischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung, in Passau studierte er Journalistik und strategische Kommunikation. Ob es für ihn am Ende Schreiben, Audio oder Video wird, muss er noch herausfinden – Journalismus muss es in jedem Fall sein. (Kürzel: ikt)

1 KOMMENTAR

  1. Ich muss zugeben, dass ich immer noch darüber traurig bin, dass 917xfm seinen Sendebetrieb einstellen musste, denn der Sender war eben auch keiner der normalen „Dudelfunk“-Sender, sondern hatte ein eigenständiges Profil mit viel Musik aus Hamburg.

    Ich habe in ByteFM hineingehört, aber der Sender scheint mir weniger dafür geeignet zu sein, einfach mal irgendwann im Laufe des Tages reinzuschalten, da es doch eher Programmradio ist – und irgendwie hat mich bislang nichts wirklich angesprochen.

    Ich habe davor abwechselnd 917xfm und Deutschlandfunk Nova gehört. Jetzt höre ich halt nur noch Nova.

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