Buchhandlung, Café, Touristeninfo: In der frisch renovierten Rathauspassage Hamburg arbeiten Menschen, die lange arbeitslos waren. Zwei von ihnen erzählen, wie die Passage ihnen geholfen hat. Wie funktioniert das gemeinnützige Konzept?

Fotos und Collage: Kristin Müller

In Hamburgs längstem Bücherregal stehen 6500 Bücher. Manche von ihnen sind alt, einige brandneu: Harry Potter neben dem neuen Roman von Juli Zeh und einem Hamburg Reiseführer. Das helle Holz erstreckt sich fast über die gesamte Rückwand des Raums. Zu dem Geruch von Papier mischt sich der von frischem Kaffee. Um 11 Uhr sind bereits einige der Tische an der großen Fensterfront gegenüber belegt. Eine junge Frau starrt mit einer Kaffeetasse in der Hand auf ihr Macbook. Direkt hinter ihr ist ein Herr mit weißem Haar in das „Hamburger Abendblatt“ vertieft. Auf der anderen Fensterseite dümpeln drei Schwäne auf der kleinen Alster.

In dem großen Raum stehen auch einige Aktionswägen mit Büchern und regionalen Produkten. Einen von ihnen ordnet ein Mann gerade neu an. Auf dem Namensschild seines grünen Pullovers steht in rosa und blau „Rathauspassage Hamburg” und direkt darüber sein Name. Trotzdem möchte er diesen nicht in Verbindung mit seinem Arbeitgeber lesen. Zu viele negative Stigmata. Denn er und seine Kolleg*innen waren fast alle mehrere Jahre lang arbeitslos.

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Die Aktionstische in der Passage werden regelmäßig neu sortiert. Foto: Kristin Müller

Rathauspassage Hamburg: Nach fünf Jahren Renovierungsarbeiten wieder geöffnet

Ende März hat mitten in der Innenstadt die frisch renovierte Rathauspassage Hamburg eröffnet. Fünf Jahre haben die Renovierungsarbeiten gedauert. Buchhandlung, Antiquariat, Gastronomie, To-Go-Angebot, Eventlocation, Hamburg-Shop und Tourismusinfo – auf der rund 1000 Quadratmeter großen Fläche unterhalb des Rathausmarktes gibt es ein breites Angebot für Besucher*innen. Bedient werden sie dabei von einem Team, das zum Großteil aus Menschen besteht, die lange vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen waren. Bücher, Stadtrundfahrten, alte Schallplatten, Kaffee, regionale Produkte und sogar einen Pilgerstempel bieten sie hier an.

Laut Agentur für Arbeit sind im Mai 2024 fast 27.000 Menschen in Hamburg langzeitarbeitslos. In der Rathauspassage werden rund 50 von ihnen darauf vorbereitet, wieder am regulären Arbeitsmarkt teilzunehmen. Die bereits 1998 gegründete Passage versteht sich selbst als Hamburgs sozialer Hafen. Wer der gemeinnützigen Einrichtung einen Besuch abstatten will, steigt entweder die Treppen gegenüber vom Rathaus hinab – direkt vor Starbucks – oder nimmt den Eingang in der Unterführung zum S-Bahnhof Jungfernstieg.

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Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2024): Langzeitarbeitslosigkeit, [Interaktive Statistiken, Dashboard, Langzeitarbeitslosigkeit] Hamburg. Abrufbar im Internet unter: statistik.arbeitsagentur.de. Stand: 17.06.2024.

Ein hochgewachsener Mann und eine kleine Frau mit dunklen Haaren durchqueren langsam den lichtdurchfluteten Raum. Sie hat ihre Haare zusammengebunden und eine petrolfarbene Jacke an. Er trägt ein schlichtes blaues Sweatshirt.

Das Duo verlässt die Passage und tritt hinaus auf den Gang. Rechts geht es hinunter zu den U- und S-Bahnen des Jungfernstiegs. Der Weg nach links führt an der WC-Anlage der Passage vorbei und direkt hinauf zum Hamburger Rathaus. Die beiden gehen geradeaus und öffnen die Tür gegenüber. „Verwaltung”, steht dort. Zu deren Team gehören auch der 45-jährige Jan und die 51-jährige Yvonne. Ihre Nachnamen möchten die beiden nicht verraten, aber über die Rathauspassage Hamburg sprechen sie gerne.

Im eigenen Tempo zurück in den Arbeitsalltag

Jan ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann und bereits seit 2019 bei der Rathauspassage angestellt. „Damals sollte eigentlich schon die neue Passage eröffnet werden”, sagt er. Geklappt hat das zwar nicht wie geplant, aber er fühlt sich auch während der Renovierungsarbeiten wohl bei seinem neuen Arbeitgeber. Wie bei den meisten seiner Kolleg*innen ist Jans Stelle durch das sogenannte Teilhabechancengesetz gefördert. Wer innerhalb von sieben Jahren mindestens sechs Jahre Bürgergeld bezieht, hat demnach Anspruch auf eine fünfjährige Förderung namens „Teilhabe am Arbeitsmarkt” (§16i, SGB II). In den ersten zwei Jahren wird das Gehalt dabei vollständig gefördert. Mit jedem weiteren Jahr nimmt die Fördersumme um zehn Prozent ab. Hinzu kommt ein Budget von 3000 Euro, um Weiterbildungen zu absolvieren.

„Ich glaube ich hätte damals einiges auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht geschafft.

Grund für Jans Arbeitslosigkeit waren gesundheitliche Probleme: „Ich glaube ich hätte damals einiges auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht geschafft.” Aber in der Passage hat er Sicherheit gewonnen. Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten. Hilfreich seien dabei vor allem das unterstützende Arbeitsumfeld in der Passage, aber auch regelmäßige Coachings gewesen, die zur Förderung dazugehören, erzählt er. „Man merkt, wie schnell alle hier wieder sicherer werden und wie motiviert alle sind,“ sagt auch Tabea Worthman, die Teamleiterin des Buchbereichs. Sie ist eine von zehn Fach- und Führungskräfte, die die geförderten Mitarbeitenden in den verschiedenen Bereichen anleiten.

Das Teilhabechancengesetz trat 2019 in Kraft und soll Menschen, die lange arbeitslos waren, dabei unterstützen wieder auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie werden betreut, beraten und ihr Gehalt zu einem Teil übernommen. Das Gesetz enthält die zwei Förderungen: “Eingliederung von Langzeitarbeitslosen” (§ 16e SGB II) und “Teilhabe am Arbeitsmarkt” (§ 16i SGB II). Die 16i-Förderungen sind auf fünf Jahre und die 16e-Förderung auf zwei Jahre ausgelegt.

Eine Förderung nach dem Teilhabechancengesetz kann in jedem Unternehmen stattfinden. Sie ist nicht an gemeinnützige Arbeitgeber wie die Rathauspassage Hamburg gebunden. “Aber hier haben wir noch nicht den Stress vom ersten Arbeitsmarkt“, sagt Yvonne. Als eineinhalbten Arbeitsmarkt hat ein ehemaliger Kollege den Ort einmal bezeichnet. Ein passender Begriff, findet Yvonne. Sie ist seit zwei Jahren in der Passage angestellt und froh, dass sie hier gelandet ist, nachdem sie sich auf verschiedene geförderte Stellen beworben hatte. Denn hier kann sie sich in ihrem Tempo einarbeiten und bekommt wichtige Unterstützung.

„Hier haben wir noch nicht den Stress vom ersten Arbeitsmarkt.

„Besonders freue ich mich immer auf meine netten Kollegen”, sagt sie und lächelt. Als alleinlebende und langzeitarbeitslose Person habe ihr der soziale Kontakt sehr gefehlt. Jan nickt. Jetzt sitzen sie jeden Tag gemeinsam im Büro. Schreibtisch an Schreibtisch. Die meisten von ihnen bleiben je nach Fördermöglichkeit für fünf Jahre in der Passage. Neben dem Teilhabechancengesetz sind ein paar Stellen im Team auch über das sogenannte „Budget für Arbeit” gefördert. Es steht Menschen mit physischen oder psychischen Behinderungen zu.

Auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum eine Chance

Yvonnes Vertrag wurde gerade für drei Jahre verlängert. Und danach? Endlich ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Etwas, das jahrelang nicht geklappt hat. „Es war völlig egal, ob ich es ohne Schwerbehindertenausweis probiert habe oder noch mal zehn Jahre später mit dem Ausweis. Ich habe nichts bekommen,” sagt die gelernte Verkäuferin. „Spätestens wenn ich dem Arbeitgeber mitteile, dass ich Epilepsie habe.”

Bei der Erinnerung daran schüttelt sie den Kopf. Immer wieder hieß es, sie sei nicht geeignet. Die meisten Arbeitgeber würden lieber eine Strafe zahlen, als Menschen mit Schwerbehindertenausweis einzustellen, meint Yvonne. Ein Eindruck, den eine Studie vom Verein Aktion Mensch bestätigt: Nur 39 Prozent der deutschen Unternehmen halten sich demnach an die gesetzlich vorgegebene Quote. Einen epileptischen Anfall hatte Yvonne seit einer OP im Jahr 2002 nicht mehr.

Nebenan in der Passage zieht ein Mann in Anzug und Krawatte ein Buch nach dem anderen aus dem 30 Meter langen Bücherregal. Hier wurde schon das eine oder andere Sammlerstück gefunden. Ein signiertes Buch über das Musiker-Duo „Pet Shop Boys“ ist aktuell für knapp 400 Euro das teuerste. Am Tresen gegenüber studieren gerade drei Seniorinnen die Mittagskarte, als ein Mann mit einem Karton zur Tür hereinkommt. Er möchte Bücher spenden.

Fast 20.000 bekommt die Passage davon monatlich. Sie werden geprüft, bepreist, einsortiert und nicht nur vor Ort verkauft, sondern auch über den neu eingerichteten Onlineshop. Diese Arbeit findet zum Großteil in einem externen Lager in Wilhelmsburg statt – dem Zinnbuch. Dort gibt es rund zehn weitere geförderte Stellen. Seit der Wiedereröffnung im März stehen in den Regalen der Passage auch aktuelle Bestseller und Neuerscheinungen.

Zurück auf den ersten Arbeitsmarkt

Hamburgs sozialer Hafen ist für die meisten Mitarbeitenden keine Endstation. Mit Arbeits-, Kundenerfahrung und neuem Selbstvertrauen ist ihr Zielhafen der allgemeine Arbeitsmarkt. Die Leitung des Projektes kann zwar nicht überprüfen, wie es jedem und jeder ehemaligen Mitarbeiter*in heute geht, aber Erfolgsgeschichten gibt es so einige. Für Jan kommt der Schritt auf den ersten Arbeitsmarkt immer näher. Er fühlt sich bereit dafür: „Ich kann es mir jetzt wieder vorstellen, dort Fuß zu fassen.” Am liebsten weiterhin im Verwaltungsbereich. An den Bewerbungen arbeitet er bereits.

Rathauspassage Hamburg
Rathausmarkt 3, 20095 Hamburg
Mo bis Fr: 10 bis 19 Uhr (Ankerplatz ab 7 Uhr)
Sa: 10 bis 18 Uhr

Gegensätze ziehen Kristin Müller, geboren 2001 in Ulm, regelrecht an. Sie wuchs in Baden-Württemberg auf, spricht allerdings kein Schwäbisch, trinkt gerne Guinness, mag aber eigentlich kein Bier und hat sich tierisch über den Cliffhanger aus Crescent City aufgeregt – nur um den nächsten Band nicht zu lesen. Nach ihren journalistischen Anfängen bei der Walsroder Zeitung landete sie während des Studiums im Community Management des Stadtportals “bremen.de” und bei der Social Media Agentur Himmelrenner. Für den Master wurde die selbsterklärte Bremen-Liebhaberin schließlich zur Wahl-Hamburgerin. Kein Gegensatz, wie Kristin findet.
Kürzel: mü

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