Sonntags ruhen Hilfsangebote für Obdachlose in Hamburg. Das Sonnenschein Café in Ottensen, öffnet genau dann seine Türen – und auch die Nachbarschaft hat sich lange eingebracht. Wir waren einen Tag lang vor Ort.

Titelbild (Montage): Eva Rabbe

Am Sonntagmittag bietet sich ein reges Schauspiel vor dem Café an der Kleinen Rainstraße: Wer hier eintrifft, hat Gebäck in der Hand. Ein älterer Herr trägt einen Käsekuchen. Eine Frau tippt auf ihrem Handy und balanciert Selbstgebackenes. Ein Passat fährt vor – im Kofferraum zahlreiche Gebäckspenden von Dat Backhus.

„Herein alle zusammen!“, sagt Sanja Kunze und lotst die Helfenden ins Innere des Cafés. Noch gleichen die Räumlichkeiten der Mathilde Bar, die hier an den restlichen Wochentagen geöffnet hat. Stühle stapeln sich vor den Burgunderrot gestrichenen Wänden und es riecht nach Kneipennacht. Das neue Publikum verschiebt nun Holzstühle und Tische, schmiert belegte Brötchen und verteilt Kuchen auf Tassenuntersetzer, bis sich die Bar in einen Ort für Menschen mit und ohne Wohnsitz verwandelt: Das Sonnenschein Café. Auch heute öffnet es, wie jeden Sonntag, von 13 bis 17 Uhr. Die Ehrenamtlichen beginnen Kaffee, Kuchen und Brötchen zu verteilen.

Obdachlosenhilfe (ver-)bindet

Sanja, ausgesprochen wie englisch „sun“, setzt sich nach draußen. Sie atmet kurz durch. Pause. Lose Strähnen haben sich aus ihrem Zopf gelöst.

„Ich wollte eigentlich nur Kuchen vorbeibringen“

Sanja spricht vom ersten Mal im Café. Anspannung weicht einem Lächeln. Seit Januar 2020 engagiert sie sich hier. Die herzliche Stimmung, die Dankbarkeit und die engagierten Menschen haben sie überwältigt.

Gegründet hat das Sonnenschein Café Gülay Ulaş im Februar 2018, damals noch als Kältehilfe für Obdachlose. Ein Jahr später gründet Gülay GoBanyo, ein gemeinnütziges Unternehmen, das einen Duschbus für Menschen auf der Straße organisiert und mittlerweile auch das Sonnenschein Café verwaltet.

„Dankeeee“, ein Gast läuft winkend vorbei. Sanja verabschiedet ihn strahlend: „Tschüüss!“ Der Kontakt der Wohnungslosen zu den Helfenden sei ein wichtiger Grund, warum diese gerne ins Café kommen. Nicht immer sei Zeit ausgiebig zu sprechen, bedauert sie. Doch, wenn jemand ein Anliegen habe, versuche sie sich immer einen Moment zu nehmen.

Sanja Kunze sitzt auf einer Bank vor dem Sonnenschein Café.
Sanja Kunze, Foto: Eva Rabbe

Sanja Kunze ist eine von 16,06 Millionen Ehrenamtlichen in Deutschland. Während der Covid-Pandemie hat sie eigenverantwortlich jeden Sonntag 100 Bedürftige mit Snacktüten auf der Straße versorgt – neben ihrem Vollzeitjob als Führungskraft. Doch wann wird Verantwortung zu viel? Geht das Ehrenamt auf Kosten seiner engagierten Freiwilligen?

Die Grenzen der Selbstlosigkeit

„Gülay hatte dann auch einfach keine Kraft mehr“, sagt Sanja. Kurz nach ihrem Einstieg beginnt die Corona-Krise. Das Café muss schließen. Die Gründerin investiert ihre restliche Kraft in den GoBanyo-Duschbus. Also übernimmt Sanja das Café: Mit einer Fördersumme der Budnianer Hilfe verteilt sie 20 Wochen lang jeden Sonntag Snacktüten an Wohnungslose.

Als das Café wieder öffnet, organisiert sie es „mehr oder minder allein“, bis Gülay wieder unterstützen kann. Doch auf die Dauer sei auch das nicht mehr gegangen:

„Wenn es dann stressige Phasen auf der Arbeit gab, dann habe ich das nicht mehr geschafft – also mental auch nicht.“

Nicht nur Lohnarbeitende, auch Ehrenamtliche sind gefährdet auszubrennen, wird die Belastung zu überwältigend. Schwächen Stressfaktoren die Fähigkeit der Aktivist*innen, sich weiter zu engagieren oder müssen diese ganz aufhören, spricht man von einem „activist burnout“.

Schon wegen Kleinigkeiten sei sie machmal im Café „an die Decke gegangen“. Jetzt lacht sie darüber.

Sanja macht weiter, aber nur noch an zwei Sonntagen im Monat. Neben Gülay unterstützt sie Ramona, eine weitere Teamleiterin. Es sei schwer Personen zu finden, die konstant Verantwortung übernehmen „Man kann eben nicht morgens aufstehen und sagen: ‚Ich habe jetzt keinen Bock‘, weil da ja so viel dranhängt.“

Das eigentliche Problem liegt woanders

Während Sanja wieder ins Café geht, zündet sich draußen ein älterer Herr eine Zigarette an. Der Bart ist lang, sein Blick ruhig und klar. Seit der Gründung sei Volker „jeden Sonntag wieder hier“, er lächelt. Damals war auch er noch obdachlos. Seit einem Herzinfarkt wohnt der Hamburger in einer befristeten Gemeindewohnung. Während der Covid-Pandemie habe er sogar mitgeholfen Snacktüten zu verteilen. Ein Mann unterbricht ihn und fragt, ob er hier richtig bei der „Essensausgabe“ sei. Volker nickt und fährt geduldig fort: „Mittlerweile ist das Café fast nur noch für Bedürftige.“

Schweigend dreht er eine neue Zigarette. Er vermisse die Menschen aus der Nachbarschaft, die sich mit den Wohnungslosen auf ein Gespräch zusammensetzen. Während der Pandemie wurde die Nachbarschaft aus dem Café rausgehalten – wirklich zurückgekommen ist sie bis heute nicht. Sanja sei zwar eine „auf die man sich verlassen kann“ aber auch die Ehrenamtlichen fänden weniger Zeit. Volker nimmt zwei Züge und sagt: „Wenn das Notwendige im Fokus is‘, verliert man oft den Blick fürs‘ Ideal.“

„Doch das Notwendige, das läge eigentlich in der Verantwortlichkeit der Politik. Daher bleibe er laut und spreche mit der Presse, „denn, wenn alle ruhig bleiben, dann erfährt davon keiner was“. Er wünsche sich vor allem eins: mehr Sichtbarkeit, gerade, wenn man am Boden liegt.

Ziel der Bundesregierung ist es, die Wohnungslosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. Doch die Zahl der Wohnungslosen steigt seit Jahren deutlich an: Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) ist sie allein vom Jahr 2021 auf das Jahr 2022 um 58 Prozent gestiegen. Im Verlauf des Jahres 2022 gab es, der BAG W zufolge, 607.000 wohnungslose Menschen in Deutschland. In Hamburg leben im bundesweiten Vergleich die meisten.

Mittlerweile ist es Nachmittag. Die ersten Ehrenamtlichen machen sich auf den Weg nach Hause. Das Café schließt bald aber die Nachfrage bleibt groß, genau wie die Verantwortung. Nächsten Sonntag kann Sanja sie aus der Hand geben. An wen ist schon gewiss, denn das Café muss öffnen und auch Volker wird da sein – wie jeden Sonntag.

Eva Rabbe, Jahrgang 1999, kreidet auf den Straßen ihrer Heimatstadt Braunschweig sexualisierte Gewalt an und gründete 2020 die Initiative Catcallsofbs. Ihren Bachelor machte sie in Medienmanagement in Salzgitter. Für ein Praktikum bei Jung von Matt zog sie nach Hamburg. Dort entwickelte sie als Werkstudentin Social Media Konzepte für diverse Unternehmen: Nur Corona hielt sie davon ab, für Adidas den Halbmarathon in Berlin zu laufen. Privat joggt und fotografiert Eva gerne. Mittlerweile probiert sie sich zudem auf der Bühne im Thalia Theater aus. Kürzel: rab

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