Ein Handy wid hochgehalten.
Slavic Stare TikTok-Trend. Foto: Rebecca Vaneeva.

Auf TikTok ist der „slavic stare“ in den Trends. Mit dem “slawischen Blick” soll es gelingen, einen Milliardär um den Finger zu wickeln. Die Zuschreibung von Stereotypen gegenüber slawischen Frauen werden dabei für Unterhaltungszwecke billigend in Kauf genommen. Ein Kommentar von Rebecca Vaneeva.

In die Kamera lächeln, Augen zusammenkneifen, Lippen spitzen – et voilà: Der vermeintlich verruchte „slavic stare“ sitzt. Als Sound für die Videos auf TikTok sagt eine Stimme mit starkem Akzent: “Oh my god, how old are you?” Eine andere Stimme antwortet: “Romania”. Ist das lustig? Für osteuropäische Frauen wohl eher nicht. Eigentlich für keine Frau, reproduziert der Trend doch sexistische Stereotype.

Und auch macht er sichtbar, wer hier in Völkerkunde nicht richtig aufgepasst hat. Das ist zu Zeiten des Krieges in der Ukraine, in denen der russische Imperialismus so offensichtlich ist, besonders schmerzhaft. Welche Sprachen und Kulturen sind slawisch? Rumänisch schonmal nicht. Nicht alles, was osteuropäisch klingt, ist es auch. Rumänisch  gehört, wie Französisch oder Italienisch, zu den romanischen Sprachen.

Tiefverankerte Stereotype

Warum denn bitte so empfindlich? Weil es alles andere als trivial ist, wenn generalisierend die Rede ist von „den Frauen“ im Osten. Slawisch wird häufig auch mit Russisch assoziiert. Der Trend wird auch als „Russian Stare“ bezeichnet. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Anastasiya Tikhamirova sagte dazu gegenüber der „Tagesschau“: „Aber es gibt so viele slawische Länder, so dass das man das gar nicht generalisieren kann.“ Polnische, ukrainische oder belarussische Identitäten werden dabei ausgeblendet.

Schon seit dem 18. Jahrhundert taucht in westlichen Reiseberichten das Motiv der „schönen Polin“ auf. Die Frauen gelten als sexuell offen, lüstern und triebgesteuert. Das Stereotyp ist problematisch, wenn man bedenkt, dass seit dem russischen Angriffskrieg im Jahr 2022 ukrainische Frauen die Mehrheit der Geflüchteten ausmachen. Ukrainische Frauen wurden vermehrt Opfer von Menschenhändler*innen und wurden für sexuelle Dienstleistungen ausgebeutet.

Problematische Schönheitsideale

Zu den Schönheitsidealen sagte Tikhamirova gegenüber der „Tagesschau“: „Bei dem Trend werden osteuropäische Frauen auf einen bestimmten Stereotyp reduziert: kalt und normschön.“ In den kurzen Clips sieht man meistens Frauen mit vollen Lippen, voluminösen Haaren und einer ebenmäßigen Haut. Durch den Trend wird zusätzlich das Stereotyp verstärkt, dass Frauen aus dem Osten das Ziel verfolgen, einen reichen Mann zu finden und das um jeden Preis. Auch in Hollywood-Filmen werden osteuropäische Frauen häufig als kühl und mysteriös dargestellt.

Antislawischer Rassismus und Antiosteuropäischer Rassismus

In Deutschland leben 9,5 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte aus Osteuropa. Viele von ihnen kamen als Spätaussiedler*innen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Jedoch ist das Bewusstsein für Rassismus gegen Menschen mit osteuropäischem Hintergrund in Deutschland eher weniger präsent. Dies geht aus einer Befragung des „Nationalen Rassismusmonitors“ hervor.

In der Studie wurden Situationen am seltensten als rassistisch wahrgenommen, wenn sie osteuropäische Menschen betreffen. Die Autor*innen der Studie vermuten als Grund, dass Personen aus Osteuropa meistens als „weiß“ wahrgenommen werden. Daraus schließen sie, dass Rassismus, als etwas wahrgenommen wird, dass „nichtweiß“ gelesene Menschen betrifft.

Rassismus gegen Menschen aus dem östlichen Europa kann sich laut den Historikern Hans-Christian Petersen und Jannis Panagiotidis auf zwei Ebenen äußern: Antiosteuropäischer Rassismus und Antislawischer Rassismus. Beim antiosteuropäischen Rassismus werden abwertende Zuschreibungen zum geografischen Raum Osteuropa und seinen Bewohner*innen zugeschrieben. Antislawischer Rassismus bezieht sich auf den rassistischen Diskurs, der seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts “Slawen” als eine eigene, minderwertige “Rasse” konstruiert.

Verlust von Vielfalt

Seit dem russischen Angriffskrieg sowie der Annexion der Krim im Jahr 2014 ist russischer Imperialismus eine ernstzunehmende Gefahr für Europa. Regelmäßig spricht der russische Präsident Wladimir Putin den Menschen aus der Ukraine und anderen postsowjetischen Völkern ihre Identität ab. Es ist daher umso wichtiger, die Vielfalt slawischer Identitäten anzuerkennen und diese nicht zu ignorieren oder gar zu generalisieren.

Der „Slavic-Stare-Trend“ ist ein weiterer Baustein dafür, die Vielfalt der slawischen Kulturen zu vergessen.

rev

Vorträge über jüdisches Leben, Podcast- und Fernsehauftritte in der “Tagesschau” sowie Shakehands mit Robert Habeck – Alltag für Rebecca Vaneeva, Jahrgang 2001. Ihre jüdischen Wurzeln spielen für Rebecca eine große Rolle, daher ist die gebürtige Hamburgerin auch Vorsitzende in einem jüdischen Studierendenverband. Wenn sie mal nicht ehrenamtlich unterwegs ist, liest Rebecca die Thesen von Pierre Bourdieu, singt die Songs ihres Lieblings-„Friends“-Charakters Phoebe oder backt ihre berühmten Hefe-Zöpfe. Nach einem Studium in Sozialökonomie und Erfahrungen vor der Kamera wagt Rebecca jetzt den Blick hinter die Kulissen des Journalismus – die perfekte Gelegenheit, um den Kontakt zu Robert Habeck aufzufrischen.
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