Blinde und sehbehinderte Guides begleiten Besuchende bei Dialog im Dunkeln durch lichtlose Räume. Die immersive Ausstellung vermittelt Einblicke in das Leben ohne Sehsinn und fördert den Austausch.
Es ist stockdunkel. Instinktiv reißen wir die Augen auf und versuchen irgendetwas zu sehen. Doch es bleibt vollkommen schwarz. Eine Stimme meldet sich: „Hallo. Moin. Hallöchen.” In dieser Situation geben uns Stimmen und Berührungen Halt und Sicherheit. Alle visuellen Hinweise sind verschwunden: Wen spricht er gerade an? Reicht er mir die Hand? Mit der Dunkelheit nehmen wir Geräusche und den Boden unter unseren Füßen intensiv wahr. Dann betreten wir den nächsten Raum.
„Was macht das Dunkle mit euch?”
Bei Dialog im Dunkeln bewegen sich Besucher*innen durch vollständig lichtlose, schwarze Räume. Begleitet werden sie dabei von blinden oder sehbehinderten Guides, die durch die immersive Erlebnisausstellung führen. Eine Stunde lang gehen die Teilnehmenden mit einem Blindenstock, fachlich Langstock genannt, über Brücken, überqueren eine Straße und bestellen an einer Bar – ohne sehen zu können.

Unser Guide heißt Björn Peters, er ist seit seiner Geburt vollständig blind. Wir laufen durch die erste Tür und hören Vogelgezwitscher, Wind und das Geräusch eines Flusses. Obwohl wir nichts sehen, kommen uns sofort visuelle Bilder in den Kopf, wie es hier wohl aussehen muss.
„Was ihr hier drinnen seht, werde ich nie nachvollziehen können.“, sagt Björn. Visuelle Vorstellungen hat er nicht, stattdessen ordnet er die Welt über Geräusche und andere Sinneseindrücke. Wenn er beispielsweise an einen Apfel denkt, erinnert er sich an das Gefühl unter den Fingern oder an den Geschmack auf der Zunge.
Wir gehen weiter, zuerst geradeaus und dann nach links. Die Brücke, die wir jetzt überqueren, hat eine kleine Besonderheit…
„Was macht das Dunkle mit euch?“, fragt Björn, als wir uns schließlich auf eine Bank setzen. Wir fühlen uns unsicherer und deutlich langsamer. Ein bisschen der Dunkelheit ausgeliefert. Die Tour macht aber Spaß, wir lachen viel mit Björn und versuchen zu hören und zu fühlen.
Mit der Zeit fühlen wir uns ein wenig sicherer als zu Beginn. Auch, weil wir Björn vertrauen und wissen, dass in diesen geschützten Räumen nichts passieren kann.
Dialog im Dunkeln: Perspektivwechsel erleben
„Uns geht es um den Perspektivwechsel, den man erlebt“, sagt Daniel Grodzki. Er ist für den Bereich Marketing und Kommunikation im Dialoghaus zuständig. Ziel der Ausstellung sei es, den Alltag blinder Menschen nachvollziehbarer zu machen und zugleich einen Dialog zu schaffen. „Man kann alle möglichen Fragen zum Thema Leben mit Behinderung stellen. Da gibt es keine falschen Fragen“, sagt Daniel. Rund 100.000 Personen besuchen jährlich das Dialoghaus, ungefähr die Hälfte davon sind Schulklassen.

Daniel lebt seit seiner Geburt mit einer Sehbehinderung. Er wurde mit 20 Prozent Restsehvermögen geboren. Heute sind es noch knapp zwei Prozent, denn er hat eine degenerative Erkrankung namens Retinitis pigmentosa. „20 Prozent ist tatsächlich in der Welt von sehbehinderten Menschen sehr, sehr viel“, sagt Daniel. Damals konnte er Fahrrad fahren, Fußball spielen und lesen – nur in der Ferne und bei Dunkelheit konnte er nichts sehen. Sein erster Krankheitsschub kam während einer Geschichtsklausur in seiner Abiturzeit.
Sein Wunsch, so am Leben teilnehmen zu können wie zuvor, war sehr stark. Anfangs lief er oft noch ohne Langstock: „Irgendwann musste ich mich fragen, was ist unangenehmer? Gegen eine Stange zu laufen oder mit einem Langstock.“ Heute setzt er sich für Inklusion ein.
Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e. V. (BSVH) schätzt, dass es in Hamburg rund 2.067 blinde und mehr als 40.000 sehbehinderte Menschen gibt. Somit sind mindestens 2,3 Prozent der Hamburger*innen blind oder sehbehindert. Da blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland nicht offiziell gezählt werden, beruhen diese Zahlen auf Schätzungen und der Anzahl der Empfänger*innen des Landesblindengeldes.
Eine Person gilt als sehbehindert, wenn sie auf dem besser sehenden Auge – selbst mit Brille oder Kontaktlinsen – maximal 30 Prozent Sehvermögens besitzt. Ab einem Sehvermögen von fünf Prozent spricht man von einer hochgradigen Sehbehinderung. Eine blinde Person hat ein Sehvermögen von höchstens zwei Prozent.
„Entschuldigung, welche Linie sind Sie?”
Motorgeräusche, Autohupen, das Quietschen einer Straßenbahn. In der Ausstellung befinden wir uns jetzt in einer Stadtsituation. Das Gefühl der Unsicherheit ist nun wieder stärker geworden.
„Tick, tick, tick” ist der gleichmäßige Signalton einer Ampel zu hören. Wie bei vielen Fußgängerampeln ist auch hier ein Drücker angebracht. Auf der Unterseite lässt sich ein Pfeil ertasten. Er zeigt in die Richtung des Fußgängerüberwegs, erklärt Björn. Dann wird aus dem ruhigen Takt ein hastiges Piepen. Wir versuchen, die Straße so schnell wie möglich zu überqueren. „Wenn wir wieder oben sind, sind wir gerettet”, sagt Björn und lacht. „Mal gucken, ob wir das schaffen.”
Als wir den Bürgersteig weiter entlang laufen, ertasten wir noch einen Drücker. Diesmal ertönt eine Ansage: „Leider kommt es an der Linie 120, Alter Wandrahm, zu einer Verspätung.” Wir befinden uns an einer Bushaltestelle. In Marburg gibt es diese Ansagen der Abfahrtszeit an Bushaltestellen bereits, in Hamburg noch nicht. Wenn Daniel Bus fährt, fragt er die Busfahrer*in immer: „Entschuldigung, welche Linie sind Sie?”
Wie barrierefrei ist Hamburg für blinde Menschen?
„ÖPNV ist in der Regel für blinde Personen von der Begehung her kein Problem, weil wir haben es ja mit den Augen, nicht mit den Beinen”, sagt Daniel in Bezug auf die Barrierefreiheit in Hamburg. Statt Fahrstühlen benötigen sie akustische Signale und Leitsteifen, um sich im Stadtverkehr zurechtzufinden.
Leitstreifen sind Bodenmarkierungen, meist mit Rillen oder Noppen. Sie sind mit einem Langstock ertastbar und geben so blinden oder sehbehinderten Personen eine Orientierung. Wichtig ist, diese Leitstreifen immer freizuhalten.
Die Hamburger Hochbahn hat laut eigenen Angaben bereits 89 von 93 Haltestellen barrierefrei ausgebaut, das sind 97 Prozent. Dazu gehört auch ein taktiles, das heißt ertastbares, Leitsystem. Weitere Maßnahmen, wie Hinweise in Braille-Schrift oder Haltestellen-Ansagen, fehlen aktuell noch an fast allen Haltestellen. „An der Haltestelle Jungfernstieg [haben wir] erstmals zusätzliche Richtungshinweise in Braille-Schrift an den Handläufen der Treppen angebracht. Dieses System soll nun sukzessive im gesamten Netz ausgerollt werden,” so Saskia Huhsfeldt, Pressereferintin der Hamburger Hochbahn.
Während bei der S-Bahn nach der Einfahrt Ansagen wie „S1 Richtung Hamburg Airport/Poppenbüttel“ abgespielt werden, bleiben solche Hinweise bei der U-Bahn aus. Als Ausweichlösung steht blinden Personen die HVV-Custom-App zur Verfügung: Mit GPS erkennt sie den aktuellen Standort und gibt Haltestellen-Ansagen über das Smartphone wieder. Entwickelt wurde die App von der Hamburger Hochbahn unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Dialoghaus.
Die Kunst, sich mit dem Gehör und Tastsinn zu orientieren
Björn zeigt uns noch etwas Gefährliches im Straßenverkehr: E-Scooter sind Stolperfallen für blinde und sehbehinderte Menschen, da sie oft mitten auf den Gehwegen abgestellt werden. Auch der DBSV fordert, dass E-Scooter nicht an überall geparkt werden, sondern „nur auf ausgewiesenen Abstellflächen”.
„Ich bin ein ziemlich angstfreier Mensch”, erzählt Björn. Obwohl es mit einer Begleitung einfacher ist, erkundet er neue Orte auch alleine. Im Zweifel fragt er sich durch oder nutzt Navigations-Apps, die mit einer Sprachausgabe funktionieren. „Ich habe mir zum Beispiel den Hamburger Hauptbahnhof ohne einen sehenden Trainer selbst erschlossen, und ich kenne ihn mittlerweile besser als mancher Sehende”, sagt Björn.
Er läuft zum Beispiel parallel zum Verkehrsgeräusch. Auf der anderen Seite orientiert er sich durch ein Hin-und-her-schwingen seines Langstocks an der Gebäudewand. Bei Regen hört Björn den Straßenverkehr deutlich schlechter. Hält er dann noch einen Regenschirm, verändert das die Akustik zusätzlich spürbar. Deshalb trägt er lieber ein Basecap, da sind die Ohren frei. Besonders schwierig war es mit dem Schnee, der dieses Jahr in Hamburg lag. Unebene Wege erschweren das Laufen und gleichzeitig ist das schleifende Geräusch des Langstocks nicht mehr so gut zu hören.
Große Hürden im Arbeitsmarkt
Das Dialoghaus ist ein inklusiver Arbeitgeber. Von den insgesamt 70 Mitarbeitenden hat die Hälfte ein Handicap. Entstanden ist das gemeinnützige Unternehmen als Projekt des damaligen Arbeitsamtes, um Menschen mit Behinderung und langzeitarbeitslose Personen in den Jobmarkt zu integrieren. Neben den Einnahmen der Ausstellungen und Business-Workshops ist das Dialoghaus auf Spenden und Fördergelder von Privatpersonen und Partnerorganisationen angewiesen.
Außerhalb von solchen spezialisierten Arbeitgebern ist es für viele blinde und sehbehinderte Menschen extrem schwer, einen Job zu finden. „Firmen sträuben sich, Menschen mit Handicap einzustellen oder auch Menschen mit Blindheit. (…) Ich glaube, dass diese Unwissenheit immer noch da ist”, sagt Björn.
Dabei können blinde Menschen, die gute PC-Kenntnisse haben, dank technischer Hilfsmittel, wie einer Braillezeile, problemlos im Büro arbeiten.
Eine Braillezeile ist ein Gerät, das Bildschirminhalte in Blindenschrift ausgibt. Man verbindet es wie eine Tastatur mit dem Computer und darauf lassen sich die Zeichen mit den Fingern ertasten.
„Ich will nichts falsches machen”
Viele Menschen helfen blinden Personen nicht, aus Angst, etwas falsch zu machen, erzählt Daniel. Er ermutigt dazu, die Unsicherheit zu überwinden und einfach zu fragen: „Kann ich dir helfen?”
Was man nicht machen darf, ist eine Person ungefragt anfassen und wegziehen. Viele sehende Personen sagen zu Björn: „Warten Sie, ich helfe Ihnen kurz” und ziehen ihn dann irgendwo hin. „Ohne mich zu fragen, ob ich Hilfe brauche“, erzählt er. Die Regel lautet daher: Helfen ja, aber zuerst fragen und abwarten, ob die Hilfe angenommen wird.
Eine Ausnahme bilden akute Gefahrensituationen. Steht eine blinde Person zum Beispiel unmittelbar davor, eine Bahnsteigkante zu übertreten, sollte man sofort eingreifen. In solchen Fällen geht Sicherheit vor Zurückhaltung.
Erlebnis schafft Sensibilisierung für die Behinderung
Unsere Tour endet in der Dunkelbar, hier bestellen wir noch zwei Durstlöscher. Danach setzen wir uns mit Björn an einen Tisch, wir haben noch Zeit uns zu unterhalten – hier findet der Dialog im Dunkeln statt. „Ich glaube, jetzt, wo ihr das mal erlebt habt, sensibilisiert das noch mehr als darüber zu sprechen“, sagt er. Die Tour war für uns eine eindrucksvolle Erfahrung, bei der wir sehr viel gelernt haben. „Ich hoffe ihr spürt, wie gerne ich diesen Job mache. Weil ich glaube, er bringt was”, sagt Björn zu uns.





