Dialog im Dunkeln
90 Minuten blind beim Dialog im Dunkeln. Illustration: Marlen Hacker

Beim „Dialog im Dunkeln“ führen blinde und sehbehinderte Guides Besucher durch eine Ausstellung – und das in völliger Dunkelheit. Das intensive Erlebnis räumt mit Klischees über die Behinderung auf.

Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von der HAW-Studentin Marlen Hacker angefertigt.

Ich liege auf einem Teppich. Ich spüre den Stoff an meinen Händen und in meinem Nacken und starre an die Decke. Zumindest glaube ich, dass da eine Decke ist. Es ist nämlich komplett dunkel. Aus Lautsprechern tönt Musik, eine Mischung aus Naturgeräuschen und Holzblasinstrumenten. Ich spüre, wie die tieferen Töne den Boden zum Vibrieren bringen. Obwohl es dunkel ist, schließe ich die Augen, um mich noch besser auf das konzentrieren zu können, was ich höre und spüre. Später erklärt unser Guide Michael, dass auch manche blinde Menschen ihre Augen schließen, wenn sie Musik hören.

Dialog im Dunkeln
Berühren, tasten und erfühlen: Wenn der Sehsinn fehlt, übernehmen oft die Hände die Arbeit der Augen.

Ich bin beim „Dialog im Dunkeln“, einer Erlebnisausstellung in absoluter Dunkelheit. Mit fünf anderen Besuchern erkunde ich die 500 Quadratmeter große Indoor-Landschaft, die einem Gebäude der Hamburger Speicherstadt untergebracht ist. Das Dialoghaus Hamburg bietet den „Dialog im Dunkeln“ seit dem Jahr 2000 an. Mit mehr als 75.000 Besuchern jährlich (Stand 2016) ist er das erfolgreichste Angebot des Dialoghauses.

Michael ist 53 und seit seinem 24. Lebensjahr blind. Er ist unser Lotse in der Dunkelheit und hilft uns Besuchern nicht die Orientierung zu verlieren. Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Schon ein paar Wegwindungen nach dem Start reichen aus und ich würde nicht mehr zurück zum Eingang finden. Neben Michael ist auch der Langstock hilfreich, den wir vor uns herschieben. Mit ihm bemerken wir Hindernisse, bevor wir über sie stolpern. Das gibt mir etwas Sicherheit – ohne den Langstock würde ich vermutlich auf allen Vieren durch die Ausstellung kriechen, aus Angst vor einem Zusammenstoß. Leider hilft der Stock nur zur Orientierung am Boden: Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich den Kopf einziehe und mich in geduckter Haltung vorantaste. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass die Ausstellung so aufgebaut ist, dass sich die Besucher nirgendwo den Kopf stoßen können.

„Fernhören“ statt fernsehen

Wir sind mittlerweile in einem Park angekommen. Ich spüre die Rinde der Bäume, rieche Nadeln und Holz. Dann laufen wir durch einen geschäftigen Stadtteil. Der Lärm von fahrenden Autos und das Gehupe sind unverkennbar. Außerdem hört man ein konstantes Klacken: Wir stehen an einer Ampel mit Tonsignal für Blinde und Sehbehinderte. Als wir die Straße überquert haben, sagt Michael: „Herzlichen Glückwunsch, ihr seid gerade alle bei Rot über die Ampel gegangen.“

Dialog im Dunkeln

Der „Dialog im Dunkeln“ ist eine Erlebnisausstellung in absoluter Dunkelheit und gehört zum Angebot des Dialoghauses Hamburg in der Speicherstadt. Ziel ist es, Denkmuster über Blindheit in der Gesellschaft aufzubrechen und soziale Inklusion voranzutreiben. Besucher erfahren durch den unmittelbaren Kontakt mit Betroffenen mehr über das Selbstbild von Sehbehinderten, so soll Empathie gefördert werden.

Das Dialoghaus bietet auch den „Dialog im Stillen“ an, bei dem sich Besucher in die Welt von Gehörlosen begeben. Im Mai eröffnet das Dialoghaus außerdem die Ausstellung „Dialog mit der Zeit“, die sich mit dem Prozess des Älterwerdens auseinandersetzt.

Michael kennt diese Situation. Er fährt morgens mit Bus und Bahn zur Arbeit, Ampeln befinden sich einige auf seinem Weg. Er hat jedoch gelernt, mit seiner Behinderung umzugehen. Auch „Tatort“ schauen geht problemlos – er lässt sich auf einer zweiten Tonspur vorlesen, was passiert. Nur das Autofahren vermisst Michael bis heute. Bis eine Blutung seinen Sehnerv beschädigte und ihn erblinden ließ, saß er leidenschaftlich gern hinter dem Steuer. Er ist verheiratet und hat einen Sohn aus erster Ehe. Beim „Dialog im Dunkeln“ arbeitet Michael seit 18 Jahren hauptberuflich, lange Zeit ist er sogar aus Lübeck nach Hamburg mit der Bahn gependelt.

Wir machen eine Hafenrundfahrt. Dass wir tatsächlich auf einem Boot sitzen, kann ich ertasten. Als Michael den Motor anwirft und uns „durch die Kanäle der Speicherstadt“ lotst, bin ich mir allerdings unsicher, ob sich das Boot tatsächlich bewegt. Michael lacht: „Natürlich fährt das Boot. Da könnt ihr euch so sicher sein, wie ein Blinder, der auf Hafenrundfahrt geht. Für den ist es das gleiche Gefühl.“ Danach weiß ich nicht, ob Michael mich auf die Schippe genommen hat – ein Blick auf seine Mimik würde jetzt wirklich weiterhelfen.

„Oberflächliches spielt keine Rolle mehr“

Dialog im Dunkeln
Für den Dialog im Dunkeln ist blindes Vertrauen gefragt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Tour endet in der Dunkelbar, wo wir Zeit haben, uns zu unterhalten. Viele unserer Fragen drehen sich um die Sorge, als Blinder ein eingeschränktes oder einsames Leben zu führen. Michael selbst sieht das nicht so. „Ich lebe nicht schlechter als der Rest der Welt, ich lebe anders“, sagt er. „Und wirkliches Selbstbewusstsein habe ich tatsächlich erst, seit ich blind bin.“ Bei ihm hat die Erblindung dazu geführt, sich mehr mit sich selbst auseinanderzusetzen und mit dem Menschen, der er gerne sein möchte. Oberflächliches spiele in seinem Leben seitdem immer weniger eine Rolle, erzählt er uns.

Nach 90 Minuten ist die Führung vorbei. Michael geleitet uns in einen Raum, in den etwas Licht fällt, damit sich unsere Augen langsam wieder an die Helligkeit gewöhnen können. Mein Körper nimmt den visuellen Reiz dankbar an und entspannt sich merklich. Im Halbdunkeln verabschiedet sich Michael mit einem Scherz von uns: „Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“ Beim Händeschütteln streckt er seinen Arm als erster aus – und erspart uns die Frage, wie wir ihm am besten die Hand reichen können.

Ich verlasse das Dialoghaus mit gemischten Gefühlen. Ich bin überrascht, wie anstrengend der „Dialog im Dunkeln“ für mich war. Auch der Rest meiner Gruppe wirkt erschöpft. Mich nimmt aber weniger das Gefühl der Verlorenheit mit, dem wir während der Führung ausgesetzt waren. Vielmehr hat mir der Dialog mit einem Betroffenen gezeigt, wie wenig ich im Alltag für das Thema Blindheit bisher sensibilisiert war. Als ich zur Bahn laufe, muss ich an einer Ampel warten. Ich höre das rhythmische Klacken – und muss über diesen Zufall lachen.