Hohe Kriminalitätsraten und wenig Perspektive: Vorurteile, die seit Jahrzehnten an Billstedt haften, einem Stadtteil im Hamburger Osten. Doch stimmen sie? 

„In Billstedt ist es egal, wenn du in drei Sätzen das Wort Diggah sagst”, meint Jagmit Singh, stolzer Billstedter und Juso-Mitglied seit 2016. Doch was macht den Stadtteil im Hamburger Osten außerdem aus? Genau das wollten wir herausfinden – und haben nach spannenden Orten und Personen in einem vorurteilsbehafteten Stadtteil gesucht: Hamburg-Billstedt.

Offiziell gibt es den Stadtteil seit 1927. In dem Jahr schlossen sich die drei Dörfer Kirchsteinbek, Öjendorf und Schiffbek zusammen. Verbindendes Element ist der Fluss Bille, der heutige Namensgeber des Stadtteils. Seit 1938 gehört Billstedt zur Hansestadt und ist mittlerweile die Heimat von knapp 70.000 Hamburger*innen. 53 Prozent der Wohngebäude in Billstedt sind freistehende Häuser, das sind mehr als in Blankenese. Heute gehört der Stadtteil zum Bezirk Hamburg Mitte. Wie Daten des Statistikamts Nord zeigen, haben die meisten davon einen Migrationshintergrund.

Größtes Kulturzentrum des Stadtteils

Das war nicht immer so, erinnert sich Dörte Inselmann. Seit Jahrzehnten leitet sie den Billstedter Kulturpalast, ein kulturelles Zentrum mit über 70 Mitarbeiter*innen. „Als wir hier im Jahr 1980 anfingen, hatten wir so 15 Prozent Migrationsanteil. Der Stadtteil hat sich also komplett verändert.” Aber nicht zum Schlechten, wie sie meint: „Es ist bereichernd, mit vielfältigen internationalen Kulturen zusammenzuleben.” Für die kulturelle Teilhabe im Stadtteil sei die Arbeit des Kulturpalasts essenziell – mehr als etwa in Winterhude, wenn es um Kultureinrichtungen geht. „Nicht, dass dort vielleicht auch noch mehr Kultur wünschenswert wäre, aber hier in Billstedt muss unbedingt noch wesentlich mehr investiert werdne und passieren, zumal Menschen aus sozial benachteiligter Herkunft gerade über Kultur empowered werden können.” Für die Intendantin eine sinnstiftende Aufgabe.

Kulturpalast-Intendantin Dörte Inselmann
Dörte Inselmann, Intendantin der Stiftung Kulturpalast Hamburg. Foto: Michaela Kuhn/licht-form-arte

Doch: „Wie bekommt man eigentlich Menschen unterschiedlichster Couleur zusammen?” Die Antwort ist eine große Auswahl an kulturellen Angeboten und Veranstaltungen – von einer bulgarischen Tanzgruppe bis hin zu einem türkischen Klassik-Chor.

Rapper-Auftritte gibt es im Kulturpalast Billstedt auch – und zwar im Rahmen einer Meisterklasse für angehende Rapper: Innerhalb eines Jahres kriegen die Nachwuchstalente eine Ausbildung von Hamburger Urgesteinen der Rap- und Hip-Hop-Szene. Von Budgeting bis zum Schreiben von Songtexten wird alles besprochen. Andre Schnabel ist selbst Rapper und Dozent der Meisterklasse. Schnabel ist es auch wichtig, seinen Schüler*innen die Geschichte des HipHop nahe zu bringen. „Der Ursprung der HipHop-Kultur ist ja eigentlich nicht negativ, es sollte ja eher so Love, Peace und Happiness sein, und das ist im Laufe der Zeit den Leuten nicht mehr so bewusst”, betont Schnabel. Billstedt mag das Rap-Urgestein „sehr gerne”.

Drei Männer sitzen auf der Bühne.
Teilnehmer der Rap-Meisterklasse mit ihrem Dozenten in der Mitte: Conrad Schilling, Andre Schnabel, Isaak Michailouglo (v. l. n. r). Foto: Sebastian Geschwill

Seine Schüler Conrad Schilling und I​​saak Michailoglou aliasAria” sehen das ähnlich. Sie sind Teilnehmer der HipHop-Meisterklasse und beide stark  mit dem Stadtteil und dem HipHop verbunden. „Als Jenfelder geboren und aufgewachsen, ist Billstedt für mich ein Schwesterstadteil”, erzählt Michailoglou. Für ihn gehören die beiden Stadtteile zusammen. Schilling kommt ursprünglich nicht aus Hamburg und lernte die Hansestadt erst über Billstedt kennen. Mittlerweile lebt er in Sasel und kommt für die Meisterklasse in den Hamburger Osten. In Sasel vermisst er die gesellschaftliche Vielfalt. Gerade in einem Stadtteil, „wo sich manche nicht leisten können”, Auftritte zu proben und Musikinstrumente zu erlernen, so Schnabel. 

Unterschiedliche Lebensrealitäten

Mann lächelt in die Kamera.
SPD-Politiker Baris Önes vertritt den Bezirk Hamburg-Mitte in der Bürgerschaft. Foto: Sebastian Geschwill

Dass das Budget vieler Billstedter*innen begrenzt ist, stimmt. So lag der Anteil der Leistungsempfänger*innen nach dem Sozialgesetzbuch II im Jahr 2023 bei 19 Prozent. Damit gehört Billstedt neben Billbrook zu den Stadtteilen mit dem höchsten Anteil an Bürgergeldempfänger*innen. Armut ist und bleibt daher dort ein großes Thema. Das weiß auch SPD-Sozialpolitiker Baris Önes. Er ist selbst in Billstedt aufgewachsen und kommt aus „einfachen Verhältnissen”, wie er selbst sagt.

Mittlerweile ist er im Vorstand der SPD-Bürgerschaftsfraktion und sozialpolitischer Sprecher. Als Wahlkreisabgeordneter für Billstedt, Wilhelmsburg, Veddel, Rothenburgsort und Finkenwerder vertritt er den ärmsten der 17 Hamburger Wahlkreise. Önes will der Gesellschaft „etwas zurückzugeben”. Er sagt: „Ich will dazu beitragen, dass wir mehr Begegnungen haben. Und, dass die Menschen an die Politik glauben und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.” 

In Billstedt sei das aber derzeit nur eingeschränkt möglich, so der SPD-Politiker. Ein Problem, gegen das er politisch etwas tun will: die medizinische Versorgung. Billstedt habe etwa kaum Kinderärzt*innen – und das für rund 14.000 Kinder. Das sind etwa 3000 mehr als in Hamburg-Wilhelmsburg, das auch zu Önes’ Wahlkreis gehört. „Die Kassenärztliche Vereinigung sagt zwar: ,Wenn man in Billstedt wohnt, kann man genauso gut nach Bramfeld zum Arzt.’ Aber in der Realität sieht es anders aus”, so der Politiker. Kinderarztpraxen sucht man in Billstedt tatsächlich vergebens. Dafür gibt es 17 Hausärzt*innen, einige davon sprechen sogar Russisch oder Persisch.

Wie steht es um das Klischee, dass Billstedt besonders kriminell ist?

„Wenn man sich die Kriminalitätsstatistik anguckt, dann wird man sehen, dass Billstedt da gar nicht so sehr auffällt.” Im Jahr 2024 verzeichnete die Polizei hier knapp 6400 Straftaten. Das sind fast elf Prozent weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: In St. Georg waren es knapp 31.000 Straftaten, in St. Pauli etwa 15.000. Önes Fazit: Der Ruf sei „zu unrecht schlecht”, Menschen würden hier „gut und gerne leben”.

Weniger gut findet Önes hingegen die politische Mitbestimmung in Billstedt. Bei der Bundestagswahl im Jahr 2025 lag die Wahlbeteiligung in Billstedt bei 66 Prozent. Im angrenzenden Stadtteil Billbrook bei 64,3 Prozent. In Stadtteilen wie Blankenese lag die Wahlbeteiligung bei 90,3 Prozent.

Dabei ist Billstedt nach Rahlstedt der zweitbevölkerungsreichste Stadtteil. „Das Wahlrecht ist sehr wichtig, hart erkämpft und nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit”, betont Önes. Um diesem Trend entgegenzuwirken, organisiert er unter anderem Rathausführungen mit Jugendlichen aus dem Stadtteil.

Billstedt ist jung

Junger Mann lächelt in die Kamera.
Melih-Tarik Özdemir ist Billstedt sehr verbunden. Foto: privat.

Einer von diesen jungen Menschen ist Melih-Tarik Özdemir. Er ist 22 Jahre alt und in Billstedt aufgewachsen. Sein Abitur machte Melih im Jahr 2021 am Kurt-Körber-Gymnasium. Für sein Lehramtsstudium verschlug es ihn nach dem Abitur erstmal nach Kiel, wo er hautnah die Vorurteile über seinen Stadtteil gespürt hat. „Sobald man erzählt hat, dass man aus Billstedt kommt, gab es keine positiven Rückmeldungen, auch von Personen, die noch nie im Stadtteil unterwegs waren”, erzählt Özdemir. Seit November 2021 engagiert sich Melih bei den Jusos und setzt sich „für Menschenrechte und die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen ein”. Insbesondere die kulturelle Vielfalt im Stadtteil findet Melih „sehr bereichernd”. Was ihm zufolge viele in Billstedt übersehen: „das reiche Kulturangebot und die ehrenamtliche Arbeit von Kirchen oder Vereinen”.

Junger Mann lächelt.
Jagmit Singh ist stolzes Juso-Mitglied in Billstedt. Foto: privat.

Auch Jagmit engagiert sich seit 2016 bei den Jusos in Hamburg Billstedt. Er ist in Mümmelmannsberg aufgewachsen und hat ebenfalls am Kurt-Körber-Gymnasium sein Abitur im Jahr 2015 gemacht. Während seines Studiums in Informatik hat er anfangs „sich nicht getraut” zu sagen, dass er aus Billstedt kommt. Seine erste Antwort auf die Frage war damals: „Ich komme aus Kirchsteinbek.” Mittlerweile ist er stolz darauf, aus Billstedt zu kommen und möchte mit seinem Engagement bei den Jusos „junge Menschen für Politik begeistern”. Auch Jagmit hat durch den Stadtteil viel über andere Kulturen gelernt und möchte weiterhin „mit Selbstbewusstsein über Billstedt aufklären”.

Billstedt ist kuturell vielfältig – auch im Schulalltag

Frau mit Brille.
Stefanie Böhmann ist Lehrerin in Billstedt. Foto: privat.

Auch die Religionslehrerin Stefanie Böhmann versucht, Kinder und Jugendliche aus Billstedt an der Stadtteilschule Öjendorf auf ihrem Weg zu begleiten – und das seit 2010. „Wir haben über 40 Nationen an unserer Schule”, erzählt sie. Böhmanns Klasse ist entsprechend heterogen – sowohl kulturell als auch hinsichtlich der Probleme der Schüler*innen. Eines davon: das Leistungsniveau. „Dadurch, dass es sich um eine Stadtteilschule handelt, gibt es leistungsschwächere Schüler*innen”, so Böhmann.

Vergleicht man den Anteil der Schüler*innen nach Stadtteilen, die ein Gymnasium besuchen, wird deutlich, dass die Unterschiede innerhalb Hamburgs sehr stark sind: Während in Billstedt der Anteil der Gymnasiast*innen bei 27 Prozent liegt, liegt der Anteil in Blankenese bei rund 80 Prozent. 

Billstedt hat mehr zu bieten, als man denkt

Trotz der Herausforderungen, ist für Böhmann die kulturelle Vielfalt „total bereichernd”. Daher engagiert sie sich auch ehrenamtlich. Alle zwei, drei Monate ist Böhmann beim ökumenischen Abendbrot dabei – „ein Treffen von Pastoren in Billstedt, die sich versammeln und überlegen, was wir als Christen machen können, um positiv auf den Stadtteil einzuwirken”. Spätestens damit ist klar: Der Stadtteil im Hamburger Osten hat weitaus mehr zu bieten als man denkt. Denn das ist Billstedt, diggah.

Vorträge über jüdisches Leben, Podcast- und Fernsehauftritte in der “Tagesschau” sowie Shakehands mit Robert Habeck – Alltag für Rebecca Vaneeva, Jahrgang 2001. Ihre jüdischen Wurzeln spielen für Rebecca eine große Rolle, daher ist die gebürtige Hamburgerin auch Vorsitzende in einem jüdischen Studierendenverband. Wenn sie mal nicht ehrenamtlich unterwegs ist, liest Rebecca die Thesen von Pierre Bourdieu, singt die Songs ihres Lieblings-„Friends“-Charakters Phoebe oder backt ihre berühmten Hefe-Zöpfe. Nach einem Studium in Sozialökonomie und Erfahrungen vor der Kamera wagt Rebecca jetzt den Blick hinter die Kulissen des Journalismus – die perfekte Gelegenheit, um den Kontakt zu Robert Habeck aufzufrischen.
Kürzel: rev

Sebastian Geschwill, Jahrgang 2002, machte nach dem Abi ein FSJ an einer Realschule – und merkte schnell: Deutschlehrer wird er nicht. Irgendwas mit Sprache sollte es trotzdem sein. Also zog er von Oftersheim bei Heidelberg fürs Germanistikstudium nach Hamburg. Nach einem Praktikum beim „Hamburger Abendblatt“ und einem Abstecher zu „Computerbild“ schreibt er nun wieder fürs Harburg-Ressort des Abendblatts – etwa über die größte Barbie-Börse im Norden. Privat mag er es tiefgründig: Er dichtet melancholische Texte, wandert durchs Hochgebirge oder fährt Bestzeiten bei den Norddeutschen Wasserrutschmeisterschaften ein. Kürzel: sge

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