Eine junge Frau schaut in die Kamera. Sie hat lange braune Haare und steht vor einer Mauer. Links von ihr ist ein Innenhof im Hintergrund zu erkennen.
Anna Karolina Bernhard hat sich mit 21 sterilisieren lassen. Foto: Katharina Schöndorfer

Die Sterilisation ist eine endgültige Entscheidung, denn der operative Eingriff verhindert dauerhaft eine Schwangerschaft. Für einige Frauen bedeutet das nicht nur Verhütung, sondern auch Selbstbestimmung und Freiheit.

Mit 21 Jahren entscheidet sich Anna Karolina Bernhard, kurz „Lini“, für eine Sterilisation. Sie weiß, dass sie keine Kinder bekommen möchte. Seit dem Eingriff kann sie auf natürlichem Weg nicht mehr schwanger werden. Auch, wenn die Sterilisation in Deutschland ab 18 Jahren legal ist, können Kliniken individuelle Altersgrenzen setzen. Lini kann keine Klinik in Hamburg finden, die den Eingriff ab der Volljährigkeit durchführt. Über die Infokarte des Vereins Selbstbestimmt steril e. V. findet Lini die Klinik in Preetz, Schleswig-Holstein. Hier wird sie im Juli 2024 operiert.

„Ich würde lieber in einem hypothetischen Szenario bereuen, keine Kinder bekommen zu haben, als eine Mutterschaft zu bereuen.“ – Anna Karolina Bernhard

Eileiter werden operativ durchtrennt oder entfernt

Bei so einer Sterilisation werden die Eileiter operativ durchtrennt oder entfernt. Die Sterilisation ist somit eine hormonfreie Verhütungsmethode. Laut pro familia liegt der sogenannte Pearl-Index bei 0,2 – 0,3. „Das bedeutet, dass von 100 Frauen, die so verhüten doch 0,2 schwanger werden“, sagt Setareh Huschi, Chefärztin der Gynäkologie der Asklepios Klinik (AK) Wandsbek. Je niedriger der Pearl-Index-Wert, desto zuverlässiger ist die Verhütungsmethode. Zum Vergleich: Der Pearl-Index der Pille liegt bei 0,1 – 0,9, der der Kupferspirale bei 0,3 – 0,8.

„Normalerweise ist es so, dass beim Eisprung das Ei durch den Eileiter in die Gebärmutter wandert. Es wird im Eileiter befruchtet, wandert dann ein Stück weiter und nistet sich in der Gebärmutter ein. Diesen Weg entfernen wir [bei der Entnahme der Eileiter] komplett“, erklärt die Chefärztin. Rund sechs Prozent aller Frauen in Deutschland haben sich laut dem Bundesverband für Ambulantes Operieren e. V. für diese Form der Empfängnisverhütung entschieden.

Aufklärung über Selbstbestimmt steril

Lini spricht offen über ihre Sterilisation, zum Beispiel auf ihrem TikTok-Account (@livelaughlini). „Irgendwie ist mir dann aufgefallen, dass es gar keine Aufklärung zu dem Thema gibt“, sagt sie. Lini bekommt viele Kommentare und Rückfragen, deshalb lädt sie weitere Videos zum Thema hoch. „Geschafft habe ich das mit Selbstbestimmt steril“, sagt sie in einem ihrer TikTok-Videos.

Ein Selfie einer Frau, sie lächelt in die Kamera. Im Hintergrund eine blaue Wand.
Susanne gründete den Verein 2019. Foto: Susanne Rau

Der Verein bietet Aufklärung rund um Sterilisation auf der Webseite an. Dazu gehören unter anderem FAQs (steht für: Fragen und Antworten) und eine Infokarte, die Kliniken in Deutschland anzeigt, die den Eingriff anbieten. „Die Idee für diese Karte, die hatte ich 2018. Gegründet haben wir uns 2019“, sagt Susanne Rau, erste Vorsitzende des Vereins. „Da ist das Gründungsdatum zu sehen. Hier mein Sterilisationsdatum oben und unten das Gründungsdatum des Vereines“, sagt sie und deutet auf das Tattoo auf ihrem Unterarm. Susanne hat sich mit 28 Jahren in Leipzig sterilisieren lassen.

Ein buntes Tattoo auf dem Unterarm einer Frau zeigen zwei Daten, den 10.02.2017 und den 31.08.2019. Darunter eine Gebärmutter mit lachendem Gesicht.
Das Tattoo zeigt Susannes Sterilisationsdatum und das Gründungsdatum des Vereins. Foto: picthey

Die Vereinsarbeit übernimmt sie nebenbei ehrenamtlich. Mittlerweile hat der Verein etwa 60 Mitglieder, davon sind 13 aktiv. In Hamburg sind derzeit zwei Mitglieder vermerkt. Eine von ihnen ist Alex.

„Früher konnte ich mir schon vorstellen Kinder zu bekommen“

Alex möchte ihren vollen Namen nicht öffentlich machen. Sie ist 38 Jahre alt, als sie den Eingriff Anfang 2025 in der Asklepios Klinik Wandsbek durchführen lässt. Zuvor hatte sie wiederholt Probleme mit hormonellen Verhütungsmethoden und zudem Negatives über die Kupferspirale gehört.

„Früher konnte ich mir schon vorstellen Kinder zu bekommen. Ich hatte eine sehr langjährige Beziehung, bis ich Ende 20 war. Da war das schon ein Thema, was wir uns hätten vorstellen können“, sagt Alex. Nachdem die Beziehung endet, entwickelt sich ihr Leben so, dass Kinder nicht mehr dazu passen. „Ich habe total Respekt vor Frauen oder Eltern, die sich um Kinder kümmern. Aber ich merke auch bei Freundinnen, wie stark das das Leben verändert“, sagt sie. Mittlerweile möchte Alex ihre Freiheit nicht mehr aufgeben. „Es ist auch ein bisschen eine empowernde Entscheidung gewesen“, sagt sie.

Viele Gynäkolog*innen lehnen den Eingriff ab

Alex hatte keine Schwierigkeiten, eine geeignete Klinik für ihre Sterilisation zu finden. Bei Lini, die mit 21 deutlich jünger war, war die Situation erst eine andere: Sie vereinbart einen Termin bei ihrer Gynäkologin, als ihre Hormonspirale ausläuft. Lini bittet um eine Überweisung an eine Klinik, die Sterilisationen durchführt: „Ich wusste wahrscheinlich so mit 15 oder 16 schon, dass ich den Sterilisationsprozess angehen möchte“, sagt sie. Die Frauenärztin lehnt ihr Anliegen jedoch ab, rät von dem Eingriff ab und schlägt alternative Verhütungsmethoden vor.

„warum soll ich ein so unwiederbringliches Verfahren durchführen lassen, wenn es andere Möglichkeiten gibt?“ – Setareh Huschi

Chefärztin Setareh Huschi betont, wie wichtig ihr ein ausführliches Beratungsgespräch mit allen Frauen ist, die sich sterilisieren lassen möchten. „Es gibt ja wirklich sehr gute, nicht so einschneidende Verfahren zur Schwangerschaftsverhütung, die ich total relevant finde“, sagt sie.

In der AK Wandsbek gibt es keine feste Altersgrenze, es wird individuell entschieden, ob eine Sterilisation durchgeführt wird. Die Frauen müssten sich vor ihr nicht beweisen, dennoch möchte Huschi, dass ihre Patient*innen verstehen, dass sich ihre Lebenssituation in zehn Jahren ändern könnte. „Wir verändern uns und warum soll ich ein so unwiederbringliches Verfahren durchführen lassen, wenn es andere Möglichkeiten gibt?“, so die Chefärztin der Gynäkologie.

Über die Infokarte zur Klinik

Lini kontaktiert eigenständig eine Klinik, die sie über die Infokarte von Selbstbestimmt steril findet. Zwei bis drei Wochen später findet ihr Beratungsgespräch statt. Bei Lini geht alles sehr schnell. „Ich hatte das Beratungsgespräch und dann direkt am nächsten Morgen schon die OP. Mir ist bewusst, dass es bei vielen anderen Menschen nicht so ist“. Am Tag des Beratungsgesprächs zahlt sie 550 Euro für den Eingriff. Die Kosten einer Sterilisation müssen in der Regel selbst übernommen werden und variieren stark, durchschnittlich zwischen 500 und 1.000 Euro, so Setareh Huschi.

Die Infokarte von Selbstbestimmt steril sei mit knapp 100 Anlaufstellen noch lange nicht vollständig. Alle aufgeführten Kliniken und Praxen sind laut Susanne Rau mit dem Wissen und der Zustimmung der jeweiligen Ärzt*innen eingetragen worden. Nicht alle wollten auf der Karte erscheinen: Die zuständigen Ärzt*innen der Asklepios Klinik Wandsbek haben sich zum Beispiel bewusst dagegen entschieden. „Meine persönliche Meinung ist, dass man keine Sterilisation braucht“, sagt Setareh Huschi. Sie betont, dass sie niemandem ihre Meinung aufdrängen wolle und diese in einem Beratungsgespräch nicht äußere. „Ich führe auch Sterilisationen durch und verstehe die Beweggründe der Frauen“, sagt sie. Im Mittelpunkt stehe für sie der Anspruch, Entscheidungen gemeinsam mit den Frauen zu treffen.

Ambulanter Eingriff mit Vollnarkose

Als Lini an am Morgen ihrer Sterilisation aufwacht, ist sie ganz klar im Kopf. „Ich hatte jetzt nicht unbedingt eine Vorfreude, aber ich war einfach sehr ruhig“, sagt sie. Es gibt verschiedene Methoden, eine Frau zu sterilisieren. Bei Lini werden die Eileiter verödet, das heißt, dass sie an mehreren Stellen verschlossen werden. In Deutschland wird eine Sterilisation meist ambulant mittels Bauchspiegelung unter Vollnarkose durchgeführt. Der Eingriff dauert in der Regel zwischen 30 und 60 Minuten.

Bei dem Eingriff wird am Bauchnabel ein etwa ein Zentimeter langer Schnitt gesetzt, über den CO2 in den Bauchraum eingebracht wird, sodass sich die Bauchdecke anhebt. So kann eine Kamera in den Bauchraum eingeführt werden, um die inneren Organe wie Gebärmutter oder Eierstöcke genau zu betrachten. Zusätzlich werden im Unterbauch kleine, ungefähr fünf Millimeter große Schnitte gesetzt, durch die lange Instrumente eingeführt werden. Über diese werden die Eileiter schließlich verödet, durchtrennt oder entfernt.

Alex entscheidet sich für die Entnahme der Eileiter. Bei dieser Methode können eine Eileiterschwangerschaft und Eileiterkrebs zusätzlich ausgeschlossen werden. Die Entnahme der Eileiter ist laut Gynäkologin Setareh Huschi die gängigste Methode in Deutschland. „Wenn man komplette Sicherheit haben will, sollte man das machen“, sagt sie.

Ein Spiegelselfie einer jungen Frau zeigt ihren Bauch mit zwei Pflastern. Das eine über dem Bauchnabel, das andere etwas tiefer auf ihrem Unterbauch.
Lini am Tag nach der OP, noch mit CO2 im Bauch. Foto: Anna Karolina Bernhard

Abgesehen von einem aufgeblähten Bauch infolge der Bauchspiegelung hat Alex nach dem Eingriff keine Beschwerden. Lini erinnert sich an Unterleibsschmerzen und Nackenverspannungen.

Der natürliche Zyklus bleibt nach der Sterilisation erhalten

Die Sterilisation verändert den natürlichen Zyklus einer Frau nicht. „Jetzt menstruiert man jeden Monat und denkt sich so warum denn? Das ist wirklich total unnötig“, sagt Lini und lacht. Möglich ist Huschi zufolge nur, dass der Zyklus direkt nach dem Eingriff etwas durcheinandergerate. „Wir klären auch darüber auf, dass wenn wir in der Nähe der Eierstöcke operieren, es zu Zwischenblutungen für zwei bis drei Monate kommen kann“, sagt Huschi.

Reaktionen mit Gegenwind

Vor Linis Sterilisation kam teilweise Kritik von ihrer Familie oder einigen Freund*innen, die ihr davon abrieten. „Für mich war eigentlich immer das Argument, ich würde lieber irgendwann in dem hypothetischen Szenario bereuen, keine Kinder bekommen zu haben, als dann eine Mutterschaft zu bereuen. Das wäre für mich persönlich, glaube ich, viel schlimmer“, sagt sie.

Mit ihren Eltern hat Lini nie offen über die Sterilisation gesprochen, „weil die Entscheidungen in meinem Leben für sie manchmal schwer zu akzeptieren sind“.  Nach dem Eingriff trug sie Pflaster am Bauch, lief im Sommer bauchfrei herum und war am Strand. „Wenn Menschen in meinem direkten Umfeld das nicht wissen, dann wollen sie es nicht wissen“.

Kurz vor ihrer Sterilisation lernt Lini ihren jetzigen Partner kennen. „Ich habe ihn einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist keine Sache in meinem Leben, die ein Kompromiss sein könnte“, sagt sie. Ihr Partner wolle ebenfalls keine Kinder. Lini ist sich bewusst, dass es oft vorkommt, dass sich eine Partnerin oder ein Partner im Laufe der Zeit umentscheidet und, dass die Beziehung daran zerbrechen könnte.

„Fremde Männer sind sehr entsetzt darüber, dass ich mit ihnen nie eine fiktive Familie gründen werde“

Auf Social Media wurde sie teilweise mit Hasskommentaren konfrontiert. Anonym bedankten sich Menschen bei ihr dafür, dass sie ihre „schrecklichen Gene“ durch die Sterilisation nicht weiterverbreite. „Viele fremde Männer, sowohl im Internet als auch in der realen Welt, sind sehr entsetzt darüber, dass ich mit ihnen nie eine fiktive Familie gründen werde“, sagt Lini. Die meiste Kritik komme aber von Müttern. „Du kannst da keine neutrale Meinung zu haben“, findet sie.

„Für mich ist Sterilisation die ultimative Selbstbestimmung bei der Verhütung.“ – Susanne Rau

„Für mich ist Sterilisation die ultimative Selbstbestimmung bei der Verhütung“, sagt Susanne Rau, vom Verein Selbstbestimmt steril. Für Lini war es ein Freiheitsschlag. Sie findet es problematisch, dass das Thema so stigmatisiert sei, „nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im medizinischen Bereich“. Warum sie eigentlich keine Kinder will? „Ich möchte einfach keine Mutter sein. Das Argument allein muss reichen“, sagt sie.

Katharina Schöndorfer, Jahrgang 2000, servierte nach dem Abitur Bier und Brezn im Dirndl – in einem bayerischen Wirtshaus mitten in Melbourne. Als Kind überlegte Kathi als Astronautin zum Mond zu fliegen, bis sie merkte, dass Physik nicht ganz ihre Umlaufbahn ist. Heute will sie Journalistin werden. Sie studierte Journalistik, Strategische Kommunikation und Politikwissenschaft in Passau. Im Studium gelang Kathi ihr erster journalistischer Pitch an PULS zum Thema Nacktheit. Die BR-Redaktion kaufte ihr und ihrer Studienkollegin die Themenidee für die PULS Reportage “7 Tage nackt” ab. Nach ihrem Auslandssemester in Estland absolvierte sie Praktika beim BR und dem Münchner Radiosender Gong 96.3. Einen Podcast auf Estnisch? Parem mitte (Besser nicht). Kürzel: kat

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