Der Bundestag hat Paragraf 219a aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Was sich dadurch nun für Schwangere ändert und wie wichtig sichere Schwangerschaftsabbrüche sind, erklärt die Vorsitzende von ProFamilia Hamburg, Kersten Artus, im Interview.

Illustration: Anne Wohlfahrt 

Am 24. Juni hat der Bundestag den Gesetzesentwurf zur Abschaffung des Paragrafen 219 a beschlossen. Damit dürfen Ärzt*innen in Deutschland in Zukunft darüber informieren, wenn sie Abtreibungen anbieten.

FINK.HAMBURG hat mit der Vorsitzenden von ProFamlia Hamburg, Kersten Artus, darüber gesprochen, was die Streichung des Paragrafen bedeutet, welche Ziele die sogenannte Pro-Choice-Bewegung jetzt verfolgt und wieso Schwangerschaftsabbrüche immer noch ein Tabuthema sind.

Kersten Artus, die Vorsitzende von ProFamilia Hamburg, sitzt auf einem grünen Stuhl. Sie trägt ein schwarzes Top, darüber ein offenes weißes Hemd und eine Brille. Sie lächelt in die Kamera.
Kersten Artus, Vorsitzende von ProFamilia Hamburg. Foto: Chiara Bagnoli

FINK.HAMBURG: Der Paragraf 219a wurde zuletzt 1974 reformiert und regelte die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche. Bis vor Kurzem durften also Ärzt*innen nicht auf ihren Webseiten über Abbrüche informieren und teilweise nicht einmal kenntlich machen, dass sie in ihren Praxen Abbrüche anbieten. Wie haben Schwangere dann vor der Streichung des Paragrafen Informationen über Schwangerschaftsabbrüche gefunden?

Kersten Artus: Was macht man, wenn man schwanger ist, das Kind nicht will oder sich unsicher ist? Man geht vermutlich ins Internet. Mit Pech landet man dann auf verstörenden Hass-Seiten wie „Babycaust“ oder „Abtreiber.com“. Auf diesen Seiten findet man zu Beispiel Fotomontagen von angeblich zerrissenen Föten, viel Blut und Holocaustvergleiche. Alles ganz grässlich. Dann gibt es noch „ProFemina“. Das hört sich so ähnlich an wie ProFamilia, ist es aber eine sogenannte Anti-Choice-Seite. Die bieten Beratung für Schwangere an. Uns wurde erzählt: Man ruft da an, bekommt ein gutes Gefühl, wird empathisch und mitfühlend behandelt. Aber man merkt oft viel zu spät, dass sie einen hinhalten und versuchen, Betroffenen den Abbruch auszureden. Nachweisen können wir das aber nicht. Aber ProFemina ist keine anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle. Das heißt: Sie können gar keinen Beratungsschein, der für einen Abbruch zwingend erforderlich ist, ausstellen.

Schwangerschaftsberatungen richten sich in den meisten Fällen an Paare mit Kinderwunsch. Meist werden Fragen zum Verlauf einer Schwangerschaft und zur Vorbereitung auf die Zeit nach der Geburt beantwortet. Die Schwangerschaftskonfliktberatung richtet sich hingegen an schwangere Personen, die unbeabsichtigt schwanger sind. Diese Beratungsstellen unterliegen gesetzlichen Anforderungen. Seriöse Stellen für Schwangerschaftskonfliktberatung findet ihr hier.

Wenn man Glück hat, gelangt man zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder auf Familienplanung.de. Da finde man ganz gute Informationen und ein paar Adressen von Ärzt*innen. Von der Stadt Hamburg gibt es eine Seite mit einer fast vollständigen Liste mit Ärzt*innen, die hier Abtreibungen anbieten.

Bevor der Bundestag das Werbeverbot für Abtreibungen Ende Juni gekippt hat, machten sich Ärzt*innen oftmals strafbar. Sie vertreten die Meinung, dass die Streichung des Paragrafen 219a aus dem Strafgesetzbuch extrem wichtig war. Warum?

Artus: Zum einen gibt es ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Das heißt, gerade wenn es um bedeutende Entscheidungen der Gesundheit geht, muss es eine gute Basis für die Entscheidungsfindung geben. Unsere Rechte sehen das eigentlich so vor. Deswegen gibt es zum Beispiel die Aufklärungspflicht vor Operationen. Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen, die wirklich Ahnung davon haben, darüber informieren – also Ärzt*innen. Das war bislang nicht möglich. Zum anderen regelt die Verfassung, dass Menschen mit freien Berufen wie Anwält*innen, Architekt*inne oder eben Ärzt*innen diesen auch frei ausüben können. Dazu gehören natürlich auch seriöse Informationsmöglichkeiten über ihr Leistungsspektrum. Hinzu kommt: Der Paragraf 219a ist ein Relikt der Nazi-Zeit. Und das hat in der jetzigen Gesellschaft einfach nichts mehr zu suchen.

Gehört auch Paragraf 218 abgeschafft?

Paragraf 219a ist jetzt gestrichen. Pro-Choice-Anhänger*innen fordern immer noch: „Weg mit § 218!“. Laut Paragraf 218 sind Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland strafbar und können mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe bestraft werden.

Dennoch werden Abbrüche in Deutschland vorgenommen. Denn unter gewiesen Bedingungen und Voraussetzungen sind Abbrüche straffrei. Das regelt Paragraf 218a:

Grafik über straffreie Schwangerschaftsabbrüche, medizinische und kriminologische Indikation (links), Voraussetzungen für Abbrüche nach der Beratungsreglung (rechts)
Regelung straffreier Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach Paragraf 218a (StGB). Grafik: Chiara Bagnoli

FINK.HAMBURG: Pro-Choice-Anhänger*innen fordern die Abschaffung von Paragrafen 218. Wieso ist dieses Gesetz so problematisch? 

Artus: Ganz einfach: Paragraf 218 stellt Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe. Es ist auch total krass, was Paragraf 218 zusammen mit 219a über die Jahrzehnte bewirkt hat. 218 macht Abbrüche strafbar. 219a schickte das Thema in eine Tabuecke. Man redet nicht drüber.

Ist es realistisch, dass jetzt auch Paragraf 218 abgeschafft wird?

Artus: Zurzeit ist das völlig unrealistisch, weil es momentan dafür keine gesellschaftliche oder parlamentarische Mehrheit gibt. Der aktuelle Paragraf 218 ist aus Sicht vieler Parteien ein guter Kompromiss.

Aber Sie sagen: Das stimmt nicht?

Artus: Ja. Dadurch hat sich nur die Versorgungslage verschlechtert. Schwangerschaftsabbrüche haben immer noch das Stigma des Kriminellen – auch auf dem Papier. Es ist nur unter bestimmten Bedingungen straffrei und deswegen üben auch nur wenige Ärzt*innen Abbrüche aus. In der Ausbildung kommt das auch so gut wie gar nicht vor.

Schwangerschaftsabbrüche werden momentan im Medizinstudium nicht gelehrt?

Artus: Nein, offiziell, im sogenannten Curriculum, nicht. Medizinstudent*innen und Ärzt*innen lernen das in sogenannten Papaya Workshops. Es gibt die Organisation Medical Students for Choice, die diese Workshops anbieten, damit Ärzt*innen und Medizinstudierende den Schwangerschaftsabbruch lernen können. Papayas haben eine ähnliche Konsistenz wie eine Vagina oder ein Uterus. Ich habe mir das auch mal angesehen. Anhand der Frucht kann man üben und bekommt natürlich auch Theoriestunden.

Medical Students for Choice, eine Gruppe von Medizinstudierenden der Charité in Berlin, bieten Vorlesungen und sogenannte Papaya Workshops für Studierende an. Papayas eignen sich aufgrund ihrer Form, Größe und Textur gut als Modell der Gebärmutter. Darüber hinaus bietet der Verein Doctors for Choice Germany mittlerweile auch Online-Kurse zu Schwangerschaftsabbrüchen an.

Was würde passieren, wenn Paragraf 218 gestrichen werden würde? 

Illustration Schwangerschaftsabbrüche Anne Wohlfahrt
Über Schwangerschaftsabbrüche wird weltweit heftig diskutiert. Es stellen sich neben rechtlichen und medizinischen oft auch ethische Fragen. Illustration: Anne Wohlfahrt

Artus: Einfach nur den Paragrafen zu streichen, reicht nicht. Wir müssen jede Menge in der Versorgungsgrundlage machen. Wir brauchen bessere sexuelle Bildung, damit die Menschen bewusster und aufgeklärter an die Familienplanung herangehen. Kostenlose Verhütungsmittel und die richtige Aufklärung sind extrem wichtig. Außerdem brauchen wir eine bessere medizinische Ausbildung. Zudem wollen wir eine Abschaffung der Beratungspflicht. Viele ungewollt Schwangere kommen in die Beratung und haben das Gefühl, sie müssen sich rechtfertigen und das ist nicht so. Viele brauchen auch keine Beratung, oft entscheidet sich das in Sekunden. Andere finden sich wiederum in einem echten Konflikt wieder und brauchen sehr gute Beratung. Vielleicht auch mehrere Sitzungen. Das ist sehr individuell und deswegen brauchen wir einen Ausbau an Beratungsstrukturen, aber keine Pflichtberatungen mehr.

Pro-Choice-Aktivist*innen setzen sich für das Recht auf Abtreibung und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper ein. Auch Sie stehen dafür ein. Können Sie kurz erklären was hinter dieser Bewegung steckt?

Artus: Die Bewegung gibt es schon lange, aber in den letzten fünf Jahren sind überall im Land lokale Aktionsbündnisse entstanden. Vor allem in Kleinstädten, etwa in Münster oder Passau. In Hamburg oder Berlin hat man schnell eine Demo oder Aktionstage auf die Beine gestellt. Aber in kleineren Städten ist die Versorgungslage extrem schlecht, da ist das oft schwieriger. Die Pro-Choice-Bewegung ist außerdem sehr gut vernetzt.

Außerdem haben wir hervorragende Fachverbände an unsere Seite wie ProFamilia, aber auch der Deutsche Juristinnen Bund oder Organisationen wie Doctors for Choice und den Arbeitskreis Frauengesundheit. Es ist eine unglaublich kreative, fröhliche und solidarische Bewegung. Sehr empowernd.

Es ist auch schön zu sehen, was in den letzten fünf Jahren passiert ist. Wir beziehen alle gesellschaftlichen Kräfte mit ein. Es gehen auch Männer dafür auf die Straße, was ich extrem wichtig finde, weil das ist auch ihre Verantwortung. Den Abtreibungsgegnern war, glaube ich, nicht so ganz klar, welche gesellschaftliche Relevanz das Thema jetzt nochmal bekommen hat.

Der Internationale Safe Abortion Day ist ein Aktionstag am 28. September. Weltweit demonstrieren Menschen für sichere Abtreibungen und sexuelle Selbstbestimmung. In vielen Städten werden unterschiedliche Aktionen organisiert. In Deutschland beteiligen sich verschiedene Bündnisse und Organisationen wie ProFamilia oder das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung an dem Aktionstag.

Auf der anderen Seite stehen die Anti-Choice-Anhänger*innen, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche aussprechen. Wie gehen Sie damit um? 

Artus: Ich scheue keinen Konflikt. Das ist auch notwendig. Die Anti-Choice-Leute sind sehr aktiv auf Social Media und vor allem dort muss man sich ihnen entgegenstellen. Sie sprechen zum Beispiel oft von „Babys“, vom „Kind im Bauch“ oder von „Mord“. Und bei diesen unsäglichen Holocaustvergleichen muss man auch mit juristischen Mitteln vorgehen. Ich selbst habe ein Gerichtsverfahren hinter mir, weil mich ein Abtreibungsgegner auf Unterlassung verklagt hat, nachdem ich seinen Namen auf Twitter genannt habe.

Ist das Recht auf sichere Schwangerschaftsabbrüche Ihrer Meinung nach wichtig für uns als Gesellschaft?

2021 wurden in Deutschland über 94.000 Abbrüche vorgenommen.  In Hamburg gibt es etwa 34 Praxen (Liste der Bundesärztekammer), die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. 2021 wurden in Hamburg rund 3900 Abtreibungen vorgenommen (Destatis). Im Vergleich: In ganz Bayern sind nur neun Praxen gemeldet. Hier wurden 2021 über 11.000 Abtreibungen durchgeführt (Destatis).

Artus: Ja. Für Männer gibt es keine Einschränkungen, was ihre Körper angeht. Sie können mit ihrem Körper machen, was sie wollen. Frauen können das nicht. Das ist ungerecht. Das ist eine geschlechtsspezifische Diskriminierung, die abgeschafft gehört. Alles, was in meinem Körper passiert, unterliegt meiner Entscheidung. Ein Fötus ist so eng mit dem Körper einer Frau verbunden, so dass auch keiner ihr diese Entscheidung abnehmen kann. Wir haben hier zwar relativ sichere Abtreibungen und relativ sichere Geburten, aber eine Zwangsgeburt ist ein ganz dramatisches Ereignis für eine Frau. Abgesehen von einem Kind, dass nicht gewollt ist. Deswegen kann man das auch nicht einfach über den Kopf und den Körper einer Frau hinweg entscheiden.

Anti-Choice-Anhänger*innen argumentieren an dieser Stelle oft, dass das ungeborene Leben zu schützen ist. Was entgegnen Sie? 

Artus: Ja, das ist natürlich ein werdendes Leben, aber noch lange kein eigenständiges. Deswegen trägt auch die Person, die es in sich trägt, die alleinige Verantwortung. Sie soll sich aber immer Unterstützung suchen können.

Ist das Recht auf sichere Abbrüche auch eine Gerechtigkeitsfrage?

Artus: Das ist eine Demokratiefrage, eine Geschlechterfrage, eine Gerechtigkeitsfrage. Ich habe das Recht, dass mein Körper unversehrt bleibt – so wie ich das will. Außerdem: Wer abbrechen will, bricht ab. Da werden Lösungen gefunden, notfalls auch gefährliche. Das ist nicht zu verhindern. Wo Abtreibungen ganz verboten sind, sterben immer noch viele Frauen daran. Bei uns sieht es zwar noch nicht so aus. Aber wir sind davon alle gleichermaßen betroffen, weil es einfach Zufall ist, dass wir in Deutschland leben. Wir können nicht nur von uns ausgehen. Das geht jeden etwas an.

Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren zwischen 2010 und 2014 rund 45 Prozent aller Abtreibungen unsicher. Jährlich sterben zwischen 4,7 und 13,2 Prozent an unsicheren Abtreibungen. Der Menschenrechtsorganisation Center for Reproductive Rights zufolge sind Schwangerschaftsabbrüche in 26 Ländern verboten. Damit haben etwa 90 Millionen Frauen im fruchtbaren Alter keinen Zugang zu sicheren Abtreibungen. Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass die Beschränkung des Zugangs zu Abtreibungen die Zahl der Abbrüche nicht verringert, aber EInfluss auf die Sicherheit hat.

Bis heute sind Schwangerschaftsabbrüche ein Tabu in unserer Gesellschaft. Braucht es hier eine Enttabuisierung?

Artus: Absolut. Das Tabu von Schwangerschaftsabbrüchen führt zu Folgewirkungen und Konflikten, die einfach zerstörerisch sind und Einfluss auf Leben und Lebensplanung nehmen können. Das habe ich auch selbst erfahren. Ich konnte jahrelang nicht über meine Schwangerschaftsabbrüche sprechen und habe mir die Schuld für meine ungewollten Schwangerschaften gegeben. Gerade als junge Frau hat mich das sehr belastet. Ich habe lange nicht verstanden, dass es mein Recht ist, darüber zu reden, auch öffentlich. Männern wirft man so etwas nie vor. Als ich vor drei Jahren angefangen habe, über meine vier Abbrüche in meinem Blog zu schreiben, kam auch viel Hass aus der Anit-Choice-Ecke. Dort war ich dann die „sechsfache Mutter, die vier ihrer Kinder getötet hat“. Aber ich hatte mich darauf vorbereitet und wusste in diesem Milieu wird das alte Frauenbild „Heilige und Hure“ noch so richtig gelebt.

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