Illustration einer Frau, die Brötchen schmiert.
Für Hannah ist das Ehrenamt eine Möglichkeit, neue Diskurse kennenzulernen. Illustration: Jasmin Grabler

Im Ehrenamt arbeiten Menschen ohne Bezahlung für die Gesellschaft. Hannahs Engagement gibt ihr aber auch viel zurück. Wenn sie in ihrer Gruppe für Obdachlose Brötchen schmieren und reden kann, findet Hannah Halt in unsicheren Zeiten.

Illustration: Jasmin Grabler

„Junge Menschen im Ehrenamt“ ist ein Format bei FINK.HAMBURG, in dem Menschen unter 30 von ihrem ehrenamtlichen Engagement berichten. Im Fokus steht dabei nicht nur das Ehrenamt selbst, sondern auch, wie sie ihr Ehrenamt in ihren meist schon gut gefüllten Alltag eingliedern, und warum sie diese Extra-Arbeit neben ihrem Job überhaupt machen.

In diesem Artikel erzählt Hannah, 28, von ihrem Ehrenamt.

Als ich neu nach Hamburg gekommen bin, habe ich mich intuitiv entschieden, ein Ehrenamt auszuprobieren. Ich dachte ursprünglich, dass ich mehrere Programme testen würde. Aber beim Sonnenschein Café hat es von Anfang an richtig gut gepasst. Das Café ist ein Ort für Obdachlose oder Menschen mit wenig Geld, die dort kostenlos Kaffee, Kuchen und Brötchen bekommen.

Im Sonnenschein Café gibt es vielfältige Aufgaben. Du kannst beispielsweise Essen rausgeben, du kannst den Kaffee an der Siebträgermaschine machen, du kannst einkaufen gehen. Ich bin fürs Brötchenschmieren zuständig. Der Hinterraum des Cafés ist mein Place of Choice geworden, weil ich dort die besten Connections zu den anderen Freiwilligen pflegen kann. Mein Hauptinteresse ist nämlich, andere Leute außerhalb meiner Bubble kennenzulernen und andere Probleme, andere Lösungsansätze, andere Gedanken und Selbstwahrnehmungen im Leben kennenzulernen.

Das Ehrenamt stärkt mich selbst

Dadurch, dass ich die Brötchen eher im Hintergrund schmiere, interagiere ich mit den eigentlichen Gästen im Sonnenschein Café gar nicht so viel. Der Zweck des Cafés ist immerhin, dass Obdachlose und Menschen mit wenig Geld Kaffee und Kuchen bekommen können. Trotzdem kann ich mich selbst durch das Ehrenamt stärken lassen und hoffentlich die anderen Brötchenschmierenden ebenfalls inspirieren.

Ich bin in meinem Alltag schon müde am Abend. Unter der Woche arbeite ich einen Teilzeit-Job im Büro und parallel schreibe ich abends und am Wochenende an meiner Doktorarbeit. Außerdem mache ich viel Sport, so viermal die Woche jeweils ein paar Stunden. Aus diesem durchgetakteten Alltag rauszukommen und einfach drei Stunden Brötchen zu schmieren hilft mir. Vor allem, wenn ich unter Druck stehe.

Die anderen Ehrenamtlichen sind super divers. Manche bringen ihre Kinder mit. Andere sind Rentner und Rentnerinnen, die nicht mehr arbeiten, die den ganzen Tag nur mit Spazieren und Kochen und Auf-Hunde-Aufpassen verbringen. Durch deren Perspektive bewerte ich mich selbst anders. Das kann in beide Richtungen gehen. An manchen Sonntagen denke ich über mich: „Was für ein Leben führst du eigentlich? So viel Druck die ganze Zeit. Ist das gut? Bringt dir das überhaupt was?”

Aber manchmal denke ich dann auch: „Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst trifft. Was man priorisiert und wo man hin will und was man dafür tun muss. Aber das könnte ich auch jeden Tag anders entscheiden.” Natürlich gibt es auch Menschen, die ihr ganzes Leben dabei bleiben zu sagen: „Mir reicht ein Halbtags-Job, den Rest verbringe ich mit Freunden, bei Ehrenämtern, in Parteien.” Dafür, dass ich solche Perspektiven in dem Ehrenamt immer wieder höre, bin ich super dankbar.

Inspirierende, politische Gespräche

Meine liebste Erfahrung ist, dass hier einfach nette, politisch linke Menschen sind. Für den Kontext: Ich arbeite in der Softwareindustrie, eigentlich nur mit Männern, alle konservativ, alle sehr auf Sport, Programmieren, Entertainment fokussiert. Da fehlt mir oft die Reflexion über die Gesellschaft und die Politik. Es ist nicht so, dass wir beim Brötchen schmieren alle ausschließlich über Politik reden. Aber es gibt im Sonnenschein Café Einstellungen und Grundsätze, die ich in der Softwareindustrie so nicht finde. Dazu gehört zum Beispiel, offen über das Patriarchat zu sprechen. Das habe ich vorher nie so offen in einer Gruppe gemacht. In der Brötchenrunde schon. Ich lerne viel.

In der Bubble vom Ehrenamt kommt es mir so vor, als begegnen wir uns mehr auf Augenhöhe.  Hier werden kritische Themen angesprochen, auch mal mit klaren, harten Worten. Ich bin unter Menschen, die in der Gruppe einfach mal sagen können: „Es sind Männer, die Frauen zu alleinerziehenden Müttern machen. Es sind in 99% der Fälle Männer, die vergewaltigen.”

Im letzten Bundeslagebild des Bundeskriminalamts (BKA) über das Jahr 2023 gibt es keine genaue Angabe, wie viel Prozent der Straftäter*innen bei Vergewaltigungen Männer sind. Jedoch sind laut dem BKA 98,9 Prozent der Tatverdächtigen von Vergewaltigungen, sexueller Nötigungen und Übergriffen gegen Frauen männlich. Dabei können nur bei der Polizei angezeigte Taten im Bundeslagebild erfasst werden.

Keine Scheu vor neuen Denkweisen

Ich brauche ein bisschen Gegengewicht zu der erstarkenden konservativen Einstellung der Gesellschaft. Ich will das gar nicht bewerten. Aber es ist für mich total erfrischend, einfach mal Leute zu haben, die, anders als mein normales soziales Umfeld, solche  Dinge auszusprechen. Mich inspirieren diese neuen Gedanken und Gespräche, deshalb gehe ich auch immer wieder hin.

Ich glaube, man kann grundsätzlich die Scheu ablegen, dass man ins Sonnenschein Café nicht reinpassen könnte. Was ich mitgeben würde: Setzt euch einfach mal in fremde Menschengruppen, es kann sehr viel angenehmer und horizonterweiternder sein, als man denkt.

Zur Übersicht listet die Stadt Hamburg mögliche Plätze für eine ehrenamtliche Arbeit hier auf: hamburg.de. Weitere Informationen über die Tätigkeiten beim Café Sonnenschein, wo auch Hannah sich engagiert, gibt es auf der Website des Vereins.

Junge Frau mit Brille im Porträt

Alles ist politisch. Auch die Frage, ob Bier schmeckt oder nicht. Zumindest wenn es nach Anny Norma Schmidt, Jahrgang 2001, geht. Sie bestellt lieber Sekt. Dafür erntet sie in ihrer Heimat Dithmarschen schiefe Blicke. Vielleicht fiel ihr daher der Abschied 2021 in Richtung Magdeburg leicht, um dort Journalismus zu studieren. Ist sie nicht baden oder joggen, sitzt Anny gerne im Café, entweder in ein Buch oder in eine Diskussion über Feminismus und Nachhaltigkeit vertieft. Anny hat schon diverse Praktika bei Lokalzeitungen hinter sich, weil sie es wichtig findet, im Gespräch zu bleiben - sogar über Bier. Kürzel: ans

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