Ende Juli eröffnet im Gängeviertel der feministische Sexshop „Fuck Yeah“. FINK.HAMBURG hat mit zwei der Inhaber*innen über politischen Sex, Aufklärung und die Besonderheiten des neuen Sexshops gesprochen.

FINK.HAMBURG: „Fuck Yeah“ soll ein Sexshop für alle Geschlechter und sexuelle Orientierungen sein – geht das überhaupt?

Florian Gnau: Dieser Herausforderung stellen wir uns, aber eine große Aufgabe ist es in jedem Fall. Wir werden zum Beispiel auch spezielle Sextoys für Menschen mit Transidentität anbieten.
Rosa Schilling: Natürlich können wir nicht alle Menschen auf dieser Welt zufriedenstellen. Es geht darum, die Menschen abzuholen, die sich in klassischen Sexshops nicht wohlfühlen.

Eröffnungsfeier

Wo? Caffamacherreihe 47, Gängeviertel Hamburg

Wann? 21.07.2018, ab 12 Uhr

Wie wird der Laden aussehen?

Schilling: Es wird ein Lädchen sein, es ist nur ein kleiner Raum. Trotzdem werden wir eine kleine Sitzecke einrichten in der man sich in Ruhe informieren kann. Der Großteil der Fläche befindet sich im Keller, den wir eher als Lager nutzen.
Gnau: Wir wollen nicht nur Einzelhandel sein, sondern auch über Sexualität, Körper und Lust informieren und aufklären. Wir werden in den Räumen im Gängeviertel auch Seminare und Workshops anbieten.

Welche Themen werdet ihr dort behandeln?

Gnau: Uns ist wichtig, dass wir nicht nur eine akademische Auseinandersetzung mit den Themen anbieten, sondern auch niedrigschwellige Angebote haben. Zum Beispiel haben wir bereits einen DIY-Workshop angeboten, in dem aus alten Fahrradteilen Sexspielzeug gebastelt wurde.
Schilling: Wir selbst werden Themen wie „Safer Sex“, „Sex und Sprache“ und „Was ist sexpositiver Feminismus“ behandeln. Aber wir werden auch Externe einladen, um unser Angebot zu erweitern. Im Herbst soll das Programm stehen.

„Die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine, sondern bessere.“

Was ist denn sexpositiver Feminismus?

Schilling: Wir sehen Sex nicht als etwas grundsätzlich Problematisches, sondern als etwas Schönes und Tolles. Der Begriff sexpositiver Feminismus hat sich in Abgrenzung zu der PorNo-Bewegung entwickelt. Diese pornokritische und feministische Bewegung entstand in den USA und wurde in den 80er Jahren in Deutschland vor allem durch Alice Schwarzer bekannt. Diese Bewegung hat den Porno als eine tragende Säule des Patriarchats verstanden. Sexpositive Feministinnen sehen auch, wie schlecht viele Pornos sind. Darin werden stereotype Körperbilder reproduziert und Frauen objektiviert und unterdrückt. Aber unsere Schlussfolgerung ist eine andere. Wir wollen Pornos, Sex und Sexyness nicht abschaffen. Wir finden, die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine, sondern bessere.

Also ist euer Laden die Antwort auf schlechte Sexshops.

Gnau: Im besten Fall – ja. Die „Hamburger Morgenpost“ hat geschrieben, dass wir die Sexshop-Revolution sind.
Schilling: Natürlich stellt sich die Frage, wie viel wir in diesen Verhältnissen besser machen können. Also wieviel Gutes geht im Falschen – aber das ist schon unser Anspruch.

Bestimmt finden nicht alle eure Idee gut.

Gnau: Nein, es gibt immer wieder Kritik. Aber hauptsächlich in den Kommentarspalten der sozialen Medien oder an der Scheibe des Ladens, da hat jemand „Nix Wix Laden“ drangeschmiert.
Schilling: Eine fundierte Kritik an unserer Idee habe ich noch nicht gehört.

Habt ihr euch den Standort im Gängeviertel bewusst ausgewählt?

Schilling: Wir haben über ein halbes Jahr nach einem Ort gesucht, der weniger in der linken Szene verankert ist. Uns wäre es lieber, wenn wir zum Beispiel an der Mönckebergstraße oder gegenüber von Ikea unseren Laden eröffnen könnten. Allerdings erleben wir hier auch ein so warmherziges Willkommen, das wir woanders sicher nicht gehabt hätten. Und das macht Mut.
Gnau: Und wir sind auch nicht hinten im Gängeviertel versteckt. Ganz im Gegenteil – durch das Café Nasch ist hier Laufkundschaft ohne Ende.

Florian Gnau und Rosa Schilling vor dem feministischen Sexshop Fuck Yeah. Foto: Pia Siber

Habt ihr auch Sorgen vor der Eröffnung?

Schilling: Ich habe Angst, dass die Leute nur einmal kommen, sich eine Sache kaufen und das war’s. Das wird dann nicht funktionieren, davon können wir nicht die Miete finanzieren.
Gnau: Ich warte noch auf einen Wasserrohrbruch, eine angebohrte Stromleitung oder einen Glasbruch.

Was wäre das Allerschönste, das passieren kann?

Gnau: Wir haben eine Zeitlang mit dem Neubau der Essohäuser geliebäugelt. Wenn wir es tatsächlich schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen und uns irgendwann  zu vergrößern,  wäre richtig schön, dort unseren Laden zu haben.
Schilling: Ich würde mich richtig freuen, wenn viele Leute zu den Workshops kommen. Das ist mir auch wichtiger als ein hoher Umsatz. Trotzdem wäre es natürlich gut, wenn wir uns mit dem Laden irgendwann selbst finanzieren könnten. Dann müssten wir weniger anderer Lohnarbeit nachgehen.

Wollt ihr auch Aufklärungsarbeit leisten?

Gnau: In jedem Fall. Nicht nur unser Bildungsangebot soll aufklären. Ich glaube, auch ein gutes Beratungsgespräch zu Sextoys kann mehr bringen, als die Aufklärungsarbeit in deutschen Schulen.
Schilling: Das stimmt. Ich arbeite noch in einem anderen Sexshop. Am Anfang sind Gespräche oft sehr schambesetzt, aber irgendwann tauen die Leute auf und erzählen ihre Probleme. Diese Art der Beratung findet in klassischen Sexshops kaum Raum. Aber in unserem Laden kann ich die Leute einladen, sich hinzusetzten, einen Kaffee zu trinken und in Ruhe darüber zu sprechen.

Reden die Geschlechter unterschiedlich über ihre Sexualität?

Schilling: Ich glaube, dass sich Sexualität am Geschlecht total zeigt. Es wird sehr unterschiedlich gelernt mit dem eigenen Körper umzugehen, beispielsweise Körperteile zu benennen. Oft wissen weiblich sozialisierte Menschen nicht so genau wie sie „da unten“ aussehen. Und es gibt auch sehr wenig wertschätzendes Vokabular für „zwischen den Beinen“. Wobei Wertschätzung generell ein wichtiges Thema ist. Alle Geschlechter gehen, besonders in der Kindheit, wenig wertschätzend mit dem eigenen Körper um.

„Viele Typen wissen nicht, wie viel Spaß man mit der Prostata haben kann.“

Kennen Cis-Männer ihren Körper denn besser?

„Cis“ ist das lateinische Präfix für „auf dieser Seite, diesseits, binnen, innerhalb“. Als cis Mann oder cis Frau bezeichnet man jene, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren.

Schilling: Nee, niemand kennt seinen Körper.
Gnau: Ich glaube, das der einzige Vorteil ist, dass bei Cis-Männern das primäre Geschlechtsorgan besser zu greifen und zu sehen ist. Aber die meisten Typen wissen gar nicht, wie viel Spaß man mit der Prostata haben kann. Und über die körperlichen Funktionen, beispielsweise wie es zum Samenerguss kommt oder wie eine Erektion entsteht, wissen die auch nicht Bescheid.

Ist Sex politisch?

Gnau: Immer.
Schilling: Mega. Sexualität passiert nicht im luftleeren Raum. Sex ist immer von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt. Zum Beispiel wird in Deutschland am meisten die heterosexuelle Kleinfamilie gelebt – das hat auch was mit Sex zu tun. Von sexuellen Praktiken werden Lebensformen abgeleitet und daran hängen wieder Arbeitsverhältnisse.

Wäre doch auch schön, wenn Sex einfach nur Sex sein könnte.

Schilling: Natürlich wäre es schön, wenn wir Sex von bestimmten Dingen entkoppeln könnten. Es sollten sich weniger schlechte Verhältnisse in den Sex einmischen. Zum Beispiel reproduziert sich sexuelle Gewalt oft aus patriarchalen Verhältnissen. Uns ist das Allerwichtigste, dass Leute im Konsens miteinander in sexuellen Kontakt treten. Das klingt zwar nach einer einfachen Idee. Aber davon sind wir sehr weit entfernt. Ich glaube, dass mit besserem Sex die Welt viel besser wäre.

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Pia Siber, Jahrgang 1992, hat schon einmal einem Huhn das Radfahren beigebracht. Geboren ist sie in Bremen, aufgewachsen aber auf dem Dorf. Ihre Schule ging pleite, aufs Abitur hat sie sich deshalb zu Hause vorbereitet. In Bremen hat sie Politikwissenschaft studiert, machte währenddessen PR für ein Wissenschaftskolleg und arbeitete für die „taz“, Radio Bremen und „Bento“. Ihr größtes Opfer: Nachdem sie einen Bulli ein halbes Jahr lang zum mobilen Heim ausgebaut hatte, entließ sie ihre Hündin Nala damit hinaus in die Welt – in menschlicher Begleitung. Jetzt wohnt sie in einer WG in Hamburgs Dorf: Altona. Vielleicht findet Pia hier endlich Zeit zum Akkordeonspielen oder zum Boxen. Priorität hat aber erstmal die Suche nach den besten Pommes der Stadt. Kürzel: ps