100 JAHRE FRAUENWAHLRECHT IN DEN USA

 

Der Kampf von Suffragetten und Afroamerikanerinnen um Gleichberechtigung

2020 ist für die Vereinigten Staaten ein politisch bedeutsames Jahr: Die US-amerikanischen Bürger*innen haben mit Joe Biden einen neuen Präsidenten gewählt und mit Kamala Harris die erste weibliche Vizepräsidentin – und sie feiern 100 Jahre Frauenwahlrecht. FINK.Hamburg verschafft eine Übersicht über die wichtigsten Meilensteine im Kampf um politische Gleichberechtigung.

September 1789

Verabschiedung der US-amerikanischen Verfassung

Am 17. September 1789 wird die US-amerikanische Verfassung verabschiedet. Von nun an wird sie das zentrale Instrument der US-Regierung sein. Bis heute gilt sie als die älteste noch gültige Verfassung der Welt.

Die Verfassung lässt offen, ob Frauen wählen dürfen. Das zu entscheiden ist den einzelnen Bundesstaaten selbst überlassen. New Jersey gibt als einziger Bundesstaat den Frauen das Recht zu wählen, schafft es 1807 jedoch wieder ab.

1848

Seneca Falls Convention in New York

Verärgert darüber, dass Frauen beim Weltkongress gegen Sklaverei 1840 in London ausgeschlossen wurden, organisieren die beiden Frauenrechtlerinnen Lucretia Mott und Elizabeth Cady Stanton eine Versammlung für Frauenrechte. Auf der Seneca Falls Convention in New York treffen sich 200 Frauen und 40 Männer. Gemeinsam fordern sie die Gleichberechtigung für Frauen, dazu zählt auch das Frauenwahlrecht. Die Seneca Falls Convention wird als Auftakt der amerikanischen Frauenrechtsbewegung gezählt.

1869

Gründung der National American Woman Suffrage Association

Die Frauenrechtlerinnen Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton gründen gemeinsam die National Woman Suffrage Association – kurz NWSA. Ihr Ziel ist, das Wahlrecht für Frauen durch einen Zusatzartikel zur US-Verfassung durchzusetzen.

Am 18. Februar 1890 schließt sich die NWSA mit der American Women Suffrage Association zu der National American Woman Suffrage Association (NAWSA) zusammen, um von nun an zusammen zu kämpfen. An ihrer Spitze steht zunächst Stanton, später dann Anthony.

1869

Frauenwahlrecht in Wyoming

Wyoming gewährt Frauen das Wahlrecht seit 1869 – als erstes Gebiet in Nordamerika. Wie es dazu kommt, ist aus heutiger Sicht unklar: Die Debatten um die Abstimmung sind nicht mehr nachvollziehbar, es existieren keine Protokolle. Zeitungsartikel aus der Zeit legen aber nahe, dass es der Regierung weniger um Gleichberechtigung geht. Eher wollen sie Frauen in das frisch besiedelte Gebiet locken, um den Männerüberschuss in der Bevölkerung Wyomings auszugleichen.

1870

Zusatzartikel gewährt Afroamerikanern Wahlrecht

“The right of citizens of the United States to vote shall not be denied or abridged by the United States or by any State on account of race, color, or previous condition of servitude.” — 15. Zusatzartikel zur Verfassung der USA

1870 wird die Verfassung der Vereinigten Staaten um den 15ten Zusatzartikel ergänzt. Dieser gewährt Afroamerikanern und ehemaligen Sklaven das Wahlrecht - selbstredend nur den männlichen.

Eine Niederlage für die Frauenbewegung, haben sich doch viele amerikanische Suffragetten für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt. Sie hofften, dass mit dem Wahlrecht für Schwarze auch das für Frauen eingeführt werden würde. Vergeblich.

1872

Verfahren gegen Susan B. Anthony

Gemeinsam mit ihren drei Schwestern betritt Susan Anthony am 1. November 1872 ein Wahlbüro in Rochester, New York. Sie verlangt von den Angestellten, sie als Wählerin zu registrieren. Die Frauenrechtlerin beruft sich dabei auf den 1868 ratifizierten 14ten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Der besagt, dass "alle in den Vereinigten Staaten geborenen und eingebürgerten Personen [...] Bürger der Vereinigten Staaten" seien und als jene bestimmte “Vorrechte” hätten. Aus Anthonys Perspektive definiert der Absatz Frauen als Bürgerinnen – und verschafft ihnen damit auch das verfassungsmäßige Recht, bei Bundeswahlen zu wählen.

Die Beamten im Wahlbüro erkennen Anthonys Argumente nicht an und weigern sich, sie zu registrieren. Erst als die Frauenrechtlerin droht, die Männer zu verklagen, nehmen sie Anthony in die Kartei der Wahlberechtigten auf.

Bei der Präsidentschaftswahl vier Tage später gibt Anthony ihre Stimme ab – und wird deswegen verhaftet. Es kommt zum Prozess, bei dem das Gericht entscheidet: Der 14te Zusatzartikel betrifft das Wahlrecht nicht. Die Jury verurteilt Anthony zu einer Geldstrafe in Höhe von 100 Dollar.

Der Prozess Minor v. Happersett

Ein ähnliches Ereignis trägt sich bereits einen Monat zuvor in Missouri zu: Virginia Minor, die Anführerin der dortigen Frauenrechtsbewegung, versucht sich als Wählerin zu registrieren. Ebenso wie Anthony beruft sie sich auf den 14ten Zusatzartikel – im Gegensatz zu Anthonys Versuch bleibt der von Minor jedoch erfolglos. Und so verklagt Minor den Registrar Reese Happersett, der sie abwies. Das Verfahren geht 1875 vor den Supreme Court, den obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Auch der entscheidet, dass das Wahlrecht kein Bürgerrecht sei. Frauenrechtlerinnen müssen also andere Strategien entwickeln, um ihr Ziel zu erreichen.

Januar 1878

Senator Sargent legt Entwurf für Frauenwahlrecht vor

Am 10. Januar 1878 legt der Senator Aaron A. Sargent dem Senat einen Entwurf zur Verfassungsänderung vor: "Das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten darf weder von den Vereinigten Staaten noch von einem anderen Staat aufgrund des Geschlechts verweigert oder verkürzt werden.”

Der Politiker fühlt sich der Frauenbewegung schon lange verbunden: Seine Ehefrau Ellen setzt sich aktiv für Frauenrechte ein, gründet 1869 den ersten Suffragetten-Verband in ihrem damaligen Wohnort Nevada City. Susan B. Anthony, Elizabeth Cady Stanton und andere bedeutende Suffragetten gehen im Haus des Paares ein und aus.

Sargent überzeugt den Senat davon, mehrere Suffragetten bezüglich des Gesetzentwurfs anzuhören: Stanton und einige ihrer Mitstreiterinnen erscheinen in Washington, um sich vor dem Ausschuss für Privilegien und Wahlen für den Zusatzartikel einzusetzen. Vergebens.

Der Senat diskutiert den Gesetzentwurf in den nächsten Jahren immer wieder – und weist ihn stets ab. In Folge ändert die NAWSA ihre Strategie: Statt auf ein national geltendes Frauenwahlrecht zu plädieren, kämpfen sie fortan für das Wahlrecht auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten.

1900

Eine neue Präsidentin für die NAWSA

1900 übernimmt die Journalistin Carrie Chapman Catt den Vorsitz der National American Woman Suffrage Association. Sie löst damit die 80-jährige Susan B. Anthony ab.

Catt ist berühmt für ihre rhetorischen Fähigkeiten: Im Namen der Frauenbewegung reist die Journalistin seit den späten 1880ern durch die USA, um mit ihren Reden Bürger*innen und Politiker von den Zielen der Suffragetten zu überzeugen.

März 1913

Woman Suffrage Procession in Washington

Zwischen NAWSA-Vertreterinnen und dem bereits gewählten, aber noch nicht vereidigten Präsidenten in Spe Woodrow Wilson finden Anfang 1913 einige Treffen statt – diese bleiben jedoch fruchtlos. Wilson zeigt kein Interesse daran, Frauen das Wahlrecht zu gewähren. Das Suffragetten reagieren mit einem Protestmarsch: Die Freundinnen und NAWSA-Aktivistinnen Alice Paul und Lucy Burns organisieren die Woman Suffrage Procession in Washington. Am 3. März, einen Tag vor Wilsons Amtseinführung, demonstrieren Tausende Frauenrechtlerinnen für die Gleichberechtigung.

Etwa 250.000 Zuschauer*innen verfolgen die Parade der Suffragetten durch die Stadt. Auf der Route vom Kapitol über die Pennsylvania Avenue strömen immer mehr Menschen auf die Straße. Ihr Ziel: die Demonstration blockieren.

Während die Polizei untätig daneben steht, greifen mehrere vorwiegend männlich Gruppen die Frauenrechtlerinnen an, beschimpfen, bespucken und misshandeln sie. Einige der Demonstrantinnen fliehen. Andere harren aus, bis das Militär Stunden später eintrifft, die Straße räumt und die Parade ihren Weg bis zu ihrem Zielort, dem Finanzministerium, fortsetzen kann.

Die Suffragetten-Parade im März 1913 ist nicht die erste Protestaktion dieser Art – jedoch sicherlich die, die am meisten mediale Aufmerksamkeit erntet: Nicht zuletzt aufgrund der Angriffe auf die Frauen berichten internationale Medien noch Wochen nach der Veranstaltung über die Demonstration.

Übrigens: Für diese Epoche ist ungewöhnlich, dass bei der Woman Suffrage Procession weiße Frauen Seite an Seite mit Afroamerikanerinnen demonstrieren. Ursprünglich sollen letztere in einer eigenen, abgetrennten Parade-Sektion laufen. Schwarze Frauenverbände begehrten dagegen auf. Dass afroamerikanische Frauen separiert vom restlichen Umzug laufen sollen, kommt für sie nicht in Frage. Die Aktivistinnen einigen sich, dass die schwarze Demonstrantinnen gemeinsam mit den Delegationen ihres jeweiligen Staates oder ihrer Organisation marschieren.

April 1913

Spaltung der NAWSA

Im April, einen Monat nach der Woman Suffrage Procession, gründen Alice Paul und Lucy Burns die Congressional Union for Women’s Suffrage (CUWS) als Unterorganisation der NAWSA. Die Mission der CUWS ist, den Kampf für das Wahlrecht auf Bundesebene weiterzuführen. Zur Erinnerung: Nachdem der US-Senat Sargents Resolution abwies, wendete sich die Mutterorganisation von diesem Ziel ab. Vielmehr verfolgt die NAWSA seit den späten 1870er Jahren die Taktik, das Frauenwahlrecht in einem Staat nach dem anderen anzustoßen.

Nicht nur in der konkreten Zielsetzung, auch in den Methoden unterscheidet sich die CUWS von der NAWSA. Während sich die NAWSA mit Verhandlungen, Petitionen und Lobbyarbeit für die Gleichberechtigung einsetzt, sind für die CUWS große Paraden und andere öffentliche Protestaktionen das Mittel der Wahl. Die CUWS-Aktivistinnen erhoffen sich, dadurch die Debatte um das Frauenwahlrecht ins mediale Rampenlicht zu zerren und so den Druck auf die Regierung zu erhöhen.

1914 kommt es zum Zerwürfnis zwischen NAWSA und der CUWS. NAWSA-Präsidentin Catt kritisiert die Vorgehensweise der Unterorganisation als überzogen und unangemessen – die CUWS spaltet sich ab.

Im Jahre 1916 benennt sich die CUWS um in National Woman's Party (NWP). Die Vereinigung existiert noch heute.

1916 – 1917

Silent-Sentinels-Proteste

Im Januar 1917 beginnt eine Gruppe von Frauen um die National Women's Party vor dem Weißen Haus zu protestieren. Die Gruppe nennt sich Silent Sentinels. Sie protestieren sechs Tage die Woche – ohne ein Wort zu sprechen. Ziel ist es, Präsident Woodrow Wilson dazu zubringen, sich öffentlich für den 1878 von Senator Aaron A. Sargent vorgeschlagenen Zusatzartikel auszusprechen.

Mehrmals kommt es zu Ausschreitungen. Die Polizei inhaftiert einige der Aktivistinnen. Als die Frauen sich in einen Hungerstreik begeben, werden sie zwangsernährt.

Insgesamt protestiert Silent Sentinels 18 Monate lang. Am 9. Januar gibt Präsident Wilson dem innenpolitischen Druck nach und sichert den Frauen zu, sich vor dem Senat für den Zusatzartikel einzusetzen

26. August 1920

Frauen erhalten das Wahlrecht

“The right of citizens of the United States to vote shall not be denied or abridged by the United States or by any State on account of sex.“ — 19. Zusatzartikel zur US-Amerikanischen Verfassung

"Das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten darf von den Vereinigten Staaten oder einem Einzelstaat nicht auf Grund des Geschlechts versagt oder beschränkt werden.“ – mit diesen Worten ist es offiziell: 41 Jahre nachdem Aaron A. Sargent den Entwurf dazu im Senat vorgelegt hatte, wird der 19. Zusatzartikel am 21. Mai 1919 im Repräsentantenhaus verabschiedet.

Am 04. Juni 1919 verabschiedet der Senat den Zusatzartikel und am 18. August 1920 erhält er die Mehrheit von drei Vierteln aller Bundesstaaten. Am 26. August 1920 wird das Frauenwahlrecht offiziell in der Verfassung verankert. Frauen dürfen von nun an auf nationaler Ebene wählen.

Doch: Frau ist nicht gleich Frau. Vielen Frauen, insbesondere Afroamerikaner*innen ist demnach das Recht zu Wählen weiterhin strategisch vorenthalten.

1965

Schwarze Bürgerrechtsbewegung


Zwar haben Afroamerikaner bereits 1870 in der Theorie das Wahlrecht erlangt – der 15. Zusatzartikel verbot, Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Hautfarbe oder ihres vorherigen Status als Sklave vom Wahlrecht auszuschließen – doch in der Praxis verwehrt der Lese- und Rechtschreibtest vielen Afroamerikaner*innen die Möglichkeit zu wählen. Denn viele Afroamerikaner*innen können zu der Zeit weder lesen noch schreiben.

Zudem verlangt die Regierung von Bürger*innen, die sich zur Wahl registrieren lassen wollen, einen hohen Betrag zu zahlen – die sogenannte "poll-tax"-Steuer. Die rassistische Gruppe Ku-Klux-Klan terrorisiert unterdessen Schwarze Menschen, um sie zu zu unterdrücken und massiv einzuschüchtern.

1964 unterschreibt Präsident London B. Johnson den Civil Rights Act. Das Bürgerrechtsgesetz soll die sogenannte Rassentrennung von nun an aufheben. Dennoch dürfen Schwarze immer noch nicht wählen.

Mit den Selma-to-Montgomery-Märschen im März 1965 findet die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Jr. ihren Höhepunkt. Nach zwei gescheiterten Versuchen – die Polizei hält die Demonstrierenden auf, es kommt zu Ausschreitungen – schaffen die Demonstrierenden es beim dritten Antritt von der Stadt Selma in Alabama bis in die etwa 80 Kilometer entfernte Stadt Montgomery zu ziehen.

6. August 1965

Verabschiedung des Voting Rights Act


Am 15. August 1965 ist es dann soweit: Präsident Lydnon B. Johnson unterschreibt den Voting Rights Act. Das Gesetz soll den Weg für die Gleichberechtigung bei Wahlen ebnen: Lese- und Rechtschreibtest sind von nun an Vergangenheit. Endlich dürfen auch Schwarze Frauen und Männer wählen.



Abbildungsverzeichnis
Abb. 1.) Illustration „Let us vote“ (Mali Paede)
Abb. 2.) Illustration „Verfassung der Vereinigten Staaten“ (Mali Paede)
Abb. 3.) Illustration „Seneca Falls Convention“ (Mali Paede)
Abb. 4.) Collage „Anthony und Stanton“ (Wikimedia Commons)
Abb. 5.) Collage „Frauenwahlrecht in Wyoming“ (Wikimedia Commons, Mali Paede)
Abb. 6.) Collage „15ter Zusatzartikel“ (Wikimedia Commons, Mali Paede)
Abb. 7.) Collage „Verfahren gegen Anthony“ (Wikimedia Commons, Unsplash)
Abb. 8.) Collage „Anthony an der Wahlurne“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 9.) Collage „Anthony im Gefängnis“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 10.) Collage „Senator Sargent“ (Wikimedia Commons)
Abb. 11.) Collage „Carrie Chapman Catt“ (Wikimedia Commons)
Abb. 12.) Collage „Woman Suffrage Procession“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 13.) Collage „Frau mit Plakat“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 14.) Collage „Alice Paul und Lucy Burns“ (Wikimedia Commons)
Abb. 15.) Collage „United we stand“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 16.) Collage „United we (don‘t) stand“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 17.) Collage Silent-Sentinels-Proteste (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 18.) Collage „Party Frauenwahlrecht“ (Unsplash, Mali Paede)
Abb. 19.) Collage „Schwarze Bürgerrechtsbewegung“ (Unsplash, Maja Andresen)
Abb. 20.) Illustration „Voting Rights Act“ (Mali Paede)

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