Von Hamburg in die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück: Als kleines Mädchen wird Else Baker von den Nazis deportiert – und überlebt.
Als kleines Mädchen wurde Else Baker von den Nazis deportiert. Foto: Martin Tege

Als junges Mädchen wurde Else Baker von den Nazis aus Hamburg in die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück deportiert. Am Gedenkort Hannoverscher Bahnhof in der HafenCity erzählt sie ihre Geschichte.

Es ist eine sternenklare Nacht im Frühjahr 1944, als der Zug in Richtung Auschwitz fährt. Die Viehwagons rollen durch die Landschaft. An Bord sind Hunderte Menschen, dicht zusammengedrängt, nur ein bisschen Stroh liegt auf dem Boden. Toiletten gibt es keine. Zwischen den Männern und Frauen blickt ein junges Mädchen durch eine Lücke zwischen den Holzplanken nach draußen in den Himmel. Sie weiß nicht, warum sie in diesem Zug ist und wohin er sie bringen wird. Nur ein Gedanke geht ihr durch den Kopf: Die Sterne kann jeder sehen, egal wo er ist. Sie ist sich sicher, dass ihre Eltern in diesem Moment genau das Gleiche denken.

Elses Weg nach Auschwitz

Else Baker wird früh morgens im April 1944, im Alter von acht Jahren, zu Hause in Hamburg-Osdorf abgeholt. Zwei Männer bringen sie zur rund 13 Kilometer entfernten Station Hannoverscher Bahnhof im heutigen Lohsepark der HafenCity. Wo zuvor Obst, Gemüse und Tiere verladen wurden, deportieren die Nazis seit 1940 Juden, Sinti und Roma in die Arbeits- und Konzentrationslager im Osten Europas. Die Nazis stufen Else als „Zigeunermischling“ ein, weil ihre Großeltern mütterlicherseits Sintis waren. Kurz nach ihrer Geburt wird Else in ein Waisenhaus gebracht und von der Hamburger Familie Matulat aufgenommen. Ihr Adoptivvater ist Hafenarbeiter. Ihre leiblichen Eltern lernt sie nie kennen.

„Zu Hause wurde regelmäßig die weiße Bettwäsche gewechselt. In den Wagons war alles dreckig, es stank. Alles war schlecht“, sagt Else heute. Die 82-Jährige lebt in der Nähe von London. Zur Einweihung des Gedenkorts Hannoverscher Bahnhof in Hamburg spricht sie über ihr Leben. Sie erzählt, wie ihr im Alter von acht Jahren beinahe alles genommen wurde. Baker, geborene Schmidt, spricht in ihrer Muttersprache. Dann hört man, dass sie aus Hamburg stammt. Nur manchmal wollen ihr die deutschen Worte nicht einfallen und sie wechselt ins Englische. Sie sitzt in einem Stuhlkreis zusammen mit Hamburger Schülern. Else Baker sieht jünger aus als 82. Sie blickt wach und entschlossen ins Publikum, wenn sie von ihrer Vergangenheit erzählt.

Am Gedenkort Hannoverscher Bahnhof liegen heute noch die Gleise, auf denen die Züge Richtung Auschwitz fuhren.
Am Gedenkort Hannoverscher Bahnhof liegen heute noch die Gleise, auf denen die Züge Richtung Auschwitz fuhren. Foto: Martin Tege

Wanda, die fremde Helferin

Auf einmal werden die Türen der Viehwagons aufgeschoben. Licht dringt ein. Unter Rufen und Schlägen der Lager-SS klettern die Insassen aus den Wagen. Elses Eltern hatten ihr einen kleinen Koffer gepackt. „Da war eine Zahnbürste drin, Waschlappen und Unterwäsche. Sie hatten überhaupt keine Ahnung, wo ich hingebracht werde“, sagt Else. Beim tiefen Sprung aus dem Wagon fällt der Koffer zu Boden, klappt auf und der gesamte Inhalt verteilt sich auf dem staubigen Boden. Else will ihre Kleidung wieder zusammenpacken, doch die Uniformierten schreien sie an: „Lass liegen! Komm, komm!“ Else ist im Konzentrationslager Auschwitz angekommen, im größten deutschen Vernichtungslager. Ab sofort ist sie die Gefangene Nummer Z 10540. Die erste Selektion steht direkt bevor. Schon der kleinen Else fällt auf, dass vor allem die Alten und Schwachen aussortiert werden. Etwa 900.000 Deportierte werden in Auschwitz direkt nach der Ankunft getötet. Mehr als eine Million Menschen sterben in den Gaskammern, durch Krankheit, Unterernährung, Misshandlung oder medizinische Versuche.

„Man verbrennt doch keine Leute. Man verbrennt Holz und Kohle.“

Ein Bett, ein Tisch, ein Regal und ein Teppich. Der kleine Raum ist nur spärlich ausgestattet, wird für Else jedoch zum Zufluchtsort. Die Sinti-Frau Wanda nimmt die Achtjährige nach ihrer Ankunft in ihrem Anbau auf. Wanda ist ein Häftling mit besonderer Stellung und Privilegien. Wie es dazu gekommen ist, erzählt sie Else nicht. „Die großen Baracken hätten für mich den Tod bedeutet. Viele Menschen waren krank“, sagt sie.

Die Unterkünfte im Abschnitt B II e des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sind in besonders schlechtem Zustand: kalte und aufgeweichte Böden, undichte Dächer und harte Holzpritschen, die sich bis zu sechs Menschen teilen müssen. Die wenigen Latrinen sind überlastet und ziehen Ratten an. Zahlreiche Menschen entscheiden sich für den Freitod. Als junges  Mädchen muss Else Baker mitansehen, wie Männer und Frauen in den elektrischen Zaun springen und darin hängen bleiben. Die Nächte verbringt sie in Wandas kleinem Anbau. Die fremde Frau wird zu ihrer Bezugsperson. Nachts schläft das Kind auf dem harten Tisch, zugedeckt mit dem kleinen Teppich.

Befreit durch Hitlers rechte Hand

Ab Mai 1944 plant die SS die Auflösung des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau. Etwa 3000 Sinti und Roma werden in andere Konzentrationslager deportiert, 2900 Menschen bleiben zurück. Sie ermordet die SS in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern. Else Baker wird auf einem Transporter in das Frauen-KZ Ravensbrück nördlich von Berlin gebracht. Zum ersten Mal erfährt sie von den Gaskammern und Krematorien der Konzentrationslager. „Ich konnte das nicht verstehen. Ich kannte das Märchen Hänsel und Gretel. Aber man verbrennt doch keine Leute. Man verbrennt Holz und Kohle“, sagt sie.

In Hamburg versucht Emil Matulat, Elses Adoptivvater, verzweifelt seine Tochter aus dem Konzentrationslager zu befreien. Der Hafenarbeiter schreibt unzählige Briefe an immer höhere Führungsebenen der Nazis: an Himmler, Göring, Goebbels und Adolf Hitler. Matulat bringt sich dadurch in Gefahr. Die Polizei will, dass er seine Versuche einstellt. Dann geschieht das Unglaubliche: Im September 1944 erhält er ein Schreiben von Martin Bormann, Hitlers engem Vertrautem. Dem Häftling Else Schmidt werde aufgegeben, sich sofort bei der Kripo Hamburg zu melden. Elses Vater fährt daraufhin mit der Bahn nach Ravensbrück, um seine Tochter abzuholen. „Das Kind war so verschüchtert. Jahre hat es gedauert, bis wir sie so weit gebracht hatten, dass sie wieder ein Mensch wurde“, sagte Matulat später. Zurück in Hamburg, besucht Else Baker wieder ihre alte Schule. Seit der Deportation ist ein halbes Jahr vergangen. Von dem, was ihr widerfahren ist, darf sie nicht erzählen. Ihren Mitschülern sagt sie, dass sie eine Tante im Harz besucht habe.

Elses langes Schweigen

Jahrzehntelang behält Else Baker ihre Erlebnisse aus den Konzentrationslagern für sich – vor allem, weil niemand anderes darüber spricht. Erst Anfang der 90er-Jahre beginnt sie, ihre Geschichte mitzuteilen, beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Das Tattoo ihrer Häftlingsnummer hat sie sich Anfang der 60er-Jahre entfernen lassen. Eine schmale Narbe ist geblieben. Heute sei sie ein zynischer Mensch, sagt Else, ihre Lebensgeschichte sei ein „unglücklicher Nachlass“. Als sie von der Errichtung des Denkmals Hannoverscher Bahnhof hörte, hat sie nach der Bruchsicherheit der Gedenktafeln gefragt. Auch ist sie skeptisch, ob es wirklich etwas bringt, wenn sie als Zeitzeugin an die Verbrechen der Nazis erinnert. Else Baker meint: „Man kann nur hoffen, dass etwas Gutes dabei herauskommt.“

Die Namen von 8000 Deportierten stehen auf den Gedenktafeln im Lohsepark in der Hafencity.
Die Namen von 8000 Deportierten stehen auf den Gedenktafeln im Lohsepark in der HafenCity. Foto: Martin Tege
TEILEN
Vorheriger Artikel„Der Kiez verschlingt dich“
Nächster Artikel„Ich will die Gemüter beruhigen“
Christoph Petersen, Jahrgang 1989, liebt Bahnfahren und zahlt gerne seinen Rundfunkbeitrag. Spießig? Von wegen: Der Wiesbadener war sogar schon mal in der „Neon" als Single bei den „Ehrlichen Kontaktanzeigen“. Nach seinem Politik- und Soziologie-Studium in Mainz arbeitete Christoph als Hörfunkredakteur und -Moderator für hr1, bevor er sein Volontariat bei einer Produktionsfirma für Dokumentarfilme abschloss. Jetzt lebt er in der „Barmbronx" im Osten Hamburgs und bummelt lieber über den Flohmarkt beim Museum der Arbeit als über den in der Schanze. Dort sucht er vor allem nach alten Schallplatten, die Kindheitserinnerungen wecken.
Martin Tege, Jahrgang 1990, ist leidenschaftlicher Musiker. Während seines Studiums der Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg entdeckte er seine Begeisterung für den Journalismus. Nach diversen Praktika wurde der gebürtige Mecklenburger freier Journalist beim Magazin „Rolling Stone“, für das er neben News auch Konzert- und Plattenrezensionen schreibt. Wenn er nicht gerade als Gitarrist mit seiner Bigband auf Tour ist, interessiert er sich aber auch für Geschichten aus Wissenschaft, Politik und Technik – und für soziale Themen. Fußball dagegen ist ihm „mehr als egal“.