Die Tulpe als Zeichen von Anfang und Ende des Lebens
Illustration: Lukas Schepers

FINK.HAMBURG-Redakteurin Johanna Klug lässt sich in Volksdorf zur Sterbebegleiterin ausbilden. Bei ihrem ersten Besuch im Hospiz-Zentrum ist sie anfangs so angespannt wie alle übrigen Kursteilnehmer – und fühlt sich am Ende ganz leicht.

Es dämmert bereits, als ich die Einfahrt zum Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard in Volksdorf entlanggehe. Eine schmale Treppe führt das Backsteinhaus hinauf. Gemurmel dringt durch die leicht geöffnete Türe. Ich versuche geräuschlos hindurchzugleiten.

Der Raum gleicht einem kleinen, liebevoll eingerichteten Wohnzimmer. Die quietschenden Holzdielen verraten jeden Schritt. Im angrenzenden Wintergarten sind schon die ersten Kursteilnehmer angekommen. Kaffee, Tee und Schokoladenkekse stehen auf einem kleinen Tisch. Manche haben sich in kleinen Gruppen zusammengefunden, unterhalten sich leise und bleiben trotzdem gegenseitig auf Distanz. Die Bewegungen wirken unsicher, abgehackt. Andere stehen allein mit einer Tasse Tee und blicken nachdenklich ins Leere.

Nach und nach finden wir uns in einem Stuhlkreis zusammen. Die meisten Plätze sind schon belegt. Ich setzte mich rasch auf einen der letzten Stühle und verharre in angespannter Position. In der Mitte steht ein Strauß Tulpen mit fest geschlossenen Blüten und ein paar grünen Knospen.

Manchmal geht es darum, die Menschen zu verstehen, ohne mit ihnen zu sprechen.

In dem Grundkurs „Sterbende begleiten lernen“ werden Menschen an insgesamt elf Terminen zu Hospizbegleitern ausgebildet. Drei Monate lang treffen sich die Kursteilnehmer an Wochenenden. Ihr Ziel ist es, schwerkranke und sterbende Menschen auf ihrem letzen Lebensweg zu begleiten. Die Themen des Kurses reichen von der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Leben und Sterben, der Krankheit und dem Tod bis zu den psychischen, physischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse von Sterbenden und deren Begleitern. Auch die Kommunikation nimmt eine wichtige Rolle ein. Manchmal geht es darum, die Menschen zu verstehen, ohne mit ihnen zu sprechen.

Auf den Grundkurs folgt ein Praktikum, das in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, in einem Hospiz oder auf einer Palliativstation absolviert werden kann. Wer will, kann dann noch einen freiwilligen Vertiefungskurs belegen, der noch einmal drei Monate dauert. Behandelt werden Themen wie Schmerztherapie, Trauerarbeit, Würde oder Demenz bei Sterbenden.

In Volksdorf bin ich die Jüngste von insgesamt 17 Teilnehmern. „Hier ist jeder herzlich willkommen, der interessiert ist“, sagt Corinna Woisin, die das Hospiz-Zentrum leitet. Wir werden herzlich begrüßt und sollen uns erst einmal vorstellen, indem wir charakterisierende Begriffe zu unserem Namen finden. Ich kritzle ein paar Worte auf ein Blatt Papier. Jeder stellt sich anhand der Begriffe vor, die er sich notiert hat. Ein Wort ist bei jedem vertreten: Familie.

Im Laufe des Abends sitzen wir zu zweit zusammen, reden über unsere ersten Erfahrungen mit dem Tod und stellen fest, dass wir schon öfter mit dem Ende des Lebens konfrontiert wurden, als uns bewusst war. Uns alle hier verbindet etwas. Für manche war der Tod schon deutlich greifbar, andere sind noch gar nicht mit Sterbenden in Kontakt gekommen. Wir alle haben das gleiche Ziel: Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

„Ich fühle mich leicht, obwohl die Thematik so schwer ist.“

Der nächste Tag des Wochenendkurses ist dem Thema Wahrnehmung gewidmet. Jeder soll etwas mitbringen, das ihm wichtig ist. Mein Gegenstand ist ein kleiner, selbstgebastelter Schutzengel in einer Streichholzschachtel. Ein Geschenk von einem Patienten der Palliativstation in Würzburg, wo ich gearbeitet habe.  „Meine Frau bastelt so gerne mit unseren Kindern“, sagte er, als er mir mit einem Lächeln die Schachtel in die Hand drückte. Es war der Tag, an dem ich Abschied nehmen musste. Ein Jahr lang war ich mehrmals in der Woche auf der Palliativstation gewesen, um sterbende Menschen zu begleiten. Seitdem ist der Engel mein kleiner Aufpasser und Glücksbringer.

Der Kurs endet mit einer Abschlussrunde. Wir haben an den zwei Tagen über Dinge gesprochen, über die wir zuvor noch nie geredet hatten. Ich fühle mich leicht, obwohl die Thematik so schwer ist. Der nächste Termin ist erst in drei Wochen. Mir wird bis dahin etwas fehlen. Die Sonne scheint durch das Fenster, direkt in die Mitte des Raums. Dort steht immer noch der Strauß Tulpen. Jede einzelne Blüte ist jetzt geöffnet.

Weshalb sich Johanna Klug zur Sterbebegleiterin ausbilden lässt und was sie dabei erlebt, berichtet die Autorin demnächst hier bei FINK.HAMBURG.