Diese Ampel ist blindengerecht. Foto: Kira Teichert

Die Fortbewegung im Rollstuhl ist in einer Großstadt nicht einfach. Ein Selbstversuch zeigt, wie der Alltag zum Abenteuer werden kann – und welche Umwege und Ärgernisse lauern, wenn man sich in Hamburg barrierefrei bewegen muss.

Ein Gastbeitrag von Kira Teichert

Der abgesenkte Bordstein des Zebrastreifens ist zugeparkt von Autos. Ich bin umgeben von hohen Kantsteinen. Wenn ich einen kleinen Umweg nehme, kann ich der Hürde ausweichen. Ein neuer Versuch. Ich überlege genau: Welche Richtung ist die Beste, welche Entscheidung am sinnvollsten. Die Haustür ist nur noch einen Katzensprung entfernt und doch: Die letzte Straße bleibt unüberwindbar. Ein 15 Zentimeter hoher Kantstein trennt mich von meinem Ziel. Der Abgrund stellt ein Risiko dar, das ich nicht eingehen könnte.

Es ist Tag eins meines Selbstversuchs. Eine Woche lang möchte ich barrierefrei meinen Alltag in Hamburg meistern. Ich bewege mich in der Stadt wie jemand, der im Rollstuhl sitzt oder blind ist. Die Erfahrungen halte ich in Tonaufnahmen fest.

Über die Barrierefreiheit auf Hamburgs Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln informiert die Hansestadt auf ihrer Homepage: „Die Hamburger Schnellbahnhaltestellen werden schrittweise mit Aufzügen oder Rampen und Blindenstreifen ausgestattet. […] Im Hamburger Stadtgebiet ist rund die Hälfte der 147 Schnellbahnhaltestellen weitgehend barrierefrei gestaltet […].“

„Das Fahrpersonal der Verkehrsunternehmen im HVV wird bereits seit vielen Jahren […] in Fragestellungen der Barrierefreiheit geschult. Teilweise geschieht dies unter direkter Einbindung von behinderten Menschen. Die Schulungen werden zukünftig noch intensiviert.“ – Pressestelle HVV

Während meines Selbstversuches bekommt die Bezeichnung „weitgehend“ eine ganz andere Bedeutung. Sie steht für stinkende, enge Fahrstühle in verwinkelten Ecken, für Lagepläne, die einer Schatzkarte ähneln und für umständliches Umherfahren, bis einem das Rollstuhlzeichen an der S-Bahn-Station wie ein Heiligenschein vorkommt.

Ich muss auf die gegenüberliegende Straßenseite, um die Bushaltestelle Finkenau zu erreichen und bis nach Ottensen zu fahren. Wo ist die nächste Ampel? Ein langer Uni-Tag liegt hinter mir, ich will nach Hause.

Ein Kantstein wird zum Hindernis. Foto: Kira Teichert

Statt mit der S- und U-Bahn zu fahren, muss ich den Schnellbus nehmen, um mich barrierefrei bewegen zu können. Fünf Minuten später erreiche ich eine Ampel und überquere die Hauptstraße, die Bushaltestelle ist in Sicht. Dann kommt eine Seitenstraße. Was jetzt? Die Ampel ist nicht blindengerecht, die akustische Signalanlage fehlt. Der Schnellbus fährt vorbei. Ohne mich. Es beginnt zu regnen und ich habe meinen Schirm vergessen.

Ich laufe eine Haltestelle weiter zum Bahnhof Mundsburg. Dort bewege ich mich durch ein Chaos von Abfahrthaltestellen und Kreuzungen. Der nächste Schnellbus fährt vorbei. Wieder ohne mich. Ich warte, der nächste Bus hat Verspätung. Endlich, es geht los – die Fahrzeit wirkt endlos.

„Richtig klasse, eine Gratis-Hamburg-Tour im Schritttempo. Hab‘ ja auch nichts Besseres vor.“

Tag zwei, Tonaufnahme 13

Nach eineinhalb Stunden in einem überhitzen Bus mit nassen Klamotten am Leib bin ich an einer Ersatzhaltestelle angekommen – wieder eine Ampel ohne Signalanlage. Wieder laufe ich los, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle, die Straße zu überqueren. Endlich, Blindenampel, es wird grün.

„Joa, keine Ahnung … Ich hör den Ton zwar nicht, aber das ist mir jetzt auch ehrlich gesagt ziemlich egal. Mir ist arschkalt.“

Tag zwei, Tonaufnahme 16

Gute zwei Stunden später bin ich zu Hause. Die Angabe des Hamburger Verkehrsbundes (HVV) betrug für diese Strecke eine Stunde. Nicht nach Plan lief es acht Mal in den sieben Tagen Selbstversuch.

„Kira, unsere zehnjährige Freundschaft leidet.“ Eine Freundin schickt mir eine Tonaufnahme. Ihre Stimme klingt genervt. Barrierefrei seinen Alltag zu meistern, erfordert viel Zeit und ein ruhiges Gemüt. Beispielsweise ist das Betreten oder Verlassen des zentralen Altona-Busbahnhofes so einfach, ist wie das Weglaufen im Spiegelkabinett. Keine Ampel, kein Zebrastreifen und keine Regelung zur Überquerung der Rundstraße, an der unzählige Busse halten und losfahren, ist in Sicht.

Eine Kreuzungen in Hamburg ohne Blindenampel. Foto: Kira Teichert

Dass es theoretisch möglich ist, sich in Hamburg barrierefrei zu bewegen, macht die Hansestadt auf ihrer Homepage deutlich. Dass es praktisch enorme Erfahrung braucht oder teilweise gar nicht funktioniert, berichtet die Rollstuhlfahrerin Jenny. Sie ist Jurastudentin. In einem Coffeeshop an der Universität sitzt sie mit einer Studienkollegin und ihrem Assistenten. „U- und S-Bahn fahren, traue ich mich nicht mehr, nachdem ich in der Tür eingeklemmt wurde, weil der Zugfahrer nicht aufmerksam genug war, um auf mich zu warten.“

Laut Angaben der Pressestelle des HVV verfolgt die Hansestadt das Ziel, dass Mitte 2020 alle Schnellbahnhaltestellen barrierefrei erreichbar sein sollen. In den  Ausbau des hamburgischen Nahverkehrs investieren die hiesigen Verkehrsunternehmen. Er verläuft stufenweise. Zur Beschleunigung des ersten Ausbaus investierte der Senat 2011 etwa 30 Millionen Euro. Seit 2016 läuft die zweite Stufe des Projekts.

Jenny erzählt von den Erhöhungen zu den Türen, die vorhanden sind, aber nicht funktionieren, weil die Bahnen versetzt dazu halten. Auch das Busfahren gestaltet sich schwierig: „Busfahrer müssten angehalten werden, das Ausklappen der Rampe wirklich ernst zu nehmen, oft fährt der Bus einfach weiter, wenn er mich sieht“, so Jenny. „Einfach asozial“, sagt ihre Studienkollegin. „Ja, aber ich wollte es schöner formulieren“, antwortet Jenny lächelnd.

Dritter Tag, neues Wagnis: Ich will Besorgungen in der Innenstadt machen. Bei dem Versuch, den Fahrstuhl am Hauptbahnhof zu nutzen, fühle ich mich wie Alice im Wunderland, die sich vergeblich bemüht, als Mensch durch eine Puppentür zu gelangen. Ein winziger Fahrstuhl trifft auf eine Masse von Menschen. Sie drängeln, stoßen mich an – ein nasser Arm landet an meiner Wange.

„Gut, dass ich keine Platzangst habe.“

Tag drei, Tonaufnahme fünf

Die Innenstadt ist ein Chaos, das dem Nonsens von Alices Wunderland immer ähnlicher zu werden scheint. Ich treffe gereizte Anzugträger, drängelnde Shoppingqueens und muss Einkaufskassen im Untergeschoss ohne Fahrstuhl erreichen.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein, ich will doch nur bezahlen. Dann bestell ich mir den Kram halt im Internet.“

Tag drei, Tonaufnahme sieben

Verschwitzt, frustriert und orientierungslos versuche ich den Lageplan am Eingang des Fahrstuhls Hauptbahnhof Süd zu lesen. Er ist unübersichtlich, von einer Flüssigkeit verschmiert, von der Sonne ausgeblichen und viel zu klein.

„Wenn ich jetzt noch einen Plan bekomme, um diesen blöden Plan zu lesen, dann läuft’s.“

Tag drei, Tonaufnahme elf

Bei meinem Versuch lerne ich, dass Strecken und Abläufe mit der Zeit einfacher werden. „Man muss ein Experte sein“, bestätigt auch Rollstuhlfahrerin Jenny. Auf die Angaben des HVV könne man sich nicht verlassen. Selbst wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, ist es für Rollstuhlfahrer oft nicht möglich, sich unabhängig zu bewegen. Durch die Breite und Höhe von Jennys Rollstuhl kann sie nur einen begrenzen Raum mit ihren Armen erreichen.

Hier kommt man mit dem Rollstuhl weder hoch noch runter. Foto: Kira Teichert

Doch die Fahrstuhlknöpfe sind oft in unerreichbarer Entfernung platziert. „Man hat das Gefühl, die Sachen wurden gar nicht von Behinderten getestet. Das wurde von Leuten konzipiert, die nicht weiter drüber nachgedacht haben“, sagt Jennys Assistent. Eine bedauerliche Einschätzung, wenn man bedenkt, dass die Standards und Maßnahmen zur Herstellung der Barrierefreiheit in diversen Arbeitskreisen und Gremien mit den Vertretern der Zielgruppen abgestimmt wurden, so die Pressestelle des HVV.

Türabsätze beim Bäcker, zu schmal gebaute Einkaufskassen, Kneipen, die in Kellern angesiedelt sind oder Passanten, die keine Rücksicht nehmen: Alltägliche Hindernisse kann Jenny nur mit Hilfe von Freunden oder ihrem Assistenten meistern. „Ich habe es abgelegt mich aufzuregen, sonst wäre ich von morgens bis abends dabei“, sagt sie.

Letzter Tag meines Selbstversuchs. Ich sitze mal wieder bei minus drei Grad und Regen am Bahnhof Mundsburg und warte frierend auf den Schnellbus. Nach den Tagen hätte ich es besser wissen müssen. Wenn man barrierefrei unterwegs ist, muss man sich warm anziehen. So seinen Alltag zu leben, erfordert eine genaue Planung und das stetige Überwinden von Hürden. Mein Selbstversuch zeigt mir: Die wahre Kunst der effizienten Fortbewegung ist barrierefreies Leben.

Noch bis zum 4.12 findet in Hamburg die Woche der Inklusion statt.