Halwani lässt einen der Verschwundenen aus Beirut durch Zeichnungen wieder auferstehen. Foto: mec film
Halwani lässt einen der Verschwundenen aus Beirut durch Zeichnungen wieder auferstehen. Foto: mec film

Seit dem Ende des libanesischen Bürgerkrieges 1990 bleiben 15.000 Menschen verschwunden. Regisseur Ghassan Halwani geht in seinem Film „Erased,___Ascent of the Invisible“ ihren Spuren nach und stößt dabei auf Hindernisse.

Ein Bild in schwarz-weiß: Müll und Geröll liegen auf der Straße. Links und rechts: Mauern aus Beton. In der Luft scheint ein Helm über der Straße zu schweben. Der Mensch, der ihn trägt, ist mit grauer Farbe übermalt. Neben ihm sind zwei weitere übermalte Menschen zu erkennen. Man hört einen Mann, der sich als Ex-Soldat vorstellt: „Natürlich kenne ich das Originalbild. Zwei Soldaten schleifen einen jungen Mann mit einer Papiertüte über dem Kopf über die Straße. Aber ich möchte nicht, dass das Bild öffentlich gezeigt wird.“

Regisseur Ghassan Halwani sucht in “Erased,___Ascent of the Invisible” nach den im libanesischen Bürgerkrieg Verschwundenen. Obwohl der 1975 begonnene Bürgerkrieg 1990 endete, gelten Tausende Menschen weiterhin als vermisst. Die libanesische Regierung erkennt sie nicht als tot an. Halwanis Erklärung: Viele der Mörder von damals stützen heute die Regierung oder seien selbst in Staatsfunktionen tätig. Deshalb will der Ex-Soldat in der Anfangszene auch nicht, dass die mutmaßlichen Mörder auf dem Foto gezeigt werden. Er fürchtet Schwierigkeiten.

15.000 Unsichtbare

In der nächsten Szene schneidet Halwani mit einem Cuttermesser Schichten von Wandplakaten von einer Steinmauer in Beirut. Langsam trägt er Zentimeter für Zentimeter des ehemals festgeleimten Papiers ab. Unter jedem Plakat erscheint ein Neues. Als er plötzlich das Gesicht eines libanesischen Mannes freilegt, hält er inne und bemüht sich vorsichtig diese Papierschicht nicht zu beschädigen. Stattdessen schneidet er rundherum alles weg, was den Blick auf den libanesischen Mann versperrt. Weitere Gesichter von ähnlich aussehenden Männern tauchen daneben auf.

17.000 Libanesen sollen im Krieg spurlos verschwunden sein. Die libanesische Regierung hat bis heute nur die 2.000 von ihnen als tot anerkannt, die vom israelischen Militär oder von der PLO getötet wurden. Da das ausländische Aggressoren waren, war es laut Halwani für die libanesischen Regierungen leichter, die Getöteten als Kriegsopfer anzuerkennen. Die restlichen 15.000 sollen von libanesischen Miliz- und Militärangehörigen umgebracht worden sein. All jene, die nicht als tot anerkannt werden und somit auch nicht betrauert werden können, nennt Halwani die Unsichtbaren. Einen von ihnen hat Hawani als Zeichnung wieder auferstehen lassen, stellvertretend für all die anderen.

Massengräber in ganz Beirut

Zu dieser Gruppe gehören auch die Männer auf den freigelegten Bildern.  Nichtregierungsorganisationen haben ihre Fotos zusammengetragen und auf Plakaten veröffentlicht – teilweise vor über 20 Jahren. Es sind aber bei weitem nicht alle. In ganz Beirut und in anderen Teilen des Landes soll es laut Halwani Massengräber geben. In ihnen lägen die Knochen der Vermissten. Aber die libanesischen Regierungen der letzten 30 Jahre würden die Knochen nicht bergen und untersuchen wollen.

2006 wäre das Archiv der zusammengetragenen Geschichten der Verschwundenen in Beirut beinahe israelischem Bombardement im Kampf gegen dort vermutete Milizen der Hisbollah zum Opfer gefallen – Halwani hat es damals in Sicherheit gebracht.

“Erased,___Ascent of the Invisible” ist mit seinen minutenlangen schweigsamen Szenen ein schwer erträglicher Film. Unter anderem werden die Orte der vermuteten Massengräber gezeigt. Dabei wirkt die Stille wie ein leerer Raum, in den hinein die vergessenen Toten ihr Schicksal den Lebenden entgegenschreien – stimmlos und ungehört.

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Eric Recke, Jahrgang 1987, nimmt jeden Morgen drei Gramm Vitamin C und ist überzeugt, dass er deshalb 120 Jahre alt werden wird. Als Sohn zweier DDR-Schwimmstars sah es zunächst so aus, als stehe auch ihm eine Karriere als Leistungssportler bevor, später wollte er sogar einmal Polizist werden. Am Ende studierte Eric dann aber Sozialpädagogik, bis heute schiebt er Schichtdienste in einer Betreuungseinrichtung für Jugendliche. Es gibt an der HAW Hamburg kaum ein studentisches Gremium, dem er noch nicht angehört hat. Die Studierendenzeitung „IMPULS“ hat er mitgegründet und ein Buch über die Geschichte der Olympischen Spiele geschrieben. Trotz seines anstrengenden Lebenswandels verzichtet Eric morgens auf Kaffee: das dauert ihm einfach zu lange. Kürzel: er