Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen erzählen auf Twitter Tausende Menschen über ihr Leben in Armut. So auch Susanne Hansen. Auf Hamburgs Straßen macht sie sich stark für Armutsbetroffene.

Vollgepackt läuft Susanne Hansen den Großen Grasbrook entlang zu den Marco-Polo-Terrassen. Die Sonne knallt mitten auf den Platz. Es sind fast 30 Grad. Tourist*innen schlendern über die großen Stufen auf der Suche nach einer schattigen Bank oder der richtigen Bushaltestelle. Die 54-Jährige war zuerst am falschen Treffpunkt. Endlich angekommen, steuert sie sofort auf eine der wenigen schattigen Stellen zu. Sie trägt unter dem Arm Styroporplatten, beklebt mit Plakaten. Auf einem ist ein Tweet von @BasilonOlaf:

Ebenso wie Basilon Olaf ist auch Susanne Hansen armutsbetroffen. Ein Thema, über das ihrer Meinung nach nicht gern gesprochen wird. „Die Politik versucht das gerne unter den Tisch zu kehren. Die Kirchen auch. Es schaut keiner hin. Damit will sich auch keiner wirklich auseinandersetzen. Die Medien tun es jetzt, weil wir nach draußen gehen“, erzählt die 54-Jährige. Mit „wir“ meint Hansen die Bewegung hinter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen.

Die Initiative „Eine Sorge Weniger“ begann ursprünglich als ein privates Projekt. Im Oktober 2020 gründete sich daraus die „OneWorryLess Foundation“ mit Sitz in den Niederlanden. Die Stiftung versucht, Betroffene zu unterstützen. Sie teilen Wishlists, sammeln Spenden und bringen Betroffene zusammen.

Heute treffen sie sich zum dritten Mal für einen Fotoflashmob. Beim ersten Mal kamen nur sechs Leute, heute sind es schon zwölf. Sie halten ausgedruckte Tweets und Plakate mit Armutsstatistiken hoch. „13,4 Millionen Menschen in Deutschland.“ Die Organisation „Eine Sorge Weniger“ (siehe Kasten) bezahlt den Druck der Plakate. Ohne sie sei das hier gar nicht möglich, sagt Hansen.

Plakate des Fotoflashmobs von #IchBinArmutsbetroffen mit Tweets
Plakate mit #IchBinArmutsbetroffen Tweets für den Fotoflashmob. Foto: Chiara Bagnoli

Der Weg in die Armut

Hansen kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Sie hat Politik, Soziologie und Psychologie studiert. Für ihr Volontariat zog sie dann 2000 nach Hamburg und konnte hier zunächst arbeiten. Sie bekam zwei Kinder und arbeitete freiberuflich für verschiedene Print-Magazine in Schleswig-Holstein.

„Und dann haben wir eine private Krise erlebt“, sagt sie. Hansen schaut auf den Boden, sie hält kurz inne. Dann erzählt sie, dass sie und ihre Kinder häusliche Gewalt durch den Vater erlebt hätten. Mithilfe von Beratungsstellen, Jugendamt und dem Gericht hätten sie den Vater aus ihrem Haus verweisen können. Die Familie lebe noch heute dort.

Hier bekommt ihr Hilfe
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 (rund um die Uhr erreichbar)
Weißer Ring Hamburg: 040 2517680
Frauenhäuser Hamburg: 040 8000 41000
Kinder- und Jugendnotdienst: 040 428 15 32 

Danach versuchte Hansen weiter als freie Journalistin zu arbeiten, doch ihre Kinder und sie, so berichtet sie, brachen unter den traumatischen Erlebnissen zusammen. „Ich habe zwei Kinder mit einer posttraumatischen Belastungsstörung“, sagt sie „Meine Tochter war drei Jahre lang schwer essgestört. Mein Sohn hat schwere Depressionen und ist momentan nicht beschulbar. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun, meine Kinder aufzufangen“, so Hansen.

Die 54-Jährige beantragte Hartz IV, das sie heute noch bekommt. Der Weg zurück ins Arbeitsleben gestaltet sich schwierig. Alte Kontakte brachen weg, Redaktionen wurden neu besetzt und ohne Netzwerk fehlten die richtigen Ansprechpartner*innen. Für die Familie begann eine Odyssee durch die Bürokratie des deutschen Hilfesystems, berichtet Hansen. Über Twitter lernte sie eine Anwältin aus Bonn kennen. Diese beschreibt das System als einen Schweizer Käse mit unendlich vielen Löchern, die man durch das eigene Wissen stopfen muss. „Man wird hier nur verwaltet“, so Hansen. „Es hilft keiner. Man ist allein – komplett.“

#IchBinArmutsbetroffen: Von Twitter auf die Straße

Am 12. Mai 2022 veröffentlichte die Twitter-Userin @Finkulasa den ersten Tweet mit #IchBinArmutsbetroffen und stieß damit eine ganze Bewegung an:

Mittlerweile teilen täglich Menschen unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen ihre Geschichten, tauschen sich untereinander aus, geben Tipps zu Anlaufstellen oder fragen direkt nach Hilfe.

„Ganz ehrlich: Twitter war meine Rettung“, erzählt Susanne Hansen. „Ich habe mich die letzten Jahre immer mehr zurückgezogen, weil man sich schämt. Und auf einmal waren da Leute, denen ging das genauso. Da war es gar nicht schlimm zu sagen, das kann ich mir nicht leisten. Sie sagten dann: ‚Ja kann ich verstehen‘.“

Zunächst kommunizierten Betroffene nur über Twitter. Irgendwann trafen sie sich dann auch außerhalb der Plattform und organisierten den ersten Fotoflashmob. „Ich baue mir gerade ein Netz auf, das ich verloren habe und das ist unheimlich viel Wert. Diese Menschlichkeit, das Mitfühlen, dieses Verstehen. Kaum einer weiß, was es heißt, arm zu sein. Das muss ich hier niemandem erklären. Das ist einfach schön“, erzählt Hansen, als die ersten Leute für den Flashmob eintreffen.

Der gesamte Fotoflashmob mit ihren Plakaten
Der gesamte Flashmob auf den Marco-Polo-Terrassen. Foto: Chiara Bagnoli

Mit Fotoflashmobs auf Armutsbetroffene aufmerksam machen

„Ach, du bist heute auch dabei!“, „Wie läuft es bei dir?“. Es werden Witze übereinander gemacht und zusammen gelacht. Es wirkt wie ein Treffen von guten Freunden, aber sie treffen sich heute nicht auf den Marco-Polo-Terrassen, um sich nett zu unterhalten. Sie wollen ein Zeichen setzen, nicht länger still sein und zeigen, dass Armut ein Thema mitten in unserer Gesellschaft ist – und sich nicht nur an den Rändern abspielt.

Susanne Hansen hält einen Tweet von  @_osteseegoere_ auf einem Plakat hoch:

Hansen erzählt, dass sie die Twitter-Userin schon länger verfolgt. Sie sei ein Fan von ihr. „Viele wissen das nicht. Gerade im Pflegebereich, beim Bäcker oder Putzfrauen. Viele leben da am Rande des Existenzminimums. Die stehen da lächelnd vor uns und wir sehen es nicht. Das finde ich schon schlimm, dass wir so mit Leuten umgehen, die so wichtige Arbeit für unsere Gesellschaft machen.“

Laut Bundesagentur für Arbeit sind in Hamburg über 70.000 Arbeitslose gemeldet (Juni 2022). Rund 49.000 Personen beziehen in Hamburg Hartz IV (Stand: Juni 2022). Die Hamburger Tafel hat im Juni 2022 einen Aufnahmestopp verhängt. Derzeit hat die Einrichtung eigenen Angaben zufolge nicht die Kapazitäten, neue Bedürftige zu versorgen.

Susanne Hansen mit dem Tweet von Osteseegöre
Susanne Hansen mit ihrem Plakat mit dem Tweet von Ostseegöre. Foto: Chiara Bagnoli

Während die Fotografen den Flashmob ablichten und ein Fernsehteam alles begleitet, sprechen die Aktvist*innen immer wieder Passant*innen an und fordern sie auf, sich mit einem Plakat dazuzustellen. Genug Plakate haben sie dabei. Helge Schmidt von der Volt-Partei aus Niedersachsen schnappt sich eines der Plakate und stellt sich dazu. Auch Berkay Gür und Nikhil Gauri von der Grünen Jugend unterstützen die Aktion. Willkommen sind alle, unabhängig von politischer Gesinnung – nur am rechten Rand wollen die Aktivist*innen nicht so gerne nach Unterstützer*innen fischen.

Armut – und ein paar Meter weiter: Rinderfilet mit Trüffel für 45 Euro

In Hamburg ist der Kontrast zwischen arm und reich extrem. „In Hamburg kann man sich bei dem Mindestlohn keine richtige Wohnung leisten, kann man nicht menschenwürdig leben“, sagt Susanne Hansen. Während die zweifache Mutter über Armut spricht, brettern auf der Straße regelmäßig Luxusautos vorbei und ein paar Meter weiter wird Rinderfilet mit Trüffel für 45 Euro pro Portion serviert. Diesen Kontrast an den Marco-Polo-Terrassen wählen die Aktivist*innen bewusst, um besser auf das Thema aufmerksam zu machen.

Laut den Finanzämtern leben rund 994 Einkommensmillionär*innen in Hamburg (Stand: 01. Januar 2019). Im Vergleich: 2019 verdienten 1,4 Prozent der Haushalte in Hamburg weniger als 500 Euro netto im Monat. 2021 waren es bereits zwei Prozent (Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein).

„Es gibt keine Chancengleichheit. Auch keine Teilhabe – vor allem nicht für Kinder“, sagt Hansen. Sie lacht kurz, so banal scheint ihr die Frage nach Chancengleichheit. Die Armutsgefährdungsquote lag 2020 in Hamburg bei 18,9 Prozent (gemessen am Landesmedian, Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein). Die Quote gibt an, wie hoch der Anteil der armutsgefährdeten Personen an der Bevölkerung ist. Mit dem Wert wird die relative Einkommensarmut gemessen.

Oft hörst du: Jeder ist seines Glückes Schmied und jeder kann es schaffen. Wenn du arm bist, bist du selbst schuld. Aber ich habe mir das nicht ausgesucht.

Viele Aktivist*innen sind auch aufgrund von Krankheiten arbeitsunfähig. Das Bewusstsein, dass auch psychische Krankheiten wie Depressionen ein Risiko darstellen, fehlt laut den Betroffenen an vielen Stellen. „Du kannst immer aus diesem Raster rausfallen“, sagt Hansen. Damit meint sie, dass Armut jeden unerwartet treffen kann.

„Armut ist unsexy“

Laut einer Umfrage von Hartzfacts (2020) nehmen 65 Prozent der Befragten an, dass alle, die möchten, einen Job finden. 31 Prozent gehen sogar davon aus, dass Hartz-IV-Beziehende gar nicht arbeiten wollen. Bei der Umfrage wurden insgesamt 1000 Menschen befragt. Hartzfacts ist eine Informationskampagne von Sanktionsfrei e. V. und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, um Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfänger*innen aufzuräumen.

Dass es diese gibt, weiß auch Susanne Hansen. „Armut ist unsexy, Armut ist RTL II, hängt auf dem Sofa, raucht und säuft Dosenbier. Das ist das Bild von Armut, das in der Gesellschaft weit verbreitet ist“, sagt sie. „Aber das sind wirklich die wenigsten Leute. Mein Eindruck ist, dass man Armut in der Gesellschaft nicht haben will und es ist nicht schön, sich damit auseinanderzusetzen.“

Diese Erfahrung machen viele der Betroffenen, die wie Hansen auf den Marco-Polo-Terrassen auf Armut aufmerksam machen wollen. Im Netz erhalten sie neben Unterstützung und Hilfe auch viel Hass. Das Verständnis, was es heißt, arm zu sein, scheint an vielen Stellen zu fehlen.

Auf die Frage, welche Gefühle Hansen mit Armut verbindet, antwortet sie: „Entbehrung. Permanente Angst und Stress, dass etwas kaputtgeht oder jemand Geld von einem will.“

Der Ausweg ist schwer

„Ich komme da raus!“, davon ist Susanne Hansen überzeugt. Sie hat eine Stelle in Hamburg gefunden, bei der sie langsam immer mehr arbeiten kann. Für ihre Kinder hat sie fürs Erste Unterstützung gefunden. Wenn sie mehr Geld zur Verfügung hätte, um ihr Auto vollzutanken, könnte sie auch wieder als freie Journalistin arbeiten, sagt sie.

Ihr Ziel ist es auch, aus Hamburg wegzugehen. Ein Neustart, ist sie überzeugt, wäre für sie und ihre zwei Kinder das Beste. Wenn man Susanne Hansen fragt, was sie braucht, um das zu schaffen, antwortet sie: „Ich brauche einfach Zutrauen, Vertrauen, Zeit und einfach ein bisschen Geld, dass man wieder auf die Beine kommt.“

Nachdem alle Fotos und Interviews vom Flashmob gemacht wurden, setzen sich die Aktivist*innen wieder in den Schatten. Jemand hat selbst gebackenen Zitronenkuchen dabei. Am 09. Juli 2022 um 15 Uhr findet die nächste Aktion am Heidi-Kabel-Paltz statt. Im August wollen sie nach Berlin fahren für einen Flashmob. Das zu organisieren und finanzieren, sei aber sehr schwierig.

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Chiara Bagnoli, Jahrgang 1999, regt sich gern über Dinge auf, etwa über deutsche Restaurantgäste, die Pizza mit Salami und Schinken bestellen. Sie ernährt sich meistens vegan, außer wenn Oma Franca Spaghetti mit Tintenfisch macht. Nach dem Abitur in Hof ging sie für acht Monate als Backpackerin nach Neuseeland und arbeitete dort drei Monate lang auf einer Erdbeerfarm. Anschließend studierte sie in Passau Journalismus und strategische Kommunikation. Für die „Passauer Neue Presse“ schrieb sie über Themen von Piercing-Studios bis hin zu Klimaprotesten. Seit einem Praktikum bei einem Lokalsender weiß sie außerdem, wie man die Geschwindigkeit eines Teleprompters an das Sprechtempo der Moderation anpasst. Kürzel: chb