Die Hamburger CDU klagt über die autofeindliche Politik des Senats, weil einige Parkplätze in Altona Fahrradwegen weichen sollen. Das verwundert – fühlt sich doch jede Fahrt mit dem Fahrrad wie ein Überlebenskampf an.

Titelbild: ADFC

2020 belegte Hamburg Platz sieben von 14 im Ranking des Fahrradklima-Tests des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in der Ortsgrößenklasse über 500.000 Einwohner*innen. Da ist Luft nach oben. Zum Glück ist 2020 Schnee von gestern, 2023 wird alles anders: In der Julius-Leber-Straße sollen nun 73 Parkplätze zu Gunsten eines Fahrradweges weichen, wie das Hamburger Abendblatt kürzlich berichtete.

Doch nicht alle scheinen mit der Veränderung einverstanden. Im Artikel des Abendblatt heißt es: „Es ist ja nicht die erste Straße, in der massiv Parkplätze vernichtet werden. Das ist politisch von SPD und Grünen so gewollt und seit vielen Jahren gängige Politik in Hamburg.“ Diese „anwohner- und autofahrerfeindliche Politik des rot-grünen Senats“ gehe an der Lebensrealität der Menschen vorbei, so der Politiker.“

Diese Aussage macht mich stutzig. In welchem Hamburg lebe ich, dass ich noch nichts von der „autofahrerfeindlichen Politik“ mitbekommen habe? Für mich fühlt sich jede Fahrt mit dem Rad aufs Neue wie ein Überlebenskampf an. Das liegt nicht zuletzt an den Autofahrer*innen.

Das Auto: Endgegner für Fahrradfahrer in Hamburg

Das Auto: Schneller, schwerer und stärker bewegt es sich mit viel zu viel Selbstbewusstsein und Stundenkilometern auf dem Tacho durch die Stadt. Diese scheint mit ihren mehrspurigen Straßen und großen Kreuzungen nur darauf ausgelegt zu sein, im Durchschnitt 1,46 Personen pro Kraftfahrzeug von A nach B zu bringen.

Verkehrsteilnehmende ohne Motor sind Verkehrsteilnehmende zweiter Klasse. Als Radfahrerin fühle ich mich dann gesehen, wenn Autofahrer*innen beim Rechtsabbiegen entschuldigend die Hand heben, wenn sie mich doch noch rechtzeitig bemerken.

Das heißt nicht, dass alle Autofahrer*innen rücksichtslos sind. Sie parken schließlich nur kurz auf den Fahrradwegen, um den Autoverkehr nicht ins Stocken zu bringen. Ob das bereits eine Auswirkung der massiven Parkplatzvernichtung ist?

Vermeintliche Leidensgenossen

Man könnte denken, dass ein gemeinsamer Feind Artgenoss*innen vereint. Diese Hoffnung nimmt Hamburg einem schnell. Auf zu schmalen Radwegen drängen und schieben sich Fahrradfahrer*innen durch die Stadt. Diese fahren übrigens nur in zwei Tempostufen: Sonntagsausflug in der Seniorengruppe oder Sprinttraining für die nächste Tour de France.

Damit nicht genug. Es gibt eine dritte Spezies, die einem das Vorankommen im Großstadtdschungel schwer macht: Fußgänger*innen. Zusammengepfercht auf Gehwegen kämpfen alle um ihren Platz. Insbesondere im Rudel werden Fußgänger*innen mutig und bewegen sich erst nach nachdrücklichem Klingeln vom Fahrradweg weg. Nur wenn man gemeinsam zu lange an einer Ampel wartet, die auch Minuten nach Drücken des Bedarfsknopfes nicht grün wird, stellt sich kurz ein Gemeinschaftsgefühl ein.

Kein Platz für Autos?

Vielleicht ist dieser Konkurrenzkampf im Straßenverkehr gewünscht – zumindest meiner Meinung nach lässt die Straßenplanung diese Vermutung zu. Natürlich gibt es auch positive Beispiele: Der Radweg an der Reeperbahn und die auch baulich getrennte Fahrradstraße an der Alster sind zwei Beispiele die zeigen, dass man auch in Hamburg Platz für Fahrradfahrer*innen machen kann.

Dennoch gibt es zu viele Fahrradwege, die ohne bauliche Trennung auf (vielbefahrenen) Straßen oder Gehwegen verlaufen und auch gerne mal im Nichts enden. Als Fahrradfahrerin kann ich mich dann entscheiden, ob ich mich neben Autos auf der Straße behaupte oder rechtswidrig auf der Gehsteigkante an Fußgänger*innen vorbei balanciere.

Ein gut ausgebautes Fahrradwegenetz sollte 2023 keine Utopie mehr sein. Auch fehlen in großen Teilen der Stadt Möglichkeiten, Fahrräder geschützt abzustellen. Von Ampelschaltungen, die an Fahrrad- oder Fußgängertempo angepasst sind, wage ich nicht zu träumen. Noch fühlt es sich für mich nicht so an, als hätte das Auto keinen Platz im „Mobilitätsmix der Stadt“.

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Sarah Lindebner, 1998 in Innsbruck geboren, scheint Heimweh nicht zu kennen: Für Workaways zog es sie bereits nach England, Island, Norwegen und Portugal, für ihr Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaft nach München. Bei einer Produktionsfirma für Werbefilme räumte sie als Praktikantin Keller aus und wirkte bei einem Kurzfilm über eine Entführung mit. Technisches Knowhow erwarb sie während eines weiteren Praktikums in einer Dokumentarfilmproduktion. Bei einem halbjährigen Videojournalismus-Stipendium nahm sie die Kamera selbst in die Hand, um Nachtschichten in Bäckereien, Hotels und Krankenhäusern zu begleiten. Jetzt verbringt sie ihre Tage in den Redaktionsräumen von FINK.HAMBURG, wo die nächsten Filmprojekte auf sie warten. Lange wird es sicher nicht dauern, bis Sarah wieder die Koffer packt. Next Stop: die Mongolei. Kürzel: lin

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