Im Museum für Hamburgische Geschichte stehen über 500 Exponate in der Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“. Vier Kuratoren zeigen die Anfänge des Graffiti in Hamburg. Sie selbst haben in den 1980er und 1990er Jahren gesprüht. 

Von: Francine Sucgang und Maria Gassner
Titelbild: Mathieu de Ridder, Eine Stadt wird bunt

Bereits im Flur des linken Flügels riecht es wie in einer Autolackiererei. Das signalisiert: Hier sind wir auf dem richtigen Weg. Im langen Flur kommt man an einer drei Meter langen Wandkarte vorbei, die auf den ersten Blick wie das Schienennetz des HVV aussieht. Der Plan verbindet Bahnstrecken und Hotspots, die in den 1980er und 1990er Jahren für die Graffiti-Szene wichtig waren. Darunter sind Orte wie der Kampnagel oder das Karo-Viertel.

Keine Graffiti Geschichte ohne OZ

Frühe Pieces auf Kampnagel in Winterhude, um 1986/87. Foto: Geschichtswerkstatt Barmbek, Eine Stadt wird bunt

Die Ausstellung „Eine Stadt wird Bunt“ im Museum für Hamburgische Geschichte zeigt die Anfänge der Graffiti-Szene in Hamburg. Fotos von Sprühern und Fans, die sich über zwei Wände erstrecken, ein Stromkasten mit Smiley und verschiedene Magazine aus der Szene stellen die Entstehungsgeschichte der Hip-Hop-Jugend und Subkultur dar.

Zwei handgeschriebene Notizzettel zeigen einen seltenen Einblick in die Gedankenwelt des wohl bekanntesten Sprühers Hamburgs, Walter Josef Fischer – besser bekannt als OZ. „Die Sauberkackärsche von der Fascho-HVV tun meine (unsere) Kunstwerke anständig deutsch ausrotten, und jetzt wollen die in ihrem kranken Putzfimmel noch Geld haben“, schreibt OZ. „HVV Putzteufel machen gnadenlos schöne Graffiti ssauber [sic] weg, weil sie fantasielos und farbscheu sind.“

Persönliche Werke der Kuratoren

Der Writer Cisco 1987 an einer S-Bahn in Bergedorf. Foto: Michael Timm, Eine Stadt wird bunt

Die fast 500 Exponate aus den 1980er und 1990er Jahren können in verschiedenen Darstellungsformen bestaunt werden: In einem zwei Meter hohen Regal stehen über 100 gebrauchte Spraydosen, in einer Vitrine liegt eine Sprayausrüstung mit Pfefferspray und Sturmhaube und in einem Glaskasten glänzen Gürtelschnallen mit den Namen der Sprüher. Die Kuratoren und auch Graffiti-Writer Oliver Nebel, Frank Petering, Mirko Reisser und Andreas Timm präsentieren in der Ausstellung auch ihre persönlichen Werke. Besucher können die Skizzenbücher und Fotoalben der vier begutachten.

Graffiti Pioniere in Hamburg

Jugendliche im Abteil einer S-Bahn 1987, Foto: Mathieu de Ridder, Eine Stadt wird bunt

Die Wände der Stadt Hamburg waren nicht schon immer bunt und vielfältig. Die meist grauen Gebäude wurden von Graffiti-Künstlern erstmals in den 1980er Jahren besprüht. Auf metergroßen Fotos kann die Graffiti-Geschichte verfolgt werden. Doch auch die Musik und Breakdance Szene hatte einen großen Einfluss auf die jungen Hamburger*innen. Die vielen Flyer, Schallplatten und Magazine in den Vitrinen zeigen die Vielfalt der Hip-Hop-Szene.

1980er Nostalgie im Jugendzimmer

Der Graffiti-Writer Kane um 1988, Foto: Oliver Hoppe, Eine Stadt wird bunt

In der Ausstellung sticht aber etwas besonders ins Auge: ein detailreich eingerichtetes Jugendzimmer eines Sprühers aus den 1980er Jahren. An der Wand hängt ein zerbrochenes Skateboard, in der Ecke ein „Terminator“-Poster. Auf dem voll gekritzelten Schreibtisch liegt ein sorgfältig geführtes Fotoalbum, das Tags, Throw-Ups und Pieces des Jugendlichen zeigt. Neben dem Kassettenrekorder liegen alte Bravo Zeitschriften, auf denen Künstler der Hip-Hop-Szene abgebildet sind. Als wäre man in einer Zeitmaschine in die 1980er Jahre katapultiert worden.

Die Kuratoren bieten jeden Donnerstag von 18 bis 19 Uhr kostenlose Führungen durch die Ausstellung und geben weitere Einblicke in die Anfänge der Hamburger Graffiti-Geschichte. Donnerstags ab 17 Uhr ist der Eintritt sogar frei. Noch bis zum 31. Juli 2023 ist die Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen.

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Wer Maria Gassners Wohnung betritt, dem grinsen gleich mehrere Gesichter entgegen. Eigentlich wohnt die 26-Jährige alleine. Aber sie klebt gerne Glubschaugen, Nasen und Münder auf Gegenstände. Studiert hat sie in Bremen International Angewandte Freizeitwissenschaft. Klingt nach Hängematte, ist aber doch viel BWL und Tourismus. Das Studium lag nahe: Maria ist ausgebildete Hotelfachfrau. Aufgewachsen ist sie ohne Fernseher, dafür aber mit viel Lesestoff in Bayern auf dem Land. Dort liegt in einer Schublade auch noch ihr Manuskript für einen Liebesroman. Ansonsten verfasst sie heute Psychologie-Artikel beim „Emotion“-Magazin in Hamburg. So bunt und kreativ wie ihr Leben, ist auch ihr Modegeschmack. Sie hat eine Schwäche für Herzchenprint. Marias Herz kannst du am besten erobern, indem du ihr coole Poster von der Straße vorbeibringst. Die sammelt sie leidenschaftlich gerne. Kürzel: mag

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