Unsere Gesellschaft muss mehr in Kontakt sein. Das findet zumindest Linda Pulver, die im Sonnenschein Café Gespräche mit obdachlosen Menschen führt. Zwar kann sie nur selten ein Leben verändern, aber sie kann zuhören.
Illustration: Jasmin Grabler
„Junge Menschen im Ehrenamt“ ist ein Format bei FINK.HAMBURG, in dem Menschen unter 30 von ihrem ehrenamtlichen Engagement berichten. Im Fokus steht dabei nicht nur das Ehrenamt selbst, sondern auch, wie sie ihr Ehrenamt in ihren meist schon gut gefüllten Alltag eingliedern, und warum sie diese Extra-Arbeit neben ihrem Job überhaupt machen.
In diesem Text erzählt Linda Pulver, 29, von ihrem Ehrenamt.
Der Ort: Das Sonnenschein Café ist jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Das Café ist ein Ort, an dem Menschen kostenlos ein warmes oder kaltes Getränk, frisch geschmierte Brote und selbstgemachten Kuchen bekommen. Sie können ankommen, bekommen den respektvollen Umgang, den jeder Mensch verdient hat und werden gesehen. Wie in jedem anderen Café können sie in Ruhe ihr Essen oder Trinken genießen und mit anderen Leuten in den Austausch gehen. Alle Menschen sind im Sonnenschein Café willkommen, das Angebot richtet sich vor allem an Menschen, die wenig Geld haben und zum Beispiel wohnungslos sind. Ehrenamtliche unterstützen das Projekt. Es gibt immer zwei Schichten. Zusätzlich kann man sich eintragen, in welchem Bereich man unterstützen möchte: Abspülen, Kaffee machen, Kuchen aushändigen, Brote schmieren.
Zusammenhalt durch Engagement
Ich hab das Gefühl, das Sonnenschein Café hat für jede Person eine passende Aufgabe. Ich gebe meistens den Kuchen raus oder setze mich mit Leuten hin und spreche mit ihnen. Weil meine Mutter schon früh engagiert war, habe ich als Kind manchmal in der Kirche mitgeholfen. Dort wurden die Räumlichkeiten auch von der Tafel genutzt und als Kind habe ich mitgeholfen. Später bin ich über Freunde ganz zufällig zum Deutschen Roten Kreuz gekommen und habe bei den Blutspenden als Ehrenamtliche mitgearbeitet. Ich habe also schon früh Zusammenhalt mitbekommen.
Ich hatte auch schon andere Ehrenämter. Es ist grundsätzlich einfach eine besondere Art von Verbindung, die man da spürt. Verbindung zu Menschen, denen man vielleicht sonst nie begegnet wäre, egal ob das Gäste sind oder Menschen, die auch mit anpacken.
Außerdem bin ich der Überzeugung, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es notwendig ist, dass wir aufeinander achtgeben und Rücksicht nehmen. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft, wir tragen alle dazu bei, ob es hier lebenswert ist. Wir tragen alle dazu bei, wie sich Menschen fühlen, die wenig haben. Und mein Ehrenamt ist mein Beitrag, den ich dazu leiste. Ich bin der Überzeugung, dass es mehr Räume braucht, in denen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Biografien und Perspektiven zusammenkommen. Das Sonnenschein Café ist so ein Raum.
Gegenseitiger Kontakt ist ein Gewinn
Ich freue mich immer, wenn ich Menschen auf der Straße treffe, die im Sonnenschein Café zu Gast waren oder die ich dort kennengelernt habe und wir uns wiedererkennen. Manchmal ist es einfach nur ein Lächeln oder ein Zunicken. Wir werden in unseren Lebensweisen immer anonymer – insbesondere in Großstädten. Wir verstecken uns hinter Bildschirmen oder hinter Social-Media-Profilen. Über mein Ehrenamt gewinne ich diesen Kontakt zurück.
Es kommt im Sonnenschein Café immer mal wieder vor, dass eine Person auf mich zukommt und fragt, ob ich kurz Zeit habe, mit ihr zu sprechen. Dann teilt sie ihre Geschichte oder etwas, was ihr passiert ist. Sie sucht jemanden, mit dem sie sich in einem sicheren Rahmen kurz austauschen kann. Für Frauen ist es etwa besonders hart, auf der Straße zu leben. Deswegen brauchen weiblich gelesene Menschen noch mal einen anderen Schutz und einige haben das Bedürfnis, mit mir zu sprechen.
Wenn mir jemand sein Leid klagt, fühle ich mich hilflos, weil ich eigentlich gern helfen möchte. Aber ich kann nichts machen und das ist schwer auszuhalten. Deswegen finde ich die Gespräche manchmal herausfordernd. In der Winterzeit oder während Corona hat mich das schon heruntergezogen: Zu wissen, dass hier einer der wenigen Orte ist, an dem Menschen gerade Schutz finden, Wärme finden, trocken werden können, was zu essen und trinken bekommen. Ich habe mit der Zeit gelernt, dass ich das Leben von anderen ändern kann. Ich kann nur verändern, wie ich mich verhalte, kann empathisch sein und zuhören.
Welchen Support braucht das Sonnenschein Café?
Finanzielle Unterstützung kann immer helfen, um zum Beispiel die Brote zu kaufen, die wir schmieren und ausgeben. Sonst natürlich Leute, die ihre Zeit spenden: vorbeikommen, mal eine Schicht mitarbeiten. Das muss nicht regelmäßig sein. Es reicht schon, wenn man alle paar Monate dabei ist.
Man kann wochenlang jeden Sonntag kommen und dann ein Jahr oder zwei Jahre nicht. Oder, wenn man in den Semesterferien lange aussetzt und erst danach wiederkommt, ist das okay.
Geld spenden, kann nicht jeder. Zeit spenden kann auch nicht jeder. Was wir aber alle können, ist Aufmerksamkeit spenden. Das heißt, wenn wir auf den Straßen unterwegs sind und uns jemand entgegenkommt, der oder die Hilfe braucht: Stehenbleiben, Hinschauen, zuzuhören und Aufmerksamkeit schenken.
Zur Übersicht listet die Stadt Hamburg mögliche Plätze für eine ehrenamtliche Arbeit hier auf: hamburg.de. Weitere Informationen über die Tätigkeiten beim Café Sonnenschein, wo auch Linda Pulver sich engagiert, gibt es auf der Website des Vereins.
Alles ist politisch. Auch die Frage, ob Bier schmeckt oder nicht. Zumindest wenn es nach Anny Norma Schmidt, Jahrgang 2001, geht. Sie bestellt lieber Sekt. Dafür erntet sie in ihrer Heimat Dithmarschen schiefe Blicke. Vielleicht fiel ihr daher der Abschied 2021 in Richtung Magdeburg leicht, um dort Journalismus zu studieren. Ist sie nicht baden oder joggen, sitzt Anny gerne im Café, entweder in ein Buch oder in eine Diskussion über Feminismus und Nachhaltigkeit vertieft. Anny hat schon diverse Praktika bei Lokalzeitungen hinter sich, weil sie es wichtig findet, im Gespräch zu bleiben - sogar über Bier. Kürzel: ans








