Shisha Bars werden in der Öffentlichkeit oft nur negativ dargestellt. Das kann zu Stigmatisierung führen. Wie der süße Rauch Menschen mit Migrationshintergrund zusammenbringt. Ein Kommentar von Seray Ünsal.
Titelbild: Illustration von Gizem Akcocuk
Wenn ich im Internet nach Shisha-Bars suche, fallen diese meist nur im Zusammenhang mit Kriminalität auf: „Zoll, Bezirksamt, Polizei: Großeinsatz in Hamburger Shisha-Bars”, schreibt das „Hamburger Abendblatt”. „Erneut Toter in Hamburger Shisha-Bar – Mordkommission ermittelt”, betitelt Sat.1 Regional eine Videoreportage. Wenn solche Schlagzeilen den medialen Diskurs prägen, besteht die Gefahr, dass ein sehr einseitiges Bild von Shisha-Bars entsteht.
Die Framing-Forschung zeigt, dass wiederholte, einseitige mediale Darstellungen die Wahrnehmung eines Themas nachhaltig prägen. Durch die Betonung bestimmter Aspekte werden diese als zentral wahrgenommen, während andere ausgeblendet werden.
Meine Freund*innen und ich treffen uns gerne am Wochenende in einem Shisha-Café. Die Auswahl ist groß: Obst oder Pasta, schwarzer Tee oder Sex on the Beach – jede*r findet etwas. Gesellschaftsspiele und mein Lieblingstabak „Grüner Apfel“ machen so einen Besuch neben unbeschwerten Gesprächen für mich zu einem perfekten Abend. Doch so sehen es nicht alle.
In einer Pressemitteilung schreibt die AfD-Fraktion Hamburg: „Shisha-Bars gelten nach Einschätzung von Polizei und Sicherheitsbehörden zunehmend als Treffpunkte oder Rückzugsräume für kriminelle Strukturen, insbesondere im Bereich der Clan- und Drogenkriminalität sowie des illegalen Glücksspiels.”
Der AfD-Fraktionschef und innenpolitische Sprecher Dirk Nockemann führt weiter aus:
„(…) Es handelt sich ganz überwiegend um kriminelle Migrantenmilieus, die ihre Parallelgesellschaften verfestigen. Die AfD-Fraktion fordert, den Shisha-Sumpf auszutrocknen.”

Ein Blick in die nebligen Räume
Doch in den Räumen mit lauter Musik und blubberndem Wasser findet weit mehr statt, als es solche Zuschreibungen nahelegen. Für Menschen mit Migrationshintergrund wie mich sind sie Orte der Zugehörigkeit. Dr. Mahmoud Jaraba, der an der Universität Erlangen zu islamischen Normen und ihrem Einfluss auf das soziale und familiäre Leben in Europa forscht, sagt: „Shisha-Bars sind für viele junge Menschen mit Migrationsgeschichte soziale Treffpunkte – Orte von kultureller Vertrautheit.” Gerade, wer im Alltag häufig „Abwertung, Misstrauen oder Ausgrenzung” erlebe, finde dort einen Ort, an dem „man sich weniger erklären muss”. Shisha-Bars seien „in vielen Städten längst Teil ganz normaler urbaner Freizeit- und Begegnungskultur.”
Deutschlandweit gibt es mehrere Tausend Shisha-Bars. Schätzungen liegen zwischen etwa 5000 und 6000 Betrieben. Aus einer schriftlichen Anfrage der CDU-Fraktion im Mai 2025 an den Senat geht hervor, dass in Hamburg rund 80 solcher Lokale quer durch die Hansestadt verteilt sind. Neben Wasserpfeifen und Popcorn gibt es dort regelmäßig behördliche Kontrollen.
Sind alle kriminell?
Die letzte Großrazzia fand am 24. November 2025 in 17 Shisha-Bars statt. Die Einsätze führten vor allem zu Feststellungen von Verstößen gegen Gewerbe-, Steuer- und Sicherheitsauflagen, darunter illegales Glücksspiel, unversteuerter Tabak und fehlende Genehmigungen. In einzelnen Fällen kam es zu vorübergehenden Betriebsschließungen. Man kann also nicht behaupten, dass es keine Kriminalität in den Bars gebe. Ein besonders prägnantes Beispiel ist „Blossom” in der Lübecker Straße. Mehrfach geriet die Shisha-Bar in die Schlagzeilen. Es gab dort Gewalttaten, 2022 und 2025 wurde dort jeweils ein Mann erschossen. Letztlich schloss der Betreiber die Bar, noch bevor eine Schließungsanordnung des Bezirksamts Hamburg-Nord in Kraft trat.
Ich selbst erinnere mich an einen Sommerabend im vergangenen Jahr in einem Shisha-Café in Hamburg-Bramfeld. Ich sah durch große Fensterscheiben, wie sich die gut besuchte Terrasse plötzlich leerte. Der Ausgang wurde verschlossen. Die Polizei sperrte die Straße ab. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, was los war. Auch die anderen Gäste waren unbeschwert in ihre Gespräche verwickelt. Erst aus den Nachrichten erfuhr ich später, dass es zu einer Schießerei gekommen war – vor meinen Augen und doch, ohne dass ich sie gesehen hatte. Ich habe diesen Ort danach nie wieder besucht. Das heißt aber nicht, dass ich seitdem in keinem anderen Shisha-Café war.
Eine*r für alle
Es ist wichtig zu unterscheiden: Ja, es finden strafbare Handlungen in den Bars statt, aber eben nicht überall und auch nicht nur. Statt der Pauschalisierung ist eine saubere Einordnung notwendig – bei der Shisha-Bars nicht schematisch als Orte von Kriminalität und Gefahr dargestellt werden. Dazu sagt Mahmoud Jaraba: „Stigmatisierung, Normalisierung von Misstrauen und ein Klima, in dem sich viele als „unter Generalverdacht“ erleben – selbst dann, wenn es um ganz normale Freizeitpraktiken geht, all das verstärke „die Erfahrung, dass Zugehörigkeit ständig in Frage gestellt wird”. Diese Stigmatisierung träfe auch „Betreiber*innen, Beschäftigte und Gäste, die mit Kriminalität nichts zu tun haben und in der Regel schlicht einen sozialen Ort nutzen – “wie andere Menschen auch ein Café oder eine Bar”.
„Stigmatisierung, Normalisierung von Misstrauen und ein Klima, in dem sich viele als „unter Generalverdacht“ erleben – selbst dann, wenn es um ganz normale Freizeitpraktiken geht, das verstärke „die Erfahrung, dass Zugehörigkeit ständig in Frage gestellt wird”. Diese Stigmatisierung träfe auch „Betreiber*innen, Beschäftigte und Gäste, die mit Kriminalität nichts zu tun haben und in der Regel schlicht einen sozialen Ort nutzen – wie andere Menschen auch ein Café oder eine Bar.”
Für viele meiner Freunde sind Orte wie Shisha-Bars wichtig. Orte, an denen man sich verstanden und frei fühlt.
Seray Ünsal liefert ab. Mal 200 Rosen aus dem Blumenladen ihrer Familie, vor allem aber klare Botschaften: „Ich will der Boss sein, um Frauen zum Boss zu machen.“ Mit diesem Satz hing sie bereits auf Plakaten der Körber-Stiftung in ihrer Heimatstadt Hamburg. Das Motto zieht sich weiterhin durch Serays Leben. Geboren 2002, studierte sie Politikwissenschaften und arbeitete unter anderem beim NDR im Community Management sowie bei Radio Energy. Ihr Herzensthema: Frauenrechte, insbesondere die Aufklärung über Femizide. Die Energie dafür zieht sie aus einem jährlichen Gossip-Girl-Marathon und Pfingstrosen, ihren Lieblingsblumen.
Kürzel: say







