Täglich sterben bei uns durchschnittlich drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten haben. In anderen Ländern gibt es mehr Spender*innen. Woran das liegt, und wo sich Deutschland ein Beispiel nehmen könnte. Ein Kommentar von Miriam Mair.
Was soll mit meinem Körper und meinen Organen passieren, wenn ich etwa durch einen Autounfall sterbe? Eine Frage, mit der sich niemand gerne beschäftigt. Trotzdem ist sie wichtig, nicht nur um Angehörige zu entlasten, die im Ernstfall entscheiden müssen, sondern auch gesellschaftlich. Denn jede Person kann mit ihrer Zustimmung zur Organspende Leben retten und sollte auf jeden Fall eine Entscheidung, egal welche, treffen.
Entscheidungs- vs. Widerspruchslösung
Wer in Deutschland seine Organe spenden möchte, muss der Spende zu Lebzeiten aktiv zustimmen. Liegt keine Entscheidung vor, bleibt sie den Angehörigen überlassen – deshalb Entscheidungslösung (Opt-in-Lösung) genannt.
Seit Jahren gibt es immer wieder Diskussionen über eine sogenannte Widerspruchslösung (Opt-out-Lösung). Bei dieser Variante müssen alle Volljährigen einer Spende aktiv widersprechen, ansonsten können nach dem Tod die Organe einfach entnommen werden. Erst im September vergangenen Jahres reichten acht Bundesländer, darunter auch Hamburg, einen Antrag beim Bundesrat ein, um erneut über die Widerspruchslösung zu verhandeln. Bisher gibt es aber keine Reform.
Häufig wird kritisiert, dass die Widerspruchslösung ein massiver Eingriff in die Rechte von Einzelpersonen sei. Damit würden elementare Grundrechte verletzt, etwa die Menschenwürde oder das Persönlichkeits- bzw. Selbstbestimmungsrecht. Kritiker*innen argumentieren, dass diese Lösung auch gegen medizinethische Prinzipien verstoße. Demnach müssen Personen informiert in ärztliche Behandlungen einwilligen, wobei sie sich bewusst und frei dafür entscheiden.
Starker Mangel an Spenderorganen
In Deutschland warten aktuell 8199 Menschen auf eine Organspende. Und das, obwohl die Spenden im Vergleich zum Vorjahr um 32 Organe zugenommen haben und insgesamt 985 Menschen Organe gespendet haben, so die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in ihrer Jahresbilanz für 2025.
Trotz des leichten Anstiegs sterben in Deutschland pro Tag drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan bekommen.
Einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge hat ein großer Teil der Menschen hierzulande eine positive Einstellung gegenüber der Organspende: 85 Prozent der 4001 Befragten im Alter zwischen 14 und 75 Jahren befürworten eine Organ- und Gewebespende. Doch allein eine positive Haltung ohne entsprechendes Handeln ist nicht ausreichend. Weniger als die Hälfte der Befragten gab an, ihre Entscheidung durch den Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung dokumentiert zu haben. Das führt im Ernstfall dazu, dass eine Organspende nicht erfolgen kann, häufig aufgrund von Unklarheit, oder weil Angehörige sich dagegen entscheiden.
Ein Vorbild für Deutschland
Das Beispiel Spanien zeigt, dass das Modell der Widerspruchslösung funktionieren kann. Das Land zählt zu den europäischen Spitzenreitern bei der Organspende. 2023 fanden in Spanien zum 32. Mal in Folge die weltweit meisten Organtransplantationen statt. Die Zahl der Spender*innen übersteigt die deutsche Spenderzahl um mehr als das Vierfache, was zu kürzeren Wartezeiten führt. Wer auf ein Herz, eine Leber oder Lunge wartet, muss sich durchschnittlich weniger als drei Monate gedulden. In Deutschland müssen Patient*innen hingegen mindesten sechs Monate auf ein Herz und zwei Jahre auf eine Leber warten.
Was läuft in Spanien also besser? Einerseits findet mehr Aufklärungsarbeit statt, sodass das Thema kein Tabu ist und mögliche Ängste abgebaut werden können. In Deutschland fühlen sich nur knapp 40 Prozent gut über Regeln und Bestimmungen beim Thema Organspende informiert. Ein gängiges Vorurteil bei der Widerspruchslösung ist, dass nicht ausreichend medizinische Heilungsmaßnahmen getätigt werden, um an mehr Organe zu kommen oder Patient*innen vorzeitig für hirntot erklärt werden.
Ergänzend gibt es in Spanien eine bessere Koordination zwischen Ärzt*innen, Pflegepersonal, Angehörigen und der nationalen Organ-Spende-Organisation. In den Krankenhäusern gibt es zusätzliches Personal, das sich um diese Abläufe kümmert.
Trotzdem können auch in Spanien nur zwei Prozent der Menschen, die im Krankenhaus sterben, Organspender*in werden. Dort gelten für den Hirntod die gleichen medizinischen Kriterien wie in Deutschland und die Organe dürfen nicht durch Krankheiten geschädigt sein. Doch auch Patient*innen mit irreversiblem Herzstillstand gelten, anders als in Deutschland, als Spender*innen und machen mittlerweile mehr als die Hälfte der Transplantationen aus.
Eine alleinige Gesetzesänderung würde nicht ausreichen
Eine Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Zusammenarbeit mit der Medical School Berlin und dem Max Planck Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research zeigt anhand von fünf Ländern (Argentinien, Chile, Schweden, Uruguay und Wales), dass die bloße Umstellung von einer Opt-in – auf eine Opt-out-Lösung nicht automatisch zu einer Zunahme von Organspenden führt. Es braucht begleitende Maßnahmen: mehr Aufklärungsarbeit, eine verbesserte Transplantationskoordination und -infrastruktur sowie gezielte Schulungen für medizinisches Fachpersonal.
Doch eine Gesetzesänderung wäre zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Die Widerspruchslösung zwingt niemandem eine Organspende auf, sondern überlässt jedem die individuelle Freiheit, sich dennoch gegen eine Spende zu entscheiden. Gleichzeitig stärkt sie die gesellschaftliche Solidarität und kann so zum Retten von Leben beitragen.
Miriam Mair, Jahrgang 2001, reiste durch ganz Schweden, um das beste Zimtschneckenrezept des Landes zu finden. Dabei stolperte sie fast über einen Elch und ging freiwillig bei minus 20 Grad baden. In Passau studierte sie Journalistik und Strategische Kommunikation. Während eines Praktikums beim ZDF machte Miriam verschiedene Straßenumfragen. Auch PR reizte sie, bis sie eine Eiscreme vermarkten sollte, die sie nicht mochte. Da war klar: Sie wird Journalistin. Schon als Kind wollte sie werden wie Karla Kolumna, die rasende Reporterin. Das beste Zimtschneckenrezept kreierte Miriam übrigens schlicht selbst. Kürzel: mai








