Anfang des Jahres stimmte der Deutsche Bundestag über eine Gesetzesänderung bezüglich der Organspende ab. Grund: In Deutschland gibt es zu wenig Spenderorgane. Was hat sich seitdem getan? Eine Bestandsaufnahme zum 6. Juni, dem Tag der Organspende.

Weil jährlich mehr als 1.000 Menschen nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten und sterben, warb der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU/CSU) vor dem Bundestag im Januar für die doppelte Widerspruchslösung. Diese gilt bereits unter anderem in Deutschlands Nachbarländern Belgien, Frankreich, Polen und Tschechien. Dort gelten alle als Organspenderin und Organspender, die zu Lebzeiten nicht ausdrücklich einer Spende widersprochen haben. In der fraktionsoffenen namentlichen Abstimmung gewann im Januar jedoch die sogenannte Entscheidungslösung die Mehrheit der Abgeordneten. Ein Vorschlag von Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Karin Maag (CDU/CSU). Zukünftig erhalten Bürgerinnen und Bürger in regelmäßigen Abständen neutrales Informationsmaterial zu Organ- und Gewebespenden. Die bewusste Zustimmung kann weiterhin im Organspendeausweis sowie zukünftig auch in einem geplanten bundesweiten Online-Register erteilt werden.

Schicksalsschlag

Julia Nandelstaedt, Organempfängerin
Julia Nandelstaedt hätte sich eine Widerspruchslösung gewünscht. Sie lebt seit 15 Jahren mit einer Spenderniere.

Foto: privat

Julia Nandelstaedt hat die Entscheidung im Januar verfolgt. Sie hätte sich eine Mehrheit für die Widerspruchslösung gewünscht. Die 36-Jährige lebt seit 15 Jahren mit einer Spenderniere, bis heute ist unklar, warum ihre eigenen Organe nicht mehr einwandfrei arbeiteten. „Erstmalig ist es als Nebenbefund bei einem Snowboardunfall rausgekommen. Später sagte meine Oma, wir müssten mehr Getränke für sie einkaufen, weil ich ihre immer austrinken würde.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Julia bereits fünf bis sechs Liter am Tag getrunken. Weitere Untersuchungen ergaben: Eine neue Niere muss transplantiert werden.

Diagnose: Warteliste

Ein Platz auf der Warteliste für ein Spenderorgan bedeutet für Empfänger*innen meist mehrere Jahre des Wartens und Überbrückens mit Medikamenten und anderen Behandlungen. Julia Nandelstaedt wurde nach drei Tagen angerufen, mitten in der Nacht. „Ich bekam ein Fullhouse-Organ. Es hat zu 99 Prozent auf mich gepasst. Quasi mein genetischer Zwilling.“ Am nächsten Morgen wurde ihr im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Organ eingesetzt. „Die neue Niere wurde vorn im Beckenbereich eingesetzt. Die alten sind noch drinnen. Eine Operation an der Wirbelsäule bringt große Gefahren mit sich.“ Julia beschreibt, dass man eine ihrer ursprünglichen Nieren im Ultraschall gar nicht mehr findet. Die andere hat sich auf Erbsengröße zurückgebildet. Julia konnte schnell geholfen werden, doch nicht alle Empfänger haben solch ein Glück. Mehr als 9.000 Menschen warten derzeit auf ein Organ. Nieren gehören zu den Gefragtesten.

Große Enttäuschung für Betroffene

Die politische Debatte im Bundestag empfand Julia als zu gezwungen: „Ich hatte das Gefühl, dass sehr viel Druck aufgebaut wurde und die Entscheidung schnell gefällt werden musste. Andere Sachen dauern Jahre.“ Als sinnvoll erachtet sie, dass Kliniken durch die Reform der Organspende mehr Geld für den gesamten Prozessablauf einer Spende erhalten. „Trotzdem wäre die Widerspruchslösung schöner gewesen. Es setzt aber auch voraus, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt und viele Leute sind halt faul.“

Mehr Organspenden als in den Vorjahren

Die Entscheidung im Januar fand ein großes Echo in der Bevölkerung. Julia freut sich darüber, dass es nun mehr Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema gibt. Wie vorläufige Zahlen der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) zeigen, ist die Anzahl der Organspender zwischen Januar und April 2020 im Vergleich zu den letzten Jahren gestiegen. Während es 2019 im gleichen Zeitraum 296 Organspender bundesweit gab, sind es 2020 bereits 330. In Hamburg stieg die Anzahl von 12 auf 17 Spendern innerhalb der vier Monate. In der Hansestadt wurden in diesem Jahr schon 63 Organe gespendet, während es 2019 noch 47 waren. Es scheint als würde die Bevölkerung sensibilisierter sein und sich mehr zur Organspende informieren. Allein im Januar haben 740.000 Menschen einen Organspendeausweis bestellt.

Durchhaltevermögen ist gefragt

Doch noch immer werden mehr Organe benötigt als gespendet. Auch darum wünscht sich Julia Nandelstaedt, dass das Thema weiterhin im Alltag präsent bleibt. „Man muss weiterhin informieren. Online Kampagnen helfen, wie mit bekannten Künstlern. Vielleicht sollte man auch jährlich an die Kliniken herantreten und erinnern.“ Julia arbeitet im öffentlichen Dienst in Vollzeit. Soweit es ihr zeitlich möglich ist, steht sie an Infoständen des Bundesverbands der Organtransplantierten e.V. und klärt auf. Es ist noch viel zu tun!

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Es gibt keine Zeile im Film „My Fair Lady“, die Aniko Schusterius, Jahrgang 1996, nicht fehlerfrei mitsprechen kann. Trotz dieses Talents, zehn Jahren Gesangsunterricht und ihres großen Interesses für Musicals hat sich die Berlinerin letztlich gegen eine Bühnen-Karriere entschieden. Nach dem Abitur arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin in verschiedenen Kindertheatern. Dort musste sie unter anderem lernen, dass Luftballons auf einem Straßenfest eine hochkomplexe bürokratische Hürde darstellen können. Während ihres Bachelors in Theaterwissenschaften und Niederlandistik lebte sie ein halbes Jahr in Groningen. Dort fühlte sie sich wegen des entspannten Lifestyles wohl, und auch, weil sie mit ihren 1,82 Meter das erste Mal nicht auffiel. Für die „Berliner Zeitung“ veröffentlichte sie erste Kolumnen. Auch mit Radio kennt sie sich aus: An der „Frankfurter Hörfunkschule“ lernte sie texten und einsprechen. Vor dem Start an der HAW sammelte Aniko noch mehr Medien-Erfahrung durch Praktika bei „Radioeins“ und beim Fernsehkanal der „Welt“ in Berlin. Dort lauerte sie auch schon mal frühmorgens vor einem Hotel, um Gesundheitsminister Jens Spahn einen O-Ton zu entlocken. Kürzel: ans
Lucas Rudolf, Jahrgang 1995, ist ein Mann der Gegensätze: In seiner Freizeit headbangt er am liebsten zu den Klängen von Metal-Bands wie Caliban, Amon Amarth und Cypecore – oder tanzt Rumba, Walzer, Tango. Obwohl im Schwabenland geboren, zog es ihn für ein Studium im Bereich Multimediajournalismus zu den „verfeindeten“ Badenern nach Karlsruhe. Richtiger Lokalpatriotismus ist ihm als überzeugter Europäer aber trotzdem fremd. Als Interrail-Backpacker hat Lucas mittlerweile fast jedes Land des Kontinents bereist – ohne dabei jedoch auch nur ein Bild seiner Reisen auf Instagram geteilt zu haben. Lieber berichtete er als freiberuflicher Reporter über seine Reisen im SWR-Radio, seinem ersten Job nach dem Bachelorabschluss. Seiner Vorliebe für Europa ging er als Freiberufler und Filmemacher nach: Für ein Europe Direct Informationszentrum produzierte er Dokus über Europapolitik und hielt Vorträge. Jetzt will er noch herausfinden, wo er in Hamburg headbangen und tanzen kann. Kürzel: lur