Fridays For Future an Europas größter CO2-Quelle

Im Juni fand in Aachen die bisher größte Demonstration von "Fridays For Future" statt. FINK.HAMBURG-Redakteur Nikolas Baumgartner hat die 40.000 Demonstranten begleitet, mit Aktivisten der Hamburger Ortsgruppe gesprochen und im Tagebau Garzweiler an der Abbruchkante gestanden.

Ein Text von Nikolas Baumgartner.

Es ist fast ein Jahr vergangen, seitdem Greta Thunberg sich alleine mit ihrem Schild "Skolstrejk för klimatet" ("Schulstreik für das Klima") vor das schwedische Parlamentsgebäude in Stockholm stellte. Aus der Einzelaktion ist eine globale Bewegung entstanden, die unter dem Namen "Fridays For Future" die Einhaltung der Klimaziele von Paris fordert.

Seitdem gehen jeden Freitag Schüler*innen auf die Straße. Auch an diesem Morgen im Juni 2019, um an mindestens drei Punkten im nordrhein-westfälischen Aachen zusammenzukommen und die bisher größte zentrale Demonstration zu starten. Nicht nur Schüler*innen, auch Studierende, Arbeitnehmer*innen, Mütter, Väter und Rentner*innen sind aus ganz Deutschland und Europa angereist.

Vor dem Aachener Hauptbahnhof singt die Menge Parolen und Lieder.
Jerome Jordan (20, r.) aus Aachen findet es super, dass die Demonstration im Dreiländereck stattfindet: "Wir wollen im Namen von Europa und nicht nur von Deutschland für die Einhaltung der Klimaziele demonstrieren.“
Auch Valentina (17) aus Freiburg ist für die Einhaltung der Pariser Klimaziele, hinter denen auch viele Wissenschaftler der Welt stehen.
Bands spielen auf den Lautsprecherwagen und heizen die Menge ein. So wie hier Brass Riot.

Die Stimmung ist gut, auch wenn die aktuelle Klimapolitik viele der Teilnehmer frustriert. Die Schaulustigen, die am Rand des Demonstrationszugs stehen, werden aufgerufen "nicht zu glotzen" und stattdessen mitzulaufen.

Mancher Spruch ist für Marta Subturiva (25) nicht verständlich. Sie spricht kein Deutsch und ist mit 14 anderen Klimaaktivist*innen aus Venedig angereist. Dort kämpfen sie schon länger für Klimagerechtigkeit. Besonders der Massentourismus und die Kreuzfahrtschiffe seien ein Problem in Venedig.

Viele Demonstrierende aus den Niederlanden sind aus dem Ort Vaals auf Fahrrädern angereist.

Das gemeinsame Ziel des Sternmarsches ist der Tivoli, das Fußballstadion des Vereins Alemannia Aachen. Am Marktplatz trifft eine Fahrraddemonstration aus den Niederlanden ein. Klingelnd warten sie darauf, dass alle Fußgänger*innen an ihnen vorbeigezogen sind, um sich anzuschließen. Auch die anderen Demonstrationszüge treffen aufeinander und verbinden sich. Auf der Zielgeraden winken rund 40.000 Demonstrant*innen mit ihren Fahnen, doppelt so viele wie ursprünglich erwartet.

Plötzlich wird der Demonstrationszug gestoppt. Zwei Kinder in Kletterausrüstung haben sich von einer Brücke abgeseilt. Zwischen ihnen ein Banner mit der Aufschrift: "Eure Gier kostet unsere Zukunft".

Trotz der Polizeiaktion rückt die Masse nach. Menschen klettern über den Zaun, der die Fahrbahnen trennt. Viele Aktivist*innen rufen: "Klimaschützen ist kein Verbrechen." In der angespannten Situation wird die Polizei nervös.

Die beiden Kinder scheinen geübte Kletterer zu sein. Die Beamten vor Ort werden von der Aktion überrascht.
Sobald die beiden Kinder wieder am Boden sind, entspannt sich die Situation.

Die Demo endet am Stadion. Auf einer Bühne davor geben Bands wie Culcha Candela Konzerte, Redner*innen aus Deutschland, Frankreich und Italien stehen auf der Bühne. Sogar eine Stimme aus Übersee ist vertreten: Die philippinische Klimagerechtigkeitskämpferin Tetet Lauron spricht über Folgen des Klimawandels in ihrem Heimatland. Sie macht auf Probleme aufmerksam, die bereits jetzt das Leben der Bevölkerung stark beeinflussen und Menschen das Leben kosten.

"Fridays For Future“ ist in Ortsgruppen organisiert. Laurenz Rau (27) und Malte Woltersdorf (15) sind in Hamburg aktiv und helfen auch in Aachen mit.

Auch die Hamburger Ortgruppe der Bewegung "Fridays For Future" ist vor Ort. Malte Woltersdorf (15) hat vom Lautsprecherwagen Ansagen gemacht und in der Küche in riesigen Töpfen veganes Essen zubereitet. Die Vorbereitungen für die große Demonstration in Aachen seien ganz schön zeitaufwendig gewesen, aber das Gemeinschaftsgefühl habe ihn einfach begeistert.

Alle sind sich gleich so nah, weil man ein gemeinsames Thema hat.

—Malte Woltersdorf, "Fridays For Future Hamburg"

Malte ist seit März Teil der Ortsgruppe. Er sei schon immer naturverbunden gewesen und fand den Klimaschutz wichtig. Letztes Jahr habe er von der Aktion "Ende Gelände" erfahren und sich deshalb intensiv mit dem Klimawandel beschäftigt. Als "Fridays For Future" entstand, war für ihn klar, mehr tun zu wollen, als nur zu den Demos zu gehen.

Die Ortsgruppe Aachen hatte die Idee zur internationalen Demonstration. Die Organisation übernahmen circa 30 Leuten aus Aachen und weitere 100 Aktivist*innen aus dem restlichen Deutschland.

Die Stadt Aachen stellte ein Parkhaus zur Übernachtung zur Verfügung. Es sei wie auf einem Festival zu schlafen, aber nicht sonderlich komfortabel. „Es ist kalt, zieht und das Licht stört, weil es aus Sicherheitsgründen nicht ausgemacht werden darf. Ich habe nicht viel geschlafen. Aber ich weiß, wofür ich das tue“, sagt Malte. So sei das auch mit dem Schuleschwänzen. Er nehme eine schlechtere Note in Kauf, weil der Klimaschutz einfach ein wichtiges Thema sei.

Auch Laurenz Rau (27) hat kaum geschlafen. Der Student der HAW Hamburg engagiert sich ebenfalls für die Ortsgruppe und ist beeindruckt von der guten Stimmung. Die Vernetzung funktioniert, Gruppen unterschiedlicher Städte lernen sich „on-the-go“ kennen und profitieren viel voneinander. Das merkt man auch an den Demosprüchen: Die werden ständig variiert: schneller oder anders betont und in unterschiedlichen Sprachen gerufen.

"Fridays For Future" ist eine Weltbewegung. „Wir haben den richtigen Zeitpunkt und die richtige Taktik", sagt Malte. "Wir überschreiten Grenzen, aber nicht zu weit. Deswegen bekommen wir gesellschaftlichen Rückhalt.“

Laurenz ist von ausländerfeindlichen Gruppierungen wie Pegida beunruhigt, aber „eine Bewegung, die nichts für die Zukunft zu bieten hat und nur irgendwas aus der Vergangenheit gerne wiederhätte, wird sich nie so entwickeln können wie eine Bewegung, die nach vorne blickt.“

Die Bewegung ist längst zum Marathon geworden. Die Welt ist noch nicht gerettet, so Laurenz. Wenn es sehr gut laufe, bräuchte es "Fridays For Future" noch für ein oder zwei Jahre. Wenn es nicht so gut laufe, noch länger. Man wolle von anderen Bewegungen lernen, um erfolgreich zu sein. "Wir sind in Kontakt mit Experten, die sich mit Schulstreiks auseinandergesetzt haben. Aus den Schülerbewegungen der Apartheit und dem deutschen Kaiserreich können wir lernen, woran sie gescheitert sind oder warum sie Erfolg hatten", sagt Laurenz.

Wir stellen uns definitiv darauf ein, dass wir das noch eine ganze Weile machen.

—Laurenz Rau, "Fridays For Future Hamburg"

Nach einer kurzen Nacht für die Aktivist*innen, die im Parkhaus am Tivoli geschlafen haben, stehen Bahn und Busse abfahrtbereit. Nächster Halt: Tagebau Garzweiler. Hier treffen die Anhänger*innen von "Fridays For Future" auf die Aktivist*innen von "Ende Gelände" und "Alle Dörfer bleiben". Tausende Demonstrant*innen ziehen von Hochneukirch aus in Richtung Braunkohlerevier.

Viele Teilnehmer*innen stehen zum erste Mal an einer Tagebaukante. Das Rheinische Braunkohlerevier ist das größte europäische Kohlerevier und die größte CO2-Quelle in Europa, schallt es aus den Lautsprechern. Neben dem Tagebau Garzweiler verläuft ein Feldweg, auf dem die Demonstrant*innen in einer langen Schlange stehen.

Die Polizei begleitet den Zug. Die "Parents For Future" sorgen dafür, dass niemand der Kante zu nahe kommt. Ein Teil könnte abbrechen und in den Tagebau stürzen.

Foto: Thorsten Hill

Dann ertönt eine Durchsage: Mitglieder*innen des Kollektivs "Ende Gelände" habe den Tagebau gestürmt. Vom Ende des Demonstrationszuges aus sind Hunderte den Hang heruntergerutscht. Der Betreiber RWE muss die Produktionseinheiten stoppen, auch die großen Bagger.

Insgesamt sind 6000 Menschen der Bewegung "Ende Gelände" an drei Tagen an den Blockaden des Tagebaus Garzweiler, des Tagebaus Hambacher Forst und zwei Bahnlinien zu Braunkohlekraftwerken beteiligt. Die 7000 Teilnehmer*innen der Demonstration "Fridays For Future" ziehen weiter nach Keyenberg, wo die Abschlusskundgebung gemeinsam mit "Alle Dörfer bleiben!" stattfindet.

Keyenberg ist eines der mehr als einem Duzend Dörfer, die RWE noch vor dem Kohleausstieg zwangsumsiedeln möchte. Bisher waren nach "Alle Dörfer bleiben!" deutschlandweit 120.000 Menschen von solchen Maßnahmen betroffen, verließen freiwillig ihre Häuser oder sind zwangsumgesiedelt worden. Viele Dorfbewohner*innen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und setzen sich im gemeinsamen Bündnis für den Erhalt ihrer Heimat ein.

Friedhof der umgesiedelten Dörfer in Keyenberg.

Es geht zurück nach Aachen. Vielen hat die gemeinsame Aktion neuen Mut gegeben, weiterzukämpfen, für die Aufmerksamkeit von Medien, Gesellschaft und Politik auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und auf den Klimawandel, der nicht aufgehalten werden kann, wenn man ihn ignoriert.

Auf dem Rückweg nach Aachen hört man es immer wieder, ein Murmeln, ein leises Singen: "Wehrt euch, leistet Wiederstand. Gegen die Braunkohle hier im Land. Auf die Barrikaden, auf die Barrikaden ..."

Bild und Ton von Nikolas Baumgartner

1 KOMMENTAR

  1. Danke für diese schöne Zusammenfassung und dass du den Aufruf zum Streik am 20.07.2019 mitgesendet hast-

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