Schriften im Bleisatz Buchdruck Labor HAW Hamburg DM
Die verschiedenen Schriftsätze sind in den großen Holzschubladen ordentlich sortiert. Foto: Harriet Dohmeyer

Bleisatz ist aufwändig, langwierig und um einiges umständlicher als Typografie am Computer. An der HAW wird er trotzdem weiterhin gelehrt – und die Studierenden lieben das. Warum eigentlich?

Wenn man den langgezogenen Raum im Untergeschoss des Klinkerbaus an der Finkenau betritt, ist der erste Eindruck: fast vollständige Stille. Hört man aber genau hin, ist immer wieder ein leises Klacken zu vernehmen, ein Geräusch wie von winzigen Zahnrädern, die ineinander greifen. Eine von denen, die diese Geräusche erzeugen, ist Lisa Mersmann, 20. Mit einer Pinzette setzt sie eine hauchdünne Bleiplatte in einen Setzkasten. Die Platte ist gerade mal so dick wie eine Bleistiftmine. Auf der Vorderseite steht ein kleines a. „Für acht Zeichen brauche ich rund eine Minute“, sagt sie.

Lisa studiert Kommunikationsdesign am Department Design, Medien und Information der HAW. Hier lernt sie in einem Kurs Bleisatz. Das ist jene Drucktechnik, deren Grundlage Johannes Gutenberg vor mehr als 500 Jahren geschaffen hat. Bei ihr werden Buchstaben aus Blei aufeinanderfolgend in eine Druckform gesetzt. Nach und nach ergeben sie eine ganze Seite.

Richard Scheffler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Bleisatz und Buchdruck an der HAW. Er betreut die Studierenden. „Ich möchte, dass sie hier ihre Erfahrungen machen und Zusammenhänge lernen. Es wäre für mich ein falscher Ansatz, den Studierenden feste Richtlinien für den Bleisatz zu lehren“, sagt er und erklärt: „Ich finde es besonders spannend, wenn jemand etwas anders macht. Sich gegen die Regeln oder den Trend stellt.“ So kann es passieren, dass in dem Kurs auch mal ein Text komplett in Kleinbuchstaben gesetzt wird, oder die Abstände zwischen den Wörtern außergewöhnlich breit sind. Bleisatz, das heißt Experimentieren mit Typografie, und zwar physisch, nicht am Rechner.

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Buchstabe für Buchstabe setzen die Studierenden in den Winkelhaken. GIF: Harriet Dohmeyer

Lisa legt ihre Pinzette zur Seite. Inzwischen hat sie vier weitere Wörter gebildet. Doch nun steht sie vor einem Problem: „Welche Punktdicke würden Sie für das Leerzeichen empfehlen?“, fragt sie Scheffler. Die Studentin will jetzt bloß nichts falsch machen. Einmal das falsche Leerzeichen gesetzt, und das ganze Layout muss mühevoll auseinandergenommen werden.

„Ich weiß, dass Bleisatz einen großen Aufwand bedeutet und ich vieles auch am Computer machen könnte. Aber die alte Technik schärft mein Auge. Man lernt hier Proportionen viel besser einzuschätzen“, sagt Lisa. Mit Hilfe von Daumen und Zeigefinger erspürt sie nacheinander die Dicke von zwei verschiedenen Bleiplatten.

Typographie Labor HAW Hamburg DMI Kommunikationsdesign Druckmaschine
Hinten arbeiten die Studierenden, vorne stehen die Druckgeräte. Foto: Harriet Dohmeyer

Auch Lena Schmidt, 36, findet Bleisatz heute noch hilfreich. Sie arbeitet am Platz gegenüber. Ob Bleisatz aber auch zukünftig in der Lehre noch eine Rolle spielt, da ist sie sich nicht sicher. Im Zuge der Digitalisierung könnte er aus den Hochschullehrplänen verschwinden. „Der Bleisatz ist für kleine Auflagen oder künstlerische Arbeiten unglaublich wichtig“, sagt Lena. „Er schafft eine ganz andere Verbindung zwischen Künstler und Werk. Es wäre ein riesiger Verlust, falls an der HAW dafür die Gelder gestrichen würden.“ Lena hofft auf einen Gegentrend – auch mithilfe modernster Technik. „Wer weiß, was mit einem 3D-Drucker irgendwann möglich sein wird“, sagt sie.

Richard Scheffler berät Studentin Lisa bei ihrer Semesterarbeit. Foto: Harriet Dohmeyer

Das Interesse am Bleisatz an der HAW ist unter den Studierenden trotz des digitalen Wandels groß. Dieses Semester gab es sogar mehr Anfragen als angebotene Plätze. Deshalb findet der Kurs nun mehrfach statt.

Beim nächsten Termin wird Lisa bereits ihr Layout drucken. Lena hingegen wird noch etwas länger an ihrem Projekt arbeiten: In einem der großen Holzkästen des Labors für Typografie und Bleidruck lagert eine mehr als hundert Jahre alte Schrift namens Schneidler Latein. Diese Ausführung ist halbfett und hat Serifen. Lena wird die Bleibuchstaben auch für die Arbeit am Rechner zugänglich machen – sie soll einen Platz in der digitalen Schriftsammlung der HAW bekommen.

 

Futura 3/4 fett in 24 Pt. GIF: Harriet Dohmeyer 
Futura 3/4 fett in 24 Pt. in der Schublade. GIF: Harriet Dohmeyer