Der Bundestag hat die Ehe für alle beschlossen.
Der Bundestag hat die Ehe für alle beschlossen. Foto: pixabay

Der Bundestag hat mit der Ehe für alle der gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung getragen. Nun liegt es an der Gesellschaft, sich weiterhin für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung einzusetzen.

Ein Kommentar von Christoph Petersen

Dass es so schnell geht, habe ich nicht für möglich gehalten. Noch vor wenigen Wochen habe ich mit meinem Freund diskutiert, welche Partei wir bei der Bundestagswahl im September wählen müssen, damit die Ehe für alle kommt. Jetzt ist sie plötzlich da, beschlossen innerhalb von fünf (!) Tagen. Ich freue mich riesig darüber. Endlich sind homosexuelle und heterosexuelle Paare gesetzlich gleichgestellt. Das betrifft zum Beispiel auch das Adoptionsrecht. Doch unter die Freude mischt sich auch Nachdenklichkeit. Wie gleichberechtigt sind Schwule und Lesben in Deutschland wirklich?

Nicht nur auf Schulhöfen ist „schwul“ weiterhin ein gängiges Schimpfwort. Wer in vielen Berufen aufsteigen will, schiebt das Coming-Out lieber auf. Wenn sich Männer küssen und Frauen Hand in Hand in der Öffentlichkeit zeigen, ernten sie im besten Fall neugierige Blicke. Nach einer Studie finden 40 Prozent der Deutschen es „ekelhaft“, wenn sich homosexuelle Paare in der Öffentlichkeit küssen. Jeden Tag spüren Homosexuelle, die nicht in den Hot-Spots in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt oder München leben, dass sie in der Gesellschaft noch nicht überall auf Akzeptanz stoßen.

Es wäre falsch, die Schuld nur bei „den anderen“ zu suchen. Damit Gleichberechtigung gelebt und Diskriminierung abgebaut werden kann, sind auch Schwule und Lesben in der Pflicht. Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Ein Freund sagte einmal zu mir: „Wer Normalität von anderen fordert, der muss diese auch vorleben.“ Das heißt: Je sichtbarer Homosexuelle in der Öffentlichkeit sind, desto einfacher tut sich auch die Gesellschaft. Für viele Schwule und Lesben ist das nicht einfach. Häufig braucht es Mut, sich zu überwinden, und den Rückhalt von Familie und Freunden. Wer diesen Rückhalt spürt, sollte in Deutschland jedoch keine Angst haben. Anders als in vielen anderen Ländern drohen in Deutschland keine Repressionen durch Staat und Bevölkerung. Deshalb: Seid mutig, zeigt euch, lebt und liebt. Es wird sich für alle auszahlen.