die Fixpunkte sind Geburt und Tod
Illustration: Lukas Schepers

Hospizarbeit ist immer noch Pionierarbeit. Astrid Karahan arbeitet seit neun Jahren im Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard, schult und leitet die ehrenamtlichen Mitarbeiter. FINK.HAMBURG-Redakteurin Johanna Klug hat mit ihr über ihre fast 20-Jährige Arbeit gesprochen.

„Ich weiß noch, als 1997 das Hospiz eröffnete – der Tag der offenen Tür. Es war Sommer und schönes Wetter. Die Bewohner aus der Nachbarschaft standen an den Zäunen und keiner kam. Ich ging zu den Leuten und forderte sie auf, vorbeizukommen zu Kaffee und Kuchen. Doch die Angst davor, dass der Leichenwagen von nun an jeden Tag vor der Tür stehen sollte, war zu groß.“

FINK.HAMBURG: „Das Sterben ist abgekapselt vom Leben“. Wie stark ist diese Aussage noch in der Gesellschaft verankert?

Astrid Karahan: Das Ziel der Hospizbewegung war und ist es, dass Menschen dort sterben, wo sie möchten. Nach wie vor gehen Wunsch und Realität auseinander – viele Menschen sterben in Krankenhäusern. Es ist sicherlich so, dass sich in den letzten 20 Jahren viel getan hat. Stationäre Hospize, ambulante Hospizdienste und Palliativstationen sind entstanden und bestehende Strukturen haben sich weiterentwickelt.

In der Bevölkerung ist vielen Menschen der Begriff „Hospiz“ bekannt, wird häufig jedoch ausschließlich mit einer stationären Einrichtung verbunden. Auch im häuslichen Bereich ist sehr vieles möglich, durch spezielle Pflegedienste, Ärzte und ambulante Hospizdienste, wenn das soziale Umfeld es mittragen kann. Gerade in Hamburg gibt es 50% Singlehaushalte. Es besteht weiterhin ein großer Bedarf, die Bevölkerung zu informieren und zu sensibilisieren.

Wie bist du dazugekommen, dich in der Hospizarbeit zu engagieren?

Eigentlich war es Zufall. Ich habe medizinische Fachangestellte gelernt und 20 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Zehn Jahre davon in einer großen Allgemeinarztpraxis, in der wir viele schwerkranke und sterbenskranke Menschen betreut haben. In der damaligen Zeit sind wir immer wieder an Grenzen gestoßen, wenn im häuslichen Bereich die ärztliche Versorgung und die Unterstützung nicht mehr möglich waren. Es gab damals in der Umgebung keine stationären Hospize.

„Ich finde Die Begegnung von Mensch zu Mensch einfach wichtig.“

Mein damaliger Chef plante ein Hospiz mit zwölf Betten aufzubauen und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, dabei mitzuwirken und das Haus mit zu leiten. Ich fand in der Praxis meistens einen guten Kontakt zu den Erkrankten und nahm die Herausforderung an. Das war 1997, das Hospiz eröffnete 1998.

Wie wurde das Hospiz aufgenommen? Gab es Bedarf?

Dass ein Bedarf bestand, wussten wir aus den Erfahrungen in der Praxis. Wir mussten natürlich auch erstmal schauen, ob das Hospiz von der Bevölkerung, aber auch von den niedergelassenen Medizinern und den Krankenhäusern angenommen wird. Dazu war natürlich intensive Öffentlichkeitsarbeit erforderlich. Nach sechs Monaten waren wir bereits voll belegt. Es war von Anfang an eine unheimliche Befriedigung und das ist es heute noch: Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten und vor allem auch die An- und Zugehörigen zu unterstützen

Welche Aufgaben hast du im Hospiz übernommen, als es eröffnet wurde?

Im Hospiz war ich die Einrichtungsleitung. Ich war für die Aufnahme der Gäste, Kontakt und Abrechnung mit den Leistungsträgern, Öffentlichkeitsarbeit und die Angehörigenbegleitung, zuständig aber auch für den Kontakt mit den Gästen vor und während des Aufenthaltes. Nach zwei Jahren habe ich dann angefangen, eine Gruppe von Ehrenamtlichen aufzubauen, denn dieses Angebot gab es noch nicht. Die Begegnung von Mensch zu Mensch hat eine andere Ebene und ist für die Erkrankten und die Angehörigen sehr wertvoll.

Hospize und Palliativstationen in hamburg
Palliativversorgung in Hamburg. Grafik erstellt in Piktochart von Johanna Klug.

Worin unterscheidet sich das stationäre Hospiz vom Krankenhaus?

Die Zielsetzung ist eine ganz andere. Im Krankenhaus stehen zunächst die Diagnostik und dann die Therapien, die auf Heilung ausgerichtet sind, im Vordergrund.

„In einem Hospiz spricht man von Gästen und nicht von Patienten.“

Im Hospiz geht es um die Begleitung des Menschen und seiner Angehörigen am Lebensende. Therapien dienen der Lebensqualität, wie z. B. Schmerztherapie und Behandlung von belastenden Symptomen. Der Tag wird speziell auf die Wünsche des Erkrankten ausgerichtet: Möchte jemand geweckt werden und wann möchte er frühstücken? Im Mittelpunkt steht immer der Erkrankte mit seinen Angehörigen.

Würdest du sagen, dass du das Leben durch deine Arbeit mehr zu schätzen gelernt hast?

Jeder weiß eigentlich, dass es zwei Fixpunkte im Leben gibt: Geburt und Tod. Und es gelingt jedem Menschen, das zwischenzeitlich auszublenden. Natürlich ist auch für mich der Tod nicht jeden Tag präsent und das ist auch gut so. Aber über viele Dinge habe ich gelernt, mir Gedanken zu machen: Nach Kraftquellen zu suchen und das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

Wie hat dein Umfeld auf deine Arbeit reagiert?

Natürlich hatte und hat diese Arbeit Einfluss auf die Familie. Meine Großmutter war damals sehr irritiert, als ich ins Hospiz gewechselt bin. Sie konnte gar nicht begreifen, wie ich meine damalige Arbeit aufgeben und in so ein „Sterbehaus“ gehen konnte. Das Thema war zu der Zeit deutlich weniger bekannt als heute. Im Nachhinein war sie aber von der Hospizarbeit total begeistert. Meine Töchter sind mit dem Thema Sterben und Tod aufgewachsen und gehen dadurch sehr offen damit um.

„Viel geht über das Bauchgefühl, wer z.B. als Begleitung passen könnte.“

Du bist im Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard stellvertretende Leitung und koordinierst die Ehrenamtlichen. Nach welchen Kriterien entscheidest du, welcher Ehrenamtliche welchen Sterbenden begleitet?

Zum einen haben wir im Team den großen Vorteil, die Ehrenamtlichen selbst zu schulen und gut kennenzulernen. Der erste Kontakt zu den Erkrankten wird von den Hauptamtlichen gemacht, um zu schauen, was der betroffene Mensch und sein soziales Umfeld benötigen. Oft merke ich schon während des Gesprächs, wer von den Ehrenamtlichen passen könnte. Manchmal braucht es einen Schmerztherapeuten, einen Hausarzt, oder auch Pflegedienst, aber manchmal braucht es einen Ehrenamtlichen, der ein Gespür für die jeweilige Situation mitbringt: Dann wird ein Gespräch gewünscht oder einfach Zeit, die mit dem Erkrankten verbracht wird, oder auch zur Entlastung der Angehörigen.

Ehrenamt in hamburg und im Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard
Grafik erstellt in Piktochart von Johanna Klug.

Was macht für dich deine Arbeit so bedeutsam?

Das Leben ist endlich und das Sterben und der Tod sind nicht immer leicht. Aber es ist toll, wenn ich durch meine Beratung und Organisation von Unterstützung einiges leichter machen oder ermöglichen kann.


Palliative Fachkraft und Koordinatorin Astrid Karahan.
Astrid Karahan. Foto: Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard

Astrid Karahan arbeitet seit fast 20 Jahren in der Hospizarbeit. Die medizinische und palliative Fachkraft koordiniert im Malteser Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard in Volksdorf 150 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Täglich pendelt sie zwischen Lüneburg und Volksdorf zur Arbeit. Den weiten Weg nutzt sie am liebsten zum Lesen.

In dem Podcast von NDR Info „Im Anfang war das Wort. Die Bibel“ spricht sie über die Bedeutung der Emmausgeschichte in der Ausbildung zur Sterbebegleitung.