Das Meer in Drift
Regisseurin Wittmann filmte das Meer mit einer festen Kamera. Foto: Fuenferfilm

Wer sich auf die Elemente Wind und Wasser einlassen kann, wird im Film “Drift” auf eine sinnliche Reise über das Meer entführt.

An der Nordseeküste: Der Wind pfeift durch die trockenen Dünengräser, die Wellen rollen ans Land, die Luft ist bitterkalt. “Gefühlte minus vier Grad”, sagt die Stimme aus der Wetter-App. Die beiden Freundinnen Theresa und Josephina verbringen ein paar Tage zusammen auf Sylt. Die tägliche Routine besteht aus Zigarettenrauchen, Teetrinken und Strandspaziergängen im Daunenmantel. Es wird hell, es wird wieder dunkel. Draußen rauscht das Meer.

Zurück in Hamburg steht Josephinas Umzug nach Argentinien bevor: “Die Tage vergehen sauschnell”, seufzt sie, als sie wieder in der kleinen Mietwohnung in der Großstadt sitzen. Auch Theresa plant eine Reise, sie geht in die Karibik. Ein Abschied steht bevor. “Schick mir ein Selfie per Flaschenpost”, scherzt Josephina und zieht an der Zigarette.

Das Türkis des Pools, in dem Theresa ein Bad nimmt, gluckert im Mondschein. Die Grillen zirpen auf eine elektrisierende Art. Die Karibik klingt ganz anders als Theresas Welt in Deutschland. Die feuchte Wärme ist auf der Haut zu spüren, den süßlichen Duft der Pflanzen glaubt man zu riechen.

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Die Tiefen des Ozeans rauschen, tosen und blubbern geheimnisvoll. Die Wellen schlagen gegen das Schiff, auf dem Theresa ihre Reise fortsetzt. Der Horizont wiegt sich von links nach rechts, schaukelt von oben nach unten. Wer jetzt noch nicht seekrank geworden ist, wird vollkommen von der ungezähmten Schönheit des Wasserspiels eingenommen.

Ab sofort übernimmt das Meer die Erzählung. Mal verschluckt das dunkelblaue Wasser die sinkende Sonne. Mal spiegelt sich der silberne Mondschein auf der pechschwarzen Wasseroberfläche. Das Meer ist im Film 30 Minuten lang der Hauptdarsteller, was einer gefühlten Ewigkeit gleichkommt.

Helena Wittmanns Film “Drift” ist wie eine Wellenstudie auf Kinoleinwand. Das Meer ist in Wittmanns Film keine Metapher, sondern Mittelpunkt der Betrachtung. Die gewaltigen Bilder der Landschaft erinnern an die Wolkenbilder aus dem Goldenen Zeitalter der holländischen Malerei. Menschen sind zwar auf den Bildern erkennbar, aber sie sind am Ende nur Statisten vor der Naturkulisse.

Doch “Drift” ist mehr als nur schöne Bilder vom Wasser. Der Film ist eine experimentelle Soundkomposition, in der sich natürliche Geräusche mit synthetischen Klängen vermischen. Verantwortlich für den Ton ist Djane und Soundkünstlerin Nika Breithaupt. So wird das Meer lebendig. Das Brausen des Wassers kann man nicht nur sehen, sondern vor allem hören: Es rauscht und gluckst und bringt den Schiffsrumpf zum Knarren. Irgendwann verdichten sich die Geräusche des Meeres subtil zu elektronischer Musik. Wer den Film ein zweites Mal schaut, sollte es unbedingt wagen und die Augen schließen.

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Die Macherinnen von „Drift“(v.l.): Helena Wittmann, Theresa George (Regie), Nika Breithaupt (Sound). Foto: Agata Strausa

D 2017, 97 Min. Besetzung: Theresa George, Josephina Gill. Regisseurin Helena Wittamann schloss 2014 ihr Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ab. „Drift“ ist ihr Spielfilmdebüt und wurde bereits bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt.