Anita Sarkeesian
Anita Sarkeesian in einem ihrer YouTube-Videos. Screenshot: YouTube/feministfrequency

Mit ihrem medienkritischen YouTube-Kanal „Feminist Frequency“ erlebte Anita Sarkeesian vor wenigen Jahren einen weltweiten Shitstorm aus der Gaming-Community. Am Rande des Play-Festivals sprach sie mit FINK.HAMBURG nun über sexuelle Belästigung in Hollywood.

Erst vor ein paar Jahren war sie in aller Munde: Mit ihrem Video-Format „Tropes vs. Women in Video Games“, das Anita Sarkeesian über eine 2012 gestartete Kickstarter-Kampagne finanzierte, erntete sie den wohl größten Shitstorm ihres Lebens. In den Videos kritisierte die Amerikanerin den grassierenden Sexismus in Videospielen — und traf damit offenbar einen Nerv. Über die Videobloggerin brach eine regelrechte Hasswelle herein, die ihren Ursprung in der Gaming-Community hatte. Neben sexistischen Beschimpfungen wurde auch zu Vergewaltigung und Mord an der jungen YouTuberin aufgerufen. Bis heute hält sie das aber nicht davon ab, den Finger weiter in die Wunde zu legen.

FINK.HAMBURG: Du arbeitest bereits seit einigen Jahren gegen Sexismus und Rassismus in Videospielen. Hat sich seitdem irgendetwas verändert?

Anita Sarkeesian: Sicher. In den letzten fünf Jahren hat sich eine wichtige Diskussion um das Thema entwickelt. Diskussionen darüber, was dargestellt wird und was nicht. Es gab eine Veränderung in der Games-Industrie. In immer mehr Spielen stehen jetzt auch Frauen oder schwarze Menschen im Vordergrund und diese Spiele erzählen unterschiedliche Geschichten über ganz unterschiedliche Menschen.

„Natürlich sind weinstein und spacey keine einzelfälle.“

Ich würde mit dir gerne über die neuesten Entwicklungen bezüglich sexueller Belästigung in Hollywood sprechen. Wie konnte es deiner Meinung nach dazu kommen, dass diese Vorfälle über so viele Jahre hinweg nicht in die Öffentlichkeit gelangten?

Schau dir zum Beispiel Bill Cosby an: Über Jahrzehnte wurden ihm von unterschiedlichen Frauen Vergewaltigungsvorwürfe gemacht. Niemand hat das ernst genommen. In den USA gibt es die lange Tradition, Frauen, die über Vergewaltigung und sexuelle Gewalt sprechen, zu dämonisieren, zu verhöhnen und mundtot zu machen. Selbst wenn es um Männer geht, die nicht unglaublich mächtig und reich sind. Jene Frauen, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind, wurden in den Medien durch den Dreck gezogen und von der Justiz nicht ernst genommen. Das ist eine schreckliche Erfahrung für diese Frauen. Und viele andere sind beim Anblick dieser Geächteten dann lieber still geblieben. Also ist es fast schon ein Wunder, dass die Frauen in der aktuellen Debatte ernst genommen werden und es Konsequenzen für diese Männer gibt, die über Jahrzehnte Verbrechen verübt haben und damit jedes Mal davonkamen.

Glaubst du denn, dass Harvey Weinstein und Kevin Spacey nur Einzelfälle in ihrem Geschäft sind?

Natürlich sind sie das nicht. Es gab bereits so viele Frauen und Menschen anderer Geschlechter, die mit Anschuldigungen gegenüber Männern in der Filmindustrie an die Öffentlichkeit gegangen sind. Und das nicht nur in Hollywood, sondern auch in vielen anderen Branchen, in denen Männer ihre Macht in dieser schrecklichen Weise ausnutzen können. Für Feministinnen, die gegen sexuelle Gewalt kämpfen, ist das keine Überraschung. Wir wissen, dass das passiert.

Glaubst du, dass die jüngsten Ereignisse langfristig zu einem Umdenken und zu einer Veränderung der sozialen Kultur führen werden?

Das weiß ich nicht, aber ich hoffe es. Genau das ist jetzt die wichtigste Frage: Wie sorgen wir dafür, dass sich das System nachhaltig verändert, anstatt einigen Typen in Hollywood ein paar unangenehme Monate zu bereiten?