Griechenland Soziale Hilfe
Beschäftigte im Gesundheitswesen demonstrierten am 11.10.2017 in Athen gegen die Politik der Regierung. Foto: Nikolas Georgiou/ZUMA Wire/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Seit Beginn der griechischen Staatsschuldenkrise verschlechtert sich die soziale Versorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten rapide. NGOs die Aufgaben des Sozialstaats übernehmen. Ein Interview über die Lage vor Ort.

Kurz erklärt: Austerität bezeichnet in diesem Kontext die von der Europäischen Union und der Europäischen Zentralbank auferlegten Sparmaßnahmen, die Griechenland annehmen musste, um neue Kredite gewährt zu bekommen

Hinrich Stechmann (68), war die letzten 16 Jahre selbstständiger Unternehmensberater. Nach seinem Studium kam er das erste Mal nach Griechenland und lernte dessen Bewohner kennen und lieben. Seit 25 Jahren fährt er regelmäßig in das Land, das sowohl Wiege der Demokratie als auch der abendländischen Kultur ist. Als die befreundete in Hamburg lebende Griechin Kalliopi Brandstädter 2013 von dem Leid ihrer Landsleute erzählte, gründeten die beiden den Förder- und Freundeskreis Elliniko.

Mit ihrem Verein unterstützen sie nun soziale Arztpraxen und andere Hilfsprojekte im von der Austeritätspolitik gebeutelten Griechenland. So haben sie seit 2013 schon 550.000 Euro in Bar und Sachspenden im Wert von 750.000 Euro ins Land gebracht. Wir haben den freiwilligen Helfer Stechmann getroffen und mit ihm über die Gründe für sein Engagement, die fatale Lage vor Ort und die Rolle deutscher Finanzpolitik gesprochen.

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Hinrich Stechmann gründete 2013 mit einer Freundin den Förder- und Freundeskreis Elliniko. Foto: Lukas Schepers

FINK.HAMBURG: Woher kommt Ihre Liebe für Griechenland und das damit verbundene Engagement?

Stechmann: Der erste Kontakt mit Griechenland kam nach dem Studium. Mit meiner Frau habe ich damals eine längere Reise durch Europa gemacht, die uns letzten Endes auch dorthin geführt hat. Die ausgesprochene Gastfreundschaft der Bevölkerung vor Ort, die spannenden Unterhaltungen mit den Leuten, die gute Küche und die wunderbaren Strände haben uns fasziniert. Als wir dann regelmäßig Freunde auf dem Peloponnes besuchten, hat sich dieser Eindruck immer weiter vertieft. Wir sind von den Bewohnern dort sehr herzlich aufgenommen worden. Jedes Mal, wenn wir angekommen sind, brachten die Nachbarn leckere Weintrauben und frisch gebackenes Brot. Der starke Zusammenhalt in kleinen Gemeinschaften hat uns damals schon sehr berührt.

Und nun wollen Sie das, was Ihnen selbst wiederfahren ist, zurückgeben?

Das ist absolut richtig. Dazu kommt die Erkenntnis, dass wir als Nachkriegsgeneration eine Phase erleben konnten, in der die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt sehr positiv verlief. Ausbildungen, Jobs, Versicherung, Gesundheitsversorgung und Schulwesen haben funktioniert. In Griechenland mussten wir erkennen, dass es für zwei der zehn Millionen Griechen heutzutage nicht mehr funktioniert.

Griechenland Soziale Hilfe
Zum Transport nach Griechenland verpackte Medikamente. Foto: Hinrich Stechmann

Was war der springende Punkt, der Sie und Ihre Kollegin dazu bewegte, aktiv zu werden?

Kalliopi erzählte mir bei dem entscheidenden Gespräch von einem Beitrag der Deutschen Welle, durch den ihr die Misere erst richtig klar wurde. Dort ging es um die Sozialklinik von Dr. Giorgios Vichas in Athen, mit dem wir mittlerweile eng zusammenarbeiten. Er Arbeitet als Kardiologe in Athen und war der erste, der aufgrund der desolaten Zustände eine solche Klinik eröffnet hat. Dass die soziale Versorgung am Boden ist, merkt man auch daran, dass Arbeitslose nur ein halbes Jahr unterstützt werden und danach auf sich allein gestellt sind, was wiederum dazu führt, dass sie ihre Krankenversicherung nicht zahlen können. Da die Menschen so keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, bedeutet eine ernsthafte Erkrankung das Todesurteil für sie.

„Wir haben den Status von Nationalhelden“

Wie wurde Ihre Hilfe vor Ort aufgenommen, da gerade Deutschland häufig für diese Politik verantwortlich gemacht wird?

Wir haben den Status von Nationalhelden. Immer wieder wunderten sich die Leute, wie wir als Deutsche doch darauf kommen, den Griechen zu helfen. Natürlich wird Deutschland in der dortigen Presse für die Sparmaßnahmen verunglimpft, allen voran unser ehemaliger Finanzminister Wolfgang Schäuble. Durch unsere Tätigkeit haben wir aber auch Aufklärungsarbeit leisten und einige Vorurteile abbauen können.

Sie sagen, dass Schäuble verunglimpft wurde – glauben Sie nicht, dass Deutschland eine Mitschuld an der Situation trägt?

Was die Durchsetzung der sogenannten Troika-Maßnahmen in Griechenland betrifft: Ja. Es ist ganz sicherlich so, dass die völlig verfehlte Politik in dieser rigiden Form mit dazu beigetragen hat, das Elend im Land zu erhöhen. Und die starre deutsche Haltung ist definitiv ein Teil davon.

„Dieser Brain-Drain raubt Griechenland die Zukunft“

Was sind die größten Probleme vor Ort, mit denen die Bevölkerung zu kämpfen hat?

Das große Drama in Griechenland ist eindeutig die hohe Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Viele junge Leute, die trotzdem noch studieren oder eine Ausbildung machen können, haben keine Chance, dort einen Job zu bekommen. Das wird sich auch in der nächsten Zeit nicht ändern, weswegen viele von ihnen über griechische Netzwerke ins Ausland reisen. Dieser Brain-Drain raubt Griechenland die Zukunft. Das sehe ich persönlich als eigentliche Bedrohung und Katastrophe für dieses Land an.

Wenn man hier die Nachrichten verfolgt, bekommt man schnell das Gefühl, dass es in Griechenland wieder bergauf geht. Sie waren kürzlich erst wieder dort. Entspricht das medial vermittelte Bild der Realität?

Überhaupt nicht. Meiner Meinung nach führen die positiven Wirtschaftsprognosen für 2017 und 2018 nur dazu, dass das Thema von der Agenda genommen wird. Die Lebenssituation der Menschen vor Ort hat sich eher verschlechtert. Die Verelendung der Unterschicht geht permanent weiter. Das äußerst sich beispielsweise in permanent steigenden Suizidraten. Es ist eine Tragödie, dass die Kindersterblichkeit seit Jahren wieder steigt und mittlerweile bei 4,2 Prozent liegt, während sie in anderen EU-Ländern nur noch marginal vorhanden ist. Außerdem steigt auch die Zahl der jungen Prostituierten. An diesen Punkten erkennt man, dass in dieser Gesellschaft weiterhin einiges schief läuft.

„Die Verelendung der Unterschicht geht permanent weiter“

Haben Sie selbst eine Prognose für die nächsten Jahre?

Wir sind nicht optimistisch, dass sich diese Lage zeitnah verbessert. Es wäre sogar schon erfreulich, wenn sie sich nicht verschlechtert. Besser wird es nur, wenn die drastischen Sparmaßnahmen gelockert werden und direkte staatliche Hilfe einsetzt und nicht nur weitere Kredite gewährt werden, die wiederrum nur zum Tilgen der alten Schulden genutzt werden können. Außerdem müsste die massive Steuerflucht der Wohlhabenden aufhören.

Wieso gibt es keine direkte Hilfe aus anderen EU-Ländern, so dass Privatpersonen wie Sie die Aufgaben der Solidargemeinschaft Europa übernehmen müssen?

Die Verantwortung dafür liegt bei der griechischen Regierung. Es ist Herrn Zypras und seinem Gesundheitsminister in diesem Fall sehr unangenehm, dass sie es bisher nicht geschafft haben, die staatlichen Kliniken vernünftig auszurüsten. Die Krankenhäuser sind marode, schlecht ausgerüstet und dort herrscht ein eklatanter Ärztemangel, da die qualifizierten Fachkräfte jetzt lieber in westeuropäischen Kliniken arbeiten. Das wird professionell vertuscht.

Wie genau?

Dr. Vichas wird beispielsweise ständig vom Krankenhausleiter in Athen, dem Gesundheitsminister und seinem Stellvertreter dazu aufgefordert, Interviews über die Misere zu unterlassen, weil man ihn sonst entlassen müsse. Somit kommt das Thema in Brüssel nicht auf den Tisch. Wir waren jetzt selbst dort und haben mit einigen befreundeten Organisationen eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Doch leider haben wir schnell feststellen müssen, dass die Ohren in Brüssel bei diesem Thema leider doch etwas taub sind.

Gibt es trotz des ganzen Leids so etwas wie einen Lichtblick?

Es haben sich ganz neue kooperative Solidargemeinschaften unter den ärmeren Bevölkerungsschichten gebildet. Solche Initiativen zeigen, dass dort etwas in Gang gekommen ist, was letzten Endes zu einer Gesundung im Land führen könnte. Allerdings ist das allein noch lange nicht genug.