Büşra Qadir_Nindyaa
Nindyaa-Gründerin Büşra Qadir in ihrem Wohnzimmer. Foto: Johanna Felde

In dieser Serie stellen wir Frauen und ihre Gründungsideen vor: Büşra hat ein Bettwäsche-Start-Up gegründet und erklärt, wieso Amerikaner eine besondere Laken-Kultur haben. 

Schöne Bettwäsche. Nicht zu schlicht, nicht zu kitschig. Am besten aus Bio-Baumwolle. Die haben Büşra Qadir und ihr Mann Ehsaan Qadir vor drei Jahren gesucht und nicht gefunden: „Ich habe keine Forschung betrieben, es war vielmehr eine gefühlte Marktlücke: Ich bin einfach auf sehr wenige Treffer gestoßen, die meinen Vorstellungen entsprachen“, sagt Büşra. Das Paar hatte zu dem Zeitpunkt schon einige Business-Bücher gelesen und mit dem Gedanken gespielt, neben ihren eigentlichen Jobs (sie arbeitet bei Twitter, er macht einen Master), an einem Tag pro Woche ein Online-Business aufzubauen. „Auf einmal hatten wir dann diesen persönlichen Anwendungsfall und haben uns gedacht, dass wir einfach ein bisschen daran üben und unsere eigene Bettwäsche designen könnten.“

Aus dem Wochenendprojekt wurde 1,5 Jahre später ein Online Shop mit drei Produkten: Bettlaken, Decken- und Kopfkissenbezügen. Der Markenname „Nindyaa“ stammt aus dem Urdu und bedeutet „Schlafliedchen“. Den Begriff hat ihr Mann ins Spiel gebracht, der ursprünglich aus Pakistan stammt. Dort werde die Bettwäsche auch unter fairen Produktionsbedingungen hergestellt. Die Designs hat Büşra selbst entwickelt, gezeichnet hat sie schon immer gerne. Ehsaan hat sich auf die Logistik fokussiert. „Selbst für eine Miniproduktion braucht man 10.000 bis 15.000 Euro. Wir haben uns deshalb für Crowdfunding entschieden und letztendlich 22.000 Euro bekommen“, sagt Büşra. 

„Mode finden Leute sexy, Heimtextilien eher nicht.“

Die meisten Bestellungen auf nindyaa.com kommen aus Deutschland, Großbritannien und den USA. „Obwohl wir nicht die amerikanischen Standardgrößen führen und das Land so weit entfernt ist, finden die Amerikaner unsere Laken ganz toll“, sagt Büşra. In Deutschland hat man in der Regel einfach einen Matratzenbezug und darüber eine Bettdecke. Amerikaner beziehen ihre Betten zwischen beidem noch mit einem zusätzlichen Laken. Ihr Eindruck ist, dass die Amerikaner generell ein anderes Gespür für Textilien haben und beispielsweise mehr auf die Fadendichte und Webtechniken achten: „Den meisten Deutschen scheint die Qualität nicht so wichtig zu sein. Selbst diejenigen, die Geld haben, bleiben bei ihrer Ikea-Bettwäsche.“ Ein weiterer Unterschied: „Wir Deutschen überlegen sehr lange, bevor wir etwas bestellen und wenn, dann nur wenig. Es ist interessant zu sehen, dass unsere amerikanischen Kunden gleich mehrere Bettwäsche-Sets bestellen.“

Doch die Nachfrage nach langlebigen Produkten steige. Büşra ist davon überzeugt, dass immer mehr Menschen nachhaltiger denken und konsumieren: „Es wird mittlerweile gezielt in Waren investiert, die im besten Fall ein Leben lang halten. Das sind genau die Produkte, die wir schaffen wollen.“ Ihre Bettwäsche-Linie sei erst der Anfang. In Zukunft wollen sie zusammen mit verschiedenen Künstlern weitere Produkte für ein schöneres Zuhause kreieren.

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Dieses Design ist von einem geometrischen Muster inspiriert, das auf den Säulen im Inneren des Flughafens von Lahore zu sehen ist. Foto: Johanna Felde

Wenn Büşra davon erzählt, dass sie im Wohntextilbereich gegründet hat, kommen häufig verwunderte Nachfragen: „Mode finden Leute sexy, Heimtextilien eher nicht.“ Sie lässt sich davon aber nicht beirren. Nindyaa sei nicht die einzige Marke, die vermeintlich langweilige Wohnprodukte interessanter macht. Aufmerksamkeit für ihr Start Up zu bekommen, ist jedoch nicht so einfach: „Mit einer neuen App kannst du besser Schlagzeilen machen, als mit Bettwäsche. Das ist ein Thema, das kaum in den Medien gefeatured wird“, sagt Büşra.

Anfangs habe das Paar nur an einen Online-Shop gedacht. Die Produkte könnten darüber weltweit bestellt werden und die Ladenmiete könne man sich auch sparen. Mittlerweile sehen sie das ein bisschen anders: „Pop-Up-Shop-Kollaborationen sind sehr wichtig für uns. Die Kunden haben so die Möglichkeit, unsere Produkte auch anzufassen. Dieses haptische Element fehlt online leider komplett“, sagt Büşra. Einen eigenen Laden zu eröffnen, planen sie aber nicht. Vielmehr wollen sie Gelegenheiten schaffen, ihre Produkte im echten Leben besser zu präsentieren.

„einfach einen Online-Shop aufmachen und dann trudeln die Bestellungen nur so ein, stimmt natürlich nicht.“

Die Idee der „Vier-Tage-Woche“, den zusätzlichen freien Tag dafür zu nutzen, sein eigenes Online-Business aufzubauen, fasziniert sie immer noch. Komplett umsetzen können die beiden sie aber nicht: „Wir waren am Anfang ziemlich naiv. Dass du einfach einen Online-Shop aufmachst und dann trudeln die Bestellungen nur so ein, stimmt natürlich nicht“, sagt Büşra. Wie viel Eigenmotivation man wirklich aufbringen müsse, stehe in keinem Buch geschrieben: „Nach der Crowdfunding-Kampagne waren wir total motiviert. Dann kommen die Zweifel und du merkst ‚Oh Gott, wir müssen die ganze Arbeit jetzt ja echt machen‘.“ Diese Auf und Abs seien ständige Begleiter.

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Ästhetik ist Büşra besonders wichtig. Auch die Verpackung ist selbst designt. Foto: Johanna Felde

Ihr Haupteinkommen bezieht Büşra über ihren Job bei Twitter, wo sie Kunden in der Markenkommunikation berät. „Anfangs habe ich gedacht: Ich kann Sales doch schon, das bekomme ich auch für meine eigene Marke hin.“ Im Nachhinein habe sie viel mehr Respekt davor: „Es ist schwieriger, Leute zum Kauf zu konvertieren, als man glaubt“, sagt Büşra und lacht. Manchmal werde sie auch nicht ernst genommen: „Du machst das ja nur Teilzeit, dann machst du das ja bestimmt nicht mit vollem Herzen.“

„Wenn mein Business mich nicht glücklich macht, ist das Ziel nicht erreicht.“

Eine weitere Herausforderung sei für Büşra, „einfach mal Freizeit zu haben“. Im Endeffekt gehe es nicht ums Geld. Sie wolle Spaß am Leben haben. Wenn ihr Business und ihr Job sie nicht glücklich mache, sondern sie nur überarbeitet sei, sei das Ziel nicht erreicht. Deshalb versucht sie sich immer wieder selbst daran zu erinnern, dass sie den Druck, sehr schnell mit ihrem Unternehmen zu wachsen, eigentlich nicht habe. Sie möchte vielmehr langsam wachsen und nebenbei lernen.

Zu Anfang habe sie sich selbst viel Druck gemacht. Pro Jahr wollte sie mehrere Kollektionen entwerfen, um die Marke zu etablieren. „Mittlerweile denke ich mir, dass es völlig okay ist, dass wir meine ‚alte‘ einjährige Kollektion immer noch verkaufen“, sagt Büşra. Schließlich hätten viele Leute sie ja noch gar nicht gesehen. „Wer von ihr schon genervt ist, soll wegschauen“, sagt sie und lacht: „Ich lebe ja nicht für das Business, sondern für mich.“

In der Serie Gründerinnen beleuchtet FINK.Hamburg die Hamburger Startupszene und stellt Frauen vor, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben.

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Die Stimme von Johanna Felde, Jahrgang 1993, hat schon so manches junge Paar ins Eheglück begleitet: Eine Zeitlang sang sie in einer Band, die unter anderem bei Hochzeiten auftrat. Die gebürtige Wolfsburgerin mit russlanddeutschen Wurzeln hat sich in Berlin und Schottland für Obdachlose engagiert. Neben ihrem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität in Berlin hat sie Praxiserfahrung beim ARD Text und WeltN24 gesammelt. Danach arbeitete sie bei Edition F im Bereich Native Advertising, was ihr Interesse am Verhältnis zwischen Journalismus und PR weckte. Jetzt wohnt sie zusammen mit einem Pärchen in einer 3er-WG im Schanzenviertel – und das funktioniert erstaunlich gut.

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